Das Ende der Aufklärung? Theologie und Ökonomie im 21. Jahrhundert

Ziel und Ende gesellschaftlicher Aufbrüche oder Umwälzungen sind oft identisch. Die Theologische Werkstatt fragt daher nach dem Stand von Ökonomie und Aufklärung. Begriffliche Unschärfen bis hin zu Feindlichen Übernahmen von Fachtermini sind hier häufig einkalkuliert und vorab bewusst eingepreist.

Wer sich heute mit Theologie und Ökonomie befasst, der könnte mit Giorgio Agamben einsetzen, dem italienischen Philosophen in Venedig, der immerhin eine umfangreiche „ökonomische Theologie“ verfasste. Oder mit der „Theologie der Märkte“ des wirtschaftsweisen Jochen Hörisch. Der fabulierfreudige Germanist und Medienanalyst (rauschender Vollbart, Jahrgang 1951) ist der Überzeugung, dass Glaube an Gott und Glaube an Geld nach den gleichen Mustern funktionieren. Wirtschaftsleben und Theologie scheinen in der Tat nicht weit auseinander. Dass dies für die Evangelische Theologie und zumal in Deutschland stimmt, lässt sich mit wenigen Hinweisen belegen.

Der wirtschaftende Mensch

„Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen“. Für die hebräische Bibel ist der mühselige „Broterwerb“ seit der Vertreibung aus dem Paradies ein Urdatum, eine Urgegebenheit des Menschseins. Zur Bestimmung des Menschen gehört das Anordnen und Verwalten der vorgefundenen Natur (vgl. Gen 3,19 mit Gen 2,15), das Bebauen und Bewahren, Säen und Ernten im weitesten Sinn. Er hat das Mandat dazu (Gen 9,2), er ist der Landwirt und der Ackerbauer Adam – der wirtschaftende Mensch.

Diese (anthropologische) Grundbestimmung steht nahe der altertümlichen Tradition der Ökonomie als „Hausverwaltung“, die ganz vom oikos – gr.: das Haus – her denkt. Zu Haus und Hof gehören Zuarbeiter und Hausknechte, selbstverständlich die Hausfamilie, zum Teil über mehrere Generationen, mit den jeweiligen Ehepartnern. Von der Oikoswirtschaft als „Verwaltung des Hauses“ leitet sich schließlich die Urbedeutung aller oikonomia her, die nach Giorgio Agamben im Sinne der „Verwaltung“ und der anordnenden „Führung“ als transformiertes Prinzip der Ökonomie ein verbreitetes gedankliches Motiv in Theologie und Politik bereits kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung wird.

Später wird die klassische Wirtschaftslehre dann vom homo oeconomicus sprechen: Das Individuum, das nach rationalen Gesichtspunkten seine ökonomischen Handlungen organisiert, wird gleichsam der Dreh- und Angelpunkt der volkswirtschaftlichen Modelle. Doch schon in der Reformation finden die Wirtschaftstheorien einen gewichtigen Vorläufer. Nicht zufällig bezeichnet Karl Marx rückblickend Martin Luther als den ersten Nationalökonom.

Wirtschaftslehre und Theologie

„Hmmh, was gehen mich die großkopfeten Betriebs- oder Volkswirtschaftslehren an?“, möchte man einwerfen. Die Ökonomie ist viel zu wichtig, als dass man sie den Fachleuten überlassen darf, sagt Jochen Hörisch. Mit rasselnden Sätzen skizziert er die aktuelle Wirtschaft als überkomplex und kaum mehr zu durchschauen. Die Sachwalter der Wirtschaftslehren indes hielten starr an alten Systemtheorien fest, die sich längst als prekär falsch erwiesen hätten. Hörisch unterstellt den Ökonomen blinde Theoriengläubigkeit. Volkswirtschaftslehre sei jedoch unwissenschaftliche Alchemie (also die Behauptung, Gold zaubern zu können), der man keine unhinterfragte Autorität zukommen lassen solle (J. Hörisch: Man muss dran glauben. Die Theologie der Märkte, Wilhelm Fink Verlag, München 2013). Hörisch fordert – mit gewisser Heiterkeit – eine „ökonomische Aufklärung“.

Ökonomie als Funktion der Gesellschaft

Die Wirtschaftswissenschaft im engeren Verständnis ist selbst ein Kind der Aufklärungsepoche. In Leipzig etwa wurde ein erster Lehrstuhl für „Oeconomic und Cameralwissenschaften“ 1764 eingerichtet; Ökonomie ist, soviel darf man sagen, im Vergleich zu altehrwürdigen Disziplinen wie Medizin oder Juristerei mit ihren 250 Jahren bisher noch eine „Episodenwissenschaft“.

Vor dem eingangs beschriebenen Szenario ist wenig überraschend, dass Ökonomie alsbald und über weite Strecken als übergreifende Gesellschaftstheorie betrieben wurde. Dafür steht nicht zuletzt der Name Max Weber, der mit seiner – durchaus umstrittenen – These eines Zusammenhangs zwischen der Entstehung des Kapitalismus und protestantischem Wesen (insbesondere für den Calvinismus) manchen, sagen wir, Wirbel verursacht hat.

Wirtschaft und Gesellschaft, soviel steht freilich fest, beeinflussen sich wechselseitig auf vielfach verschlungene Weise. Gerade der große Systemstreit (falls sich jemand erinnert) zwischen planwirtschaftlichem Sozialismus und Kapitalismus mit freiem Marktgeschehen im 20. Jahrhundert zeigt, wie grundlegend Wirtschaftsformen Gesellschaften bestimmen. Auch heute wird die Frage diskutiert: Hat die Wirtschaft den Primat vor der politischen Gestaltung der Gesellschaft? Ist es umgekehrt? Hier könnte Hörischs Forderung nach einer Aufklärung althergebrachter Wirtschaftslehren helfen. Denn Wechselwirkungen ergeben sich so oder so: Ökonomie erweist sich in beiden Fällen als zentrale Funktion der Gesellschaft.

Ökonomische Aufklärung

Was nun wäre Aufklärung? Es war ja durchaus ein breites Spektrum, das sich hinter der Fahne der aufklärerischen Bewegungen versammelte und manchmal noch versammelt. Eines der großen Ziele war, die Basis der Gesellschaft in neuer Weise grundzulegen. Es ging um wissenschaftliche Erkenntnis, um freien Zugang zu allem Wissen. Was richtig ist, sollte sich in nachprüfbarer Weise, im Diskurs der Öffentlichkeit beweisen. (Mancher Zeitgenosse sieht heute diese Öffentlichkeit realisiert im Internet und seinen digitalen Geschwistern.)

Doch die Aufklärung brachte nicht nur Wissen und Mitbestimmung, sondern auch den Terror Robespierres, der wahllos Köpfe rollen ließ. Und sie brachte Adam Smith. Mit seiner Schrift vom „Wohlstand der Nationen“ (1776) begründet er die liberale Zentraldoktrin vom egoistischen Gewinnstreben, das unmerklich dem Gemeinwohl diene. Er führt zugleich – laut Hörisch (vgl. dort S. 42-46) – die offene Sympathie für den Teufel ein (sympathy for the devil). Schon Bernard Mandeville hatte mit seiner berühmten Bienenfabel 1714 darauf zugearbeitet. Hinfort sollte das Prinzip der „produktiven Zerstörung“ gelten, das persönliche Laster steht über gemeinschaftsförderlicher Moral.

Reformatorische Aufklärung

Nun also welche Aufklärung? Das erläutert Hörisch nicht. Und so sehr man ihm zugutehalten kann, mit der Analyse vieler Wirtschaftstheorien als purer Glaubensdogmen einen Nerv zu treffen, so sehr lässt er ein genuines Verständnis theologischer Sachverhalte trotz viel begrifflicher correctness in seinem Buch über weite Strecken vermissen. Die neuzeitliche „Sympathie für den Teufel“ will er gar beim Apostel Paulus entdecken, wenn dieser fragt: „Lasset uns übel tun, auf dass Gutes daraus komme?“ (Röm 3,8) Und verschweigt (geflissentlich?) die strikte, einen Satz später folgende Zurückweisung, wo es heißt (hier kurz paraphrasiert): „Mitnichten!“. Sogar die reformatorische Lehre des simul iustus et peccator (gerecht und ungerecht zugleich) vermeint er der Erlaubnis zum vorsätzlichen Übeltun zurechnen zu können. Welch krasses Missverständnis… (Vgl. Luther, Von den guten Werken, 1520, die erste protestantische Ethik, ganz entlang der zehn Gebote orientiert.) Hier ist Hörisch reformatorisch aufzuklären.

Und noch ein großes Manko sei an dieser Stelle vermerkt. Zwar streift der eloquente Kritiker die Monstrositäten der Finanzökonomie. Doch von der disruptiv voranpreschenden Digitalwirtschaft – kein Wort. Dabei ist es gerade die Digitale Revolution, die derzeit die harte Realwirtschaft und die frei flottierende Finanzwelt bis ins Innerste umwälzt.

Reformation und Social-Ökonomie

Dass man die Wittenberger Reformation kaum für zerstörerischen Turbokapitalismus in Anspruch nehmen kann, lässt sich leicht an historischen Fakten abklären. Man muss gar nicht erst bis zu Luthers konstruktiv-differenzierter Kritik am entstehenden Frühkapitalismus greifen (Schriften gegen den Wucher, zum Gesamtkomplex vgl. Ulrich Duchrow). Die Wechselwirkung zwischen ökonomischer Entwicklung und theologischer Einsicht wird bereits ersichtlich an so ›schlichten‹ Folgen wie der Entleerung der Klöster – mitsamt deren seinerzeit nicht unbeträchtlichen wirtschaftlichen Bedeutung. An die Stelle der weltabgewandten Mönchsethik trat (aber nicht der moralfreie Kapitalist, sondern) das kaum zu überschätzende lutherische „weltliche“ Berufsethos, inklusive ›Sozialverantwortung‹. Deren theologische Unterfütterung wiederum ist (u.a.) in der allbekannten Drei-Status-Lehre aufzufinden.

Status oeconomicus

Mit seiner Status-Lehre beschreibt Luther die drei Grunddimensionen menschlichen Seins, in denen sich jeder stetig wiederfindet. Es ist gewissermaßen seine theologische Anthropologie, die nicht nur über den Menschen in Kirche und Politik (vgl. status ecclesiasticus, status politicus) handelt, sondern ausdrücklich vom Menschen in seiner ökonomischen Dimension (status oeconomicus). Die zugegebenermaßen in der Wirkungsgeschichte dann doch nicht ganz so bekannte oder wirkmächtige Status-Lehre hat für Luther selbst allerhöchsten Stellenwert. Genau wie in der altertümlichen Oikoswirtschaft wird in Luthers status oeconomicus der Mensch in seinem familiablen Leben (Mutter, Vater, eigene Ehe, eigene Kinder), und seinen weiteren sozialen und ›ökonomischen Welthändeln‹ erfasst. Auch für Luther steht der Mensch mit seiner Arbeit mitten in der Welt und soll dort wirksam sein.

Wie sich das lutherische Berufsethos nicht durch einen Generalerlass „von oben“ durchsetzte, sondern langfristig „von unten“ in und über Einzelne, so verbreiteten und vererbten sich etliche der ökonomischen Grundimpulse in der Breite der Reformation. Das gilt erst recht über geographische und zeitliche Grenzen hinweg: Oftmals wurden wesentliche Impulse vermittelt über solche Einzelpersonen, die etwa in Städten Einfluss nahmen. Johannes Bugenhagen brachte 1526 bis 1529 in die nicht unbedeutende Handelsstadt Hamburg die Einrichtung des „Gemeinen Kastens“ – und führte somit ein wesentliches Element institutionalisierter Sozialfürsorge ein.

Luther und die Idee des Sozialstaats

Falls jemand die Reformation feiern wollte, gäbe schon allein der Bereich der Sozialökonomie nicht wenige Anhaltspunkte her.

1.) Wie gerade beschrieben, ist es gar nicht übertrieben, Luther die (Vor-)Erfindung des Sozialstaats zuzuschreiben. (Zu Bugenhagen vgl. die einschlägige Studie von Tim Lorentzen, 2008.) Mit der Begründung des Gemeinen Kastens – Einführung in Wittenberg schon im Januar 1522 – wurde quasi das erste Sozialamt eingerichtet. Und ein leuchtendes Vorbild gesetzt, das rasch Nachahmer fand. So z.B. in Stralsund, Lindau, Königsberg, unter Vermittlung Bugenhagens in Territorien wie dem Herzogtum Pommern, dem Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel oder in Skandinavien (Dänemark-Norwegen). Die Erwähnung etwa von Königsberg und der nördlichen Gefilde ist wichtig, weil, ohne hier einen direkten Zusammenhang konstruieren zu wollen, später auf evangelisch-preußischem Boden im Deutschen Reich – aus welchen Gründen auch immer – unter Bismarck die Einführung der ersten Sozialversicherung stattfand (eigentliche Geburtsstunde des „Sozialstaats“).

2.) Auch die Verheiratung der Geistlichen in der Reformation war, man nenne es so nüchtern, ein socioökonomisches Fundamentaldatum, mit weitreichenden Folgen.

3.) Drittens seien exemplarisch nur zwei scheinbare Nebenkrater von vielen weiteren genannt: Denn auch die Gewinnung der Volkssprache in der Reformation ist in ihrer ökonomischen Bedeutung zu erfassen. Die Elitesprache Latein wird auf breiter Front zurückgedrängt. Dass nun Flugschriften auf Deutsch zu lesen sind, war eben auch ein förderndes Moment im expandierenden Buchgewerbe. Das Gebäude, in dem, statt auf Latein, der erste volkssprachliche Messgottesdienst stattfand, befindet sich – in Wittenberg… Und zuletzt: An wem liegt es, dass zu Weihnachten (volkswirtschaftlich die umsatzstärkste Zeit des Jahres) das Christkind die Geschenke bringt? Das geht directement auf das Luthertum zurück.

Überhaupt „Reformation und Wirtschaft“: Stand nicht schon der banale (Luther später: eigentlich eine „ganz geringe Sache“) äußere Anlass für die Reformation in einem monetär-fiskalischem Zusammenhang, nämlich in der Verknüpfung von Geldhandel und Seelenheil (Ablassverkauf/Fugger)…?!

Evangelische Begründung der Sozialen Marktwirtschaft

Ein Sprung in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Wie könnte ein Mittelweg aussehen zwischen zentralgeleiteter Diktatwirtschaft und einem kalten, sich selbst überlassenen Kapitalismus? Wie ein Ausgleich zwischen freiem Markt und sozialer Gerechtigkeit? Strenge Denker wie Alfred Müller-Armack und Mitstreiter des „Freiburger Kreises“, z.B. Walter Eucken, begründen eine Wirtschaftsordnung eigenen Typs. Schon vor Kriegsende hatte die „Freiburger Denkschrift“ eines evangelischen Arbeitskreises für die Bekennende Kirche (Mitarbeit Otto Dibelius, Helmut Thielicke, der „Freiburger Bonhoeffer Kreis“) eine über 100-seitige Vorlage erarbeitet, wie eine Wirtschaftsordnung nach dem Krieg aussehen könnte. Auch aufgrund dieser Vorarbeiten wird schließlich die Soziale Marktwirtschaft das Licht der Welt erblicken, ein echtes Export- und Erfolgsmodell, das Deutschland eine fulminante socioökonomische Entwicklung garantierte. Letztlich eine späte – und vielleicht nicht die geringste – Frucht protestantisch-lutherischen Geistes, vermittelt über Einzelpersonen wie Müller-Armack, der an der Seite Ludwig Erhards dann für deren politische Umsetzung sorgt.

Abklärung statt Aufklärung

Mantra-artig wird die Soziale Marktwirtschaft bis heute als Leitvorstellung bundesdeutscher Politik ausgegeben. Doch was wohl eine Relecture von Walter Euckens Grundsätzen der Wirtschaftspolitik (1952) mit deren Betonung der Vielfalt der Akteure (Wettbewerb statt Monopolbildung), Ordnung offener Märkte oder Haftung (vgl. bei Eucken: Die Politik der Wettbewerbsordnung – Die konstituierenden Prinzipien) im Clash mit der neuen Internetökonomie wirklich bedeuten würde? Da wäre noch viel abzuklären. Ob die Digitale Ökonomie des 21. Jahrhunderts Ziel und Ende der neuzeitlichen Aufklärung sein wird (und eigentlich welcher), scheint vorerst gänzlich offen. Anliegen theologischer Aufklärung müsste sein, zu klären, wo die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts wirklich positiven Vorgaben entspricht. Genaugenommen wäre derzeit Abklärung statt Aufklärung ein Ziel.

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