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	<title>evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014 &#8211; evangelische aspekte</title>
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		<title>Theologisches Stichwort: Barmherzigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Sigrun Welke-Holtmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:40:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Barmherzigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
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					<description><![CDATA[Was oder wen fanden Sie zuletzt barmherzig? Wann haben Sie zuletzt dieses Wort verwendet? Es scheint aus unserem alltäglichen Wortgebrauch verschwunden zu sein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Was oder wen fanden Sie zuletzt barmherzig? Wann haben Sie zuletzt dieses Wort verwendet? Es scheint aus unserem alltäglichen Wortgebrauch verschwunden zu sein.</p></blockquote></div>
<p>Wenn man in die Google-Internetsuchmaschine „barmherzig“ eingibt, so vervollständigt sie zuerst zu „barmherzige Brüder“, ein Orden, der auf Johannes von Gott (1495–1550) zurückgeht und seinen Schwerpunkt im Krankenhausbereich hat. Barmherzigkeit – die Sache einiger Weniger?</p>
<p>Wir erwarten kaum noch Barmherzigkeit und sind selten zu echter bereit, denn Barmherzigkeit ist mehr, als eine Spendenüberweisung auszufüllen. Lediglich in der Liturgiesprache des Sonntags ist das Wort noch vorhanden: „Barmherziger Gott“, so beginnen manche Gebete, doch was trauen wir Gottes Barmherzigkeit zu und was soll Barmherzigkeit im Hinblick auf Gott überhaupt sein? Als Ersatz zu „lieber Gott“ taugt diese Wendung nicht, denn dann wird die Tiefe dieses Begriffes unterschätzt und auch unterschlagen.</p>
<p>Barmherzigkeit kommt aus der Tiefe, ja gerade aus der Tiefe Gottes. Betrachtet man die Verwendung des Begriffes im biblischen Kontext, so fällt auf, dass Barmherzigkeit im Alten Testament mit der hebräischen Wurzel <em>rḥm</em> als Adjektiv bis auf Ps 112,4 nur für Gott gebraucht wird. Gottes mütterliche Seite, so könnte man es nennen, da das Adjektiv mit dem Nomen „Mutterschoß“, „Gebärmutter“ verwandt ist. Barmherzig kommt von innen und wird gleichsam zur Selbstvorstellung Gottes, zum Ausdruck, mit dem Gott sich selbst vorstellt, sich offenbart. Nach der Namensoffenbarung in Ex 3,14 wird der Gottesname in Ex 33,19 und 34,6-7 weiter ausgeführt: JHWH – barmherzig und gnädig. Dabei ist barmherzig/ Barmherzigkeit die absolute Hinwendung Gottes, helfend und liebend, zu den in Not und vor allem in Schuld Geratenen: Ich bin da!</p>
<p>Immer wieder wird Barmherzigkeit als das beschrieben, was das Volk Israel in seiner Geschichte als die Liebe Gottes erfährt: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim, und dich ausliefern, Israel? Wie kann ich dich preisgeben gleich Adma und dich zurichten wie Zebojim? Mein Herz ist anderen Sinnes, alle meine Barmherzigkeit ist entbrannt. Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen zu verheeren.“ (Hos 11,8-9)</p>
<p>Auch im Neuen Testament ist die Begrifflichkeit der Barmherzigkeit (auch noch mit den Wörtern Mitgefühl und Mitleid ausgedrückt) mit Gott untrennbar verknüpft, wobei Gottes Barmherzigkeit die Voraussetzung menschlichen Seins und Handelns ist (Röm 12,1). Sie geht allem voraus und wird z.B. in den Wundergeschichten anschaulich gemacht. Gottes Barmherzigkeit ist dabei Vorbild für die menschliche Barmherzigkeit und Hinwendung zum Nächsten, Vorbild auch für den extremsten Fall, die Feindesliebe, die die „Kinder des Allerhöchsten“ auszeichnet. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36).</p>
<p>Barmherzigkeit als leidenschaftliche und bedingungslos liebende Hinwendung ist eine elementare Erfahrung, die wir Menschen – nicht nur wenige Brüder, sondern alle – immer wieder machen dürfen, auf die wir nicht verzichten können. Grund genug, das Wort nicht aus unserem Wortschatz zu streichen, sondern neu zu entdecken.</p>
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		<title>Es ist der Krieg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:38:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Gottesfrage]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegsenkel]]></category>
		<category><![CDATA[Kriegskinder]]></category>
		<category><![CDATA[Nachkriegszeit]]></category>
		<category><![CDATA[Traumata]]></category>
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					<description><![CDATA[Was haben die beiden Weltkriege, das Jahr 2014 und die Theologie miteinander zu tun? Viel. Drei Buchtitel legen eine Spur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignright wp-image-2197 size-full" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Ennulat_Kriegskinder.jpg" alt="" width="253" height="420" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Ennulat_Kriegskinder.jpg 253w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Ennulat_Kriegskinder-181x300.jpg 181w" sizes="(max-width: 253px) 100vw, 253px" /><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Was haben die beiden Weltkriege, das Jahr 2014 und die Theologie miteinander zu tun? Viel. Drei Buchtitel legen eine Spur.</p></blockquote></div></p>
<ul>
<li><em>Gertrud Ennulat: <strong>Kriegskinder. Wie die Wunden der Vergangenheit heilen</strong>, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart ²2008, 207 Seiten </em></li>
<li><em>Anne-Ev Ustorf: <strong>Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs</strong>, Verlag Herder, Freiburg <sup>5</sup>2010, 189 Seiten </em></li>
<li><em>Bettina Alberti: <strong>Seelische Trümmer. Geboren in den 50er- und 60er-Jahren. Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas</strong>. Verlag Kösel, <sup>6</sup>2010, 207 Seiten </em></li>
</ul>
<p>„Als die Kellertür aufgeht und wir ins Freie treten, stolpern wir nach wenigen Metern über die durch Phosphor verschrumpelten Nachbarn. – Nichts Neues. Vorgestern lagen fast an derselben Stelle die beiden besten Klassenfreunde. Die Begegnung mit dem Tod, ja das war für uns damals Alltag.“</p>
<p>So oder so ähnlich klingen Kriegserzählungen. Ungeschönt und radikal: Mit dem Erinnerungsjahr 2014 an den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gelangen grausame Details an die Öffentlichkeit. War es wirklich so? Ja, diese Geschichte gibt es wirklich. Mehr als hunderttausendfach. Es ist die Geschichte der Kriegskinder.</p>
<h2>Weite Wege der Erinnerung – Trümmerarbeit</h2>
<p>Kriegskinder. Was haben sie erlebt? Erst allmählich lüftet sich der Schleier. Denn über Jahre und Jahrzehnte war die Erinnerung verpönt. Weite Wege sind zurückzulegen. Trümmerwege. In den ersten Jahren nach dem Krieg ging es um das Wegräumen der Trümmer der zerstörten Häuser, wir heute „sind mit dem Aufräumen der seelischen Trümmer beschäftigt“, sagt eine Frau. Das Zitat findet sich bei Bettina Alberti, deren Buch es zugleich den Titel gab.</p>
<p>Beginnen wir also im Zweiten Weltkrieg. In den letzten Kriegsjahren bekommt die deutsche Bevölkerung die ganze Härte des totalen Kriegs zu spüren. Bomben auf die Städte. Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten. Auch die Kinder leiden. Ein Entrinnen gibt es nicht.</p>
<h2>Das Kriegskind meldet sich</h2>
<p>Als eine der ersten hat Sabine Bode auf diese Kriegsschicksale aufmerksam gemacht. Angestoßen wird die Debatte 2004 durch ihr Buch <em>Die vergessene Generation – die Kriegskinder brechen ihr Schweigen</em>. Im Jahr 2009 folgt ihr Buch über die <em>Kriegsenkel</em> – <em>die Erben der vergessenen Generation</em>.</p>
<p>Wie sehr die Kriegsgeschehnisse die gesamte Bundesrepublik, nicht zuletzt in ihren führenden Persönlichkeiten, geprägt haben, lässt zudem der Interviewband zur <em>German Angst</em> von 2006 erahnen. Hier stellen sich Personen des öffentlichen Lebens wie Hans Koschnick, Hilmar Kopper, Peer Steinbrück, Norbert Blüm oder Jürgen Schmude dem nachfragenden Gespräch.</p>
<p>Ein Ergebnis der Arbeiten Sabine Bodes: Von den obersten Repräsentanten (vgl. die von Helmut Kohl geteilte Leitparole „Nie wieder Krieg“) bis zu den einfachen Familien – bei allen zieht sich die Spur der Kriegsschrecken durch den gesamten Lebenslauf. Es ist unschwer zu erkennen, dass der erlebte Krieg enorme Auswirkungen auf die Einstellung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen hat, bis heute. (Das gilt auch und erst recht für jede Pazifismus-Debatte.)</p>
<h2>Eine Kollektiv-Fahndung beginnt</h2>
<p>Was auf die Arbeiten Sabine Bodes folgt, ist eine erste Publikationsflut. Es werden Kongresse abgehalten, Dokumentationen und Filme gedreht. Das Medienecho ist nicht klein. In vielen Städten entstehen seitdem Kriegskinder- und Kriegsenkelgruppen, in denen sich Zeitgenossen austauschen. Auch die Frauentagung der Evang. Akademikerschaft hat sich 2013 dem Thema „Kindheit im 2. Weltkrieg und ihre Folgen“ zugewandt.</p>
<p>Aus der Fülle der Publikationen werden im Folgenden drei Bücher von Gertrud Ennulat, Anne-Ev Ustorf und Bettina Alberti vorgestellt. Dabei zeigt sich, wie weit die „Kollektiv-Fahndung“ der Deutschen gediehen ist – und inwieweit noch nicht. In einem Schlussabschnitt wird schließlich gefragt, was dies mit der Theologie im 20. Jahrhundert, dem <em>Ersten</em> Weltkrieg und ganz nebenbei mit unserer Situation im Jahr 2014 zu tun hat.</p>
<h2>Die Last des Krieges kommt ans Licht</h2>
<p>Schon auf den ersten Seiten bringt Gertrud Ennulat in ihrem Buch <em>Kriegskinder </em>eine klare Kurzbeschreibung dessen, was die besondere Situation der Kriegskindheit ausmacht. Ob Flucht, Vertreibung oder Bombardierung – Ausgangspunkt ist ein kaum in Worte fassbares Übermaß an Schrecken: „Todesängste, Verlassenheitsängste, die Angst, vernichtet zu werden, das grässliche Gefühl totaler Ohnmacht und vollständigen Kontrollverlustes“ (S. 15). Dies alles trifft die zwischen 1930 und 1945 Geborenen zu einem Zeitpunkt, in der die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit erst beginnt.</p>
<p>Was schon Erwachsene in die Knie zwingt, was löst das erst bei Kindern aus? Für manche währt die dauernde Bedrohung vier Jahre, fünf Jahre oder länger. Selbst nach dem Krieg gibt es kaum Luft, dem angestauten Innern einen Raum zu geben. Nach dem Krieg stand vielmehr an: Die volle Konfrontation mit der Shoa, etwa über Dokumentarfilme. „Schulen mussten geschlossen daran teilnehmen, um zu sehen, was ein KZ ist und welche Gräuel dort Tag für Tag verübt worden waren“ (S. 23) .</p>
<h2>Schrecken, verzehrte Wut und Scham</h2>
<p>So hatten die Kriegskinder mit einer Schuld zu leben, für die sie Schuld nicht haben konnten. Dazu trat die Scham. Und gleichzeitig der Zusammenbruch all dessen, worauf sich die Heranwachsenden irgendwie hätten beziehen können: die großsprecherisch verkündete Vision eines tausendjährigen Reichs, die ein junges Gemüt sicher beeindruckt haben konnte, die elterliche Autorität, die leiblich-materielle Basis.</p>
<p>Soweit der Ton der nüchtern beschreibenden Analyse, die bei Ennulat jedoch nicht die Hauptrolle einnimmt. Ein Vorzug ihrer Darstellung liegt darin, dass sie die detaillierte Gliederung verbindet mit einer für Nuancen aufmerksamen Sprache. Ennulat gehört zur Generation der Kriegskinder. In ihrem Buch spürt sie dem nach, wie sich das Kriegskind in ihr meldet und wie sie es ins Heute integriert. Trotz des behutsamen Schreibstils geht auch dem Leser das Geschilderte gehörig unter die Haut.</p>
<h2>Ein Trauma, das bis heute wirkt</h2>
<p>Vielleicht etwas einfacher zum Einstieg ist eine Lektüre von Anne-Ev Ustorfs <em>Wir Kinder der Kriegskinder. </em>Das Buch besteht in seinem Hauptteil aus zusammengefassten Lebensberichten von Angehörigen der „dritten Generation“, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden. Einfacher zu lesen deshalb, weil hier die „sekundären“ Folgen in den Blick kommen. Einfacher, weil so die ganze Kriegsproblematik mehr aus der Distanz auftaucht. Die Kinder der Kriegskinder reflektieren darauf, wie die vererbten Kriegserfahrungen ihr eigenes Leben beeinflusst haben – und heute noch beeinflussen.</p>
<p>Mit reichlich Energie kehren dabei sämtliche Ursprungskonflikte aus dem Krieg aufs Neue wieder. <em>Verlorene Heimat – sich nirgendwo zuhause fühlen, kein Platz für Gefühle, Schuld und Täterschaft </em>lauten die Stichworte. Auch diese Generation kämpft noch mit den einst geschlagenen Wunden. „Transgenerationale Weitergabe von Traumata“ heißt das im Fachjargon.</p>
<h2>Die Weitergabe von Gewalterfahrungen</h2>
<p>Laut einer Schätzung des britischen Historikers Anthony Beevor unter Einsicht von Krankenhausakten und Archiven wurden 1,4 Millionen Mädchen und Frauen während Flucht und Vertreibung vergewaltigt. In Berlin waren es 1945 allein in den Monaten April bis Juni 100.000 – „über 40 Prozent der Betroffenen […] mehrfach“ (S. 107). Auch Jungen waren von den Übergriffen betroffen. „Historiker gehen heute von insgesamt zwei Millionen deutschen Vergewaltigungsopfern aus“ (S.108), Dunkelziffer unbekannt.</p>
<p>Auch dies musste sich auf die Folgejahre niederschlagen. Zumal die zurückkehrenden Soldaten ihre eigenen Geschichten mit sexueller Gewalt mitbrachten. „Die Forschung geht heute von ungefähr zehn Millionen Vergewaltigungen durch deutsche Männer allein auf russischem Boden aus“ (S. 109). Es ist damit zu rechnen, dass auch diese Tatsachen sich auf die gesellschaftliche Entwicklung in den 50er, 60er und 70er Jahren ausgewirkt haben.</p>
<h2>Kriegskinder und Kriegsenkel treffen sich</h2>
<p>Die schockierende Wahrheit über die Geschichte der Kriegskinder – bei Anne-Ev Ustorf kommt sie also in den Berichten der dritten Generation zu Wort. Auch Ustorf schreibt als 1974 Geborene aus eigener Betroffenheit. Wie bei Gertrud Ennulat tritt eindringlich vor Augen, wie intensiv die „unterschwellige Fortdauer des Krieges“ ist. An der deutschen Bevölkerung machen allein die alten Kriegskinder heute circa 15 Millionen aus.</p>
<h2>Zur Gefühlskälte erzogen</h2>
<p>Nur noch kurz angesprochen zu werden braucht nun Bettina Alberti (<em>Seelische Trümmer</em>), die beide vorgenannten Bücher insofern bündelt und vereint, als hier ausführlich sowohl die Perspektive der Generation der 50er/60er Jahre als auch die Situation der Kriegskinder zur Sprache kommt.</p>
<p>Gut die Hälfte widmet Alberti dem Thema der Erziehung. Die Kriegskinder waren dem rabiaten NS-Erziehungsideal ausgeliefert und trugen viel davon anschließend den eigenen Kindern auf: Angst als Kontrollmittel, emotionslos Funktionieren als Ziel. Auch das ein Weg, über den sich die bedrückende Enge des Krieges fortpflanzte.</p>
<h2>Eingekapseltes Leiden und Verbitterung</h2>
<p>Eine Auseinandersetzung mit dem Erlittenen blieb den Kriegskindern nachhaltig verwehrt. Der materielle Kampf ums Überleben, die politische Nachkriegssituation verboten das. So überdauerte das Erfahrene „eingekapselt“ unter der Oberfläche die Jahrzehnte.</p>
<p>Bislang noch gar nicht erwähnt ist die Problematik der zurückkehrenden Soldatenväter in zerrissene Familien, Mutter- oder Vaterlosigkeit, Evakuierung und Kinderlandverschickung, Mangelernährung während des Krieges… Zu jedem Unglück scheint immer noch ein weiteres hinzuzukommen.</p>
<p>Auch direkt nach Kriegsende kamen für die meisten harte Mangel-, Hungerjahre. „Aber es sollte nicht vergessen werden, dass es auch Gutes gab. Ab und zu war es ‚nur‘ ein Cousin und nicht das kleine Geschwisterchen, das den folgenden Diphterie-Wintern zum Opfer fiel“, mag sich manches Kriegskind gesagt haben. Wie sollte keine grundsätzliche Verbitterung eintreten bei dieser Generation?</p>
<h2>Die Unmöglichkeit zu trauern</h2>
<p>Über die Schrecknisse wurde auch zwischen den Generationen kaum gesprochen. Etwas wie Trauerverarbeitung fand nicht statt. Man gehörte zur Verliererseite und konnte, durfte, wollte auch nicht trauern. Alexander und Margarete Mitscherlich haben 1967 dieses Phänomen mit „Unfähigkeit zu trauern“ auf einen eingängigen Begriff gebracht. Wer weiß, wie 7- oder 12-Jährige heutzutage für einen Fußballverein schwärmen oder anderen Vorbildern anhängen, mag erahnen, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen zu akzeptieren ist: Das sind Verbrecher.</p>
<p>„Noch heute tobt ein Krieg im Innern“ sagen Angehörige der Jahrgänge 1933–1945. „Ich trage einen Schmerz, der meiner ist und doch nicht meiner“, sagt eine 1959 Geborene (S. 22). <em>Frieden mit der familiären Vergangenheit, Frieden mit sich selbst, </em>formuliert eines der Schlusskapitel in Albertis Buch als Wunsch. Es liefert einige Hinweise, wie das gelingen kann.</p>
<h2>Die Kriegskinder des Ersten Weltkriegs</h2>
<p>Dass die schreckliche Dynamik des Zweiten Weltkriegs vieles an Wucht aus dem Ersten bezieht, wurde schon häufig untersucht. Ustorf weist beinahe beiläufig darauf hin, dass es auch im Ersten Weltkrieg Kriegskinder gab (S. 14). Vor allem gab es unzählige Kinder, deren Väter nicht zurückkamen. Oder falls sie kamen, oft abgründig verstört.</p>
<p>Wenn immer wieder die Frage gestellt wird, wie es zu den Abscheulichkeiten des Dritten Reichs kommen konnte, dürfte auch dieser Umstand in den Blick zu nehmen sein. Von der Kriegskinderforschung, die noch ganz am Anfang steht, sind noch viele Ergebnisse zu erwarten.</p>
<h2>Und die Theologie?</h2>
<p>Die Buchbesprechung könnte und sollte vielleicht an dieser Stelle abbrechen. Legten da nicht die Bücher so aufschlussreiche Spuren in die Theologie. Ob auch für die Theologen-Generationen der Satz gilt, dass der Erste und der Zweite Weltkrieg das Gottesbild bis heute nachwirkend vergiftet haben? Für viele Nicht-Theologen scheint es zu stimmen.</p>
<h2>Die Theologie der Krise nach dem Ersten Weltkrieg</h2>
<p>Nach 1918 lag auch in der Theologie kein Stein mehr auf dem anderen. Für die Anfänge der sog. „dialektischen Theologie“ ist die Auseinandersetzung mit dem Krieg eines der tragenden Momente: Können wir einfach so weiter wie bisher auf der Kanzel reden? Die Antwort lautete: „Nein“.</p>
<p>Zur theologischen Neuorientierung führte der Krieg von 1914–1918 etwa bei Karl Barth: „Der Ausbruch des 1. Weltkriegs bedeutete für mich konkret ein […] Irrewerden […] an der Lehre meiner sämtlichen theologischen Meister in Deutschland, die mir durch das, was ich als ihr Versagen gegenüber der Kriegsideologie empfand, rettungslos kompromittiert erschien“ (vgl. das aspekte Heft 3/2014 mit dem Themen-Schwerpunkt Barth).</p>
<h2>Theologie nach der Katastrophe</h2>
<p>Wenn der Erste Weltkrieg zu solchen Irritationen führte, ist es ein Wunder, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das Verstummen der Theologie noch weiter fortschreitet? Die <em>Theologie der Krise</em> nach 1918 räsoniert noch darüber, dass man Gottes Wort kaum sagen könne. Die <em>Theologie nach der Katastrophe</em> von 1933–1945 wird in vielen Bereichen zu einer Gott-ist-tot-Theologie. Nicht mehr die angemessene <em>Rede</em> von Gott, sondern Gott selbst wird fraglich.</p>
<p>So behauptet auch das Schlussdokument einer internationalen Kirchenkonferenz in Helsinki 1963: „Der Mensch von heute fragt radikaler, elementarer, er fragt nach Gott schlechthin: […] unter dem Eindruck von Gottes Abwesenheit […], ob Gott wirklich ist.“ Auch Martin Bubers Schlagwort von der allgemeinen Gottesfinsternis weist in diese Richtung.</p>
<h2>„Ist ein Gott? Wo bist du Gott?“</h2>
<p>Wem die Schrecknisse der Kriegsgeneration vor Augen sind, den wird das weniger verwundern. Eine Generation, die kaum Gutes erfahren hat, wie sollte sie leichthin vom Geschenk des Lebens und von dessen Stifter sprechen? „Die Eltern haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“ Mehr als einmal begegnet dieses Bibelzitat in der Kriegskinder-Literatur.</p>
<p>Schon in der Reformationszeit wurden Mutmaßungen darüber angestellt, dass „Gut“ und „Gott“ dieselbe sprachliche Herkunft haben (wenngleich es etymologisch eher unwahrscheinlich ist). Es gilt der alte Kernsatz: Erst wenn das Gute – theologisch gesprochen: das Evangelium<em> –</em> erkennbar ist, kann die Rede von Gott und Gottes Existenz in rechter Weise Wurzeln fassen.</p>
<h2>Fazit</h2>
<p>Die Bücher zur Kriegskinder-Thematik scheinen eine Spur zu legen: Was die Koordinaten auch für die Theologie zu Anfang des 21. Jahrhunderts bestimmt? Es ist der Krieg. Noch immer.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Auf dem Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Karen Hinrichs]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:37:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Baden]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechter Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
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					<description><![CDATA[„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ lautet der Titel eines Diskussionspapiers, das die Synode der Evangelischen Landeskirche in Baden als Ergebnis eines zweijährigen Konsultationsprozesses 2013 verabschiedet hat. „Krieg scheidet als Mittel der Politik aus und darf nach Gottes willen nicht sein!“, wird darin bekräftigt. „In der Konsequenz bedeutet dies, auf militärische Einsätze zu verzichten.“]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ lautet der Titel eines Diskussionspapiers, das die Synode der Evangelischen Landeskirche in Baden als Ergebnis eines zweijährigen Konsultationsprozesses 2013 verabschiedet hat. „Krieg scheidet als Mittel der Politik aus und darf nach Gottes willen nicht sein!“, wird darin bekräftigt. „In der Konsequenz bedeutet dies, auf militärische Einsätze zu verzichten.“</p></blockquote></div>
<p>Einem Anstoß von der Basis ist es zu verdanken, dass in der Evangelischen Landeskirche in Baden wieder eine lebendige Diskussion zur Friedensethik stattfindet, nachdem man sich viele Jahre mit anderen Themen befasst hatte. Eine kleine Arbeitsgruppe des bei Freiburg liegenden Kirchenbezirkes Breisgau-Hochschwarzwald hatte sich 2011 mit einer Eingabe an die Landessynode gewendet. Die Gruppe kritisierte inhaltlich die Friedensdenkschrift der EKD von 2007 und forderte die Kirchen-leitung angesichts der jüngsten Kriege und Auslandseinsätze zu einer Neuorientierung der Friedens-ethik auf. Nicht militärische Mittel, sondern gewaltarme und gewaltfreie Formen der Konfliktlösung sollten künftig klarer und eindeutiger im Mittelpunkt einer theologisch verantworteten evangelischen Friedensethik stehen.</p>
<h2>Der Konsultationsprozess</h2>
<p>Ein Konsultationsprozess in allen Kirchenbezirken wurde daraufhin in Gang gesetzt, der zwei Jahre andauerte. Zunächst wurde der Evangelische Oberkirchenrat beauftragt, einen Entwurf für ein Positionspapier zu erarbeiten, das als Diskussionsgrundlage diente. Zusammen mit einer Stellungnahme des Militärdekanats München wurde dieser Entwurf im Herbst 2012 mit der Bitte um Stellungnahme an die Bezirkssynoden gesendet (Entwurf des Positionspapiers, Download unter: www.ekiba.de/friedensethik). Fast alle Bezirkssynoden und einige Pfarrkonvente organisierten daraufhin Veranstaltungen in ganz unterschiedlichen Formaten, um das Positionspapier zu diskutieren. Während manche sich im Rahmen einer Bezirkssynode nur innerhalb eines knappen Zeitrahmens von zwei Stunden mit der Thematik befassten, gab es andere Kirchenbezirke, in denen ein oder sogar mehrere Studientage zur Thematik durchgeführt wurden.</p>
<p>Ebenso unterschiedlich waren die Stellungnahmen selbst. Außer 23 Bezirkssynoden haben einige Kirchengemeinden und Einzelpersonen sowie 17 größere Gruppierungen aus Kirche und Friedensbewegung schriftlich Stellung genommen. Eine besondere Bedeutung für den Diskurs hatte ein Studientag der Landessynode im Juni 2013. Als Hauptreferenten kommentierten Pfarrer Dirk Rademacher (in Stellvertretung des damaligen EKD-Militärbischofs Martin Dutzmann) und der mennonitische Theologe Fernando Enns den Entwurf des Positionspapiers. Eine Reihe von Arbeitsgruppen der Landessynode vertiefte Einzelthemen der Diskussion (vgl. <em>Reader zum Studientag der Landessynode vom 7. Juni 2013 zum friedensethischen Diskussionsprozess in der Evangelischen Landeskirche in Baden</em>, hg. von der Arbeitsstelle Frieden, Karlsruhe 2013. Download unter: www.ekiba.de/friedensethik).</p>
<h2>Das schriftliche Ergebnis</h2>
<p>Das schriftliche Ergebnis des Konsultationsprozesses ist ein Papier, das im Oktober 2013 von der Landessynode verabschiedet wurde: <em>Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Ein Diskussionsbeitrag aus der Evangelischen Landeskirche in Baden.</em> Karlsruhe 2014 (erhältlich bei: Evangelischer Oberkirchenrat, Arbeitsstelle Frieden, Blumenstraße 1-7, 76133 Karlsruhe, oder als Download unter <a href="http://www.ekiba.de/friedensethik">www.ekiba.de/friedensethik</a>). Der Titel ist eine Gebetsbitte: „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lk 1,79). Der Untertitel macht deutlich, als was dieser Beitrag im Rahmen der friedensethischen Diskussion verstanden sein will: „Ein Diskussionsbeitrag aus der Evangelischen Landeskirche in Baden.“</p>
<p>Begleitet wird dieser Diskussionsbeitrag von einem zwölfteiligen Beschluss der Landessynode zu konkreten Umsetzungsschritten. Im Vorwort des Diskussionspapiers nennt die langjährige Präsidentin der Landessynode die Absicht, mit der Veröffentlichung einen Diskussionsprozess in allen Gliedkirchen der EKD anzustiften. Tatsächlich fand das Papier bereits spürbare Aufmerksamkeit in anderen Landeskirchen und Diözesen sowie in der Friedensbewegung und auf Seiten des Militärbischofs der EKD.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Es ist die Absicht, mit der Veröffentlichung des Diskussionspapiers einen Diskussionsprozess in allen Gliedkirchen der EKD anzustiften.</p></blockquote></div>
<h2>Konsens und Dissens</h2>
<p>Sowohl Punkte des Konsenses als auch des Dissenses wurden im Verlauf des Diskurses in den mündlichen Diskussionen und in den vielen schriftlichen Stellungnahmen deutlich. Im Mittelpunkt standen theologisch-ethische Fragen, z.B. zur Aufgabe der weltweiten Kirche als Leib Christi und zur Nachfolge Jesu, zu Bedeutung und Relevanz der Bergpredigt „in der noch nicht erlösten Welt“, zur theologischen Verankerung der Gewaltfreiheit und zu den Prüfkriterien für den Einsatz militärischer Gewalt als „ultima ratio“. Daneben wurden auch friedenspolitische Einschätzungen und Positionen diskutiert, etwa zu Erfolg oder Misserfolg der militärischen Interventionen der Nato und der Bundeswehr auf der einen Seite und der gewaltfreien Revolutionen auf der anderen Seite.</p>
<p>Viele Bezirkssynodale äußerten sich positiv und überrascht zu den vielen aktuellen Beispielen erfolgreicher ziviler Konfliktbearbeitung, die im Entwurf des Positionspapiers genannt und in einigen Veranstaltungen genauer geschildert wurden. Weitere häufig vertiefte Diskussionsthemen waren die Unterscheidung zwischen polizeilichen Zwangsmaßnahmen und militärischer Gewalt sowie Fragen zur Rüstungsindustrie und zu Rüstungsexporten. Nur am Rande diskutiert wurden kirchenpolitische Fragestellungen wie die Struktur der Militärseelsorge in Deutschland.</p>
<p>Eines der erreichten Ziele der Eingabe an die Landessynode war es, die kirchenleitenden Gremien der Evangelischen Landeskirche in Baden zu einem deutlichen Votum für gewaltfreie Konfliktlösungsmethoden zu ermutigen. Nicht erreicht wurde die Absage an alle gewaltförmigen Mittel. Überraschend war für Viele, wie lebhaft und kontrovers der Diskussionsprozess verlief. In vielen Punkten wurde ein Konsens deutlich, der die Verabschiedung des Diskussionsbeitrages ermöglichte. Dennoch blieben auch in vielen Fragestellungen unterschiedliche Auffassungen nebeneinander stehen<em>.</em></p>
<h2>Inhalt und Zielrichtung des Diskussionspapiers</h2>
<p>Inhalt und Zielrichtung des Diskussionsbeitrages „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ werden in der Zusammenfassung deutlich. Dort heißt es:</p>
<p><em>Carl Friedrich von Weizäcker hatte schon 1963 erklärt: Der Krieg als Institution muss in einer fortlaufenden Anstrengung abgeschafft werden. Angesichts der schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges wurde sowohl von der Ökumene und von den Vereinten Nationen, als auch von der badischen Landeskirche wiederholt die Ächtung des Krieges ausgesprochen: „Krieg scheidet als Mittel der Politik aus und darf nach Gottes willen nicht sein!“ Daher muss der Tendenz gewehrt werden, den Krieg wieder als normales Mittel der Politik anzusehen und wirtschaftliche Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen. In der Konsequenz bedeutet dies, auf militärische Einsätze zu verzichten. In der Nachfolge Jesu Christi steht uns eine Fülle ziviler, gewaltfreier Mittel zur Verfügung, um uns national und international für gerechten Frieden einzusetzen. Als Christen sehen wir für diesen Weg alle Verheißungen. So kann wirkliche Versöhnung zwischen verfeindete Parteien wachsen. In Ergänzung zu gewaltfreien Mitteln der Konfliktbearbeitung sind allein rechtsstaatlich kontrollierte polizeiliche Mittel ethisch legitim. In kriegsähnlichen Konfliktsituationen, die die nationalen Polizei-kräfte überfordern, ist an internationale, durch das Völkerrecht legitimierte, z.B. den Vereinten Nationen unterstehende Polizeikräfte zu denken. </em>(Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens, S. 9)</p>
<p>Diese Zusammenfassung beinhaltet eine klare Absage an das Kriegführen und an militärische Einsätze. Darin unterscheidet sich der badische Beitrag von der EKD Friedensdenkschrift von 2007, die militärische Einsätze als „ultima ratio“ vorsieht. Der qualitative Unterschied zwischen Polizeieinsätzen und Militäreinsätzen muss allerdings noch präziser definiert werden.</p>
<h2>Konkrete Arbeitsaufträge und Selbstverpflichtungen</h2>
<p>Die begleitenden Beschlüsse der Landessynode zielen auf konkrete Arbeitsaufträge und Selbst-verpflichtungen. Sie beinhalten dadurch ein Programm zur Friedensarbeit, das einige Jahre zur Umsetzung brauchen wird. Diese Umsetzungsschritte wurden alle mehrheitlich beschlossen, aber mit unterschiedlichen Mehrheiten.</p>
<p>In Beschlussteil 1 verpflichtet sich die Landessynode, mindestens einmal in jeder Amtsperiode das Thema Frieden auf die Tagesordnung zu setzen. In Beschlussteil 3 wird die Bereitschaft erklärt, Konfliktprävention und zivile Konfliktbearbeitung zu unterstützen durch die Ausbildung von Fachleuten in konstruktiver Konfliktbearbeitung und die Entsendung von badischen Friedensfachkräften in andere Länder.</p>
<p>Weitere Teilbeschlüsse ermutigen dazu, die Projekte und Konzepte für den Klimaschutz, für soziale Gerechtigkeit und nachhaltiges Wirtschaften weiterzuführen und weiterzuentwickeln. Mehrere Beschlüsse befassen sich mit konkreten Schritten der Friedenspädagogik vom Kindergarten und den kirchlichen Schulen über den Konfirmanden- und Religionsunterricht bis zu den Bildungsplänen und der Jugendarbeit. Angesprochen sind auch die Angebote von Evangelische Akademie und theologischer Fakultät. Im Teilbeschluss 5 wird die FEST in Heidelberg mit einem Forschungsauftrag zu Just Policing beauftragt, der klären soll, ob und wie in zwischenstaatlichen Konflikten militärische Gewalt immer mehr durch polizeiliche Zwangsmaßnahmen ersetzt werden kann.</p>
<p>Nur mit einer knappen Mehrheit beschloss die Landessynode im Beschlussteil 6 Folgendes:</p>
<p><em>Gleich dem nationalen Ausstiegsgesetz aus der nuklearen Energiegewinnung gilt es, möglicherweise mit anderen EU Mitgliedsstaaten, ein Szenario zum mittelfristigen Ausstieg aus der militärischen Friedenssicherung zu entwerfen. Mitglieder und Mitarbeitende des EOK sowie Synodale werden gebeten, dieses Anliegen bei Begegnungen mit den in der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zusammengeschlossenen Kirchen einzubringen.</em></p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gleich dem nationalen Ausstiegsgesetz aus der nuklearen Energiegewinnung gilt es, ein Szenario zum mittelfristigen Ausstieg aus der militärischen Friedenssicherung zu entwerfen.</p></blockquote></div>
<p>Dieser Beschluss hat einige Kritiker auf den Plan gerufen, wird hier doch ein Denkverbot aufgehoben, das sich Kirchenleitungen oftmals selbst gegeben haben. Doch bleibt die vorsichtige Formulierung zu beachten. Nicht der Verzicht auf die militärische Friedenssicherung wird gefordert, sondern es wird lediglich gebeten, ein Szenario zum mittelfristigen Ausstieg zu entwerfen.</p>
<p>Mit großer Mehrheit wurde Beschluss 7 verabschiedet, in dem es heißt: <em>Beim Export von Kriegswaffen müssen die gesetzlichen und untergesetzlichen Regelungen eingehalten und Transparenz über die Entscheidungen des Bundessicherheitsrates hergestellt werden. Mittelfristig ist der Export von Kriegswaffen einzustellen.</em></p>
<h2>Das Diskussionspapier und die aktuelle politische Lage</h2>
<p>Zur aktuellen politischen Lage konnte sich der vor einem Jahr verabschiedete Diskussionsbeitrag aus Baden noch nicht äußern. Auf der Argumentationslinie des Papiers und der Beschlüsse liegen jedoch einige öffentliche Äußerungen des seit dem 1. Juni 2014 amtierenden Landesbischofs Jochen Cornelius-Bundschuh. Dieser äußerte sich kritisch gegenüber der Aufforderung des Bundes-präsidenten Gauck, die bisherige militärische Zurückhaltung Deutschlands aufzugeben. Ende Juni erklärte der neue Landesbischof gemeinsam mit Synodalpräsidentin Fleckenstein:</p>
<p><em>Statt durch eine eigene militärische Option sollte Deutschland seine internationale Verantwortung so wahrnehmen, dass es auf allen Ebenen den Vorrang ziviler Konfliktlösungen massiv durch diplomatische, wissenschaftliche, finanzielle und persönliche Maßnahmen fördert. </em>(epd südwest aktuell Nr. 51 / 30.06.14)</p>
<p>Nach einem Appell verschiedener Kirchenführer aus dem Libanon und aus Syrien an die Partnerkirchen, der im August veröffentlicht wurde, sprach sich der badische Landesbischof mehrfach für eine Verstärkung der humanitären Hilfe und gegen Waffenlieferungen in die Konfliktgebiete aus, zuletzt bei einer Begegnung mit dem Metropoliten der syrischen Antiochenisch-Orthodoxen Kirche, Erzbischof Isaak Barakat. Dieser schilderte bei einem Pressegespräch im Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe die extrem schwierige Lage der christlichen Kirchen und anderer Minderheiten und bat um verbesserte Aufnahmebedingungen für die Flüchtlinge in Deutschland. Deutlich widersprach Erzbischof Barakat dem Ruf nach weiteren Waffenlieferungen und sagte: <em>„Mehr Waffen heißt mehr Gewalt und mehr Zerstörung und mehr Gefahr für die Zukunft.</em>“ (Pressemitteilung der Ekiba vom 29.09.2014).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Mehr Waffen heißt mehr Gewalt und mehr Zerstörung und mehr Gefahr für die Zukunft.</p></blockquote></div>
<p>Eine vergleichbare friedensethische Position vertritt offensichtlich der katholische Bischof Heinz-Josef Algermissen. Der Präsident von Pax Christi Deutschland äußerte sich am 14. Oktober 2014 zur Lage in Syrien und im Irak. Er sagte:</p>
<p><em>Um nicht als Nichtstuer zu gelten, sind wir oftmals geneigt, gegen eigene Grundsätze und wider besseres Wissen für Militäreinsätze zu plädieren. Sind aber die militärischen Antworten nicht eine ebenso hilflose Geste? (…) Die Waffenlieferungen wirken hilflos, auch weil sie nicht mit einem politischen Konzept verbunden sind. </em>(Aufruf des Pax Christi Präsidenten Bischof Heinz Josef Algermissen zur Ökumenischen Friedensdekade , Berlin/ Fulda 14.Oktober 2014)</p>
<p>Algermissen kritisiert, dass beim Kampf gegen die IS eben nicht schon alle anderen diplomatischen und gewaltärmeren Mittel versucht worden seien. Erst jetzt beginne man z.B. auf die Kanäle der Finanzierung des IS hinzuweisen. Der Pax-Christi Präsident nennt in aller Kürze verschiedene Handlungsmöglichkeiten sowohl für die politischen Akteure wie für die Kirchen und stellt abschließend fest: „Der Weg Jesu ist kein Weg der Gewalt und kein Weg des Nichtstuns. Er wendet sich denen zu, die unter Gewalt leiden und bittet für die Umkehr derer, die hassen und töten.“</p>
<h2>Fazit</h2>
<p>Ein argumentativer Verantwortungs-Pazifismus fragt sowohl nach den politischen Ursachen wie den Folgen des Handelns. Die friedensethische Diskussion in der Evangelischen Landeskirche in Baden hat sich dieser Herausforderung gestellt. Es wird eine tendenziell pazifistische, jedoch sehr differenzierte Position vertreten. Befruchtet wurde der Diskurs durch die Diskussion in der weltweiten Ökumene und durch theologische Impulse aus den Friedenskirchen und aus den mennonitisch-katholischen Gesprächen zum Thema „Just policing“.</p>
<p>Die Landessynode als Leitungsorgan hat sich mit ihrem Beschluss verpflichtet, sich auf den Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens zu machen. Damit hat sie den Aufruf der ökumenischen Versammlung in Busan im Jahr 2013 zu einem weltweiten „Ökumenischen Pilgerweg für Frieden und Gerechtigkeit“ aufgenommen und sich diesem Pilgerweg angeschlossen.</p>
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		<title>Selig sind die Gewaltlosen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bertram Salzmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:32:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Bertha von Suttner]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Gewaltfreiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Pazifismus ist nicht gleich Pazifismus. Seit dem Aufkommen des Begriffs vor hundert Jahren verbinden sich damit z.T. durchaus unterschiedliche Konzepte. Diese Differenzen reichen bis in die aktuelle friedenspolitische Diskussion. Wodurch zeichnen sich die wichtigsten Strömungen aus? Und wie ist der christliche Pazifismus in diesem Kontext zu verorten?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Pazifismus ist nicht gleich Pazifismus. Seit dem Aufkommen des Begriffs vor hundert Jahren verbinden sich damit z.T. durchaus unterschiedliche Konzepte. Diese Differenzen reichen bis in die aktuelle friedenspolitische Diskussion. Wodurch zeichnen sich die wichtigsten Strömungen aus? Und wie ist der christliche Pazifismus in diesem Kontext zu verorten?</p></blockquote></div>
<p>Friedensdemonstrationen geben meistens ein buntes Bild ab: Regenbogenfahnen wehen neben Gewerkschaftstransparenten, Demonstrierende tragen rote oder grüne (und manchmal auch andere) Parteiabzeichen, Kirchentagsschals leuchten in unterschiedlichsten Farben. So vielfältig wie dieses Bild sind – bei aller Gemeinsamkeit in bestimmten Kernzielen – auch die Gründe für das jeweilige friedenspolitische Engagement. Selbst unter einem gemeinsamen Begriff wie „Pazifismus“ verstehen die Beteiligten teilweise ganz Unterschiedliches.</p>
<p>Diese Unterschiede zeigen sich auch in der aktuellen friedenspolitischen Diskussion um Waffenlieferungen oder Kampfeinsätze gegen den „Islamischen Staat“: Was die einen ihren ehemaligen Gefährten aus der Friedensbewegung als Verrat an der gemeinsamen Sache vorwerfen, ist für die anderen nur eine neue Konsequenz aus genau den Grundüberzeugungen, die sie vor dreißig Jahren auch an Friedensdemos und Menschenketten teilnehmen ließ.</p>
<p>Ein Blick zurück in die Geschichte des Pazifismus und der ihn prägenden Bewegungen zeigt, dass diese Ambivalenzen keineswegs neu sind, sondern den Begriff seit über hundert Jahren bestimmen.</p>
<h2>1. Rechts-Pazifismus – die Anfänge der Friedensbewegung im 19. Jahrhundert</h2>
<p>Die europäische Friedensbewegung hat ihre Wurzeln in den so genannten „Friedensgesellschaften“, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkamen. Träger und Mitglieder dieser Friedensgesellschaften waren Menschen aus dem aufstrebenden, liberalen Bürgertum. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bewegung und gewann mit den ersten großen Friedenskongressen in London (1843), Brüssel (1849), Paris (1849) und Frankfurt (1850) öffentlich an Aufmerksamkeit.</p>
<p>Bertha von Suttner steht als Gründerin der Österreichischen Friedensgesellschaft (1891) und der Deutschen Friedensgesellschaft (1892) für den Geist dieser Bewegung. Ihre Mitstreiter waren meist bürgerliche Freidenker. Im Unterschied zu den anglo-amerikanischen Friedensgesellschaften spielten christliche Beweggründe bei ihnen kaum eine Rolle. Vielmehr sah man sich v.a. als eine freisinnige Gemeinschaft, z.T. sogar als eine Art liberaler Club. Das Foto führender Mitglieder der Deutschen Friedensgesellschaft auf dem Weltfriedenskongress 1907 in München vermittelt einen guten Eindruck von der zutiefst bürgerlichen Prägung dieser Bewegung, die sich v.a. aus Industriellen, Kaufleuten, Bankiers, Anwälten, Beamten, Professoren und Pastoren rekrutierte und über reiche Mäzene finanzierte.</p>
<h3>Arbeitsweise, Ziele und Pazifismus-Begriff der Friedensgesellschaften</h3>
<p>Wichtigstes politisches Mittel der Friedensgesellschaften waren Eingaben, mit denen sie ihren Vorschlägen und Forderungen bei den jeweiligen Regierungen Gehör zu verschaffen suchten. Sie agierten also als eine Art friedenspolitische Lobby-Organisation, hatten aber keine Massenbasis. Auch mit Vorträgen, Zeitschriften und Kongressen erreichten sie immer nur eine relativ kleine Öffentlichkeit. Im Unterschied zur Breitenwirkung, die Bertha von Suttner mit ihrem Roman <em>Die Waffen nieder!</em> (1889) erzielt hatte, konnte sie über die Friedensgesellschaften deshalb auch kaum Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen.</p>
<p>Programmatisch ging es der Bewegung vor allem darum, künftige Kriege durch die Schaffung eines verbindlichen Völkerrechts und einer überstaatlichen Gerichtsbarkeit zu vermeiden. Der Begriff „Pazifismus“ selbst kam auf dem Friedenskongress 1901 in Glasgow auf und geht ursprünglich auf den Franzosen J. B. Richard de Radonvilliers zurück. Er sollte die Bezeichnung „Friedensfreund“ ersetzen und die „Gesamtheit individueller und kollektiver Bestrebungen bezeichnen, die eine Politik friedlicher, gewaltfreier zwischenstaatlicher Konfliktaustragung propagieren und den Endzustand einer friedlich organisierten, auf Recht gegründeten Staaten- und Völkergemeinschaft zum Ziel haben“ (Karl Holl).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Friedensgesellschaften vertraten also eine Form des „Rechts-Pazifismus“, der den Frieden durch internationale Instrumente der friedlichen Konfliktlösung sichern will.</p></blockquote></div>
<p>Die Friedensgesellschaften vertraten also eine Form des „Rechts-Pazifismus“, der den Frieden durch internationale Instrumente der friedlichen Konfliktlösung sichern will. Gleichzeitig wurde der Ausweitung des internationalen Handels friedensfördernde Wirkung zugeschrieben und eine allgemeine Abrüstung gefordert. Eine grundsätzliche Ablehnung militärischer Gewalt war aber mit alledem nicht verbunden. Das Recht von Staaten, sich im Falle eines Angriffs auch militärisch zu verteidigen, stand ebenso wenig in Frage wie die Legitimität von Befreiungskriegen gegen ausländische Besatzer.</p>
<h3>Teilerfolge der Bewegung und die Katastrophe des Ersten Weltkriegs</h3>
<p>Einen Teilerfolg konnte die internationale Friedensbewegung 1899 auf der ersten Haager Friedenskonferenz erringen, an der insgesamt 26 Staaten teilnahmen und auf der auch Delegierte der Deutschen Friedensgesellschaft vertreten waren. Dort wurde ein Abkommen zur friedlichen Erledigung internationaler Streitfälle abgeschlossen. Auf der Folgekonferenz 1907 wurde ein umfassendes Programm zur Friedenssicherung und zu Verhaltensregeln im Konfliktfall erarbeitet. Die Umsetzung mit Einrichtung einer obligatorischen internationalen Schiedsgerichtsbarkeit scheiterte jedoch an der deutschen Ablehnung, der sich auch Österreich-Ungarn und die Türkei anschlossen. Mit dem Wachsen imperialistischer Strömungen verloren die Friedensgesellschaften in den Folgejahren rasch wieder den vorübergehend gewonnenen Einfluss, und mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zerschlugen sich die Hoffnungen auf einen dauerhaften Erfolg ganz.</p>
<p>Trotzdem hat der von den Friedensgesellschaften vertretene Rechts-Pazifismus sehr nachhaltig gewirkt: Mit der Gründung des Völkerbunds, dem Deutschland 1926 beitrat, wurde nach dem Ersten Weltkrieg der Vorschlag eines Staatenverbands zur Friedenssicherung wieder aufgenommen und umgesetzt. Bis in unsere Tage ist diese Tradition mit den Vereinten Nationen und deren völkerrechtlichen Institutionen, u.a. dem Ständigen Schiedshof und dem Internationalen Gerichtshof, lebendig und wirksam, wenn auch noch weiter ausbaufähig.</p>
<h2>2. Radikaler Pazifismus – die Entwicklungen der Zwischenkriegszeit</h2>
<p>Wüsste Bertha von Suttner, was aus ihren pazifistischen Impulsen im Verlauf des 20. Jahrhunderts geworden ist, wäre sie vermutlich froh und stolz. Anders sieht es für eine Strömung des Pazifismus aus, der sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls aus den Wurzeln der Vorkriegszeit entwickelte: Für die Vertreter des so genannten „radikalen Pazifismus“ hatten sich die Ansätze der Friedensgesellschaften aus dem 19. Jahrhundert durch die Schreckenserfahrungen des Weltkriegs als völlig unzureichend erwiesen. Ihr Pazifismus ist nicht in erster Linie durch rechtliche Konzepte, sondern v.a. durch einen fundamentalen Antimilitarismus geprägt. Im Zentrum stehen Kriegsdienstverweigerung, Abrüstung, Abschaffung der Wehrpflicht und die Auflösung aller Armeen. Es geht darum, einem Krieg für alle Zukunft die Voraussetzungen zu entziehen, und zwar nicht durch Appelle und Resolutionen, sondern durch aktiven Widerstand.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Der radikale Pazifismus ist nicht in erster Linie durch rechtliche Konzepte, sondern v.a. durch einen fundamentalen Antimilitarismus geprägt.</p></blockquote></div>
<h3>Der radikale Pazifismus als Massenbewegung</h3>
<p>Im Unterschied zur Friedensbewegung im 19. Jahrhundert wird der radikale Pazifismus eine Massenbewegung. Sie geht von ehemaligen Weltkriegssoldaten aus, die sich 1919 im „Friedensbund der Kriegsteilnehmer“ zusammenschließen. Die bekanntesten unter ihnen sind Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky. Der Friedensbund initiiert auch die „Nie-wieder-Krieg-Bewegung“, die in den frühen zwanziger Jahren zu den jährlichen Antikriegstagen gemeinsam mit anderen Friedensorganisationen, Gewerkschaften und Parteien bis zu 500.000 Menschen auf die Straße bringt. Diese Friedensbewegung ist, anders als die Friedensgesellschaften, nicht mehr eine Angelegenheit des Bürgertums, sondern der Arbeiterbewegung. Aber auch viele Künstler und Schriftsteller wie Käthe Kollwitz, Otto Dix oder Erich Kästner schließen sich an.</p>
<p>Dieser Pazifismus nimmt auch anarchische Strömungen des 19. Jahrhunderts auf, bei denen die Ablehnung von Herrschaft und Staat zur Auflehnung gegen Militarismus und Krieg führten. Mit Widerstandsmethoden wie Streik, Blockaden, Besetzungen oder Sabotageakten wendeten sich führende Anarchopazifisten wie Gustav Landauer und Erich Mühsam unter dem Motto „Krieg dem Kriege“ gegen den militärischen Komplex, wobei Gewalt gegen Menschen ausdrücklich ausgeschlossen war.</p>
<h3>Zersplitterung und Schwächung der pazifistischen Bewegung</h3>
<p>Mitte der zwanziger Jahre kommt es in links orientierten Gruppen zu einer weiteren Radikalisierung. Rund um den Schriftsteller und Aktivisten Kurt Hiller gründet sich 1926 die „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“. Sie sehen im Sozialismus die notwendige Voraussetzung für einen Siegeszug des Pazifismus und treten deshalb für den politischen Umsturz auch unter Einsatz von Gewalt ein („militanter Pazifismus“). Ein gewaltloser Pazifismus könne allenfalls einen „Endzielzustand“ beschreiben, aber tauge nicht für den Weg dorthin.</p>
<p>Gegen Ende der zwanziger Jahre führt die zunehmende Radikalisierung zu einer Zersplitterung und gesellschaftlichen Isolierung der Friedensbewegung. Zugleich verschärfen sich die Repressalien gegen führende Pazifisten. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus wird die pazifistische Bewegung vollends geschwächt und in die Illegalität gedrängt. Hitler bezeichnet den Pazifismus in <em>Mein Kampf </em>1924 als „Humanitätsduselei“. Mit der Machtübernahme der NSDAP werden die Führungspersonen zunehmend Opfer von Verfolgung. Sie werden umgebracht oder in KZs inhaftiert, andere können sich ins Exil retten.</p>
<h2>3. Absoluter und relativer Pazifismus – Entwicklungen nach 1945</h2>
<p>Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Haltung vieler Menschen zunächst vom Grundsatz „Nie wieder Krieg“ bestimmt. Schon in der Frage der Wiederbewaffnung konnten sich die antimilitaristischen Tendenzen aber nicht durchsetzen. In der Folge richtete sich pazifistischer Protest v.a. gegen die atomare Aufrüstung („Kampf dem Atomtod“), einzelne Kriege (z.B. Vietnam-Krieg) und die Stationierung von Waffensystemen (z.B. atomare Mittelstreckenraketen).</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Während der absolute Pazifismus Krieg und militärische Gewalt prinzipiell ablehnt, sind für den relativen Pazifismus die Umstände im konkreten Fall entscheidend.</p></blockquote></div>
<p>Systematisch lässt sich nach 1945 vor allem der „absolute“ Pazifismus vom „relativen“ Pazifismus unterscheiden (andere Begriffspaare für diese Unterscheidung lauten „kategorisch vs. konditional“ oder „prinzipiell vs. pragmatisch“). Während Vertreter des absoluten Pazifismus Krieg und militärische Gewalt prinzipiell ablehnen, sind für den relativen Pazifismus die Umstände im konkreten Fall entscheidend – eine pazifistische Position wird z.B. nur dann bezogen, wenn durch militärische Maßnahmen die Gefahr eines Welt- oder Nuklearkriegs heraufbeschworen wird. Der absolute Pazifismus argumentiert v.a. damit, dass der Zweck nicht die Mittel heilige und kriegerische Gewalt grundsätzlich ungeeignet zur Lösung von politischen Konflikten sei. Dem halten Vertreter des relativen Pazifismus entgegen, dass der Einsatz militärischer Gewalt in bestimmten Fällen durchaus legitim und geboten sei, wenn dadurch z.B. ein Völkermord verhindert oder ein Aggressor gestoppt werden könne.</p>
<h2>4. Christlicher Pazifismus</h2>
<p>Christlicher Pazifismus wird oft zwangsläufig als absoluter Pazifismus verstanden, da ihm eine grundsätzliche Ablehnung von Gewalt zugrunde liege. Wichtigste biblische Grundlage dafür ist die Bergpredigt (Matthäus 5–7). Dabei wird die Seligpreisung für die von Luther so genannten „Sanftmütigen“ (Mt 5,5) heute vielfach als Seligpreisung der Gewaltlosen verstanden und übersetzt (Einheitsübersetzung, Zürcher Bibel, Gute Nachricht Bibel). Mit dem Wort: „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ ruft Jesus seine Jünger in Mt 5,38 explizit zum Gewaltverzicht auf. Er selbst hat diese Haltung nach dem Vorbild des Gottesknechts aus dem Jesaja-Buch bis zu seinem Tod am Kreuz vorgelebt. Im Glauben an die in Christus geschehene Rettung wissen sich Christen berufen und befähigt, dem in ihrem Leben nachzufolgen.</p>
<h3>Gewaltfreiheit als Gebot für Menschen in der Nachfolge Jesu</h3>
<p>Allerdings hat Jesus die Existenz und den Einsatz von Militär nicht prinzipiell in Frage gestellt. Er wendet sich mit seiner Aufforderung und Ermutigung vielmehr gezielt an die Menschen in seiner Nachfolge. Sie können sich als Jünger/innen Jesu und im Vertrauen auf Gott anders verhalten als die meisten übrigen Menschen. Sie sind aufgerufen, durch ihr Verhalten die Liebe Gottes zu verkündigen und zumindest zeichenhaft das Reich Gottes schon jetzt in dieser Welt aufscheinen zu lassen. Dies kann jedoch, wie das Beispiel Jesu selbst zeigt, mit hohem Risiko für das eigene Leben verbunden sein. Christinnen und Christen können dieses Risiko bewusst eingehen, weil sie sich auch dabei in der Hand Gottes geborgen wissen.</p>
<p>Schwierig und teilweise sogar zynisch droht es zu werden, wenn aus dieser Selbstverpflichtung eine Forderung gegenüber anderen entsteht, die diese Glaubensgrundlage möglicherweise gar nicht teilen, wenn also z.B. anderen auf diesem Hintergrund prinzipiell das Recht auf Selbstverteidigung oder zur militärischen Nothilfe gegenüber einem Aggressor abgesprochen wird. Denn dies übersieht, dass es beim eschatologisch motivierten Aufruf Jesu zur Gewaltfreiheit nicht um eine beliebig verallgemeinerbare ethische Maxime, sondern um einen Aspekt der christlichen Existenz geht. So anerkennens- und ehrenwert es also ist, wenn Christinnen und Christen auf die Anwendung von (Gegen-)Gewalt verzichten und Konsequenzen an Leib und Leben dabei für sich in Kauf nehmen, so wenig können sie diese Entscheidung prinzipiell für andere oder gar für alle treffen. Als Christen ist uns denn auch nicht in erster Linie die Predigt der absoluten Gewaltfreiheit aufgegeben, sondern die Predigt der absoluten Liebe Gottes in Jesus Christus, durch die andere Menschen ebenfalls zu einem Leben in der Nachfolge Jesu mit den entsprechenden Konsequenzen eingeladen werden.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Ein absoluter politischer Pazifismus lässt sich aus dem christlichen Grundsatz der Gewaltfreiheit schwerlich ableiten.</p></blockquote></div>
<h3>Relativer politischer vs. absoluter persönlicher Pazifismus</h3>
<p>Ein absoluter politischer Pazifismus, mit dem der Einsatz von Militär grundsätzlich und unter allen Umständen ausgeschlossen wird, lässt sich aus dem christlichen Grundsatz der Gewaltfreiheit also schwerlich ableiten. Konkret gesprochen heißt das: Christinnen und Christen in Deutschland sollten politische Entscheidungen für militärische Aktionen gegen den Vormarsch des IS in Irak und Syrien nicht einfach mit dem Hinweis auf das jesuanische Gebot der Gewaltfreiheit ablehnen, wenn sie nicht naiv oder überheblich erscheinen wollen. Dies liegt nicht etwa daran, dass dem IS mit gewaltfreiem Handeln nicht beizukommen wäre (dies ist eine Diskussion, die an anderer Stelle zu führen wäre), sondern schlicht daran, dass ja nicht sie die Konsequenzen der geforderten gewaltfreien Haltung an Leib und Leben zu tragen hätten, sondern die Opfer der IS-Gewalt vor Ort.</p>
<p>Gleichwohl kann es durchaus gute Gründe geben, sich auch als Christ/in gegen militärische Gewalt in der aktuellen Situation auszusprechen und einzusetzen. Ausschlaggebend dafür sollte allerdings die Abschätzung sein, inwieweit militärische Aktionen im konkreten Fall dazu beitragen können, das Leid der Menschen im Kriegsgebiet zu begrenzen und zu einem möglichst raschen und dauerhaften Ende der Kampfhandlungen beizutragen. Gleichzeitig ist zu klären, ob es andere, nicht-militärische Handlungsoptionen gibt, die erfolgversprechend(er) sind. Die Entscheidung fällt hier also nicht mehr auf der Basis von kategorischen Imperativen, sondern auf der Grundlage einer pragmatischen Einschätzung über die Zweckdienlichkeit militärischer oder anderer Mittel und sollte auch entsprechend begründet werden. Ein solch relativer Pazifismus ist für Christinnen und Christen in politischen Entscheidungssituationen eine verantwortungsvolle, evangeliumsgemäße Haltung, auch wenn sie sich im persönlichen Handeln zu einem absoluten Pazifismus aufgerufen wissen.</p>
<h3>Bibliographische Angaben</h3>
<p>Karl Holl: <em>Pazifismus</em>. In: Otto Brunner (Hrsg.): <em>Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland.</em> Band 4. Stuttgart 1978, S. 767–787; Barbara Bleisch, Jean-Daniel Strub (Hg.): <em>Pazifismus. Ideengeschichte, Theorie und Praxis</em>. Bern 2006.</p>
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		<title>Wenn pazifistische Ansichten verhöhnt werden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:31:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechter Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Margot Käßmann]]></category>
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					<description><![CDATA[An Margot Käßmann scheiden sich die Geister. In der deutschen Öffentlichkeit hat sie eine Debatte über Pazifismus losgetreten, die in ihrer Vehemenz aufhorchen lässt. Dabei können ihre Thesen auch als konstruktive Anstöße für die Friedensdebatte genutzt werden.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>An Margot Käßmann scheiden sich die Geister. In der deutschen Öffentlichkeit hat sie eine Debatte über Pazifismus losgetreten, die in ihrer Vehemenz aufhorchen lässt. Dabei können ihre Thesen auch als konstruktive Anstöße für die Friedensdebatte genutzt werden.</p></blockquote></div>
<p>Ungewöhnlich ist die Wucht der Ablehnung, die Häme, ja, die Wut, die der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und jetzigen Beauftragten der EKD für das Reformationsjubiläum entgegenschlägt. Was hat die Theologin gesagt? Sie hat zum einen den Wunsch nach Abschaffung der Bundeswehr geäußert: „Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica“. Die ehemalige Bischöfin ist auch der Auffassung, dass Krieg niemals gerecht sein könne. Dazu zählt sie auch den Kampf der Alliierten gegen das Nazi-Regime. Käßmann ist der Ansicht, dass es Aufgabe der Religionen sei, zum Frieden aufzurufen. In diesem Zusammenhang hat sie sich auch gegen Waffenlieferungen in den Nordirak ausgesprochen, womit sie in der Kirche übrigens nicht allein ist. Gegen Waffenlieferungen hat sich auch der Friedensbeauftragte der EKD Renke Brahms (Bremen) gewandt.</p>
<h2>Pazifismus als individuelle Haltung</h2>
<p>Es war durchaus zu erwarten, dass sich gegen Käßmanns so genannten Radikalpazifismus Widerspruch erhebt. Ihr Vorgänger im Amt als Ratsvorsitzende, Wolfgang Huber, widerspricht Käßmann vehement. Er tritt für Waffenlieferungen in den Nordirak ein: „Aus Gründen der christlichen Friedensethik ist es nach meiner festen Überzeugung ausgeschlossen, auf das Terrorregime der IS-Milizen im Irak mit Untätigkeit zu reagieren“, sagte er. Man müsse vielmehr das Leben und die elementaren Rechte der Betroffenen schützen. Der Gewalt kann seiner Ansicht nach nur mit Gegengewalt Einhalt geboten werden. Nicht nur das kategorische Nein Käßmanns gegen deutsche Rüstungsexporte hält Huber für falsch, sondern auch den Vergleich mit Costa Rica. Deutschland hätte ohne Bundeswehr keine Chance, Hilfe für bedrängte Menschen militärisch abzusichern: „Wir können nicht die Verantwortung für Frieden und Menschenrechte ganz oben auf unsere kirchliche Agenda setzen und dasselbe von der Politik verlangen, aber gleichzeitig außer Acht lassen, wie humanitäres Handeln überhaupt möglich wird“, so der 72-Jährige.</p>
<p>Käßmanns Haltung lässt Huber in einem persönlichen Rahmen durchaus gelten. Er sagt, dass jeder Christ das gute Recht und gegebenenfalls auch starke Gründe habe, für sich einen individuellen Pazifismus zu vertreten. Von der Politik müsse man aber einen „Verantwortungspazifismus“ erwarten, bei dem es auch darum gehe, andere Menschen vor Gewalt zu bewahren.</p>
<h2>Militäreinsätze als letztes Mittel der Politik</h2>
<p>Interessanterweise fügt sich die Debatte um Käßmanns Pazifismus in einen größeren Zusammenhang um Deutschlands Verantwortung in der Welt. Diese müsse die Bundesrepublik stärker wahrnehmen, hatte Bundespräsident Joachim Gauck betont und Militäreinsätze als letztes Mittel der Politik dabei nicht ausgeschlossen. Gemeinsam mit 67 ostdeutschen Pfarrern hatte Käßmann diese Positionierung kritisiert und damit massiven Widerspruch ausgelöst, unter anderem von ihrem Nachfolger im Amt des Ratsvorsitzenden, Nikolaus Schneider, der Gauck verteidigte. Nach Schneiders Ansicht kann ein Militäreinsatz gerechtfertigt sein, wenn dadurch massive gewalttätige Auseinandersetzungen gestoppt werden. Er verwies auf eigene Eindrücke aus dem Südsudan: „Wenn man die Lage in einem solchen Land erlebt, dann begreift man, dass es so etwas wie ein Wüten des Bösen und der Gewalt gibt – und dass man auch militärische Kraft braucht, um für einen Raum zu sorgen, in dem sich anderes entwickeln kann“.</p>
<p>Käßmann hatte kurz nach dem 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie gesagt, dass es „einen gerechten Krieg nicht geben kann“. Dies hält der Wiener Theologe Ulrich Körtner für ein moralisches Fehlurteil: „Wer aber bloß die Rhetorik des gerechten Friedens bemüht, handelt nicht nur politisch unverantwortlich, sondern gerät auch theologisch ins Abseits“. Mit ihren Äußerungen stelle Käßmann die ethische Rechtmäßigkeit des Krieges gegen Hitler infrage, kritisiert Körtner. Er verweist darauf, dass sich die Theologin immer wieder auf die EKD-Friedensdenkschrift von 2007 berufe. Diese biete jedoch für eine radikalpazifistische Lesart keinen Anhaltspunkt, so Körtner. Die EKD stelle zwar klar, dass man mit militärischen Mitteln keinen Frieden gewinnen könne. Ebenso deutlich sei darin aber auch vom militärischen Einsatz zur Erhaltung oder Wiederherstellung des Rechts die Rede.</p>
<p>Die Friedensdebatte wird in den Kirchen seit dem Zweiten Weltkrieg intensiv geführt. Deshalb sind die Argumente auf beiden Seiten hinlänglich bekannt. Auffallend ist an der jetzigen Diskussion um Käßmanns Thesen die Art der Kritik. Diese geht bis zur persönlichen Desavouierung, Dämonisierung und Diffamierung der Theologin. So wurde die Anti-Kriegspolemik der „Pastorin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in Dresden als banal und falsch“ kritisiert. Dort hatte Käßmann nach dem tragischen Bombardement von zwei Tanklastwagen in Afghanistan gesagt, man solle beten mit den Taliban, statt sie zu bombardieren. Käßmann wird vorgeworfen, dass sie auf Demagogie setze, und das „mit frommem Augenaufschlag“. Anlässlich ihrer Pazifismus-Äußerungen wird ihr „vor Selbstgerechtigkeit triefende Hybris“ vorgeworfen, wie dies der Militärpfarrer von Speyer, Ulrich Kronenberg, tat. Beschworen werden „die Kollateralschäden der Gesinnungsethik“: Genozid, Mord, Leid und Elend. Ihre Ansichten werden als naiver Kinderglaube der Lächerlichkeit preisgegeben.</p>
<h2>Generalabrechnung mit der Theologin</h2>
<p>Es fällt auf, wie in den Kritiken durchweg die sachliche Ebene mit der persönlichen vermischt wird. In der Rückschau wirkt dies wie ein Kreuzzug gegen die Theologin, um diese aus jeglicher ernsthaften Debatte auszuschließen. Käßmann soll dadurch zur <em>persona non grata</em> gestempelt werden. Und da ist es nur folgerichtig, dass die Kritik auch auf die möglichen Sympathisanten Käßmanns ausgedehnt wird.</p>
<p>In Spiegel-online kommt Jan Fleischhauer in seiner Kolumne zu dem Schluss, die Theologin stehe mit ihrem „Costa-Rica-Pazifismus“ in der Mitte der Gesellschaft. In Käßmanns „Sehnsucht nach einem Land ohne Armee“ sieht Fleischmann das Ergebnis von 69 Jahren fortgesetztem Frieden, der nicht nur satt und glücklich, sondern auch „furchtbar provinziell“ machen könne. Käßmann attestiert er eine „fröhliche Unempfindlichkeit“ für die moralischen Dilemmata des Gewaltverzichts. Geblieben sei statt eines Verständnisses des Teuflischen nur die Verteufelung von allem, was schieße. Fleischhauer macht hier eine Generalabrechnung: „Hinter der deutschen Friedensliebe stand immer die Vorstellung, dass jeder Mensch auf den rechten Weg zurückgebracht werden könne, man müsse ihm nur gut zureden. Aber der Gewalttäter im eigentlichen Sinn will nicht verhandeln“. Ihm sei jedes Mittel recht, um die Demütigung und Vernichtung der Opfer zu erreichen. Ein Kommentar im Tagesspiegel geht noch weiter. Margot Käßmann predige Pazifismus und verhöhne damit das „UN-Prinzip der Schutzverantwortung“. Das „Prinzip Käßmann“ wird rundweg abgelehnt.</p>
<p>Kritik an Käßmanns Thesen mag durchaus berechtigt sein. Aber diese wütenden Attacken sind bedrückend, vor allem wenn man auf die Geschichte des Pazifismus in Deutschland im 20. Jahrhundert zurückblickt. Da sind Pazifisten immer wieder verleumdet worden. Diese unselige Tradition wurde im Nationalsozialismus auf die Spitze getrieben. In der Nazi-Doktrin kulminierte die aus traditionellen, konservativen und rechtsradikalen Ideologie-Elementen gebündelte Pazifismuskritik in einer totalen Verneinung des Pazifisten, wie Karl Holl schreibt. Wichtige Vertreter der deutschen Friedensbewegung mussten ins Exil gehen. Kriegsdienstverweigerern wurde die Todesstrafe angedroht. Zahlreiche Pazifisten wurden inhaftiert und in Konzentrationslagern interniert, wie Carl von Ossietzky, dem angesichts seiner Leiden 1935 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde (vgl. <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/pazifismus-konzepte/">den Beitrag von Bertram Salzmann in diesem Heft</a>).</p>
<h2>Konstruktiver Umgang mit Käßmanns Anstößen</h2>
<p>Angesichts dieser schlimmen Vergangenheit sollte im Blick auf die Verdammung von pazifistischen Positionen Vorsicht angebracht sein. Mit Käßmanns Anstößen könnte man durchaus anders umgehen, selbst wenn man sie nicht teilt. Man kann sie auch als konstruktive Kritik annehmen, die Anlass gibt, um neue Wege zu eröffnen, sich aus den eigenen Dilemmata und den eigenen Denkwelten zu befreien und die eigenen Positionen weiter zu entwickeln. Denn die Mehrheit der kirchlichen Vertreter ist sich einig darin, dass Krieg nicht das geeignete Mittel ist, um dauerhaften Frieden zu schaffen. Er wird in der konkreten Situation als notwendiges Übel angesehen.</p>
<p>Deshalb lohnt es sich, Käßmanns Radikalkritik als Ausgangspunkt zu nehmen, um an die Friedensinitiativen und besonders auch an die kirchliche Friedensdebatte anzuknüpfen. Diese ist ja angesichts der nuklearen Bedrohung nach dem Zweiten Weltkrieg von der Anti-Atombewegung in eine Bewegung zur generellen militärischen Abrüstung übergegangen. Gerade in den letzten Jahren sind in den Landeskirchen Gruppierungen auf stärkere Resonanz der Kirchenleitungen gestoßen, die sich für die Konversion von Rüstungsbetrieben einsetzen und den Waffenexport Deutschlands ablehnen. Diese Schritte sind aber weitestgehend im Verborgenen geschehen. Noch häufig ist dieses Thema in den Kirchen zu brisant, um öffentlich verhandelt zu werden.</p>
<p>Im Blick auf die Friedensdebatte sind durchaus interessante Fortschritte zu verzeichnen. Zum Beispiel hat die Evangelische Landeskirche in Baden ein Positionspapier zur Friedensethik erarbeitet, das Wege aufzeigt zu einer friedlicheren Welt (vgl. den <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/kirche-des-gerechten-friedens/">Beitrag von Karen Hinrichs in diesem Heft</a>). Es wird hier auf die biblischen Grundlagen verwiesen: „Überwinde das Böse mit dem Guten“, heißt es zum Beispiel im Römerbrief. Jesus ruft in der Bergpredigt zur aktiven Gewaltfreiheit auf. Er preist die Friedensstifter selig und warnt bei seiner Festnahme vor dem Gebrauch militärischer Gewalt.</p>
<h2>Konzept des gerechten Friedens</h2>
<p>Grundsätzlich ist in den Kirchen eine Abkehr vom Konzept des gerechten Krieges erfolgt. Vielmehr ist heute das Konzept des gerechten Friedens zur Grundlage der christlichen Friedensethik geworden. Man solle auf gewaltfreie Konzepte und Instrumente der Krisenprävention setzen, heißt es auch bei den kirchlichen Hilfswerken. Die Lösung zentraler ökologischer, sozialer, ökonomischer und friedenspolitischer Probleme sei die Voraussetzung für eine friedliche Zukunft.</p>
<p>Auch im Positionspapier der Evangelischen Landeskirche in Baden werden ganz konkrete Ansätze genannt, um Wege zu einer friedlichen Welt zu eröffnen. Diese Ansätze müssen weiterentwickelt werden, anstatt in den Dilemmata aktueller Krisen gefangen zu bleiben. Diese Kriege und Krisen haben politische, soziale, ökonomische und ökologische Ursachen, die man gemeinsam angehen muss. Dieser Forderung gegenüber verschließt aber die Mehrheit die Augen. Erst wenn sich hier neue Denkansätze durchsetzen, gewinnt die Friedensdebatte in den Kirchen auch breiteren Raum und wirkt in die Öffentlichkeit hinein.</p>
<p>Es ist traurig, wie wenig Resonanz der „ökumenische Aufruf zum gerechten Frieden“ von 2011 in den deutschen Kirchen und in der deutschen Öffentlichkeit hatte. Hier wird Grundsätzliches gesagt: „Der Weg des gerechten Friedens unterscheidet sich grundlegend vom Konzept des gerechten Krieges und umfasst viel mehr als den Schutz von Menschen vor ungerechtem Einsatz und Gewalt; außer Waffen zum Schweigen zu bringen, schließt er soziale Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und Sicherheit für alle Menschen ein“. Dieser Aufruf erscheint drei Jahre später aktueller denn je. Es geht darum, die globalen Herausforderungen ernsthaft anzugehen.</p>
<p>Seit längerem wird dagegen in der öffentlichen Debatte die mangelnde Akzeptanz militärischer Gewalt in der deutschen Öffentlichkeit beklagt und der „diffuse Ganzkörperpazifismus“ in der deutschen Gesellschaft vehement kritisiert. So heißt es in einem Kommentar im „Tagesspiegel“ aus dem Jahr 2012: „Statt also immer von Neuem die pazifistische Melodie zu singen wäre es klug, eine politische zu intonieren – weil eben militärische Gewalt nicht an sich schlecht, sondern nur als falsche Politik schlecht ist. Das aber setzt voraus, dass die Deutschen wieder eine Tatsache akzeptieren lernen, die Bismarck in seiner Regierungserklärung als preußischer Ministerpräsident 1862 in die berühmten Worte fasste: ‚Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut‘“. Da wird an den Eisernen Kanzler Bismarck angeknüpft, um Deutschland größeres Gewicht in der EU zu verschaffen. Und das soll durch militärische Stärke geschehen.</p>
<h2>Rüstungsexport zum Thema machen</h2>
<p>Aufmerksamkeit verdient im Blick auf die Debatte um Frieden und Pazifismus die 2011 gegründete Kampagne „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“. Margot Käßmann ist Schirmherrin der Kampagne, die von einem sechzehn Organisationen umfassenden Trägerkreis gestützt wird. Dabei sind wichtige kirchliche Organisationen wie Brot für die Welt, Misereor, Pax Christi, die Aktion Hoffnung der Diözese Rottenburg-Stuttgart oder der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).</p>
<p>Auf der Homepage heißt es: „Um zu zeigen, wo in Deutschland Waffen produziert werden, welche Manager diese Rüstungsunternehmen leiten, wem sie gehören und wer die Nutznießer sind, wurden seit 2011 zahlreiche Aktionen direkt vor Ort bei den Rüstungsfirmen durchgeführt. Dadurch wurde der Rüstungsexport auch zu einem öffentlichen Thema gemacht“. Außerdem hat Jürgen Grässlin, einer der Kampagnensprecher, mit seinem im Juni 2013 erschienen <em>Schwarzbuch Waffenhandel</em> tiefe Einblicke in die Rüstungsgeschäfte eröffnet.</p>
<p>Ganz oben auf der Agenda steht die Forderung nach einem Verbot des Kleinwaffenexports. Diese werden von den Vereinten Nationen als wahre Massenvernichtungswaffen bezeichnet, denen pro Jahr 400.000 Menschen zum Opfer fallen. Ein Kernthema der „Aktion Aufschrei“ ist die Forderung nach einem grundsätzlichen Rüstungsexportverbot. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, wurden rund 95.000 Unterschriften gesammelt, die am 25. Februar 2014 dem Deutschen Bundestag überreicht wurden. Auf jeden Fall soll aus der Zivilgesellschaft heraus Druck gegen die deutsche Praxis des Rüstungsexportes aufgebaut und Alternativen zur Rüstungsproduktion aufgezeigt werden. Vom Stuttgarter Bürgerprojekt AnStifter wurde die „Aktion Aufschrei“ übrigens 2012 mit dem Stuttgarter Friedenspreis ausgezeichnet.</p>
<h2>Konflikte ohne Gewalt lösen</h2>
<p>Argumente für den Verzicht auf Gewalt liefert eine Studie, deren Ergebnis ist, dass gewaltfreie Kampagnen sowohl erfolgreicher als auch nachhaltiger sind. Die Untersuchung von Maria J. Stephan und Erika Chenoweth, einer ausgewiesenen Terrorismusexpertin, von 2011 hat den Titel <em>The strategic logic of conflict</em>. Chenoweth und Stephan haben nicht nur festgestellt, dass gewaltfreie Kampagnen erfolgreicher sind, sie haben auch die Gründe und Bedingungen dafür analysiert. Dafür haben sie vier Fallbeispiele herangezogen: Iran wischen 1977 und 1979, die erste palästinensische Intifada von 1987 bis 1992, das Philippine People Power Movement von 1983 bis 1986 und noch der Aufstand von Burma von 1988 bis 1990.</p>
<p>Gewaltfreie Kampagnen sind laut der Studie dann erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, breite Bevölkerungskreise anzusprechen. Diese sollten mit unterschiedlichen Methoden Widerstand leisten, aber auch bereit sein, die politischen Repressionen des Regimes auszuhalten. Grundsätzlich erscheint es wichtig, gewaltfreie Konfliktlösungsmodelle auf allen Ebenen, vom lokalen bis zum internationalen Bereich, zu entwickeln und Wege zu einer möglichen Entmilitarisierung aufzuzeigen.</p>
<p>Schließlich sind die Versuche, durch militärisches Eingreifen, Konflikte zu entschärfen, gründlich fehlgeschlagen, wie Afghanistan, Irak und Libyen auf grausame Art und Weise zeigen. Sie bringen vielmehr Gewalt hervor, die wiederum durch Gegengewalt bekämpft wird. So schaukeln sich die Konflikte gegenseitig hoch. Die Spirale der Gewalt dreht sich damit immer schneller. Libyen ist zum Kampffeld der Milizen geworden, der Irak ist zum Aufmarschfeld der IS-Terroristen, die ein grenzüberschreitendes Kalifat ausgerufen haben. Es herrscht Ratlosigkeit, wie die mit aller Brutalität gegen Andersgläubige vorgehenden Kämpfer des Islamischen Staats zu stoppen sind.</p>
<p>Man würde gern, wie dies Bertha von Suttner vor mehr als einem Jahrhundert getan hat, auch heute laut in die Welt hineinrufen: „Die Waffen nieder“. Damals hatte die Autorin den Nerv der Gesellschaft getroffen, die heftigste Diskussionen über Militarismus und Krieg führte. Suttner beschrieb den Schrecken des Krieges aus einer persönlichen Sicht. Heute sind wir durchaus in einer vergleichbaren Position. Mütter sind verzweifelt, weil ihre Söhne in den Krieg ziehen müssen. Gewaltsame Konflikte breiten sich wie ein Flächenbrand aus. Das zeigt, wie dringlich die Debatte über eine aktive Friedenspolitik und die Möglichkeiten ihrer Umsetzung ist.</p>
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		<title>Was sind „Friedensoptionen“?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:30:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Islamischer Staat]]></category>
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		<category><![CDATA[Waffenlieferungen]]></category>
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					<description><![CDATA[„...dass von Deutschland Friedensoptionen ausgehen und nicht Waffenlieferungen“, wünscht sich Margot Käßmann. Das klingt gut. Denkt man jedoch genauer über den Halbsatz nach, kommt man ins Grübeln: Was genau sind die „Friedensoptionen“, die hier als Alternative zu Waffenlieferungen genannt werden. Und können nicht im Extremfall auch Waffenlieferungen zumindest indirekt Friedensoptionen eröffnen?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„&#8230;dass von Deutschland Friedensoptionen ausgehen und nicht Waffenlieferungen“, wünscht sich Margot Käßmann. Das klingt gut. Denkt man jedoch genauer über den Halbsatz nach, kommt man ins Grübeln: Was genau sind die „Friedensoptionen“, die hier als Alternative zu Waffenlieferungen genannt werden. Und können nicht im Extremfall auch Waffenlieferungen zumindest indirekt Friedensoptionen eröffnen?</p></blockquote></div>
<p>Beginnen wir mit dem semantisch Verständlichen: Mit „Waffenlieferungen“ ist ein klares deutsches Wort gesprochen. Wir sehen vor uns Menschen, die Waffen, also Geräte, mit dem man andere Menschen in Schach halten, bedrohen, verletzten, töten, aber auch schützen und verteidigen kann, von einem Ort A nach B transportieren.</p>
<p>Waffen sind prinzipiell gefährlich. Wer immer eine Waffe führt, von dem verlangen wir, höchst verantwortlich damit umzugehen und nur im Notfall davon Gebrauch zu machen. Sagen wir, um sich selbst zu schützen, wenn andere Mittel der Verteidigung gegen eine Aggression auf Leib und Leben bereits ausgeschöpft sind; und um sich damit gegebenenfalls vor andere zu stellen, die von Gewalt bedroht und in ihrer Würde beeinträchtigt und deren existenzielle Interessen (zum Beispiel) auf Heimat und ein selbstbestimmtes Leben missachtet werden.</p>
<h2>Wer Waffen liefert, ist nicht per se ein Kriegstreiber</h2>
<p>Daraus scheint mir zu folgen: Wer Waffen liefern will, muss sich sehr genau überlegen, an wen, eine klare Begründung (das damit zu erreichende Ziel) definieren, dem entsprechende (und keine anderen Waffen!) schnellstmöglich vor Ort bringen und (kann dann nicht anders als) darauf vertrauen, dass die Waffen, wenn das Ziel erreicht ist, niedergelegt werden. Waffenlieferungen sind unter Umständen eine „Option“, blindwütiger Raserei und Menschenverachtung und größenwahnsinnigen Machtvorstellungen Einhalt zu gebieten. Waffenlieferanten sind das Gegenteil von Pazifisten. Das ist keine Frage. Aber sie sind noch lange keine Kriegstreiber oder Friedensgegner. Ihre „Option“ (oder ihr Motiv) kann durchaus lauter und ethisch vertretbar sein.</p>
<p>„Option“ ist das lateinische Wort für Wahl, Möglichkeit oder Entscheidung für einen bestimmten Weg. Soweit so klar. Die Verwendung von Fremdworten ist im Prinzip erst dann ein Problem, wenn damit der Anschein erweckt wird, etwas Bedeutendes gesagt zu haben, in Wirklichkeit aber einer Festlegung oder Entscheidung oder klaren Wahl ausgewichen und verschleiert wird, dass man selbst nicht so recht weiß, wofür man eintritt. Damit sind wir bei Margot Käßmanns „Friedensoptionen“, die von Deutschland ausgehen sollen, also dem semantisch Unklaren. Gesagt wird, ins Deutsche übersetzt, Deutschland soll Friedensmöglichkeiten (gleich noch im Plural!) aufzeigen, den verfeindeten Parteien Friedensvorschläge unterbreiten, wie sie ihren Konflikt friedlich, also ohne Waffeneinsatz, beilegen könnten. Semantisch unklar nenne ich das, weil die „Optionen“ keinen Inhalt haben, jedenfalls keinen auch nur mittelfristig operationalisierbaren.</p>
<h2>Wenn es brennt, braucht man die Feuerwehr</h2>
<p>Stattdessen hält Margot Käßmann der Berliner Politik den Spiegel ihrer Versäumnisse in der Vergangenheit vor: Wo sei die „prima ratio“ präventiver friedenspolitischer Maßnahmen für den Irak gewesen, als sich dessen Verfall abzeichnete, wodurch das Machtvakuum erst entstanden sei, in das der IS hineinstieß, fragt sie zum Beispiel in ihrem Oktober-ZDF-Interview. Räsonieren über ein Nichthandeln oder Wegsehen, als die Dinge sich (vielleicht!) durch Einflussnahme noch hätten anders entwickeln können, ersetzt kein Handeln in der Gegenwart. Wenn das Haus brennt, muss zuerst die Feuerwehr eingreifen, bevor man erforscht, ob die Brandschutzbestimmungen ausreichend waren oder nicht beachtet wurden. Natürlich muss man kritisch zurückblicken, um Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Ich muss aber auch die begrenzte „Reichweite“ solcher Rückblicke nüchtern zur Kenntnis nehmen: Sie reichen zum Beispiel von „nichts ist gut in Afghanistan“ bis Afghanistan als Territorium, von dem aus die Taliban ungestört Terroristen für weltweite Schläge trainieren und ausrüsten können, ist Vergangenheit (Walter Steinmeier in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau Mitte Oktober) .</p>
<h2>Ein IS-Terrorregime in Syrien und im Irak – und die Folgen?</h2>
<p>Der Bundestag hat beschlossen, an die irakischen Kurden Waffen zu liefern, damit diese ihre relative Autonomie im Irak verteidigen und ihren Beitrag dazu leisten können, dass Irak als Staat erhalten bleibt und nicht Teil eines Islamischen Staates (IS) werde. Der IS ist eine Terrororganisation, die mit einer Brutalität ans Werk geht, mit der sogar die Al Kaida oder die Al Nusra-Front nichts zu tun haben möchte. Er vertritt außerdem einen islamischen Alleinvertretungsanspruch – und diesen mit einer kompromisslosen Intoleranz gegen jedwedes alternative Verständnis des Islams (und gegenüber dem „Westen“ sowieso). Wer sich nicht fügen mag, muss weichen (wenn er sich nicht wehren kann). Der IS hat eine globale politische Zielsetzung. Seine unmittelbaren Ziele sind, den Irak und Syrien unter seine Gewalt zu bringen und dort sein Terrorregime zu errichten und zu konsolidieren. Soweit wir bisher erkennen können, entstünde hier eine Diktatur, in der alle Prinzipien eines humanen Zusammenlebens nichts mehr gelten würden. Aufgrund seines ideologischen (Allmachts- und Alleinvertretungs-)Anspruchs wäre der IS zum Beispiel eine Bedrohung der angrenzenden (islamischen)Türkei, eines Nato-Verbündeten, und würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Israel aggressiv herauszufordern versuchen. Mit Blick auf die Türkei wäre im Falle einer IS-Aggression der Bündnisfall gegeben, und Israels Existenzrecht ist „Teil der deutschen Staatsräson“ (Angela Merkel). Dass mit dieser Formel im Notfall auch ein militärisches Schutzversprechen gemeint ist, scheint mir außer Frage zu stehen. Da zeichnen sich Waffengänge am Horizont ab, gegen die die jetzigen Waffenlieferungen (an die irakischen Peschmerga) als eine womöglich geradezu präventive Aktion erscheinen.</p>
<h2>Wer nicht schießen will, muss reden – doch mit wem?</h2>
<p>Welche „Friedensoptionen“, die – in der Situation, wie sie ist &#8211; von Deutschland „ausgehen“ sollen, mag Margot Käßmann sich (darüber hinaus oder anstelle) vorstellen?</p>
<p>Soweit ich den Medien (Analysen von Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch) entnehmen kann, haben die syrischen Kurden in weitgehender Autonomie an der türkischen Grenze ein für diese Region erstaunliches und achtenswertes Gemeinwesen aufgebaut. Was, wenn nicht dieses, wäre schützenswert, wenn es in eine Notwehrsituation geraten ist? Wer sich nicht selbst schützend vor andere Menschen stellen will (oder kann), sollte ihnen Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Die ehemalige Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin, Katrin Göring-Eckardt, ging sogar soweit, die Zustimmung der UN vorausgesetzt, ein „Mitgehen“ der Bundeswehr ins Spiel zu bringen).</p>
<p>Und wer nicht schießen (lassen) will, muss reden. Worüber aber sollte mit dem selbsternannten Kalifen des IS Abu Bakir al Baghdadi geredet werden? Wer sollte das tun, und mit wem würde sich der „Kalif“ an einen runden Tisch setzen? Wer – wie Abu Bakir – einen Totalitätsanspruch erhebt, kann keine Kompromisse schließen. Wenn Kompromiss eine Kategorie der Politik und der Diplomatie ist, so ist mit einem totalitären Regime eine Verhandlungsbasis grundsätzlich ausgeschlossen.</p>
<p>Vielleicht könnte „die“ islamische Welt noch am ehesten mit den Führungsfiguren des IS einen Dialog versuchen, um ihnen klar zu machen, dass auch der Islam unterschiedliche Konfessionen kennt und respektiert und Minderheitenschutz und Grundsätze des internationalen und des Völkerrechts im Zusammenleben der Völker anerkennt und sich gegen diejenigen energisch zur Wehr setzen muss, die solche Regeln verachten und gewaltsam bekämpfen. Hierbei könnte der Iran eine wichtige Rolle spielen, was wiederum voraussetzen würde, dass der Westen im Atomstreit mit dem Iran zu größeren Konzessionen bereit wäre und dessen Führung nicht länger verteufelte. Vielleicht hätte hier Deutschland tatsächlich eine „Friedensoption“ mittelbarer Art.</p>
<h2>Der IS sollte als Machtfaktor jetzt ausgeschaltet werden</h2>
<p>Der IS sollte nicht irgendwann, sondern am besten jetzt gestoppt werden. Deutschlands – militärbefürwortende! – Option könnte in einer offenen Einflussnahme auf die Türkei bestehen, kampfwillige Kurden (aus dem Irak und aus der Türkei) über die türkischen Grenzen nach Syrien zu lassen und sie überdies mit Waffen aus Nato-Beständen bestmöglich für ihr Ziel auszurüsten, die IS aus den syrisch-kurdischen Autonomiegebieten zu vertreiben. Die Aktionen im Irak (am besten mit iranischer Unterstützung) gegen den IS, ihn gänzlich zurückzuschlagen, sollten mit deutscher Unterstützung (Waffenlieferungen und militärische Ausbildung und Beratung) weiterbetrieben werden.</p>
<p>Mir ist bewusst, dass mit einem Sieg über den selbsterklärten und von niemandem anerkannten Islamischen Staat die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten alles andere als gelöst wären. Aber wer alle auf einmal lösen will, ist zum Nichtstun verurteilt. Das aber ist gewiss keine friedensethische Option.</p>
<h2>Tolstois Stachel</h2>
<p>Im späten Sommer des Jahres 2014 lag ich entspannt an einem Strand der türkischen Ägäis und las in Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit Die Flucht zu Gott, Zweigs Epilog zu Leo Tolstois unvollendetem (autobiografischem) Drama „Und das Licht scheint in der Finsternis“. Zweig lässt zwei revolutionäre Studenten Tolstoi besuchen und diesen zur Rede stellen. Sie können nicht verstehen, warum er, der das Unrecht so überaus wirkungsvoll und treffend beschrieb und den die russische Jugend wie einen Heiligen verehrte, immer noch „lau“ bleibe angesichts der „ungeheuren Verbrechen der Regierung an unserm Volke“, warum er nicht „von seinem Schreibtisch“ aufstehe und „rückhaltlos an die Seite der Revolution“ trete. Tolstoi antwortet darauf: „Glaubt ihr denn wirklich, mit Euren Bomben und Revolvern das Böse endgültig aus der Welt zu schaffen? Nein, in euch selbst wirkt dann das Böse, und ich wiederhole euch, hundertmal besser ist es, für eine Überzeugung zu leiden, als für sie zu morden.“</p>
<p>Das klingt gut. Und da ist wohl viel Wahres dran. Und semantisch nicht zu beanstanden. Tolstois Formel hat einen konkreten Inhalt. Und ich mag kaum widersprechen. Ja, da war „die“ Welt für mich in Ordnung und meine innere Waage der ethischen Maßstäbe im Lot. Aber man kann auch nicht immer nach einer Erkenntnis das Buch zur Seite legen und im warmen Wasser schwimmen gehen.</p>
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		<title>Ein Vorbild in Sachen Pazifismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Margot Käßmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:29:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Bertha von Suttner]]></category>
		<category><![CDATA[Margot Käßmann]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer war diese Frau? Was kann sie uns heute bedeuten? Warum spricht eine Christin von einer Frau, die sich selbst als antiklerikal verstand? – Diesen Fragen geht Margot Käßmann in ihrer Gedenkrede nach, die sie im Rahmen des „Gothaer Friedensgesprächs“ zu Ehren Bertha von Suttner am 28. Juni 2014 in Gotha hielt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer war diese Frau? Was kann sie uns heute bedeuten? Warum spricht eine Christin von einer Frau, die sich selbst als antiklerikal verstand? – Diesen Fragen geht Margot Käßmann in ihrer Gedenkrede nach, die sie im Rahmen des „Gothaer Friedensgesprächs“ zu Ehren Bertha von Suttner am 28. Juni 2014 in Gotha hielt.</p></blockquote></div>
<p>Heute vor 100 Jahren wurde Bertha von Suttner hier beigesetzt. Vielleicht war es eine Gnade, dass sie kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges starb. Mehr als 20 Jahre lang hatte sie unermüdlich vor einem möglichen Krieg gewarnt. Sie hatte gehofft, die Menschheit könnte weise werden. Am Tag ihres Begräbnisses aber wurden in Sarajewo der österreichungarische Thronfolger und seine Ehefrau erschossen. Es begann ein entsetzlicher Krieg, der zehn Millionen Menschen das Leben kostete.</p>
<p>Drei Fragen: Wer war diese Frau? Was kann sie uns heute bedeuten? Warum spricht eine Christin von einer Frau, die sich selbst als antiklerikal verstand?</p>
<h2>1. Wer war diese Frau?</h2>
<p>Zunächst: Bertha von Suttner wird geboren als Komtesse Kinsky. In der jüngsten Biografie (Wien, 2013) schreibt Brigitte Hamann sehr eindrücklich, dass dies zwar ein schöner Titel war. Ihre Mutter aber war nicht adeliger Herkunft und ihr Vater starb 75jährig kurz vor ihrer Geburt – Bertha galt als eine Art „,Bastard‘ der Familie Kinsky“. Dieses Grundgefühl wird sie geprägt haben als Erfahrung von Ausgrenzung und Unrecht. Dies steigert sich noch, als sie 1876 den sieben Jahre jüngeren Arthur Gundaccar heimlich heiratet und mit ihm von Idealismus getrieben für Jahre in den Kaukasus geht. Ihr Leben lang werden Bertha von Suttner Geldsorgen ebenso wie die Erfahrung von Ausgrenzung begleiten… Noch einmal Brigitte Hamann: „Wie ihre Mutter sehnte sich Bertha zeitlebens danach, reich zu sein.“</p>
<p>Wie wird eine solche Frau zur glühenden Pazifistin? Kriegserlebnisse hatte sie nicht gemacht. Alfred Nobel suchte eine Haushälterin. Bertha von Suttner bewarb sich um die Stelle. Auch wenn sie nur kurz blieb, weil sie mit ihrem Mann in den Kaukasus floh, entstand eine lebenslange Freundschaft. Bertha lernte auch durch Nobel unterschiedliche Kreise kennen, erfuhr von den Friedensgesellschaften und Friedensvereinen in Deutschland, England, Frankreich und Dänemark. Die Idee begeistert sie und lässt sie in ihr Buch „Das Maschinenzeitalter“ ein Kapitel einfügen, in dem sie schreibt, der Militarismus habe „eine solche Höhe und Blüte erreicht, wie im Mittelalter die Kirchenmacht – ein Zusammenbruch des wachsenden Wehrwahnsinns in kurzer Frist war unvermeidbar.“</p>
<p>Darauf folgt ihr bekanntestes Werk, die zweibändige fiktive Autobiografie einer Adligen unter dem Titel <em>Die Waffen nieder</em>. Drastisch beschreibt sie die Realität des so genannten Heldentodes: „Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem Felde liegen bleibt und da ungefunden durch vier oder fünf Tage und Nächte an Durst, Hunger, unter unsäglichen Schmerzen, lebend verfaulend, zugrunde geht – dabei wissend, daß durch seinen Tod dem besagten Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden – ich möchte wissen, ob er die ganze Zeit über mit jenem Rufe (‚Für das Vaterland‘) gern stirbt.“ Noch einmal Hamann: „Schonungslos enthüllt Suttner die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungs- und Mutprobe für den Mann bagatellisiert und verherrlicht. Sie geißelt die Leichtfertigkeit, mit der die Mächtigen einen Krieg riskieren, um ihre angebliche ‚Ehre zu retten. Sie kritisiert die Kirche, die die Waffen segnet und die Naivität des Glaubens, Gott würde im Krieg helfen: ruft doch der Gegner denselben Gott an.“</p>
<p>Bertha von Suttner wurde zur unermüdlichen Friedensaktivistin. Sie freute sich, als sie den Begriff Pazifistin für sich entdeckte. Das klang besser als „Friedensfreundin“, fand sie. Und sie hatte ja Recht. In Reisen, Konferenzen, Gesprächen warb sie für den Frieden. Als Alfred Nobel 1897 starb, hoffte sie, er habe der Friedensbewegung eine große Summe Geldes hinterlassen. Er aber hatte sein Geld für einen Fond bestimmt, aus dessen Zinsen fünf Preise an Menschen zu vergeben seien, „die für das Wohl der Menschheit Ersprießliches geleistet hätten, und zwar auf dem Gebiet der Physik, der Chemie, der Medizin, der Literatur“ und des Friedens. Der erste Friedensnobelpreis wurde 1901 an Frédéric Passy und Henri Dunant verliehen. Bertha von Suttner musste noch vier Jahre warten. 1905 wurde er ihr als erster Frau zuerkannt.</p>
<h2>2. Was kann uns diese Frau heute bedeuten?</h2>
<p>Erst einmal: Sie war mutig genug, gegen den Strom zu schwimmen. Es gab viel Häme ihr gegenüber. Die Kriegslobby war stark und hatte auch ökonomische Interessen. Pazifisten gelten da schnell als „Träumer und Spinner“. Ich kann nicht verstehen, warum. Wir haben nicht nur den Ersten, auch den Zweiten Weltkrieg im Gedächtnis der vergangenen hundert Jahre. Nicht nur 10, nein 37 Millionen Tote! Danach gab es die Hoffnung: Nie wieder Krieg. Stattdessen erlebten wir die Wiederbewaffnung von Armeen in Deutschland Ost und West.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ich kann nicht verstehen, warum Pazifisten als „Träumer und Spinner“ gelten.</p></blockquote></div>
<p>Ganz aktuell sehen wir fassungslos auf die Bürgerkriege in Syrien und dem Sudan, die kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak. Und wieder scheint es nur eine Antwort zu geben: Abschreckung und militärisches Eingreifen, heute gern unter dem Titel „aus humanitären Gründen“. Bertha von Suttner war überzeugt, Frieden lasse sich nicht durch Abschreckung, sondern allein durch „internationale Vereinbarung, Verhinderung der Kriegsursachen, Abbau von Feindbildern, internationale Verständigung“ erreichen. Diese Hoffnung ist über die 100 Jahre Distanz die gleiche geblieben.</p>
<p>Immer wieder heißt es, militärische Gewalt sei das alternativlos letzte Mittel. Das finde ich fatal, weil dadurch im Vorfeld viel weniger energisch nichtkriegerische, zivile Mittel zur Überwindung der Gewalt genutzt werden. Es wird darum gehen, zivile Konfliktlösung zu trainieren, endlich Geld und Kraft und Zeit in deeskalierende und vorbeugende Bearbeitung von Konflikten zu investieren. Gewaltfreie Konfliktbewältigung ist kein Kinderspiel, Prävention und Mediation müssen gelernt werden. Friedensdienste müssen auch finanziert und personell ausgestattet werden!</p>
<p>Allein 2010 wurden 65,8 Milliarden US-Dollar für den Krieg im Irak ausgegeben. Der Auslandseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan kostete im Jahr 2011 1,28 Milliarden Euro. Da darf doch gefragt werden, welche Friedensinvestitionen denn mit derartigen Summen möglich wären! Das hat aber noch nie eine Chance auf Umsetzung erhalten. Stattdessen werden Eskalationen hingenommen, bis schließlich mit „humanitärer Intervention“ oder gar „Präventivkrieg“ argumentiert wird.</p>
<p>Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI (7. Juni 2011) betrugen die Militärausgaben der USA 2010 insgesamt 698 Milliarden Dollar, weltweit wurden für militärische Zwecke 1,6 Billionen Dollar (rund 1,1 Billionen Euro) ausgegeben. Wenn derartige Summen in Friedensmaßnahmen investiert würden, in Prävention und vor allem in die Entwicklung der verarmten Länder dieser Erde, gäbe es ganz neue Perspektiven für Frieden und Gerechtigkeit. Die UNO erklärt, es würden „nur“ 55 Milliarden US Dollar benötigt, um die unmittelbaren Bedürfnisse der Hungernden und Armen auf der Welt zu befriedigen. Überwindung von Gewalt – das bedeutet, Armut, Unterdrückung und Unbildung den Nährboden zu entziehen, der dann wiederum zum Nährboden für Hass wird. Dazu haben die Religionen immer wieder zu mahnen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Krieg ist für mich nicht ultima ratio, weil ratio Vernunft heißt.</p></blockquote></div>
<p>Krieg ist für mich nicht ultima ratio, weil ratio Vernunft heißt. Und im Krieg setzt die Vernunft aus. Da vergewaltigen serbische Männer ihre bosnischen Nachbarinnen. Da wird mit der „Wilhelm Gustloff“ ein Schiff mit über 9.000 Flüchtlingen an Bord versenkt. Da metzeln Hutu Tutsi in einer Kirche nieder. Da lassen argentinische Generäle Menschen zu Tode foltern und Kinder verschwinden. Da werden in Mosambik Kinder zu Soldaten gemacht und dazu gezwungen, ihre eigenen Eltern zu töten, weil sie so besonders grausame Kämpfer werden. Da verhungern und erfrieren in und um Stalingrad Tausende – ja, wofür denn und für wen? Krieg ist das Ende aller Vernunft und setzt zerstörerische Kräfte frei, die kaum wieder zu bändigen sind. Bertha von Suttner ist zuzustimmen, wenn sie an Alfred Nobel schreibt: „Nennen Sie doch unsere Friedenspläne nicht immer einen Traum. Fortschritt hin zu Gerechtigkeit ist gewiß kein Traum, es ist das Gesetz der Zivilisation.“</p>
<h2>3. Warum spricht eine Christin von einer Frau, die sich selbst als antiklerikal verstand?</h2>
<p>Ich bewundere Bertha von Suttner. Sie wurde als „Friedensbertha“ belacht, ließ sich aber nicht beirren. Sie hat viele Rückschläge erlitten, etwa als der Zar nicht zum Friedensboten wurde, den sie erhoffte, aber sie hat sich weiter engagiert. Sie hatte den Mut, an ihren Traum zu glauben.</p>
<p>Wir haben nicht viele Vorbilder in Sachen Pazifismus. Und Frauen schon gar nicht. Und es fehlt uns an Menschen, die widerständig sind. Wir müssen uns den Kriegstaumel jener Jahre anschauen. So sagte am 2. August 1914 der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Döhring in einem Gottesdienst auf den Stufen des Berliner Reichstages vor einer großen Menschenmenge:</p>
<p><em>Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht – ich möchte fast sagen handgreiflich – die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: ‚Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!</em> (Manfred Gailus: <em>„Ein Feld weiß und reif zu einer Geistesernte liegt vor uns!“. Deutsche Protestanten im Ersten Weltkrieg</em>. In: <em>Johannes Lepsius – eine deutsche Ausnahme</em>, Göttingen 2013, S. 95ff.; S. 99.)</p>
<p>Bei solcher Predigt graust es mir und ich habe keine Ahnung wie der Kollege damals diese Kriegstreiberei mit dem Gott des Friedens, mit der Botschaft Jesu, mit dem Neuen Testament hat in Verbindung bringen können. Auf allen Seiten waren die Kirchen Europas Teil eines national verblendeten Getöses. Doch es gab Ausnahmen. So sandte der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom im September 1914 von Uppsala aus einen Friedensaufruf an die Kirchenverantwortlichen Europas. Deren Reaktionen allerdings sind aus heutiger Sicht beschämend. Deutschen, französischen und britischen Kirchenleitern war die Verbundenheit zu ihrer jeweiligen Nation wichtiger als die christliche Friedensbotschaft.</p>
<p>Aber wir können sagen: Es gibt eine Lerngeschichte unserer Kirche, eine Lerngeschichte der Reformation. Wenn wir in diesem Jahr das Schwerpunktthema „Reformation und Politik“ bearbeiten, wird uns bewusst, wie stark der Wandel ist. War der Protestantismus vor hundert Jahren noch absolut dem Kaiser als Oberhaupt der Kirche verbunden, wurde anschließend die Weimarer Republik vehement abgelehnt und später der Nationalsozialismus mehrheitlich bejaht, so sind wir heute froh über die Trennung von Staat und Kirche und die jeweilige Freiheit, die das bringt.</p>
<p>Der Protestantismus heute bejaht sehr bewusst die Demokratie mit Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit. Die Evangelische Kirche spricht nicht mehr von „gerechtem Krieg“, sondern allein von „gerechtem Frieden“. Und die Evangelischen haben auch gelernt, dass es auch gilt, widerständig zu sein. Das haben uns diejenigen gelehrt, die aus Glaubens- und Gewissensgründen im so genannten Dritten Reich Widerstand geleistet haben, als unsere Kirche mehrheitlich versagt hat und sich nicht schützend vor die verfolgten Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexuellen stellte. Das haben uns aber auch diejenigen gelehrt, die in der DDR die Türen weit aufgemacht haben für freie Rede, Auseinandersetzung und Kritik auch am Staat und so eine friedliche Revolution möglich gemacht haben.</p>
<p>Gerade, wenn wir in diesen Tagen mit Bangen auf die Ukraine schauen, ist es wichtig, die Stimme des Friedens zu erheben. Es kann doch nicht wahr sein, dass 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa wieder Kriegsangst herrscht! Da haben wir anzumahnen, dass alle sich gemeinsam an einen Tisch setzen, gewaltfreie Lösungen für Konflikte gefunden und die Interessen in einen Ausgleich gebracht werden. Europa und gerade auch wir Deutschen wissen, welche Zerstörung Krieg mit sich bringt. Die deutschen Kirchen wurden 1948 eingeladen, Gründungsmitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen zu werden und haben mit den anderen Kirchen der Welt erklärt: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“</p>
<p>Ich kann mir keinen Prediger und keine Predigerin vorstellen, die heute reden, wie Döhring damals. „Frieden!“ oder auch nach dem Vorbild der friedlichen Revolution von vor 25 Jahren: „Keine Gewalt!“ – das gilt es zu rufen, zu mahnen, zu erarbeiten. Wo wir das tun, folgen wir dem nach, der gesagt hat: „Selig sind, die Frieden stiften“. Wenn heute von mehr internationaler Verantwortung die Rede ist, kann es doch nicht um mehr militärische Verantwortung Deutschlands gehen, sondern allein um mehr Friedensverantwortung!</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wenn heute von mehr internationaler Verantwortung die Rede ist, kann es doch nicht um mehr militärische Verantwortung Deutschlands gehen, sondern allein um mehr Friedensverantwortung!</p></blockquote></div>
<p>Das ist meine Motivation, mich für den Frieden zu engagieren. Ich tue das gern auch gemeinsam mit Menschen, die andere Motive haben. Es gibt nicht viele Vorbilder wie gesagt. Bertha von Suttner ist eines. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges schrieb Stefan Zweig: „Aber eben diese Frau, von der man meinte, sie habe nichts als ihre drei Worte der Welt zu sagen, … wußte ja …. Um die fast zernichtende Tragik des Pazifismus, daß er nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Kriege wahnwitzig, im Frieden kraftlos ist und in der Kriegszeit hilflos. Dennoch hat sie es auf sich genommen, zeitlebens für die Welt ein Don Quichotte, der gegen Windmühlen ficht“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Danke, Friedensbertha!</p>
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		<title>„Man hat ein Gehirn und denkt nicht“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marita Hecker]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2018 11:24:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 24. Jahrgang, Heft 4, November 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Bertha von Suttner]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensbewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Friedensgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
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					<description><![CDATA[„Die Waffen nieder!“ mit diesem Aufruf hat sich Bertha von Suttner 1889 in den Kampf gegen den Krieg gestürzt. Mit all ihrer Kraft, ihrer Intelligenz, ihrem Ehrgeiz setzte sie sich für den Frieden ein. Schonungslos enthüllte sie die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungsprobe nahm und verherrlichte. Dafür erhielt sie 1905 als erster Frau den Friedensnobelpreis. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Die Waffen nieder!“ mit diesem Aufruf hat sich Bertha von Suttner 1889 in den Kampf gegen den Krieg gestürzt. Mit all ihrer Kraft, ihrer Intelligenz, ihrem Ehrgeiz setzte sie sich für den Frieden ein. Schonungslos enthüllte sie die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungsprobe nahm und verherrlichte. Dafür erhielt sie 1905 als erster Frau den Friedensnobelpreis. </p></blockquote></div>
<p>Bertha von Suttner hatte einen unbestechlich klaren Blick für die Hölle, die sich die Menschen mit ihren Kriegen bereiten. Sie sah voraus, dass ein Krieg mit moderner Waffentechnik von keiner Seite mehr zu gewinnen sei. Sie erklärte den Krieg für den Gipfel der Unmoral. Er wälze alles Gute nieder und bedeute das Ende jeder gewachsenen Kultur. Sie sprach offen aus, dass sich die Kirche mitschuldig macht, wenn sie Waffen segnet und den Glauben nährt, Gott würde im Krieg helfen.</p>
<p>Bertha von Suttner war über 45 Jahre alt, als sie begann, sich mit ihren Schriften und Reden für den Frieden einzusetzen. Und es war ihr wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen worden, dass gerade sie einmal als die erste Friedensnobelpreisträgerin in die Geschichte eingehen sollte. Als Tochter eines Generals schwärmte sie in jungen Jahren selbst für Fahnen und Uniformen und schnittige Offiziere.</p>
<p>Mehr noch: Kriege spielten als Ereignis für sie überhaupt keine Rolle. Sie habe, so berichtet sie rückblickend in ihren Memoiren, wie viele die „naive Auffassung geteilt, daß Kriege Dinge sind, die sich ebenso notwendig und regelmäßig und außer aller menschlicher Einflußsphäre abspielen, wie Vorgänge im Erdinnern und am Firmament; man hat sich also darüber nicht zu ereifern. Und spielen sie sich in der Ferne ab, so ist es schon gar wie der Zusammenstoß zweier Gestirne – das geht einen doch gar nichts an, dadurch wird man sich in seinen Beschäftigungen und Vergnügungen nicht stören lassen.“ Später kommentierte sie diese Zeit mit den Worten: „Man hat Ohren und hört nicht. Man hat Augen und sieht nicht.“ Und, so fügte sie hinzu, „man hat ein Gehirn und denkt nicht“.</p>
<h2>Zwischen spielsüchtiger Mutter und reichem Traummann</h2>
<p>Als junge Frau war Bertha vor allem auf eines aus: auf eine gute Partie. „Zufliegende Herzen und Heiratsanträge, eine Begegnung des Einen, Einzigen, dem auch mein Herz zufliegen würde, weil er der Vornehmste, Schönste, Gescheiteste, Reichste und Edelste von allen wäre. Was er mir bieten würde, und ich ihm auch reichlich zurückzahlen –, das wäre vollkommenes und lebenslängliches Glück“.</p>
<p>Dass dieser Traummann der Reichste sein sollte – dahinter stand auch der Wunsch, sie selbst und ihre Mutter, die früh verwitwet war, aus allen finanziellen Nöten zu reißen. Denn Berthas Mutter hatte eine kostspielige Leidenschaft: Sie zog mit ihrer jungen Tochter von einer Spielbank zur anderen und sorgte so dafür, dass immer Ebbe in der Kasse war.</p>
<p>Schließlich blieb Bertha, als sie dreißig Jahre alt war, nichts anderes übrig, als zu arbeiten. Dabei half ihr ihre ausgezeichnete Bildung. Sie fand eine Stellung als Erzieherin im Haushalt des Freiherrn von Suttner, befreundete sich mit den vier Töchtern, die sie zu erziehen hatte – und auch mit dem jüngeren Sohn, dem charmanten, sieben Jahre jüngeren Arthur von Suttner. Sie verliebte sich in Arthur, der gerade für sein Jura-Examen büffelte, und er sich in sie. Es kam heraus – und „mit eisiger Kälte, aber mit aller Zartheit“ gab die Baronin von Suttner der Erzieherin zu verstehen, dass sie jetzt ihre Koffer packen und sich eine neue Stelle suchen müsse. Der Grund war nicht nur der Altersunterschied, sondern auch die magere Mitgift, die von Bertha zu erwarten war.</p>
<h2>Begegnung mit Alfred Nobel</h2>
<p>Zum Abschied drückte die Baronin von Suttner Bertha eine Zeitungsannonce in die Hand: „Ein sehr reicher, hochgebildeter älterer Herr, der in Paris lebt, sucht eine sprachkundige Dame, gleichfalls gesetzten Alters, als Sekretärin und Oberaufsicht des Haushalts.“ Der „ältere Herr“ war niemand anderes als Alfred Nobel, der Mann, der das Dynamit erfunden hat und später den Nobelpreis stiftete. Zudem: der ältere Herr war zu diesem Zeitpunkt noch nicht 43 Jahre alt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Ein Superidealist, der Philosophie besser verdaut als Essen</p></blockquote></div>
<p>Nachdem er einige Briefe von Bertha erhalten hatte, war er davon überzeugt, dass ihre Qualifikationen seinen Erwartungen entsprachen. Sie war als österreichische Aristokratin ja gewohnt, sich in vornehmen Salons zu bewegen. Beide verstanden sich auf Anhieb. Nobel lebte sehr zurückgezogen und widmete sein Leben einzig seiner Studie, seinen Büchern und Experimenten. Er selbst beschreibt sich als „Misanthrop und doch äußerst wohlwollend“. Er „habe eine Menge Schrauben locker und [sei] ein Superidealist, der Philosophie besser verdaut als Essen.“ Er spürte einen Widerwillen dagegen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen: „Es kommt mir erbärmlich vor, in der bunten Sammlung von 1400 Millionen zweibeinigen, schwanzlosen Affen, die auf unserem kreisenden Erdprojektil herumlaufen, jemand oder etwas sein zu wollen.“</p>
<h2>Eheschließung und erste publizistische Tätigkeit</h2>
<p>Die Begegnung der beiden begann sehr hoffnungsvoll. In Bertha hatte Nobel eine inspirierende Gesprächspartnerin gefunden, dazu noch eine äußerst attraktive. Sicherlich hat auch er erst einmal ein Auge auf die attraktive, gebildete Frau geworfen. In einem Gespräch fragte er sie: „Sind Sie freien Herzens?“ – „Nein, antwortete ich aufrichtig.“</p>
<p>Schließlich erzählte sie ihm ihre ganze Liebesnot. Er gab ihr den Rat, auch den Briefwechsel mit dem geliebten Arthur abzubrechen. „Den Briefwechsel abbrechen? Das konnte ich nicht&#8230;“, gestand sie sich. Nach einer Woche verließ sie ihre Stellung wieder, fuhr zurück nach Wien und traf den Geliebten dort in einem Hotel, wo sie sich in die Arme fielen – happy end. Heimlich ließen sie sich trauen und fuhren in den Kaukasus. Dort verdienten sie ihren Lebensunterhalt in den folgenden Jahren mit Sprach- und Musikunterricht sowie mit ersten journalistischen Arbeiten.</p>
<p>Neun Jahre später kehrten sie nach Österreich zurück. Die Familie Suttner hatte dem Paar längst vergeben. In Schloss Harmannsdorf, dem Familiensitz der von Suttners, bekamen sie „die schönsten Wohnzimmer“ zugewiesen. Beide setzten dort ihre schriftstellerische Arbeit fort. Bertha veröffentlichte pseudonym eine sehr beachtete Schrift unter dem Titel <em>Das Maschinenzeitalter</em>, eine Art Generalabrechnung mit Politik, Schulwesen und Stellung der Frau in der Gesellschaft.</p>
<h2>Beginn des Engagements für die Friedensbewegung</h2>
<p>1887 kam Bertha von Suttner in Kontakt mit der Internationalen Friedensbewegung in London. Im Bemühen, der Friedensliga einen Dienst zu leisten, schrieb sie die Erzählung <em>Die Waffen nieder!</em> Sie wollte bewusst keine abstrakte Abhandlung zu diesem Thema verfassen, um desto mehr Menschen zu erreichen und um dem „Schmerz Ausdruck zu geben“, den ihr die Vorstellung des Krieges verursachte.</p>
<p>Als das Buch fertiggestellt war, musste sie erleben, dass sie zunächst keinen Verlag fand, der es publizieren wollte. „Gnädige Frau! Mit Bedauern sehen wir uns veranlasst, Ihnen das Manuskript zurückzuschicken. Große Kreise unserer Leser würden sich durch den Inhalt verletzt fühlen.“ Es sei ganz ausgeschlossen, dieses Werk in einem Militärstaat zu veröffentlichen. Bis sich schließlich doch ein wagemutiger Verleger fand – der es nicht bereuen musste. Denn <em>Die Waffen nieder!</em> wurde ein Bestseller – in viele Sprachen übersetzt.</p>
<p>Bertha selbst hatte ja noch nie wirklich die Schrecknisse des Krieges miterlebt. Sie hatte, wenn auch mitunter arm, sehr komfortabel gelebt. Aber das war für sie kein Hindernis, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. „Nicht eigenes Leid lastete auf uns, sondern das Leid der Welt. Man glaubt immer, daß nur Menschen, die selber unglücklich sind, für das fremde Unglück Verständnis haben, und nennt das die harte Schule des Leidens. Bei uns war das anders; was immer wir von tiefem Mitleid, von heißen Wünschen, zu helfen und zu bessern empfunden haben, das hatte seine Wurzel in der Freude, die wir am Leben und seinen Schönheiten empfanden.“</p>
<p>Bertha von Suttner sprach gerne von ihrer „Berufung“, die sie für die Friedensbewegung plötzlich gefühlt habe. Sie war voller Hoffnung, dass „das zwanzigste Jahrhundert nicht zu Ende gehen werde, ohne dass die menschliche Gesellschaft die größte Geißel – den Krieg – als legale Institution abgeschüttelt haben werde. Der erste Schritt dahin: die Gründung von Friedensgesellschaften, zunächst einer österreichischen, die dann am Internationalen Friedenskongress in Rom 1891 teilnehmen sollte.</p>
<h2>Gründung der österreichischen und deutschen Friedensgesellschaft</h2>
<p>Bertha mobilisierte zu diesem Zweck zunächst ihre alte Verbindung zum Adel, zu Künstlern und Schriftstellern. Vor allem aber nutzte sie ihren Kontakt zu Alfred Nobel, der ihr mit Rat und vor allem mit Geldspenden zu Seite stand. Wesentlich skeptischer und pragmatischer als sie, beschrieb er den ihm möglich erscheinenden Weg zum Frieden so: „Ich glaube, es fehlt weniger an Geld als am Programm. Wünsche allein sichern nicht den Frieden. Es ist nötig, den Regierungen einen akzeptablen Plan vorlegen zu können &#8230; Man müsste sich mit bescheideneren Anfängen zufrieden geben, um zum Erfolg zu gelangen.“</p>
<p><div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Keine Politik! Keine Parteien! Die Politik trennt, wir wollen vereinen.</p></blockquote></div> Am 30. Oktober 1891 war es soweit: Die österreichische Friedensgesellschaft wurde gegründet. Präsidentin war Bertha von Suttner, Mitgliederzahl: 2000. Allerdings stellte sich schon sehr bald heraus, welche Schwierigkeiten diese nationalen Friedensgesellschaften einander machen sollten. Das „selige Zusammensein in einer Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Menschenliebe“, wurde sofort überschattet von allen möglichen Zänkereien und widersprüchlichen politischen Forderungen. So wollten natürlich die französischen Friedensfreunde sich mit dem Status von Elsass-Lothringen nicht zufrieden geben. Umsonst mahnte Bertha: „Keine Politik! Keine Parteien! Die Politik trennt, wir wollen vereinen.“</p>
<p>Kein Prominenter war vor ihrer Idee sicher. Sogar Johann Strauß wollte sie für ein Engagement gewinnen. Sie bat ihn um einen Walzer mit dem Titel „Weiße Taube“ und räumte ein: Wenn er den Walzer „Friedenswalzer“ nennen würde, gäbe es wohl keine Chance, dass Militärkapellen diesen spielten und Offiziere dazu tanzten. Mehr Glück hatte sie bei Franz von Suppé: Er schrieb einen Männerchor „Die Waffen nieder!“.</p>
<p>Ihr nächstes Ziel war dann die Bildung einer deutschen Friedensgesellschaft in Berlin. Auch dabei blieb Elsass-Lothringen ein Hauptproblem: Wie sollten Deutsche und Franzosen zu gemeinsamer Arbeit bewegt werden? „Alle schönen Ideale von Übernationalität und kosmopolitischem Friedensdenken“ drohten ja immer wieder am Nationalismus zu scheitern. Ständiger Ärger, auch in den eigenen Reihen, verbitterte sie zunehmend, sodass sie nach ein paar Jahren daran dachte, ihre Energie nicht länger in das Engagement für diese Bewegung zu stecken. Überhaupt stand sie dem Vereinswesen immer kritischer gegenüber, von dem sie anfangs so begeistert gewesen war. Nach zehn Jahren meinte sie, solle die Friedensarbeit endlich aus dem Stadium der „Vereinsmeierei“ herauskommen, um eine Volksbewegung zu werden.“</p>
<h2>Engagement gegen den Antisemitismus</h2>
<p>Parallel zur Friedensbewegung engagierte sich das Ehepaar von Suttner auch noch für ein anderes Ziel: die Abwehr des Antisemitismus. In der festen Überzeugung: Bevor es einen Frieden nach außen geben kann, muss es einen nach innen geben. Gerade in den 1880er Jahren gab es Judenpogrome im Zarenreich, die viele Juden zur Auswanderung zwangen nach Berlin, Budapest, Wien – mit der Folge, dass auch hier Antisemitismus aufbrach. 1882 trat in Dresden der „Erste internationale antijüdische Kongress“ zusammen und rief in einem Manifest zum Kampf gegen die Juden auf. Bertha war derart entrüstet darüber, dass sie sofort eine Gegenschrift verfasste und sich gegen den gerade auch in Österreich zunehmenden Antisemitismus zur Wehr setzte in der festen Überzeugung: „Nicht nur die Betroffenen müssen reagieren; auch die Unbeteiligten, wo immer sie ein Unrecht sehen. Ihr Schweigen ist Mitschuld und beruht zumeist auf denselben Motiven wie das Schweigen der Betroffenen: nämlich auf Ängstlichkeit.“</p>
<p>Auch bei ihrem Engagement gegen den Antisemitismus wehte Bertha von Suttner ein rauer Wind entgegen. Immer wieder bekam sie Drohbriefe: „Ich erhalte jetzt immer öfters anonyme Schmähbriefe. Gewöhnlich von antisemitischem Geist durchweht. Und daneben immer den freundlichen Hinweis auf Kochlöffel und Strickstrumpf“ – dem eigentlichen und angemessen Betätigungsfeld der Frau. Ihren Kampf gegen den Antisemitismus schätzten allerdings Bertha und die Vereinsmitglieder viel zu optimistisch ein. Sie waren überzeugt, der Antisemitismus in Österreich liege in seinen letzten Zügen.</p>
<h2>Unermüdlicher Kampf bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs</h2>
<p>Bertha von Suttner wusste, dass man sie für eine „Närrin“ hielt, wenn sie gegen den Krieg, gegen religiösen Fanatismus, Menschenrechtsverletzungen und die Benachteiligung der Frau ins Feld zog. Die immer elegant gekleidete Gräfin war dabei zutiefst überzeugt davon, dass Männer und Frauen gleichwertig sind, im Guten und leider auch im Schlechten. „Begeisterung für Kriegstaten und Kriegshelden findet man bei Frauen so gut wie bei Männern.“ Vergeblich sei es, von Frauen als solchen zu erwarten, dass sie die Friedensbewegung zu ihrer Sache machten. Nur wenn Frauen und Männer hier zusammenarbeiteten, sei ein Fortschritt möglich.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Begeisterung für Kriegstaten und Kriegshelden findet man bei Frauen so gut wie bei Männern.</p></blockquote></div>
<p>„Die Waffen nieder“ waren ihre letzten Worte, als sie 1914 für immer einschlief, „wie ein müder Mensch am Abend“. Wenige Wochen nach ihrem Tod begann der Erste Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und Verletzten.</p>
<p>Bertha von Suttner ahnte, dass ihr Einsatz für den Frieden in Friedenszeiten überflüssig, in Kriegszeiten hilflos erschien. Sie ahnte, dass sich der Instinkt im Zweifelsfall immer wieder stärker als der Verstand erweisen würde. Aber gerade darum sollten die Menschen endlich umlernen und begreifen, dass ein nachträgliches „Ich habe es nicht so gewollt“ niemanden wieder lebendig macht.</p>
<h2>Bibliographische Angaben</h2>
<p>Bertha von Suttner: <em>Memoiren</em>. Stuttgart, Leipzig 1909; Bertha von Suttner: <em>Die Waffen nieder. </em>Dresden 1889; Brigitte Hamann: <em>Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden.</em> Wien, 2013.</p>
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