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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019 &#8211; evangelische aspekte</title>
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	<item>
		<title>Christian Bommarius: 1949 – Das lange deutsche Jahr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:35:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Nachkriegszeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[In spannender Weise erzählt Bommarius viel über den Geist der Nachkriegsjustiz, aber auch vom Werden des Grundgesetzes.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bommarius.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-3228 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bommarius-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bommarius-195x300.jpg 195w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Bommarius.jpg 600w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a>Alfred Polgar, vor den Nazis geflohener Jude, berichtet über Gerichtsverhandlungen im „langen deutschen Jahr“, z.B. über den Prozess gegen Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsregisseurin, „erfolgreich“ im Dienst des cineastischen Antisemitismus im Nazi-Land. Sie kommt bei den Richtern gut „weg“. Sie ist nicht die Einzige, bei der die Richter der unmittelbaren Nachkriegszeit beide Augen zudrücken, wenn es um die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen geht.</p>
<p>Bommarius erzählt viel über den Geist der Nachkriegsjustiz – wie verständnisvoll die einstigen NSDAP- und SS-Richter auf einmal sein konnten, wenn sie über ihre angeklagten ehemaligen Parteigenossen zu urteilen hatten, wo sie doch noch wenige Jahre zuvor „Volksverräter“ oder Bagatell-Kriminelle im Interesse der Nazidiktatur drakonisch bestraften. „Viele nämlich, die unter dem Regime des Hakenkreuzes auf einflussreichen Posten saßen, sind von ihren Stühlen nur aufgestanden, um sich selber Platz zu machen“ (A. Polgar).</p>
<p>Unter den Vielen: <em>Professoren</em>, die ziemlich umstandslos auf ihre alten oder neu eingerichteten Lehrstühle berufen wurden, während vor den Nazis geflohene, mit dem „Makel“ des Emigranten behaftete, ausgegrenzt wurden; <em>Journalisten</em> (Die<em> ZEIT</em> mokierte sich 1949 darüber, dass „die Deutschen das unbeliebteste Volk Nr. 1“ in der Welt seien) und die vielen <em>Nazis an den Schulen</em>: in den drei Westzonen „wenigstens 60 Prozent der jetzt tätigen <em>Lehrer</em>“.</p>
<p>In spannender Weise erzählt Bommarius aber auch vom Werden des Grundgesetzes, vom Parlamentarischen Rat am 23. Mai 1949 verabschiedet. Nicht vom deutschen Volk – von dem 73 Prozent kurz zuvor gegenüber dem GG „Gleichgültigkeit“ bzw. „mäßiges Interesse“ bekundet hatten.</p>
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		<title>Th. Ruster, S. Horstmann, G. Taxacher: Alles, was atmet. Eine Theologie der Tiere</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benedikt Bögle]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:32:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schöpfung]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Vegetarismus]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
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					<description><![CDATA[Gibt es eine „Theologie der Tiere“? Ja, meinen die drei Autoren aus Dortmund, die dieses Kompendium vorgelegt haben. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Alles-was-atmet_Tiere.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-3224 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Alles-was-atmet_Tiere-192x300.jpg" alt="" width="192" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Alles-was-atmet_Tiere-192x300.jpg 192w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Alles-was-atmet_Tiere.jpg 383w" sizes="(max-width: 192px) 100vw, 192px" /></a>Theologie beschäftigt sich ja mit vielen Fragen. Theologen sprechen über Gott und die Welt, insbesondere aber über den Menschen in allen Facetten: Schöpfung und Auftrag, Ethik und Moral, Heil und Unheil. Im großen Themenkomplex der Theologie bleibt ein Thema meist unbeachtet: Die Tiere. Gibt es denn eine „Theologie der Tiere“? Ja, meinen die drei Autoren aus Dortmund, die dieses Kompendium vorgelegt haben. Sie forschen und lehren am Institut für Katholische Theologie an der Technischen Universität in Dortmund.</p>
<p>Die grobe Unterteilung des Buches: Tierwissen – Tierethik – Tiereschatologie. Hier zeigt sich schon, dass das klassische Terrain einer theologischen Beschäftigung mit den Tieren hier durchbrochen wird. Angesichts immer tieferer Beschäftigungen mit menschlicher Ernährung und immer erschreckender Berichte über die Haltung von Tieren nimmt es ja nicht Wunder, dass vermehrt auch die ethische Frage dahinter wahrgenommen und behandelt wird: Darf der Mensch Tiere halten und töten, um sie zu essen oder Kleidung daraus zu machen? Diese Frage wird auch im vorliegenden Band behandelt, wenn auch nur als ein Aspekt zur großen Theologie der Tiere.</p>
<p>So kommt Simone Horstmann zu einem ethisch doch bedenkenswerten Fazit: Während die Tötung von Lebewesen biblisch doch eigentlich verboten sei und nur in bestimmten, „tragischen“ Ausnahmen erlaubt, habe sich die moralische Bewertung heute umgedreht: „Die tragische Möglichkeit ist zu einer Normalität geronnen, die gern als natürlich deklariert wird, um mit ihr alles Verschlingen und Vernichten zu legitimieren. Kein tragischer Ausnahmefall rechtfertigt unseren Fleischkonsum“, so Horstmann weiter.</p>
<p>Bei diesen Beobachtungen bleibt es aber wie gesagt nicht. Die Autoren zeigen vielmehr, dass eine theologische Beschäftigung mit den Tieren auch jenseits von Essen oder Nicht-Essen geboten ist. Sie untersuchen die Rolle von Tieren in der „Legenda Aurea“, einer mittelalterlichen Sammlung von Heiligenlegenden, sprechen über die Tiere und unsere Möglichkeiten, sie einzuordnen oder versuchen sich an einer neuen Begründung des biblischen Begriffs der Unreinheit.</p>
<p>„Dieses Buch ist aus Liebe zu den Tieren entstanden und will die Liebe zu den Tieren wecken“, schreiben die Autoren als Einleitung in ihr Werk. Das ist ihnen gelungen. Sie zeigen ein Desiderat, wenn nicht vielleicht der theologischen Forschung, dann doch wenigstens der theologischen Wahrnehmung. Als Teil der Schöpfung haben die Tiere einen Ort im menschlichen Denken über Gott mehr als verdient. „Alles, was atmet“ ist eine breite Sammlung dieser Theologie.</p>
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		<title>Christoph Schröder: Warum es Gott nicht gibt und das Miteinander selig macht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hermann Preßler]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:29:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Essay will in gewisser Weise das Gegenteil von dem hervorheben, was in der ersten Hälfte des Titels steht. Es geht nicht um eine Leugnung Gottes, sondern um dessen – erkenntnistheoretisch denkbare – Plausibilität im Kontext einer aufgeklärten Wissenschafts- bzw. Religionstheorie. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Schröder-Gott.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-3220 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Schröder-Gott-186x300.jpg" alt="" width="186" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Schröder-Gott-186x300.jpg 186w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Schröder-Gott.jpg 500w" sizes="(max-width: 186px) 100vw, 186px" /></a>Der Essay will in gewisser Weise das Gegenteil von dem hervorheben, was in der ersten Hälfte des Titels steht. Es geht nicht um eine <em>Leugnung</em> Gottes, sondern um dessen – erkenntnistheoretisch denkbare – <em>Plausibilität</em> im Kontext einer aufgeklärten Wissenschafts- bzw. Religionstheorie.  Die zweite Hälfte führt aus, wie die Glaubenden im Vertrauen auf das Mitsein Gottes eine Kraft spüren können, die nicht von dieser Welt ist (da es „Gott nicht gibt“ wie einen mess- und sichtbar zu machenden Gegenstand der Natur).</p>
<p>Zuweilen ist der Gedankengang des Autors etwas kompliziert, weil er mit sehr verdichteten Sätzen in seinem Thema immer wieder vorauseilt, um es später dann ausführlicher zu entfalten. Mit einer geradlinigen, mehr mitnehmenden Darstellungsweise hätte er sich manche zusammenfassende Wiederholung sparen können. Wenn man dies „erträgt“, erhält man eine Übersicht über einen Weg der Erkenntnistheorie – von der griechischen Philosophie über Kant zu einer über sich selbst aufgeklärten modernen (Natur-)Wissenschaft.</p>
<p>Der Theologe Schröder folgt den Einsichten des Religionsphilosophen Georg Picht, wenn er dem Menschen (als erkennendem Subjekt) die Möglichkeit der Vogelperspektive (eines absoluten Standpunktes der <em>Ewigkeit</em>) gegenüber der Welt bestreitet. Welt und Mensch sind <em>zeitlich,</em> zeitlich daher auch die Wahrheit. Die Welt <em>erscheint</em> (Kant) in den vorgegebenen Kategorien von Raum und Zeit. Aber sie darauf zu reduzieren, sei ein Fehlschluss. Folglich falsch, das, was nicht mess- und sichtbar zu machen ist, als  Hirngespinst zu deklarieren. „Denken und Erkennen sind &#8230; ein Vorgang in der Natur“, in der es nur „relative Standorte“ gibt (S. 68/69).</p>
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		<title>Was Taube hören und Blinde lesen können</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Christine Unrath]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:24:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Freundlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ (Sprüche Salomos 16,24)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.“ (Sprüche Salomos 16,24)</p></blockquote></div>
<p>„Honigseim“ ist ein veraltetes Wort für noch nicht verarbeiteten Honig, der aus den Waben in einem Bienenstock abfließt. So veraltete wie „freundliche Reden“?</p>
<p>In einem Restaurant. Ein Elternpaar, zwei Kinder. Miteinander warten sie auf das Essen. Schweigend und beschäftigt: ein jeder mit seinem Smartphone. In Zeiten von Twitter und Whatsapp scheint es aus der Mode gekommen zu sein, miteinander zu reden. Ich will die Erscheinungsformen einer zunehmend digitalisierten Welt nicht verteufeln. Aber ihre Veränderungen sind buchstäblich „handgreiflich“. Und sie haben natürlich Folgen für unsere Kommunikationskultur.</p>
<p>Wird immer weniger analog kommuniziert, kann es dazu führen, dass Mimik, Gestik, Stimmungen in einem direkten Gespräch nicht mehr gelesen und verstanden werden. Denn Zuhören und darauf achten lernen, <em>wie</em> etwas gesagt wird –, all das ist Teil mündlicher Kommunikation. Aber das brauchen wir nicht beim Online-Banking oder beim Internet-Shopping. Wir verlieren die Fähigkeit, einen anderen Menschen ganzheitlich wahrzunehmen umso mehr, je weniger wir uns im miteinander Reden üben.</p>
<p>Darüber hinaus geht es im Bibelzitat um die Wirkung der „<em>freundlichen</em> Reden“. Ein Wort, wie aus der Zeit gefallen, ein Kontrapunkt zu Hetzparolen und Shitstorms unserer Tage. Was kommt in diesen zum Ausdruck? Dass ich einen anderen Menschen nicht mehr als Gegenüber mit verletzlichen Gefühlen wahrnehme, sondern ihn als Projektionsfläche für meinen angestauten Frust benutze, für den er eigentlich gar nicht verantwortlich ist.</p>
<p>„Freundliche Reden sind wie Honigseim“ – ein freundliches Wort wirkt wie dieser Honig, der noch ungeläutert ist, aber schon eine gewisse Süße besitzt und gut schmeckt. Welche Kraft liegt doch in einem freundlichen Wort. Es richtet auf. Es macht dankbar. Es pflanzt sich fort. Eine Freundin erzählt mir, wie sie wegen einer finanziellen Unterstützung auf einem Amt vorsprechen muss, und wie ihr nicht nur geholfen, sondern auch einfühlsam und freundlich mit ihr geredet wurde. So dass sie gar nicht anders konnte, als sich später mit einer Karte bei der Mitarbeiterin vom Amt zu bedanken.</p>
<p>Was hindert uns daran, das Wort als Monatsspruch ernst zu nehmen und uns im Juni darin besonders einzuüben? Einzuüben in eine freundliche Haltung anderen Menschen gegenüber. Mark Twain hat diese Einstellung auf den Punkt gebracht: „Freundlichkeit: eine Sprache, die Taube hören und Blinde lesen können.“</p>
<p>Freundlichkeit ist eine menschliche <em>und</em> göttliche Haltung. Wo und wenn immer wir uns im Namen Gottes begegnen, sollte Freundlichkeit selbstverständlich sein. Gottes Freundlichkeit wird an vielen Stellen der Bibel beschrieben, z.B. im Psalm 107: „Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ Oder im Psalm 34: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist“. Mit diesen Worten werden wir ja auch zum Abendmahl eingeladen: In Brot und Wein schmecken und erfahren wir die Liebe Gottes. Dadurch gestärkt und ermutigt möchte ich anderen Menschen respektvoll und freundlich begegnen.</p>
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		<title>Die Gleichnisse Jesu</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Manfred Schütz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:16:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Jesus]]></category>
		<category><![CDATA[Neues Testament]]></category>
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					<description><![CDATA[Um die neutestamentlichen Gleichnisreden zu verstehen, ist es hilfreich auf ihre konkrete Sprachform zu achten. Es sind Meisterwerke der Poesie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Um die neutestamentlichen Gleichnisreden zu verstehen, ist es hilfreich auf ihre konkrete Sprachform zu achten. Es sind Meisterwerke der Poesie.</p></blockquote></div>
<p>Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste.“</p>
<p>Dieses Gleichnis aus dem Matthäusevangelium (Mt 21,28ff) lässt drei typische Merkmale der Gleichnisrede gut erkennen: Sie ruft eine spezifische <em>Reaktion</em> hervor, auf die sie auch bewusst abzielt. (Hier ausformuliert: „Was meint ihr?“– „Sie sprachen“). Diese Reaktion kann zweitens wie das Gleichnis selbst eine überraschende Pointe enthalten, die eine Neusetzung, <em>Erweiterung</em> oder zumindest Verdeutlichung zu einer davor mehrdeutigen Situation bedeutet. Drittens wird dies durch eine offensichtlich erfundene und <em>inszenierte Gleichnis-Konstellation</em> erreicht.</p>
<h2>Was ist das: die Gleichnisse Jesu?</h2>
<p>Zu den bekanntesten Gleichnissen zählen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25ff) und das vom verlorenen Sohn (Lk 15,11ff). Sie haben in der Kunstgeschichte eindrückliche Spuren hinterlassen, von Rembrandt bis Ernst Barlach. Neben Gemälden finden sich Skulpturen und weitere Kunstobjekte. Die Gleichnisse der Evangelien sind in sich selbst schon kleine literarische Kunstwerke. Es sind „poetische Diamanten“.</p>
<p>Wir wollen auf diese <em>poetische</em> Dimension achten, indem wir das produktive Sprachgeschehen beachten, das in ihnen arbeitet. Denn die Gleichnisse mögen vieles sein, aber neben, in und mit diesem allem stellen sie in jedem Fall eine ausgesuchte kommunikative Sprachform dar. Die Gleichnisse Jesu sind schöpferische Sprachhandlungen. Eine bewusste Rede in Bildern, oder besser: eine Rede <em>und</em> Bilder, die Altbekanntes und Neues auf kommunikative Weise zusammenbringen. Sie bringen in eine gegebene Situation etwas Schwebendes über das Gesagte hinaus. Eben: Poesie.</p>
<h2>Die Poesie der Gleichnisse</h2>
<p>Gleichnisse gehören daher zuerst zum Bereich der Poetik. Folgen die Gleichnisse einer festgelegten Regel? Oder macht gerade der Übergang von der vorgefundenen Regel zur neugefundenen den jeweiligen Kern der Gleichnisse erst aus?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Die Gleichnisse Jesu sind „poetische Diamanten“.</p></blockquote></div>
<p>Für Paul Ricoeur ist der „Zusammenhang zwischen dem Schöpferischen und der Regel“ der springende Punkt (vgl. Die lebendige Metapher, Wilhelm Fink Verlag 1986, Vorwort zur deutschen Ausgabe). Vielleicht lassen sich einzelne Facetten der sprachschöpferischen Poesie der Gleichnisse bei einem Durchgang durch einige ihrer typischen Motive entdecken.</p>
<h2>Typische Gleichnismotive</h2>
<p>Die Gleichnisse lassen sich nach mehreren Gesichtspunkten betrachten. Neben ihrer Form natürlich nach der Thematik oder nach der Situation für die sie gelten, etwa in einem bestimmten Streitgespräch. Viele Gleichnisreden sind Mischformen. Unterschiedliche Momente und Motive überschneiden und verschränken sich. Vier Motive wollen wir kurz durchgehen:</p>
<p>1 NATURGLEICHNISSE – Vom Werden<br />
2 ALLTAGSGLEICHNISSE – Vom Grundlegenden<br />
3 SPRUCHGLEICHNISSE – Alt und neu<br />
4 ERZÄHLGLEICHNISSE – Verloren und Gefunden</p>
<h2>Motiv 1 – Vom Wachsen und Werden</h2>
<p>Etliche Gleichnisse haben einen Naturvorgang zur Grundlage. „Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist&#8217;s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Mk 4,31-32) Saat und Wachstum sind häufige Motive. So beim Gleichnis von der aufwachsenden Saat. Das bekannte Gleichnis vom Sämann ist in zahlreichen Kirchen als Wandbild zu sehen. Gleichnis-Poesie, die in benachbarte Künste und Architektur ausgewandert und übergesprungen ist.</p>
<p>Allerdings: Dass aus einem kleinen Samenkorn ein großer Baum entsteht, ist für sich genommen ja nichts als bloße Naturbeobachtung. Zum Gleichnis wird es, wenn es sprachlich inszeniert zu Anderem in einen kommunikativen Zusammenhang gestellt wird.</p>
<h2>Motiv 2 – Vom Hausbau (Vom Grundlegen)</h2>
<p>Nicht alle, aber viele Gleichnisse werden ausdrücklich als Reich-Gottes-Gleichnisse erzählt. Einige haben Alltägliches zum Ausgangspunkt und Inhalt. Neben der Natur kommt der Mensch ins Blickfeld. Zum Beispiel das Vorgehen beim Hausbau. „Wer diese meine Rede hört und tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stieẞen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Mt 7,24-27)</p>
<p>Weitere Alltagsbeispiele handeln vom Ausrichten einer Hochzeit. Oder vom Feiern eines großen Gastmahles. Allerdings: Sind das wirklich <em>häufige</em> Alltagssituationen? Oder nicht doch einzelne <em>Ausnahme</em>-Beschreibungen? So liegt die Poesie dieses Momentes hier im Nennen einer allen vertrauten Situation, die aber doch eine (grundlegende) Besonderheit aufweist – worauf die Gleichnisrede nun aufmerksam machen möchte.</p>
<h2>Motiv 3 – Alt und neu</h2>
<p>Manchmal besteht eine Gleichnisrede nur aus einem Satz. „Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.“ (Mk 2,21) Ähnliche dieser Miniatur- und „Mini“-Gleichnisse sind: „Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche…, sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche“. Auch das Licht unter dem Scheffel (Lk 8,16) oder „Wenn Blinde Blinde führen“ (Lk 6,39) gehören hierher. Solche kurzen „Spruchgleichnisse“ bestehen gleichsam nur aus einer Kernsequenz. Wie in diesem vorfindlichen Beispiel: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Spr 26,27).</p>
<p>Andererseits: Ist das „schon“ ein Gleichnis? Oder ist es wiederum nur eine in bestimmter Weise zugespitzte Alltags-Regelbeschreibung? Das Alte Testament kennt ja unzählige solcher kurzen gesammelten Spruchweisheiten (vgl. das Buch der Sprüche/Proverbia). Doch es ist hier wie bei den Naturbeschreibungen, die ebenfalls isoliert stehen könnten: Zur poetischen Sprachhandlung wird das Spruchgleichnis, wenn es in einer bestimmten Streitsituation angewendet wird. Eine alte, vielleicht ganz allgemeine Regel-„Weisheit“ spricht im konkreten Kontext neu.</p>
<h2>Motiv 4 – Verloren und gefunden werden</h2>
<p>Erzählgleichnisse verraten ihren poetisch-literarischen Charakter besonders klar, weil sie von einer kleinen Begebenheit ausschmückend berichten. „Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er&#8217;s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.“ (Mt 18,12-13) Ähnliche Erzählgleichnisse mal kurz, mal ausführlich, sind <em>Der verlorene Groschen</em> und <em>Der verlorene Sohn</em> (s.o.).</p>
<p>Teilweise werden Kommentare eingestreut. Figuren sprechen mit sich selbst. Gut, das ich nicht so bin wie jener, sagt der Pharisäer. Bei meinem Vater hätte ich es besser, der verlorene Sohn. So werden Deutungsangebote unterbreitet, in denen sich der Hörer selber wiederfinden kann.</p>
<h2>Gleichnisse als schöpferische Sprachhandlung</h2>
<p>Würde jemand ganz banal in gewöhnlicher Alltagssprache (ordinary language) fragen: „Papa, kann ich eine Taschengelderhöhung haben?“ Oder: „Chef, wäre eine Gehaltserhöhung möglich?“, und das Gegenüber würde darauf antworten: „Ein König hatte zwei Söhne. Er ging zu dem ersten hin und sagte: usw&#8230;“, so kann man sich leicht vor Augen führen, welche Wirkung von einer Gleichniserzählung in einer konkreten Gesprächssituation ausgeht. Sie schafft zunächst Distanz, lässt einen Schritt zurücktreten. Sie setzt ein Gedankenspiel in Gang.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Gleichnisse setzen eine Gedankenspiel in Gang.</p></blockquote></div>
<p>Selten nimmt in den Evangelien der Gleichniserzähler dem Hörer die direkte Übertragung oder „Konklusion“ des Gesagten einfach ab. In gewisser Weise muss und soll der Adressat jeweils „seine“ Auflösung des einzelnen Gleichnisses im konkreten Sprachgeschehen <em>selbst</em> <em>geben </em>und verantworten. „Zeit und Erzählung“ kommen dabei je ganz situationsbezogen auf eher ephemer-kontingente Art und Weise in „Dissonanz“ oder in „Zusammenklang“ (vgl. P. Ricoeur: <em>Temps et Récit</em>. dt.: 1988ff). Der kommunikative Sprechakt des Gleichniserzählers besteht in erster Linie dann darin, dass er diesen poetisch-schöpferischen Prozess zuallererst auslöst und durch seine Intervention in Szene setzt. Vielleicht macht die Intervention dabei auch „nur“ eine bereits feststehende Position beim Hörer offenbar und sichtbar.</p>
<p>Die Poesie der Gleichnisse bietet Identifikationsmöglichkeiten, z.B.: Kleriker, Levit, barmherziger Samariter, Lk 10,25ff, oder: einer der beiden Söhne im eingangs zitierten Gleichnis. Das letztere kann nebenbei als Beispiel genommen werden, dass gelegentlich Reden und Tun gar nicht übereinstimmen. Und dass manchmal selbst dann „Hoffnung“ besteht, wenn Leute in einer Angelegenheit etwas Gegenteiliges sagen, lehren oder (von sich) behaupten, als was richtig wäre&#8230; Die poetischen Interventionen der Gleichnisse bieten insofern auch die Möglichkeit zu verallgemeinern. Sie lassen Gelegenheit zum Einstimmen und Nachdenken, zum Nachsinnen und Weiterspinnen, zum Widerspruch und Reklamieren. Und wohlgemerkt: Auch die Katachrese, der inszenierte <em>Bruch in einer Bildrede</em> (bsp „welkes Licht“)<em> zä</em>hlt zum Repertoire literarisch-poetischer Stilmittel.</p>
<p>Als offenes und gut gefülltes „Memorandum der Poesie“ (Teil 3) runden die Gleichnisse daher die beiden vorhergehenden Teile der Serie (Memorandum der Ethik: Teil 2; Memorandum der Gottesrede und -lehre allgemein: Teil 1) auf sinnige Weise ab. Dass es hierbei Doppelungen gibt und sich einzelne Themen verschränken, versteht sich da jetzt beinahe von selbst.</p>
<h2>Exkurs: Gottesrede und Gottesbild im Matthäusevangelium</h2>
<p>Die dreiteilige Serie kann zugleich als eine Heranführung zu einer vertiefenden Lektüre des Matthäusevangeliums gelesen werden. Ausleger heben hervor, dass Matthäus der in sich geschlossenste, am strengsten durchgeführte, und schließlich auch am striktesten „gesetzliche“ Evangelienbericht im Neuen Testament sei. Demgegenüber haben unsere drei Anläufe zur Ethik, zur Poetik und zur Reich-Gottes-Rede (<em>evangelische aspekte</em> <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/das-reich-gottes/">4/2018</a>; <a href="https://www.evangelische-aspekte.de/die-bergpredigt/">1/2019</a>; 2/2019) eine andere Spur gefunden. Matthäus stellt zwar einerseits tatsächlich scharf wie kaum ein zweiter die hohen Forderungen der „Gottesherrschaft“ heraus. Andererseits haben wir in der Bergpredigt und in den Reich-Gottes-Gleichnissen auch andere Töne gehört.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gleichnisse als sprachliche Intervention</p></blockquote></div>
<p>Das lässt sich noch durch zwei weitere „Linien“ innerhalb des Matthäusevangeliums untermauern und belegen. Denn summarisch wird gleich zu Beginn des Evangeliums die Intention des gesamten Auftretens Jesu eben darin angegeben: aus Verlorengehen, Vergehen, Verfehlungen <em>zu</em> <em>retten</em> (Mt 1,21). Und über den im ganzen Evangelium strengsten und vorbildlichsten Nachfolger und Jünger <em>Petrus </em>wird gegen Ende berichtet, dass er seinen Meister gleich dreimal explizit verleugnet und verrät (Mt 26,69ff). Gemäß den rigoros formulierten Anforderungen (z.B. Mt 10,32f) müsste dies seinen kategorischen Ausschluss zur Folge haben. Und dennoch bleibt im Matthäusevangelium der hervorgehobene Auftrag an den Petrus(-dienst) bestehen.</p>
<h2>Wirkungsgeschichte</h2>
<p>In der neutestamentlichen Auslegungsgeschichte gibt es einen Diskussionsstrang, in dem gefragt wird, ob der Gleichniserzähler Jesus eher in den weisheitlichen Traditionen oder eher in den apokalyptischen Traditionen der Antike zu sehen ist. Typisch weisheitliches Denken ist das Einordnen in Regelabläufe, wiederkehrende Einzelfälle, Regelmäßigkeiten etwa der Natur (vgl. orientalische Listenwissenschaften) oder der menschlichen Geschichte (Tun-Ergehenszusammenhang; gegenläufig: Kohelet 8,14ff; 9,7ff). Vielleicht kann man aber auch sagen, dass die Gleichnisse Jesu beide Traditionen <em>aufbrechen</em> und zu einer neuen Form sui generis, einer Form seiner eigenen Art erweitern. Es steht dabei jeweils auch in Frage, worin die eigentliche Funktion apokalyptischer oder weisheitlicher Rede zu sehen ist.</p>
<p>Dass durch Jesus in neutestamentlicher Zeit die Gleichnisform nicht erfunden wurde, zeigt schon seine produktive Aufnahme und Weiterführung alttestamentlicher Gleichnisse (vgl. 1. Kön 20, 35-43; 2. Sam 12,1-4; Jes 5,1-7; Ezechiel 17). Doch dass er als Meistererzähler von Gleichnissen zu gelten hat, kann jeder in den über 40 Gleichnissen der Evangelien selbst nachlesen und hören. Auch zahllose Glasfenster in Kirchen sind von den Gleichnissen Jesu angeregt. Manche Betrachter schrecken heute allerdings bei vorkommenden apokalyptischen Bildern und Szenen zurück. Freilich ist es so, dass viele Zeitgenossen von Atom- bis Klimakatastrophe auch heute in ganz ähnlichen Kategorien denken bis hin zu Weltuntergangs-Szenarien.</p>
<p>Fasst man hier die Gleichnisse Jesu vor allem in ihrem sprachschöpferisch-poetischen Charakter auf, kann auch deren entängstigender und „heilsam-heilender“ Aspekt ins Blickfeld kommen, vergleiche nur den Titel: <em>Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie</em> von Christoph Kähler (Tübingen 1995). In ihrer konkreten Form als poetische Interventionen können sie ebenso den Ansatz eines poetologisch konzipierten Theologieverständnisses (vgl. Oswald Bayer: <em>Gott als Autor. Zu einer poietologischen Theologie</em>. Verlag Mohr-Siebeck ²2018) bereichern und inspirieren.</p>
<h2>Leseempfehlung</h2>
<p>Die Gleichnisse Jesu sind Kunstwerke, echte Poesie. Sie könnten, sollen und wollen auch als solche aufgenommen werden.</p>
<p><em>Mit diesem Beitrag endet die dreiteilige Werkstattserie.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Der Garten des Waldes ist vielfältig</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:11:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Borneo]]></category>
		<category><![CDATA[Essen]]></category>
		<category><![CDATA[Kochen]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Eine exotische Frucht macht gegenwärtig bei Vegetariern in Deutschland Karriere: die Jackfrucht. Sie sieht zwar von außen etwas plump und unförmig aus, ihr Innenleben entpuppt sich dagegen als ungeheurer verwandlungsfähig und taugt sogar als Grundlage für Gulasch oder Bolognese-Soße.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine exotische Frucht macht gegenwärtig bei Vegetariern in Deutschland Karriere: die Jackfrucht. Sie sieht zwar von außen etwas plump und unförmig aus, ihr Innenleben entpuppt sich dagegen als ungeheurer verwandlungsfähig und taugt sogar als Grundlage für Gulasch oder Bolognese-Soße.</p></blockquote></div>
<p>Dort, wo die Jackfrucht ursprünglich wächst, ist sie schon immer Bestandteil der Küche. Das Fruchtfleisch der unreifen Früchte wird in Kokosmilch gekocht und als Gemüse gegessen, wie Panduh Tukat erklärt. Der Leiter des Büros der Stuttgarter Umweltorganisation Fairventures im indonesischen Teil der Insel Borneo hat gerade eine frische Frucht vom Baum gepflückt und geöffnet. In reifem Zustand wird das innere gelbliche Fleisch entkernt und roh als Süßspeise verzehrt. Auch die Samen werden gekocht und geröstet verzehrt und schmecken ähnlich wie Esskastanien.</p>
<p>Große Ähnlichkeiten mit der Jackfrucht, die als die größte auf einem Baum wachsende Frucht gilt, weist Durian auf. Beide werden als Quelle von Nährstoffen und Vitaminen geschätzt. Aber Europäer rümpfen bei Durian meist die Nase. Der Name „Stinkefrucht“ weist auf den Grund hin. Der unangenehme Geruch, den das Obst ausströmt, hält zumindest viele europäische Besucher vom Verzehr ab.</p>
<h2>Zwischen Palmölplantagen und Wiederaufforstungsprojekten</h2>
<p>In der Provinz Zentralkalimantan will die Organisation Fairventures, die mit Interessenten jedes Jahr eine Studienreise unternimmt, auch den beginnenden Tourismus unterstützen. Sie arbeitet dabei mit lokalen Veranstaltern zusammen, die Reisen ins Herzen Borneos anbieten. Dabei stehen Ausflüge in die Natur und ein Besuch bei den vom Aussterben bedrohten Orang-Utans genauso auf dem Programm wie ein Blick auf die dramatische Entwaldung durch Palmölplantagen oder illegale Goldminen sowie auf die Wiederaufforstungsprojekte von Fairventures mit schnellwachsenden Hölzern. Eine Million Bäume wurden gepflanzt, u.a. mit Unterstützung von „Brot für die Welt“, 100 Million sollen folgen, wofür auch Investoren gewonnen werden sollen. Unter den Bäumen bauen die Kleinbauern Gemüse, Kakao und Erdnüsse an.</p>
<h2>Zu Besuch bei den Dayaks</h2>
<p>Die Projekte liegen im Siedlungsgebiet der christlichen Dayaks, die vor Ankunft der Missionare Kopfjäger waren. Der Geschäftsführer von Fairventures kennt die Menschen vor Ort, seit er jahrelang eine Holzfachschule der Basler Mission leitete. Er schwärmt bis heute von den lokalen Gerichten, die zu großen Teilen aus den „Früchten des Waldes“ bestehen. Diese Erfahrung machen die Besucher besonders beim Besuch des traditionellen Langhauses im idyllisch mitten im Wald gelegenen noch ursprünglichen Dorf Malahoi. Dies ist eines der wenigen noch intakten Gemeinschaftshäuser der Dayak in der Region.</p>
<p>Ein Programmpunkt für die Besucher ist nicht nur eine Fahrt auf von den Bewohnern selbst gefertigten Flößen auf dem Baringen-Fluss, sondern auch eine Führung durch den Wald-Garten. Als Jäger und Sammler ernähren sich die Dayak traditionell von dem, was im Urwald wächst und lebt. Aber durch die Veränderungen der Lebensverhältnisse haben sich auch die Ernährungsgewohnheiten geändert. Grundlage jeder Mahlzeit, vom Frühstück bis zum Abendessen, ist inzwischen Reis. „Diesen essen wir drei Mal am Tag“, bestätigt Panduh Tukat, der noch mitten im Urwald aufgewachsen ist, der heute längst abgeholzt ist.</p>
<h2>Aus dem Wald auf den Tisch</h2>
<p>Aber auch heute noch kann man beobachten, wie die Frauen, die das Essen zubereiten, frische Zutaten aus dem Wald vor ihrer Haustür holen. Schweinefleisch gehört auch zum Speiseplan. Früher, als es noch keinen Kühlschrank gab, wurden die Nachbarn eingeladen, wenn ein Schwein geschlachtet wurde. Heute wird bei festlichen Anlässen ein Ferkel am offenen Feuer gegrillt. Auch Fisch ist beliebt, besonders Tilapia (Barsch) oder Catfish (Welse), die aber wegen der vielen Umweltgifte nicht mehr aus den großen Flüssen stammen.</p>
<p>Als Beilagen beliebt sind Bambus, der dem Spargel ähnelt, Rattan sowie verschiedene Grünpflanzen. Und nie fehlen darf die scharfe Würzsauce Sambal auf Chili-Basis mit Tomaten und Zwiebeln. Entscheidend ist, dass alles mit dem Mörser zerkleinert und zu einer Paste zerrieben wird. Der intensive Geschmack ist der Lohn für die Mühe bei der Zubereitung. Und wer einmal die Gerichte auf dem Dorf gekostet hat, kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.</p>
<p><a href="http://www.fairventures.org">www.fairventures.org</a> und <a href="https://www.facebook.com/jantungkalimantan/">www.facebook.com/jantungkalimantan/</a></p>
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		<title>Das Individuum im Mittelpunkt?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Frank Vogelsang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 10:04:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[Egoismus]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinde]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Individualismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Selfie, auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen, ist fast zu einem aktuellen Symbol unserer individuellen und gesellschaftlichen mentalen Verfassung geworden. Das Ich in King-Size. Für ein Gegengewicht plädiert unser Autor – und bringt christliche Symbole der Gemeinschaft ins Spiel.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Das Selfie, auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen, ist fast zu einem aktuellen Symbol unserer individuellen und gesellschaftlichen mentalen Verfassung geworden. Das Ich in King-Size. Für ein Gegengewicht plädiert unser Autor – und bringt christliche Symbole der Gemeinschaft ins Spiel.</p></blockquote></div>
<p>Wir leben in einer kulturellen Epoche, in der das Individuum das Maß aller Dinge geworden zu sein scheint. Die Orientierung an dem Individuum, an der freien Entfaltung eines jeden Menschen ist zugleich eine Errungenschaft und eine Gefahr. Es ist eine Errungenschaft, wir empfinden Empörung, wenn ein Mensch sich nicht frei entfalten kann, wenn sie oder er sich engen Traditionen, äußeren sozialen Erwartungen, einem autoritären Druck beugen muss. Die vergangenen Jahrhunderte waren bei allem Wechsel und bei all den Verirrungen und Wirrungen eine Freiheitsgeschichte. Heute können viele Menschen so frei von engen Konventionen und sozialen Vorgaben leben wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.</p>
<p>Diese formale Freiheit bedeutet allerdings für viele nicht, dass sie ihre Ziele auch in ihrem Leben nach Belieben umsetzen können. Denn auch heute erleben viele Menschen einen Zwang, sich anzupassen. Zumeist ist es der ökonomische Zwang, etwa durch schlecht bezahlte Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen. Zur echten Freiheit gehören deshalb auch ein bestimmtes Maß an gesellschaftlicher Gerechtigkeit und die Aufhebung von krasser Ungleichheit. Hiervon sind wir auch heute weltweit und selbst innerhalb der Industrienationen noch weit entfernt. Es ist ein großes Problem, wenn die freie Entfaltung nur wenigen möglich ist, das Ziel der Freiheit kann so ideologische Qualitäten gewinnen. Die Gesellschaft ist dann vor allem eine Gesellschaft der Optionen für die Bessergestellten. Optionen haben die Starken, Gesunden, gut Ausgebildeten in einer Gesellschaft.</p>
<h2>Was die Einzelnen verbindet, beginnt zu bröckeln</h2>
<p>Die konsequente gesellschaftliche Ausrichtung auf den einzelnen Menschen, auf die freie Selbstbestimmung hat aber auch darüber hinaus einen gesellschaftlichen Preis. Denn die sozialen Strukturen der Gesellschaft erodieren peu à peu. Das ist ein langsamer und schleichender Prozess, aber er ist stetig und langanhaltend. Seine Folgen machen sich in den letzten Jahrzehnten, vor allem seit dem Fall der Mauer, in der Gesellschaft immer stärker bemerkbar. Die großen gesellschaftlichen Institutionen, die viele, auch unterschiedliche Menschen miteinander vereinen, werden zunehmend schwächer. Das gilt zum Beispiel für die politischen Parteien – vom Ende der großen Volksparteien ist immer wieder die Rede. Sich in einer Partei zu engagieren, insbesondere in einer Volkspartei, bedeutet immer auch, etwas von der eigenen Position preiszugeben, weil man nur gemeinsam mit anders Denkenden eine politische Mehrheit erringen kann. Der Erosionsprozess trifft aber auch auf die Gewerkschaften zu. Berufsbiographien sind heute sehr stark von Wechseln und Flexibilität geprägt.</p>
<p>Die Entwicklung gilt ebenso für die Medienlandschaft, die Zeitungen und größere Sendeanstalten. Schon in den 90er Jahren nahm die Vielzahl der Medienangebote drastisch zu. Die neuen digitalen Medien forcieren die Geschwindigkeit der Entwicklung. Die Entwicklung gilt weiterhin für die Vereinskultur, seit Jahren ist der Anteil der Bevölkerung, der sich in Vereinen engagiert, rückläufig. Sie gilt schließlich auch für die großen Volkskirchen. Auf der einen Seite gibt es wachsende Austrittszahlen, auf der anderen Seite ist auch das reale Gemeindeleben der Kirchenmitglieder in der Regel schwach ausgeprägt. Last not least ist auch die Familie, eine Kerninstitution des traditionellen Protestantismus, in den letzten Jahrzehnten aus vielfältigen Gründen fragiler geworden. Je für sich ist keine der Veränderungen entscheidend, aber sie kumulieren in den letzten Jahren in den westlichen Gesellschaften.</p>
<h2>Entfaltung von Individualität setzt Gemeinschaft voraus</h2>
<p>Aber kann man die Vorstellung, Menschen seien zunächst und vor allem Individuen, so zentral setzen? Verliert man darüber nicht eine andere Dimension aus den Augen? Es scheint an der Zeit zu sein, die Verbundenheit zwischen Menschen, die ja immer schon da ist, in ihrer Bedeutung wieder neu zu entdecken. Denn Menschsein heißt auch, in Verbundenheit mit anderen zu leben. Lange bevor wir unser Leben aktiv gestalten, sind wir auf die Zuwendung durch andere angewiesen. So kann man zum Beispiel auf die Kindheit schauen. Kein Mensch beginnt bei sich selbst und setzt seine Lebensbedingungen aktiv. Vielmehr finden wir uns immer schon in gemeinschaftlichen Strukturen vor, wir partizipieren an sozialen Verbindungen, die wir selbst nicht geschaffen haben. Erst durch die Zuwendung anderer Menschen werden wir in die Lage versetzt, uns zu individualisieren.</p>
<p>Das lässt sich besonders gut an dem Gebrauch von Sprache zeigen. Kein Mensch kann allein eine eigene Sprache erfinden, sie ist ein soziales Vermögen. Sie lebt von der Gemeinschaft und der Bezogenheit vieler Menschen aufeinander. Gleichzeitig ist die Sprache das wichtigste Mittel, um sich zu individualisieren. Erst mit der Sprache kann ich differenzierte Konzepte von mir selbst und von meiner Umgebung zum Ausdruck bringen. Das was für die Sprache gilt, kann man auf technische Fertigkeiten, auf Sitten und Gebräuche, auf die moralischen Werte ausweiten. Menschen können vereinzelt leben, aber die Verbundenheit mit anderen Menschen bleibt von großer Bedeutung. Auch der Einsiedler, der denkt, fällt nicht aus der Sprachgemeinschaft heraus. Ganz ohne Gemeinschaft und Solidarität kann kein Mensch leben.</p>
<p>Dennoch ist das Leitbild unserer Gesellschaft das selbstbestimmte, aktive Individuum. Wie können Formen von Verbundenheit, Gemeinschaft und Solidarität, aussehen, die der Individualität nicht widersprechen und doch zugleich die Verbundenheit nicht gering schätzen? Die christliche Tradition weist eine Besonderheit auf, wenn es darum geht, der zwischenmenschlichen Verbundenheit einen Ausdruck zu geben. Denn die Gemeinde, die sich im Gottesdienst versammelt, ist Gemeinde, weil sie sich unter Gottes Wort stellt.</p>
<h2>Gemeinschaft „unter dem Wort“ – eine christliche Perspektive</h2>
<p>Das Besondere ist hier, dass die Verbundenheit nicht aus dem Verhältnis der Menschen direkt abgeleitet wird. Die Verbundenheit der Menschen in der christlichen Gemeinde ist eine Verbundenheit in und durch Gott. Die Menschen in der Gemeinde sind nicht zusammen, weil sie sich so sympathisch sind, auch nicht, weil sie gemeinsam ihre Interessen gegenüber anderen durchsetzen wollen, sondern weil sie sich in Gott, in Christus vereint wissen. Die Bibel hat vielfältige Ausdrücke für die Gemeinschaft der Glaubenden: Sie sind Teil des Bundes, den Gott schließt, sie sind Volk Gottes, sie sind „in Christus“, sie sind mit ihm ein Leib und ein Geist. Alle diese Ausdrücke haben eines miteinander gemeinsam: Sie betonen die Bedeutung der Verbundenheit für den christlichen Glauben. Der Glaube wird oft, gerade auch im Protestantismus, als eine Einstellung von einzelnen Menschen beschrieben, als eine Erfahrung tief im Innern eines jeden Menschen. Aber die biblischen Texte sprechen eine andere Sprache. Hier wird im Gegenteil immer die Bedeutung der Gemeinde und der gegenseitigen Verbundenheit der Glaubenden hervorgehoben. All die Verbundenheit in der Gemeinde wiederum weist auf die Verbundenheit mit Gott, wo der Mensch zu dem rein Empfangenden wird.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Alle Verbundenheit in der Gemeinde verweist auf die Verbundenheit mit Gott.</p></blockquote></div>
<p>Der Theologe, der das in besonderer Weise erkannt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Schon in seiner Dissertation „Sanctorum Communio“ hat er auf die vielen Stellen im Neuen Testament hingewiesen, die der Gemeinschaft der Glaubenden eine entscheidende Bedeutung zumessen. Was ist die Gemeinde seiner Ansicht nach? Sie ist nichts anderes als der auferstandene Herr: „Jesus Christus als Gemeinde existierend“ ist die berühmte Formel, die er dafür gefunden hat. Auch in späteren Schriften ist ihm die Gemeinschaft von größter Bedeutung, sei es die große Gemeinschaft in der weltweiten Ökumene, sei es die kleine Gemeinschaft im Predigerseminar in Finkenwalde. Entscheidend ist, dass Bonhoeffer durch seine christologische Ausrichtung nicht den einzelnen Glaubenden in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt, sondern die christliche Gemeinde und ihre Einbindung in die sie umgebende Welt.</p>
<h2>Die <em>christliche</em> Gemeinschaft stärkt das Individuum und vermittelt <em>Christus</em> in der Welt</h2>
<p>Die christliche Tradition bietet ein großes Reservoir an Bildern und Symbolen, an Ritualen und Strukturen, um die Bedeutung von Verbundenheit im menschlichen Leben zum Ausdruck zu bringen, die Verbundenheit mit Gott und zugleich die mit anderen Menschen. Beides bedingt einander: Die Verbundenheit mit Gott erwächst auch aus Erfahrungen der Verbundenheit mit anderen Menschen und umgekehrt: Die Verbundenheit mit anderen Menschen wird durch die Verbundenheit mit Gott gestärkt. Sie kann unterschiedliche Formen annehmen: Christliche Gemeinschaft findet in Ortsgemeinden ebenso statt wie in der weltweiten Ökumene. Man kann mit anderen Menschen auch dann in großer Intensität geschwisterlich Abendmahl feiern, wenn man mit ihnen im alltäglichen Leben nicht viel Kontakt hat. Insofern widerspricht es hier auch nicht, in Verbindung zu sein und zugleich als Individuum zu leben. In klösterlichen Gemeinschaften war das gemeinsame Leben ebenso bedeutsam wie die Zeit für sich allein. Vielleicht können die christlichen Traditionen und ihr Potential auch für die Gesellschaft im Ganzen von großer Bedeutung sein.</p>
<p>Die Kirchen gehören zu den Organisationen, die in der gesellschaftlichen Entwicklung an Kraft verlieren. Aktuell ist da in vielen Gemeinden eine große Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und der realen Situation. Aber die christlichen Gemeinden stehen in einer Tradition, die künftig wieder mehr Kraft entfalten kann. Sowohl die Verbundenheit mit Gott wie auch die Verbundenheit mit anderen Menschen sind für den christlichen Glauben von größter Bedeutung und für beides gibt es ein großes Reservoir an Bildern, Geschichten und Symbolen.</p>
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		<title>„Die Wahrheit ist konkret“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Theo Christiansen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 May 2019 09:48:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 29. Jahrgang, Heft 2, Mai 2019]]></category>
		<category><![CDATA[Grundgesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Grundrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Jubiläum]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Verfassung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer die Unverfügbarkeit der Menschenwürde behauptet, muss auch bereit sein, die Menschenrechte jederzeit zu verteidigen. Diese Koppelung eines abstrakten Begriffs an einklagbare Rechte ermöglicht und erfordert es, auf das deutsche Grundgesetz auch kritisch zu blicken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Wer die Unverfügbarkeit der Menschenwürde behauptet, muss auch bereit sein, die Menschenrechte jederzeit zu verteidigen. Diese Koppelung eines abstrakten Begriffs an einklagbare Rechte ermöglicht und erfordert es, auf das deutsche Grundgesetz auch kritisch zu blicken.</p></blockquote></div>
<p>Die rechtliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach dem Krieg war von dem umfassenderen Versuch motiviert, Pflöcke gegen das Versagen staatlichen und internationalen Rechts einzuschlagen. Das Systematische dieser Barbarei bestand nämlich darin, dass sie konzeptionell in staatliches Handeln eingebunden war. Für die Aufarbeitung der NS-Herrschaft in den Nürnberger Prozessen wurde zunächst der Tatbestand „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ neu ins Völkerrecht aufgenommen. 1948 kam die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ hinzu. Vor diesem Hintergrund formulierten die Autoren des Grundgesetzes Art. 1:</p>
<p><em>(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.</em></p>
<p><em>(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.</em></p>
<p><em>(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.</em></p>
<p>Diese drei Absätze bilden eine Einheit. Denn erst die gedankliche, v.a. aber die rechtliche Verknüpfung zwischen dem abstrakten Begriff der Würde des Menschen mit der konkreten Definition und einklagbaren Festschreibung von Menschenrechten schafft die Voraussetzung für die erwünschte Wirksamkeit. Abstrakte Normen wie die der Unantastbarkeit der Würde sind nämlich nur <em>konkret</em> zu vermitteln; andernfalls verbleiben sie im Ungefähren und sind damit der Gefahr historischer Relativierung ausgesetzt. Gerade in naturrechtlichen Ableitungen dessen, was die Würde des Menschen ausmacht, sind alle möglichen Interessen eingeflossen – oft verwurzelt in dem Bild eines Menschen, der männlich ist, von weißer Hautfarbe und über Besitz verfügt. Deshalb ist zweierlei notwendig: Die im Abstrakten liegende Unverfügbarkeit muss gewahrt werden, gleichzeitig muss sie konkret vermittelbar sein.</p>
<h2>Würde – ein biblisch und philosophisch begründeter Begriff</h2>
<p>Simone de Beauvoir hat formuliert, Würde sei schwer zu definieren, aber der Schrei eines in seiner Würde verletzten Menschen unverkennbar. Auch Ernst Bloch hat das Moment der Unverfügbarkeit zum Ausdruck gebracht: „Ich bin, aber ich habe mich nicht, darum werden wir erst“. Ebenso geht eine <em>theologische</em> Ableitung in diese Richtung: Geschöpflichkeit und Ebenbildlichkeit des Menschen bedeuten, dass Gott so unendlich vielgestaltig ist wie es Menschen gibt, jeder Hautfarbe, jeden Geschlechts, jeder Herkunft und Eigenart. Damit ist der Entwurf des Menschlichen der Selbstdefinition entzogen, der Mensch wird im Werden.</p>
<p>Und gerade weil es so ist, ist nichts beliebig. Hannah Arendt hat dieses dialektische Verhältnis erkannt. Für sie liegt im Menschsein das „Recht, Rechte zu haben“. Darin spiegelt sich die Erfahrung, dass die Nazis Menschen für vogelfrei erklärt haben. Deshalb artikuliert sich für sie die Würde des Menschen in diesem unveräußerlichen „Recht, Rechte zu haben“. Diese Begriffsdefinition verortet sich gerade nicht in der Abstraktion, sondern in der Verarbeitung geschichtlicher Erfahrung durch die einklagbare Absicherung von Menschenrechten.</p>
<h2>Die Würde korrespondiert mit der Einklagbarkeit von verbrieften Menschenrechten</h2>
<p>Diese Perspektive konkretisiert sich in Art. 1 GG auf zweierlei Weise. Erstens: Aus der Behauptung der Unantastbarkeit der Menschenwürde ergibt sich eine staatliche Rechtspflicht. Und zweitens: „Darum“, also zwecks Gewährleistung dieser Rechtspflicht, bekennt sich das deutsche Volk zu unveräußerlichen und unverletzbaren Menschenrechten und definiert sie in dem dann folgenden Grundrechte-Katalog. Die Einklagbarkeit der konkreten Menschenrechte ist also die Bedingung eines Lebens in Würde.</p>
<p>Genau dieser Punkt birgt jedoch ein kaum auflösbares Problem. Denn jede Einklagbarkeit setzt Staatlichkeit voraus. Staatlichkeit aber erzeugt per se einen Doppelcharakter des Rechts: Einerseits wirkt es zur Legitimation und Durchsetzung von staatlicher Macht, andererseits zu deren Begrenzung. Das gilt auch und gerade für Art. 1 GG und die folgenden Grundrechte. Das Problem besteht – wie alle historische Erfahrung zeigt – darin: Staatliche Macht neigt dazu, sich zu entgrenzen und auszubreiten. Das aber ist systemisch unverträglich mit Menschenrechten. Denn die Behauptung der Menschenrechte erschöpft sich eben nicht in der bloßen Abwehr von deren gröbsten Verletzungen, wie z.B. der Sklaverei und der Folter. Menschenrechte werden erst lebendig, nachhaltig und geschichtlich, wenn Menschen sich jedweder Herrschaft entziehend über ihr Leben, ihre Orte und ihr Werden mitbestimmen. Das aber setzt voraus, dass die Gesellschaften in all ihren Institutionen und sozialen Einrichtungen davon durchdrungen und so organisiert sind, dass sie genau das befördern und ermöglichen, also so weit wie irgend möglich Herrschaft entsagen.</p>
<h2>Würde und Menschenrechte – eine Messlatte auch für das deutsche Grundgesetz</h2>
<p>Aus dieser Perspektive betrachtet, wird deutlich, dass es um die Menschenrechte nicht gut bestellt ist. So notwendig es ist, bei der Kritik an Menschenrechtsverletzungen zu differenzieren – Folter und „Verschwinden-lassen“ unterscheiden sich von den Sanktionierungen der Hartz-IV-Gesetze –, so wichtig ist es, auch bei vermeintlich weniger dramatischen Verstößen wachsam zu sein und dagegen anzugehen. Denn Grund allen Übels ist die Bereitschaft, die Verwirklichung der Menschenrechte überhaupt anderen Interessen unterzuordnen. Das Prinzip, das in Art. 1 formuliert ist, kann man nicht nur ein bisschen einhalten.</p>
<p>Deshalb braucht es eine grundsätzlich kritische Distanz auch zum deutschen Grundgesetz. Das gilt insbesondere hinsichtlich der in ihm manifestierten, auf einem liberalen Marktverständnis beruhenden wirtschaftlichen Vorstellungen. Denn im Trubel der herrschenden Ökonomien spielen Menschenrechte weltweit eine nachgelagerte, oft gar keine Rolle. Gerade an den Zerstörungen, die die neoliberale Transformation in den vergangenen Jahren angerichtet hat, wird die Bereitschaft zur Missachtung menschenrechtlicher Standards auch in den bürgerlichen Demokratien Mitteuropas sichtbar. Die ordnungs- und sozialrechtliche Differenzierung von osteuropäischen und deutschen obdachlos gewordenen Menschen, die Kooperation mit Terrorregimen zur Abwehr von Flüchtlingen, die auf Einschränkung von Freiheitsrechten zielenden Polizeigesetze, die Nivellierung der voraussetzungslosen Gewährleistung des Existenzminimums – all das weist darauf hin, dass der deutsche Staat selbst potenzieller und konkreter Gefährder der im Grundgesetz verbrieften Menschenrechte ist. Der seit 1997 jährlich von Bürgerrechtsorganisationen herausgegebene „Grundrechte-Report“ dokumentiert ein erschreckendes Ausmaß dieser Entwicklung.</p>
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