Die Bergpredigt Ein Memorandum

Die Bergpredigt ist aktuell wie eh und je. Die Lektüre lohnt, behauptet unsere Werkstattserie, Teil 2. – Alle Bibelzitate im Text entstammen, wo nicht anders angegeben, dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 5–7.

Die Bergpredigt stellt die Gewissensfrage. Ihre Frage lautet: Betrifft sie mich? Oder genauer: An welcher Stelle? Sie ist eine Sammlung verschiedener Lehraussagen zur Frage des richtigen Lebens, von Gleichnisworten oder kurzen Auslegungen und enthält das wichtigste Gebet der Christenheit, das Vaterunser. Es geht um Tod und Liebe, Lügen, Wölfe im Schafspelz, Geld und Selbstgerechtigkeit.

Dabei fehlt nicht der Hinweis auf allgemeinmenschlichen Common Sense: Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch (die Goldene Regel). Am Anfang der Bergpredigt stehen die berühmten Seligpreisungen: „Selig sind die geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich…“.

Was ist das – die Bergpredigt?

Schon der Form nach ist die Rede also eine Zusammenstellung von Lehrbeispielen, anschaulichen Bildworten, Proklamationen, praktischen Anweisungen, Verheißungen, Zusagen, Absagen, Verneinungen von Irrtümern, so angefüllt, dass es den Eindruck haben könnte, hier sei alles zusammengetragen, was die christliche Lehre ausmacht. Dass dem nicht so ist, werden wir gleich noch sehen.

Man hat gefragt, ob die Bergpredigt ein Programm darstellen soll. Ein Manifest vielleicht zum Aufbau eines neuen Staates. Andere dagegen meinen, die Ansprüche seien so hoch und unnatürlich, dass sie nur in radikaler Abgeschiedenheit von der Welt realisierbar seien. Mit der Frage steht zur Debatte, für wen sie denn geschrieben ist – für reine Utopisten oder für „Realisten“; ob sie nur Zukunftsmusik ist oder schon jetzt etwas zu sagen hat.

Die Seligpreisungen

Gleich am Anfang steht die Antwort. „Selig sind…“. Ein deklaratorischer Akt, der hier stattfindet. Nicht eine Vertröstung auf ferne Zeiten. Selig sind… die Nicht-Habenden, die Leid-Tragenden, Verfolgten. Das klingt allerdings arg paradox, glücklich – selig – wo gar nichts oder nur Gegenteiliges ist. Gleich die erste Seligpreisung hat daher stets Stirnrunzeln hervorgerufen, als erster Satz zieht sie besondere Aufmerksamkeit auf sich. Eine der möglichen Auslegungen hebt darauf ab, dass damit diejenigen selig (gr.: makarioi) genannt werden, die um ihre Armut, ihr eigentliches Leersein vor Gott wissen: Selig, wer um seine Angewiesenheit Gott gegenüber weiß.

Das wäre dann herausfordernd gemeint und müsste zu permanenter Selbsthinterfragung führen: Wenn man etwa auf seinen religiösen Habitus sich etwas einbildet. Es könnte aber auch tröstlich sein. Wenn etwa wieder einmal klar wird, wie oft man scheitert. Selig die Nicht-Habenden, sagt jedenfalls der erste Satz der Bergpredigt. Das ist der Grundsatz, die Prämisse. Auch bei der zweiten Seligpreisung „Selig die Leid-Tragenden“ und bei der letzten der neun Seligpreisungen „Selig die Verfolgung leiden“ scheint der Trost-Aspekt im Vordergrund zu stehen.

Salz der Erde – Licht der Welt

Bestimmt nicht zufällig folgt auf diesen Auftakt das Doppelwort von Salz und Licht. Mit einer solchen Ansage im Rücken werden die Hörer ganz sicher „Salz“ und „Licht der Welt“. Salz hat reinigende Wirkung. Es gibt den richtigen Geschmack. Licht beendet Finsternis, erleuchtet und macht hell. Als Salz und Licht – Kritik und Aufhellung – wird und soll die Bergpredigt kontinuierlich wirken. So darf man die Platzierung dieser zwei Bildworte am Anfang wohl verstehen.

Schon bei den Seligpreisungen fällt der Struktur nach auf: Nicht nur depravierte (wo etwas fehlt: Arme, Leid-Tragende), sondern auch positive Menschen (wo etwas da ist) sind Gegenstand der Seligpreisung. Einerseits: Selig sind die Habenichtse vor Gott, die trauern oder leiden. Andererseits: Selig die Sanftmütigen, Barmherzigen, die Friedensstiftenden. Die Aufteilung auf beide Gruppen hält sich ungefähr die Waage. Viel Salz und Licht schon in den ersten beiden Absätzen der Bergpredigt.

Eine stete Gewissensunterweisung

Es findet also Gewissensbildung statt. Und wird die ganze Bergpredigt hindurch betrieben. Denn was im Anschluss an konkreten Beispielen vorgetragen wird – vom Vergelten, vom Bruderhass oder von der Feindesliebe (5,38; 5,21; 5,44) – das ist tatsächlich ein enorm hohes Ethos. So dass sich jeder fragen muss: Habe ich das jemals eingehalten? Werde ich es je einhalten? „Vertrage dich mit deinem Widersacher“, „wenn dich deine rechte Hand verführt, hau sie ab“, „Deine Rede sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“

Da ist nun reichlich „Salz“. Nicht erst der Totschlag ist verwerflich. Schon der Gedanke, dass der andere ein verachtenswerter Dummkopf ist! (5,22). Der Folgerichtigkeit des Arguments kann man sich kaum entziehen: Dass einer Tat das innere Einwilligen vorausgegangen ist und also schon dort die Wurzel des Übels auszumachen ist.

Ihr habt gehört, dass gesagt ist… Formal gibt sich die Bergpredigt als Auslegung bestehender Gebote. Betrifft mich das? Ja, denn der allgemeingültigen Goldenen Regel entspricht laut Bergpredigt auch das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (5,43). „Das ist das Gesetz und die Propheten“. Und davon ist kein Deut – kein Jota – abzuweichen (5,17f; 7,12): Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, die Goldene Regel aufzulösen, sondern zu erfüllen, so lässt sich die gesamte Gebotsauslegung dann schließlich zusammenfassen.

Das kann an „Salz“ nun schnell zu viel werden. Schon die Goldene Regel hat ja kein Mensch je eingehalten. Dank guter Menschenkenntnis setzt der Text daher schon bald noch einen göttlichen Wink hinzu, woher die entscheidende Hilfe und Unterstützung zur Erfüllung der Bergpredigt kommt (Gebet und Vaterunser).

Stellung im Evangelium

Manche Vertreter eines Biblizismus lesen am Ende der Bergpredigt den Satz: ›Und Jesus beendete die Rede, setzte sich abermals und sagte nie wieder ein Wort.‹ Das steht da aber gar nicht. Vielmehr wird ja schon vorher und danach von vielen weiteren Ereignissen und Worten Jesu berichtet. So folgen mindestens drei große Reden Jesu allein im Matthäusevangelium. Zahlreiche Bezüge weisen von außen in den Text hinein und aus dem Text hinaus. Zum Beispiel gibt es noch weitere Makarismen wie: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert (11,6; 13,16; Lk 11,28; Joh 20,29). Sprich: Einer Isolierung der Bergpredigt sollte unbedingt gewehrt werden. Sie wird sonst in dem nicht ernstgenommen, wie sie sich gibt.

Die matthäische Bergpredigt ist jedoch eine kunstvoll durchdacht gestaltete Rede mit Rahmung, parallel gebauten Abschnitten, einer inneren Mitte und klar benennbaren Thematiken, präzise eingebettet in das gesamte Evangelium. Dass genau in der Mitte das Vaterunser übermittelt wird, ist dann kaum zu überschätzen.

Mitte: Gebet

Wenn du betest, stell dich nicht auf den Marktplatz, sondern schließ’ dich in dein Kämmerlein. Das Vaterunser als Hauptgebet ist nun sicherlich eine eigene Auslegung wert. Neben der bemerkenswerten Anrede Gottes als Vater weisen Ausleger darauf hin, dass die Bitten „Dein Reich komme“ oder „Dein Wille geschehe“ als ein passivum divinum aufzufassen sind. Gott selbst soll demnach dafür sorgen, dass das Himmelreich auf Erden Raum gewinnt. Interessant: Auch das Geschehen des Gotteswillen selbst (6,10; 7,20) wird somit ins Gebet gegeben. Das will beachtet sein. Besonders wenn man die Bergpredigt als eine „Handlungsanweisung“ versteht. Salz und Licht also auch hier! Gegen eigenmächtige Selbstanmaßung, lat.: superbia (Hochmut), wie gegen Kleinmut, lat: desperatio (Verzweiflung), wendet sich im Endeffekt das Vaterunser wie die Bergpredigt im Ganzen.

„Sorget nicht!“ – Die Bergpredigt im Alltag

Der zweite Teil der Bergpredigt wird seltsam häufig übersehen oder ausgeblendet. Das ist dann nur die halbe Miete. Sieht man das Vaterunser als integrale Mitte, dann steht zu Beginn der zweiten Hälfte das aufschlussreiche Thema „Umgang mit Verfehlungen“: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben“ (6,14). Schon das führt jeden Anspruch auf und jede Einbildung von Perfektionismus ad absurdum. Warum denn sollte man täglich, wie um das „Brot“ auch um „Vergebung“ bitten (Und vergib uns unsere Schuld) wenn gar nichts zu vergeben wäre?

Themen betreffen im Weiteren dann das Richten (mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden), die Zuversicht beim Beten (Wer bittet, der empfängt) und das Verbot der Sorge (Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen). Befinden wir uns da noch in einer Rede über Ethik? Nein, unter der Hand wurden wir in eine ganz konkrete, umfangreiche Theologie des Alltags verwickelt. Es geht jetzt plötzlich um die Kleidung, Essen und Trinken, „Stress-machen“, Lebenserwartung, sorgenfreies Leben und den Broterwerb.

Theologie der Bergpredigt

Betrachtet man die Bergpredigt nach den in ihr behandelten Themen, enthält sie bei weitem nicht nur Lehraussagen zum richtigen Leben. Wichtige Stichworte sind der „Vater im Himmel“, die richtige Gebetspraxis, Gerechtigkeit, der Gotteswille, das Himmelreich. Oder noch umfassender: Gut und Böse (5,45; 5,37; 7,11; 6,13), Schuld und Vergebung (7,1-5; 6,14; 6,12), die göttliche Vollkommenheit (5,48). Es ist von einer Theologie der Bergpredigt zu sprechen.

Schon in den Seligpreisungen bahnt sich das an. Es ist ja jeweils auch die zweite Satzhälfte der Makarismen mit zu hören. „Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Gottes-Schau, Gotteskindschaft, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Himmelreich, das sind nur einige der Hauptbegriffe, die bereits hier aufleuchten. Der große Paukenschlag, mit dem die Bergpredigt beginnt, erhält seine Wucht deshalb auch davon, dass der „geistlich Arme“ nicht nur selig gepriesen wird, sondern erst recht darin, was ihm zugeschrieben wird: denn „sein ist das Himmelreich.“

Es sind nur leere Hände, in die das Himmelreich fällt.

Das Reich Gottes oder das Himmelreich, das muss man sich vergegenwärtigen, ist leitender Zentralbegriff, ist mit das Höchste, betrifft die Kernbotschaft, um die es doch bei allem geht (vgl. „Das Reich Gottes“, aspekte 4/2018). Dies wird nun aber nicht dem „geistlich Reichen“ zugesprochen, sondern dem geistlich Armen. Will sagen: Es sind immer nur leere Hände, in die das Reich Gottes fällt. Wenn es am Ende der Bergpredigt mit dreifach ultimativem Ernst abschließend heißt: Tut dies (7,13; 7,21; 7,24), so ist damit natürlich alles in der Rede, die vorstehende Erfüllung der Gebote und ebenso das Vaterunser und das Beachten der Güte Gottes (Seht die Lilien auf dem Felde…) gemeint.

Adressat

Wem gilt die Bergpredigt? Jedem, der sie hört. Sie richtet sich an jeden Einzelnen. Als Gewissensunterweisung und Gewissensbildung wird sie sich dabei mal mehr als Licht (gegen die desperatio), mal mehr als Salz (gegen die superbia) auswirken. Wie die Reich-Gottes-Rede insgesamt ist deshalb auch die Bergpredigt ein Memorandum, das heißt, etwas dessen man sich immer wieder erinnern soll, das immer wieder hervorgeholt, als Gewissensbildung stets neu gelesen und bedacht sein will: – Memorieren, hin und herwenden, sich vorsagen (Ps 1).

Ob man mit der Bergpredigt regieren kann

Bleibt noch zu fragen: Kann man mit der Bergpredigt regieren? Selbstverständlich. Zuallererst ist jedem „Regenten“ ein innerer Kompass nach Art der Bergpredigt nur zu wünschen. (Makarios…) Das ist gut für das Klima im „Büro“, im Land und darüber hinaus. Als Regent geht es im Weiteren um Billigkeit, Verhältnismäßigkeit, weise Amtsführung zum Nutzen der Untergebenen… Oft wird die Frage freilich fokussiert auf die eine Aussage nach Gewaltverzicht (Du sollst dem Bösen nicht widerstreben). Den kürzesten Weg zur Lösung des Problems bietet vermutlich eine Reflexion auf das Rechtswesen.

Man kann das Recht als Gesetz gewordene Nächstenliebe auffassen. Schon die Auslegungen Jesu selbst beziehen sich ja explizit auf vorhandene Rechtssetzungen – Du sollst nicht töten… – und auf Sätze wie die Goldene Regel, die als ein Urtext für den Grundsatz „gleiches Recht für alle“ angesehen werden kann. Nicht zufällig wird für die Entwicklung und Formulierung der allgemeinen Menschenrechte jüdisch-christlichen Traditionen eine gewisse Rolle zugesprochen.

Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung.

Die Aussage nun lautet: Du sollst dem Bösen nicht (z.B. selbst) widerstreben. Es steht da nicht: Dem Bösen soll der Staat nicht widerstreben. Da steht auch nicht: Es solle keinen Staat geben (vgl. Mt 22,21). Die Bergpredigt wendet sich in allen ihren Formulierungen zuallererst an den oder die Einzelnen: Die Bergpredigt ist keine Staatslehre, sondern Gewissensunterweisung. Es soll zudem ja nicht einmal nach staatlicher Vorgabe ein Richter, Regent oder Staatsdiener für sich persönlich Böses mit Bösem vergelten oder für sich Rache üben. Er soll nur schlicht das übergeordnete Recht anwenden. Anders als der Einzelne kann und muss allerdings der Staat dies dann ggf. mit Zwangsmitteln auch durchsetzen.

Wirkungsgeschichte

Viele Wendungen der Bergpredigt haben Eingang in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Das Licht nicht unter den Scheffel stellen, Perlen nicht vor die Säue werfen, der Balken im Auge, u.a.m. Anders als die „Feldrede“ bei Lukas hat die matthäische Bergpredigt ihre Thesen, „Antithesen“ und Synthesen in weiteste Zusammenhänge transponiert, fast bis an der Welt Ende. Dazu dürften die innere Geschlossenheit der Rede ebenso beigetragen haben wie ihr alles „umstülpender“ Inhalt.

Jüdische Gelehrte wie Pinchas Lapide haben dafür argumentiert, dass die „Berglehre“ in ihren Grundaussagen mit rabbinisch-jüdischem Gedankengut in vollem Einklang steht, sich daraus speist und konfliktlos in es einzuordnen ist. Das ist wahrscheinlich richtig.

Für Nietzsche war ein Ethos nach Art der Bergpredigt das symptomatische Beispiel einer minderwertigen Moral, weil sie das Starke geringschätze. Er hat dabei freilich übersehen, dass sie gerade auch den Niedersten emporholt, ermächtigt, zu einem höchsten Ethos führt und so mit höchsten Ehrentiteln adelt („vollkommen sein wie Gott“). Mahatma Gandhi hat sie nachhaltig beeindruckt.

Leseempfehlung

Gilt für mich: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu? Betrifft mich die Bergpredigt? Brauche ich den Trost der Seligpreisungen?

An welcher Stelle die Bergpredigt uns ins Gewissen redet, wird sich von Zeit zu Zeit je neu entscheiden. Mal spricht sie gegen desperatio, mal gegen die superbia. Die Rezeptions- und Auslegungsgeschichte der Bergpredigt ist noch lange nicht abgeschlossen.

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