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	<title>evangelische aspekte</title>
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	<description>Die evangelische Zeitschrift im Internet</description>
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	<title>evangelische aspekte</title>
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		<title>Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jakob Gosda]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 15:02:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
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					<description><![CDATA[Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2025, 224 S., 20 EUR Henze nennt sie „Gotteskrieger“, „MAGA-Gläubige“ oder „Theokraten“ und spricht von „Pseudo-“ oder „pervertiertem Christentum“: Der Theologe und Journalist untersucht die „Symbiose“ zwischen Trump und dem christlichen Nationalismus. Er plädiert für die „Bejahung von Staat und Politik im Raum des Säkularen“ und gegen die religiöse Aufladung gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. ... <a title="Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie" class="read-more" href="https://www.evangelische-aspekte.de/arnd-henze-mit-gott-gegen-die-demokratie/" aria-label="Mehr Informationen über Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie">Weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Henze-Mit-Gott.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-medium wp-image-9051 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Henze-Mit-Gott-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Henze-Mit-Gott-189x300.jpg 189w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Henze-Mit-Gott.jpg 300w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2025, 224 S., 20 EUR</strong></p>
<p>Henze nennt sie „Gotteskrieger“, „MAGA-Gläubige“ oder „Theokraten“ und spricht von „Pseudo-“ oder „pervertiertem Christentum“: Der Theologe und Journalist untersucht die „Symbiose“ zwischen Trump und dem christlichen Nationalismus. Er plädiert für die „Bejahung von Staat und Politik im Raum des Säkularen“ und gegen die religiöse Aufladung gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.</p>
<p>Der erste Teil skizziert den christlichen Nationalismus in den USA und porträtiert Kriegsminister Pete Hegseth, Vizepräsident J. D. Vance und den ermordeten Charlie Kirk. Trumps geistliche Berater, die der Autor spöttisch eine „eitle Riege frömmelnder Schmeichler“ nennt, verfolgen mit dem <em>Seven Mountains Mandate</em> eine theokratische Agenda zur Kontrolle gesellschaftlicher Machtzentren. Eine historische Rückschau zeigt, wie Trump zum gottgesandten Rächer für die religiöse Rechte wurde. Im zweiten Teil fragt Henze, ob Analogien zum Nationalsozialismus legitim sind. So vergleicht er den „MAGA-Kult“ mit den „Deutschen Christen“. Im gegenwärtigen deutschen Kontext thematisiert Henze die AfD, rechte „Christfluencer“ und den Fall Frauke Brosius-Gersdorf. Der dritte Teil schließt mit einem <em>Worst</em>&#8211; und einem <em>Best-Case-Szenario</em>.</p>
<p>Das Werk besticht durch seinen scharfen Ton und leidenschaftliche Thesen. Der mitunter polemische Stil scheint angesichts der „religiösen Freakshow“, wie Henze sie nennt, vielfach angemessen. Der inflationäre Gebrauch von Superlativen wirkt aber bisweilen ermüdend. Henze schreibt z.B., man könne Hartmut Rosas <em>Demokratie braucht Religion</em> „gar nicht deutlich genug widersprechen“ und stellt dessen resonanztheoretischen Ansatz verkürzt dar. Auch die Aussage, es finde sich „nirgends ein Beleg“ für demokratiefördernde Ressourcen der Religion, wirkt einseitig.</p>
<p>Das Buch überzeugt, wo es historische Analyse, politische Diagnose und theologische Reflexion verbindet. Damit ist es ein wichtiger und informativer Beitrag über einen christlichen Nationalismus, der sich religiöses Endzeitpathos zur rücksichtslosen Durchsetzung seiner Ziele dienstbar macht. Henze kritisiert die politische Instrumentalisierung von Religion zurecht und behandelt Themen am Nerv der Zeit. Die Grenzen des Buches liegen in pauschalisierenden Schlussfolgerungen, die das ambivalente Phänomen Religion auf seine Anfälligkeit für Missbrauch reduzieren, statt mögliche demokratieförderliche Potenziale zu würdigen.</p>
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		<title>Maximilian Schell, Reiner Anselm, Friederike Krippner (Hg.): Gerechter Friede auf dem Prüfstand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Caspar Ruben de Boor]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 15:00:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Denkschrift]]></category>
		<category><![CDATA[EKD]]></category>
		<category><![CDATA[Friede]]></category>
		<category><![CDATA[Pazifismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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					<description><![CDATA[EVA, Leipzig 2025, 384 S., 45 EUR Der Friedensdenkschrift der EKD wird nun ein „Lesebuch“ zur Seite gestellt. Es sei gewarnt: „Lesebuch“ bedeutet nicht, dass man sich gemütlich abends an den Strand setzt und darin ein wenig herumblättert. Es handelt sich vielmehr um wissenschaftliche Aufsätze. Die neue Friedensdenkschrift ist in dem Sinne besonders, dass sie ... <a title="Maximilian Schell, Reiner Anselm, Friederike Krippner (Hg.): Gerechter Friede auf dem Prüfstand" class="read-more" href="https://www.evangelische-aspekte.de/maximilian-schell-reiner-anselm-friederike-krippner-hg-gerechter-friede-auf-dem-pruefstand/" aria-label="Mehr Informationen über Maximilian Schell, Reiner Anselm, Friederike Krippner (Hg.): Gerechter Friede auf dem Prüfstand">Weiterlesen</a>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_eva_leipzig_Denkschrift.jpg"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9050 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_eva_leipzig_Denkschrift-202x300.jpg" alt="" width="202" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_eva_leipzig_Denkschrift-202x300.jpg 202w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_eva_leipzig_Denkschrift.jpg 300w" sizes="(max-width: 202px) 100vw, 202px" /></a>EVA, Leipzig 2025, 384 S., 45 EUR</strong></p>
<p>Der Friedensdenkschrift der EKD wird nun ein „Lesebuch“ zur Seite gestellt. Es sei gewarnt: „Lesebuch“ bedeutet nicht, dass man sich gemütlich abends an den Strand setzt und darin ein wenig herumblättert. Es handelt sich vielmehr um wissenschaftliche Aufsätze.</p>
<p>Die neue Friedensdenkschrift ist in dem Sinne besonders, dass sie in Reaktion auf den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine aus Sicht der evangelischen Kirche formuliert, dass das Recht auf Selbstverteidigung, auf territoriale Grenzen und selbst Aufrüstung aus dem Nächstenliebegebot in einer gefallenen Welt zu rechtfertigen sei. Dadurch wendet sie sich noch deutlicher vom radikalen Pazifismus ab, dem nur noch eine „Wächterfunktion“ zukomme.</p>
<p>Der Vorteil dieses „Lesebuchs“ ist, dass aus dem Redaktionsteam rund um Anselm und Krippner Beitragende nun namentlich hervortreten. Und somit wird wieder diskursiv, was sonst im Politikberatungsstil einer Denkschrift verwischt, die letztlich auch nicht von der aktuellen Regierungsposition abweicht. Dem manchmal distanzierten Ton wäre noch mehr Position zu wünschen gewesen – und mehr Klarheit in Bezug auf praktische Konsequenzen einer Theologie des Friedens. Selbst Parteizugehörigkeiten werden z.B. im Autor_innenverzeichnis nicht erwähnt. In einer Welt, die die Denkschrift kurz nach dem Erscheinen mit neuen Kriegen überholt hat, und bei Themen wie Wehrpflicht, Abschreckung, Aufrüstung, Klimakatastrophe, Wirtschaft braucht es mehr Streit statt einer vorschnellen „Befriedung“ der Debatte.</p>
<p><em>Caspar de Boor</em></p>
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		<title>Götz Aly: Wie konnte das geschehen?</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/goetz-aly-wie-konnte-das-geschehen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Jörg Winter]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:57:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtsradikalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Frage, warum sich viele Millionen Deutsche nach 1933 für Adolf Hitler begeistern konnten und ihm bis zum bitteren Ende die Treue hielten, ist angesichts der aktuellen Bedrohung unserer Demokratie durch neonazistische Kräfte nicht nur von historischem, sondern von höchstem aktuellem Interesse.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Aly-Wie-konnte-das-geschehen.png"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-9049 alignleft" src="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Aly-Wie-konnte-das-geschehen-196x300.png" alt="" width="196" height="300" srcset="https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Aly-Wie-konnte-das-geschehen-196x300.png 196w, https://www.evangelische-aspekte.de/wp-content/uploads/Cover_Aly-Wie-konnte-das-geschehen.png 300w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a>Fischer, Frankfurt <sup>5</sup>2025, 762 S., 34,00 EUR</strong></p>
<p>Die Frage, warum sich viele Millionen Deutsche nach 1933 für Adolf Hitler begeistern konnten und ihm bis zum bitteren Ende die Treue hielten, ist angesichts der aktuellen Bedrohung unserer Demokratie durch neonazistische Kräfte nicht nur von historischem, sondern von höchstem aktuellem Interesse.</p>
<p>Als maßgebliche Faktoren, für die auch andere politische Systeme anfällig sind, benennt Aly am Ende seiner umfangreichen Untersuchung der Mechanismen der nationalsozialistischen Herrschaft die Benachteiligung oder Aussonderung von Menschengruppen, die als störend erachtet werden, sowie das Interesse daran, den eigenen Wohlstand auf Kosten anderer zu mehren. „Die Kombination aus verbesserten Sozialleistungen, sozialer Mobilisierung, kollektiver Selbsterhöhung und selbst Ermächtigung, begleitet von nach innen und außen gerichteter Aggression wird es immer und unter vielerlei Vorzeichen geben“ (S. 666).</p>
<p>Auch eine demokratische Gesellschaft ist davor nicht gefeit. Das Buch von Aly bietet umfangreiches Anschauungsmaterial dafür, wohin es führt, wenn radikalen Kräften die Macht überlassen wird, in dem Irrglauben, man könne sie durch die Beteiligung an der politischen Macht bändigen oder „entzaubern“. Widerstand ist keine Frage des <em>Heroismus</em>, sondern des Zeitpunkts, wie das Ende der Weimarer Republik nachdrücklich gezeigt hat. Das sollte uns eine Lehre sein.</p>
<p><em>Jörg Winter</em></p>
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		<title>Lost Place</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Thomas Schrödter]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:55:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Beständiges]]></category>
		<category><![CDATA[Ideale]]></category>
		<category><![CDATA[Relikt]]></category>
		<category><![CDATA[Veränderung]]></category>
		<category><![CDATA[Vergänglichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zeche]]></category>
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					<description><![CDATA[„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Mt 24,35)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Mt 24,35)</p></blockquote></div>
<p>Sonntagnachmittag. Ein kleiner Spaziergang tut immer gut. Ich laufe über das alte Gelände der Zeche Niederberg. Früher Arbeitsstelle für tausende Menschen. Heute bin ich hier allein. Viel ist nicht übriggeblieben: Einige Gebäude, rostiges Metall, teilweise eingestürzte Mauern, bunt gefärbt durch unzählige Graffiti. Die Fördertürme stehen noch. Ich blicke an ihnen empor: Vielleicht 80 Meter hoch, schätze ich. Dunkel zeichnet sich die Stahlkonstruktion vor dem grauen Himmel ab. Wirklich beeindruckend. Und doch nur ein Überbleibsel vergangener Zeiten. Ein „<em>Lost Place</em>“. Interessant anzuschauen. Ein tolles Fotomotiv. Aber kaum mehr. Irrelevant. Vergangenheit.</p>
<p>Eigenartig, wie schnell das geht: Dinge, die noch gestern selbstverständlich da waren, die das Leben bestimmt haben, sind plötzlich überholt. Taugen nur noch für nostalgische Erinnerungen.</p>
<p>Manchmal fühle ich mich, ehrlich gesagt, auch selber ein bisschen so: Wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt. Wenn ich z.B. daran denke, wie selbstverständlich Glaube und Kirche in meinem Leben immer waren. Selbstverständlich ist da heutzutage nichts mehr. Für mich war auch immer klar: Was wirklich zählt, sind die inneren Werte eines Menschen. In Zeiten ungebremster Selbstdarstellung und brutaler Bewertungskultur bei <em>Instagram</em> und Co. heute gar nicht mehr vorstellbar. Und wenn ich mich daran erinnere, wie tief ich überzeugt war, dass „Frieden schaffen ohne Waffen“ mehr sein könnte als ein schicker Slogan. Dass ich wirklich dachte: Es könnte doch eine realistische Chance geben, auf ein friedliches und gerechteres Zusammenleben der Völker. Für solche Ideen wird man in der heutigen Weltlage müde belächelt. Vielleicht bin ich tatsächlich ein Relikt. Mein Herz ein „<em>Lost Place</em>“ mit Vorstellungen und Idealen, die heute nur für noch nostalgische Erinnerungen gut sind. Fühlt sich manchmal so an.</p>
<p>Ich frage mich: Was bleibt eigentlich? Wenn alles so schnell verloren geht, zusammenbricht, nur noch „von gestern“ ist – Gebäude, Lebensentwürfe, Ideale, Hoffnungen &#8211; gibt es überhaupt etwas, das bestehen bleibt? „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“, hat Jesus gesagt (Mt 24,35). Ich höre: Alles kann sich verändern. Orte können verfallen. Überzeugungen aus der Mode geraten. Was gestern noch allen einsichtig war, kann morgen schon wie eine Dummheit wirken. Aber seine Worte stehen: „Selig sind die Friedfertigen.“, zum Beispiel. „Selig sind die Sanftmütigen, die Barmherzigen.“ Diese Worte müssen sich nicht rechtfertigen vor dem, was gerade als modern gilt. Eher anders herum: Sie erinnern daran, dass manche Wahrheiten eben auch dann noch gelten, wenn sie unbequem und fremd geworden sind.</p>
<p>Langsam wird es dunkel. Zeit, nach Hause zu gehen. Ich drehe mich noch einmal um. Dinge vergehen. Alles verändert sich. Manches vermisst man. Manchmal wird man nostalgisch. Aber manches, manches bleibt eben doch. Gottseidank.</p>
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		<title>Urlaub, der bildet</title>
		<link>https://www.evangelische-aspekte.de/bildungsreisen-gehoeren-zum-angebot-der-kirchen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Rainer Lang]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:53:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Bildungsreisen]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Pilgerreisen]]></category>
		<category><![CDATA[Studienreisen]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
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					<description><![CDATA[Spirituelle Auszeiten gehören inzwischen zur beliebten Art des Auftankens angesichts des hektischen und oft kräftezehrenden Alltags. Sie können auch Teil von Pilger- oder Studienreisen sein, die von den beiden großen Kirchen oder ihren Organisationen angeboten werden. Deshalb nutzen die Tourismusvertreter auch die großen Urlaubsmessen in Deutschland als eine Plattform.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Spirituelle Auszeiten gehören inzwischen zur beliebten Art des Auftankens angesichts des hektischen und oft kräftezehrenden Alltags. Sie können auch Teil von Pilger- oder Studienreisen sein, die von den beiden großen Kirchen oder ihren Organisationen angeboten werden. Deshalb nutzen die Tourismusvertreter auch die großen Urlaubsmessen in Deutschland als eine Plattform.</p></blockquote></div>
<p>Sowohl auf der weltweit größten Publikumsmesse für Tourismus und Freizeit, der CMT in Stuttgart, als auch auf der größten Reisemesse der Welt, der ITB in Berlin, sind die evangelische und die katholische Kirche vertreten. Und dabei stoßen sie auf reges Interesse. Bildungsreisen sind ein fester Bestandteil des kirchlichen Angebots.</p>
<h2>Bildung als programmatisches Ziel</h2>
<p>Bildung sieht die protestantische Kirche seit der Reformationszeit als eine ihrer zentralen Aufgaben. Schon Martin Luther hatte das Ziel, dass alle Menschen in der Lage sind, die Bibel selbst zu lesen. Der Glaube und die Mündigkeit des Menschen hängen für den Protestantismus eng zusammen. So war es kein Zufall, dass Herzog Christoph mit der Kirchenordnung von 1559 den Grundstein für ein geordnetes Schulwesen in Württemberg legte. Auch heute noch unterhält die evangelische Kirche Schulen und hat in den Landeskirchen auch ein umfangreiches Angebot an Studien- und Bildungsreisen. Dafür sollen im folgenden beispielhaft ein paar Angebote stehen.</p>
<h2>Urlaubszeit und Erwachsenenbildung</h2>
<p>So lädt das Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche Westfalen regelmäßig zu entsprechenden Reisen ein. Zum Beispiel geht es vom 20. bis 30. September in Bremen auf eine spirituelle Pilgerreise unter dem Motto „Mit dem Rad unterwegs auf dem Mönchsweg“. Auf dem ersten deutschen Radpilgerweg geht es von Bremen bis zur Ostseeinsel Fehmarn. „Diese Reise verbindet Bewegung, Gemeinschaft und spirituelle Erwachsenenbildung“, heißt es in der Ankündigung. Das heißt konkret, dass „einfache Rituale, kurze Andachten und meditative Elemente den Weg begleiten und Raum eröffnen für persönliche Fragen nach Sinn, Lebensweg und Glauben“.</p>
<p>Der Evangelische Regionalverband Frankfurt und Offenbach lädt zu „evangelisch reisen“ ein. Das Angebot ist offenbar so attraktiv, dass nahezu alle Reisen ausgebucht sind. Noch Plätze frei waren bei einem Seminar im Frankfurter Haus auf Spiekeroog vom 6. bis 12. September 2026. Angekündigt wird ein „Bildungsurlaub zur Reflexion und Schulung der eigenen Sprache als hilfreiches Werkzeug bei Auseinandersetzungen und Konflikten in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz“.</p>
<p>Das Motto heißt dabei „Wortgefecht statt Prügelei“. Es ist ein Angebot an alle, die in ihrem Berufsleben viel kommunizieren. Beachtet werden soll nicht nur die Klarheit der Sprache, sondern auch wie über die Körperhaltung kommuniziert wird. „Ihr Körperausdruck unterstreicht den Inhalt Ihrer Rede, Sie kommunizieren eindeutig, werden besser und nachhaltig verstanden und unterstützen sich damit alltäglich in Ihrer beruflichen Rolle“, heißt es.</p>
<h2>Reisen bildet</h2>
<p>In Frankfurt am Main ist auch der Sitz von EEC-Studienreisen unter dem Motto „Kirchliches und Kulturelles Reisen“. Als einer der Schwerpunkte wird die Beratung und Planung von Pilgerreisen angegeben. Es geht hier um die Strahlkraft heiliger Orte. „Für unsere Pilgergruppen sind vor allem Rom, Jerusalem, Fatima, Santiago de Compostela und Assisi wichtige Reiseziele“, heißt es auf der Homepage. Aber offenbar sind auch Kurzreisen zu Wallfahrtsorten in Deutschland beliebt.</p>
<p>Bekannt für an der biblischen Tradition orientierte Angebote aus dem evangelischen Spektrum sind die in Stuttgart ansässigen Anbieter von „Biblische Reisen“. Ob spirituelle Pilgerreise, kulturell-thematische Studienreise oder individuell gestaltete Gemeindereise, alles wird den Angaben zufolge von Anfang bis Ende mit theologischer Expertise begleitet. Eine Bildungsreise begibt sich in der Türkei auf die Spuren von Paulus und Johannes.</p>
<h2>Türkei als Reiseziel</h2>
<p>Diese Reise führt zum Beispiel in die einstige römische Provinz Asia, deren Städte zu den bedeutenden Schauplätzen der frühen Christenheit zählen. Besucht werden Ephesus mit Theater, Celsus-Bibliothek, Marienkirche und Johanneskirche, das antike Smyrna mit der Polykarp-Kirche sowie Laodizea, eine der Gemeinden aus der Offenbarung des Johannes.</p>
<p>In Pamukkale verbinden sich die weißen Kalksinterterrassen mit den Ruinen von Hierapolis und frühchristlichen Erinnerungsorten. Milet erinnert an die Abschiedsrede des Paulus, Didyma an die große Orakeltradition Ioniens. Ein Tag in Şirince, am Marienhaus und an der Isabey-Moschee rundet die Reise mit dörflicher Atmosphäre, religiöser Verehrung und osmanischer Baukunst ab. Es werden jedoch auch Reisen nach Wunsch zusammengestellt. Auf Wunsch werden auch Begegnungen mit Persönlichkeiten aus Religion, Politik, Kultur und Gesellschaft organisiert.</p>
<h2>Studienreisen in Osteuropa und in Südamerika</h2>
<p>Auch das Gustav-Adolf-Werk (GAW) ist bekannt für seine Studienreisen. Diese führen zu evangelischen Partnerkirchen und Diasporagemeinden im Ausland. Spannend sind zum Beispiel Einblicke in das Leben und Wirken von Diasporagemeinden in Brasilien, Argentinien oder Chile. Dabei lernen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer viel über die Geschichte deutscher Auswanderer und darüber, wie sich ihre Religion und Sprache erhalten hat. Zum Teil pflegen die älteren Menschen noch ein altertümliches Deutsch, so wie gesprochen wurde, als ihre Vorfahren das Land verlassen hatten. Deutlich wird aber auch, wie sich Traditionen verändern.</p>
<p>Die jüngere Generation spricht kaum noch Deutsch. Beim Besuch der örtlichen Schulen wird die Landessprache gesprochen. Deshalb sind auch deutsche Diasporagemeinden inzwischen gezwungen, Gottesdienste sowohl in Deutsch als auch in der Landessprache zu halten. Sonst könnten die Jüngeren nicht mehr folgen und würden ganz wegbleiben. Dennoch wir deutlich, dass noch deutsche kulturelle Traditionen, wie Festlichkeiten, auch im südamerikanischen Umfeld weiter gepflegt werden.</p>
<p>In Württemberg pflegt das GAW auch enge Kontakte zu den Partnerkirchen in Osteuropa, zum Beispiel in Polen, der Slowakei sowie in Rumänien. Es sind Kirchen, die klein und überschaubar sind. Gerade bei einer Reise nach Rumänien kann man viel lernen über die Tradition der Siebenbürger Sachsen. Die Spuren der deutsch geprägten Vergangenheit sind noch überall zu sehen. Aber der Terror der Nazis im Zweiten Weltkrieg hat auch hier tiefe Spuren hinterlassen. Auf den Spuren der Siebenbürger Sachsen zu reisen, bietet interessante Einblicke in eine frühe Migrationsgeschichte. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf das literarische Erbe der Rumäniendeutschen zu werfen.</p>
<h2>Abenteuerliche Zeitreisen auf alten Pfaden</h2>
<p>Spannend ist auch eine Reise nach Österreich. Von Bad Kleinkirchheim in Kärnten kann man zum Beispiel die alten Bibelschmuggelpfade entdecken. Es war zur Zeit der Gegenreformation, als die Protestanten in der Gegend schweren Verfolgungen ausgesetzt waren. Ihnen war es verboten, ihren Glauben zu pflegen. Das bedeutete auch, dass es ihnen untersagt war, die Bibel zu lesen. Aber dies wurde im Geheimen in Bibelkreisen zu Hause gepflegt. Ihren Glauben wollten die Menschen nicht aufgeben. Auf abenteuerlichen Wegen wurden deshalb über schmale Bergpfade Bibeln aus Deutschland nach Kärnten geschmuggelt. Eine spannende Zeitreise kann man hier erleben.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Distanzlos oder engagiert?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benedikt Friedrich-Lang und Tobias Friesen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:40:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Aktivismus]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaftstheorie]]></category>
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					<description><![CDATA[Was wäre eigentlich eine Theologie, der die Zukunft von Kirche und Gesellschaft gleichgültig ist? Niemand wünscht sich das. Dennoch flammt immer wieder die Debatte auf, sobald Wissenschaften – und die Theologie als eine davon – energisch darauf drängen, aus ihren Erkenntnissen politische und gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Was wäre eigentlich eine Theologie, der die Zukunft von Kirche und Gesellschaft gleichgültig ist? Niemand wünscht sich das. Dennoch flammt immer wieder die Debatte auf, sobald Wissenschaften – und die Theologie als eine davon – energisch darauf drängen, aus ihren Erkenntnissen politische und gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen. </p></blockquote></div>
<p>Schnell fällt dann das Wort „Aktivismus“ – meist als Vorwurf gemeint. Dies führt zu einem drängenden Problem: Wo verläuft die Grenze zwischen legitimem Engagement und problematischer Kompetenzüberschreitung?</p>
<p>Wissenschaftstheoretisch ist die Grenze schnell gezogen. Aktivismus wird dort zum Problem, wo er die Begründungsrichtung wissenschaftlicher Arbeit umkehrt und Forschungsergebnisse nicht mehr aus einem kontrollierbaren Erkenntnisweg erwachsen, sondern politische Positionierungen im Gewand wissenschaftlicher Sprache auftreten. Damit ist aber nur ein Teil der Frage beantwortet – die wissenschaftspraktische Frage lautet nämlich: Welchem Zweck dienen Wissenschaften?</p>
<p>Die Theologie ist seit jeher mittendrin in der Aushandlung, welche Funktion sie im Gegenüber zu Kirche, Staat, Öffentlichkeiten und Wissenschaften erfüllen kann. Das Repertoire möglicher Antworten reicht von der Theologie als „kritischer Funktion der Kirche“ (Karl Barth), „positiver Wissenschaft“ zur Befähigung der Kirchenleitung (Friedrich Schleiermacher) bis hin zur Mitgestalterin gesellschaftlicher Verständigung (Wolfgang Huber). Theologie hat immer einen Bezugs- und Anwendungsrahmen ihrer Reflexionsleistung. Wie weit ist aber dieser Rahmen? Und finden sich politische Aktivismus- und Protestbewegungen darin wieder?</p>
<p>Unsere Gesellschaft leistet sich das Unternehmen der Wissenschaften (und die Theologie als Teil davon), weil sie sich davon einen gesellschaftlichen Mehrwert verspricht. Könnte es nicht sein, dass Forschungsvorhaben, die als aktivistisch wahrgenommen werden, sich gerade darum einem Vorwurf ausgesetzt sehen, weil sie meinen, diesen Mehrwert möglichst unmittelbar realisieren zu können? Was aber als Mehrwert gilt, dafür gibt es keinen einfachen Konsens; und in einer pluralistischen Gesellschaft wäre der vielleicht auch gar nicht wünschenswert. Daher kann Theologie die Kirche, die Gesellschaft und das Christentum von morgen nicht so gestalten, als verfügte sie über deren Richtung. Aber sie kann diese mitverhandeln.</p>
<p>Theologische Forschungsvorhaben, die sich den evidenten Krisen von Ökologie, Demokratie und sozialer wie ökonomischer Gerechtigkeit stellen, entkommen dieser Spannung nicht. Denn die Tatsache dieser Krisen lässt sich weder diskursiv auflösen noch durch energische Positionierung bewältigen. Was Theologie aber beitragen kann, ist Reflexionsarbeit, die eine Position überhaupt erst ermöglicht, aus der heraus sich Handlungs- und Denkoptionen entfalten lassen. Unterwirft sich diese Arbeit denselben Qualitätsmaßstäben wie jede Wissenschaft, dann ist ihr Engagement keine Distanzlosigkeit, sondern genau jener gesellschaftliche Beitrag, um dessentwillen sich eine Gesellschaft die Wissenschaften leistet: ein Wissen, das in der Aushandlung um die Zukunft etwas zu sagen hat.</p>
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		<title>Lesenlassen, Schreibenlassen, Selberdenken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Albrecht Schmidt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:34:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[KI]]></category>
		<category><![CDATA[Künstliche Intelligenz]]></category>
		<category><![CDATA[Lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Schreiben]]></category>
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					<description><![CDATA[Gemeinsam mit dem Informatiker Albrecht Schmidt veranstalteten die evangelischen aspekte ein Experiment. Was geschieht, wenn ein Autor das Lesen und das Schreiben Künstlicher Intelligenz (KI) überlässt?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Gemeinsam mit dem Informatiker Albrecht Schmidt veranstalteten die evangelischen aspekte ein Experiment. Was geschieht, wenn ein Autor das Lesen und das Schreiben Künstlicher Intelligenz (KI/AI) überlässt?</p></blockquote></div>
<p>Dieser Text beginnt mit einem Selbstversuch. Ich schreibe über das Lesen – und lasse mir dabei von einer Maschine helfen. Ich nutze ein großes Sprachmodell, ein KI-System wie <em>ChatGPT</em> oder <em>Claude</em>, und gebe ihm eine Aufgabe: Worum soll es gehen? Für welche Leserschaft? In welchem Ton? Wenige Sekunden später antwortet die Maschine mit Gliederungsvorschlägen, Formulierungen, Gegenfragen – und manchmal mit Sätzen, die ich sofort verwerfe.</p>
<h2>Ein Experiment: Lesen lassen?</h2>
<p>Schon dieser einfache Vorgang zeigt, wie sehr sich geistige Arbeit verändert. Der Computer ist nicht mehr nur Schreibmaschine oder Lexikon. Er wird zu einer Art Denkgegenüber. Er ersetzt nicht mein Urteil, und trägt keine Verantwortung für das, was am Ende unter meinem Namen erscheint. Aber er kann ordnen, variieren und Einwände simulieren. An den Universitäten ist das längst Alltag. Studierende nutzen KI, um Vorlesungsinhalte zu verstehen oder Hausarbeiten zu strukturieren. Forschende verwenden sie für Literaturüberblicke, Übersetzungen, Ideenskizzen oder bei der Überarbeitung.</p>
<p>Eine grobe Erfahrung lautet: In vielen sprachlichen Aufgaben ist KI besser als der Durchschnitt, aber schlechter als die Besten. Sie liefert Entwürfe, Zusammenfassungen und Ordnung im Unübersichtlichen. Schwach bleibt sie dort, wo es um tiefes Fachurteil, Verantwortung oder neues Denken geht. Wer wenig weiß, erkennt ihre Fehler schwer. Wer viel weiß, kann sie produktiv nutzen.</p>
<p>Das eigentliche Experiment besteht deshalb nicht darin, ob KI einen Artikel schreiben kann. Die interessantere Frage lautet: Was geschieht mit uns, wenn wir Teile des Lesens und Schreibens auslagern?</p>
<h2>Lesen als Denkwerkzeug</h2>
<p>Lesen beginnt nicht erst im Buch. Es beginnt vielleicht schon in dem Moment, in dem wir einen Gedanken notieren, damit er nicht verloren geht. Ein Satz auf einem Zettel, eine Randbemerkung im Buch: All das sind kleine Formen ausgelagerten Denkens. Was aufgeschrieben ist, muss nicht mehr allein im Gedächtnis gehalten werden. Es kann warten, wiedergefunden werden und uns später widersprechen.</p>
<p>In diesem Sinn ist Schrift ein zweites Gedächtnis. Sie ermöglicht Distanz zu den eigenen Gedanken. Erst wenn ein Gedanke vor uns steht, können wir ihn betrachten, ordnen, und mit anderen Gedanken verbinden. Lesen ist dann die Rückkehr zu diesem ausgelagerten Denken: zu den eigenen Gedanken von gestern, zu fremden Gedanken aus einem Buch, zu Überlieferungen aus einer langen Tradition.</p>
<p>Darin liegt auch die gesellschaftliche Kraft des Lesens. Wer lesen kann, ist weniger abhängig davon, was andere weitergeben, erklären oder für ihn auslegen. Schrift macht Wissen haltbar, allerdings nicht automatisch allen zugänglich. Der Buchdruck vergrößerte die Reichweite von Texten, beseitigte aber nicht von selbst Unterschiede in Bildung, Besitz, Sprache und Macht.</p>
<p>Für eine evangelische Perspektive ist das besonders leicht vermittelbar. Denn die Reformation war nicht nur ein theologisches Ereignis, sondern auch ein Medien- und Bildungsereignis. Bibelübersetzung, Buchdruck, Predigt, Schule und eigene Lektüre gehörten zusammen. Der Glaube sollte nicht nur durch Vermittlung anderer erreichbar sein, sondern im eigenen Hören, Lesen, Prüfen und Verstehen. Damit wird Lesen zu mehr als Informationsaufnahme.</p>
<h2>Vom Lesen zum Lesenlassen</h2>
<p>Wer liest, fragt: Was steht hier? Was bedeutet es? Wer spricht? Was fehlt? Lesen ist nicht nur das Entnehmen von Aussagen aus einem Text. Lesen ist auch Zeit, Aufmerksamkeit, Eintauchen. Eine gute Lektüre besteht nicht nur darin, am Ende etwas zu wissen. Sie besteht auch darin, unterwegs gewesen zu sein. Eine Zusammenfassung kann Zeit sparen und Zugänge eröffnen. Aber sie ersetzt nicht die Erfahrung, einem Gedanken über mehrere Seiten hinweg zu folgen.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Eine gute Lektüre besteht auch darin, unterwegs gewesen zu sein.</p></blockquote></div>
<p>Wer nur noch Zusammenfassungen liest, bekommt mehr Information, aber möglicherweise weniger Begegnung. Man weiß schneller, worum es geht – aber nicht unbedingt besser, was es bedeutet. Wir müssen also entscheiden, wann Information genügt und wann wir selbst eintauchen müssen. Die Maschine liest. Doch verstehen und staunen müssen wir weiterhin selbst. Genau darin liegt vielleicht eine neue Lesekompetenz: nicht nur lesen zu können, sondern zu wissen, wann man lesen lässt.</p>
<h2>Vom Schreiben zum Schreibenlassen</h2>
<p>Wer schreiben lässt, muss damit mehr denn je wissen, was er sagen will. Denn Schreiben ist nicht nur das Festhalten fertiger Gedanken. Oft entstehen Gedanken erst im Schreiben. Beim Formulieren merken wir, wo eine Idee trägt und wo sie nur vage klingt. Wer schreibt, beobachtet das eigene Denken bei der Arbeit. KI verändert diesen Prozess. Sie nimmt dem Schreiben den ersten Widerstand, das leere Blatt. Das kann entlasten und beschleunigen. Es kann Menschen helfen, die Mühe haben, Gedanken in eine passende Form zu bringen. Aber gerade weil der Anfang leichter wird, muss das Urteil wacher werden.</p>
<p>Damit wird auch Autorenschaft komplizierter. Die Maschine kann Sätze anbieten, aber sie hat keine Absicht. Sie kennt keine biografische Erfahrung, kein Gewissen. Deshalb stellt KI das Schreibenlernen nicht einfach infrage, sondern macht es wichtiger. KI kann beim Schreibenlernen helfen. Aber sie sollte das Ringen um den eigenen Gedanken nicht ersetzen.</p>
<h2>Von der Lesefreiheit zur Schreibfreiheit</h2>
<p>Der reformatorische Impuls zielte nicht nur darauf, Texte zugänglich zu machen. Er zielte auf mündige Menschen, die sich zu dem Gelesenen verhalten können: fragend, prüfend, widersprechend, antwortend. Aus dem Zugang zum Text sollte eine eigene Stimme erwachsen. KI kann hier Hürden senken. Sie kann Menschen unterstützen, die unsicher schreiben, nicht in ihrer Muttersprache formulieren, mit institutionellen Textsorten kämpfen oder eine Behinderung haben. Sie kann Gedanken in eine Form bringen, die gehört wird.</p>
<p>Damit entsteht eine neue Möglichkeit von Teilhabe. Aus Lesefreiheit kann Schreibfreiheit werden. Doch diese Freiheit ist nicht automatisch gerecht verteilt. Wer leistungsfähige Systeme bezahlen kann, Sprachkompetenz und Bildung besitzt, wird mehr profitieren. Wer bereits viel weiß, kann KI besser steuern und ihre Ergebnisse besser prüfen.</p>
<p>Von Luther her gedacht ist KI deshalb nicht nur eine technische Frage, sondern eine Bildungsfrage. Sie kann Menschen sprachfähiger machen. Sie kann aber auch neue Vermittlungsinstanzen schaffen, deren Autorität kaum sichtbar ist. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wer KI nutzen kann. Entscheidend ist, wer ihre Vorschläge prüfen und ihnen widersprechen kann.</p>
<h2>Wie lernen wir, neu zu denken?</h2>
<p>Am Anfang dieses Artikels stand ein Experiment: Ein Text über Lesen und Schreiben entsteht im Gespräch mit einer Maschine. Am Ende zeigt sich: Das ist kein bloßer Schreibtrick. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich die Bedingungen geistiger Arbeit ändern. Neue Denkwerkzeuge erzeugen neue Denkweisen. Gerade deshalb bleibt Urteilskraft zentral. Wenn Maschinen Antworten liefern, müssen Menschen prüfen können: Ist das richtig? Ist es relevant? Welche Perspektive bleibt unsichtbar?</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Oft entstehen Gedanken erst beim Schreiben.</p></blockquote></div>
<p>Selbst denken bleibt eine Bildungsaufgabe. Lernen braucht auch Mühe, Langsamkeit, Irritation und das Ringen um eigene Gedanken. Wer nie selbst gelesen, geschrieben und argumentiert hat, kann maschinelle Ergebnisse schwer beurteilen. Deshalb brauchen wir Räume ohne KI, in denen Aufmerksamkeit, Sprache und Urteilskraft geübt werden. Und wir brauchen Räume mit KI, in denen Menschen lernen, Systeme kritisch zu nutzen, Fehler zu erkennen, eigene Positionen zu schärfen und der Maschine auch zu widersprechen.</p>
<p>Die Maschine kann lesen, schreiben, zusammenfassen und antworten. Aber sie kann nicht für uns verstehen, glauben, zweifeln, staunen oder Verantwortung übernehmen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern wie Menschen denken lernen, wenn Maschinen mitdenken.</p>
<hr />
<h1>Von KI geschriebene Artikel?</h1>
<p>Eine Reflexion von Stephan Mühlich zum obenstehenden Beitrag von Albrecht Schmidt</p>
<p>Der Artikel ist ein anregender und guter Text geworden. Wie bei jedem Text, versteht man mehr und besser, wenn man sich für die Umstände der Entstehung des Textes interessiert. Zu diesen Zweck ist der <a href="/wp-content/uploads/evangelische-aspekte_3-2026_Albrecht-Schmidt_Entstehung-eines-KI-Artikels.pdf" target="_blank" rel="noopener"><strong>Prozess der Kommunikation mit der KI hier in einer PDF-Datei</strong></a> dokumentiert. Ein wichtiger Aspekt ist die mehrfache Überarbeitung und anschließend noch die redaktionelle Kürzung. Zur Beurteilung von Texten in Zusammenarbeit mit KI ist es vermutlich wichtig, dass zuletzt nicht ein einzelner Mensch die Ergebnisse bewertet.</p>
<p>Jedenfalls verändert sich wissenschaftliches Arbeiten schon heute mit den Möglichkeiten maschineller Unterstützung. Albrecht Schmidt berichtet von einer studentischen Arbeit, bei der das Textvolumen der Fragen und Aufgabenstellungen in Auseinandersetzung mit dem KI-Gegenüber den Text der Studienarbeit um ein Vielfaches übertrifft. So lernen Studierende heute schon, dass und wie es darauf ankommt, gut zu <em>prompten</em>, also der KI gute Fragen und gute Aufgaben zu geben.</p>
<p>Durch die Mitwirkung von KI wird der Umfang an verfügbaren Texten enorm zunehmen. Und wie bereits früher werden auch überflüssige, sinnlose und falsche oder irreführende Texte dabei sein. Da wird auch viel Müll zu beseitigen sein. Oder in einem anderen Bild: Die Textwüsten werden wachsen. KI ist in diesem Zusammenhang ein Transportmittel durch die Textwüsten. KI ist ein Kamel, das uns durch digitale Textwüsten tragen kann. Ob das Kamel auch durch ein Nadelöhr kommt, ist eine Frage, die sich biblisch interessierte Leser:innen stellen können. Und dabei in der Beurteilung die Gottesfrage nicht zu vergessen, bleibt den Hörer:innen des Evangeliums aufgegeben.</p>
<p><em>Stephan Mühlich ist Gemeindepfarrer in Stuttgart-Botnang und Redaktionsmitglied der evangelischen aspekte.</em></p>
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		<title>Heimat und Identität</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Reinhold Münster]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Aug 2026 14:33:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[evangelische aspekte, 36. Jahrgang, Heft 3, August 2026]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heimat]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
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					<description><![CDATA[„Der Begriff der Heimat hat eine dunkle Geschichte, die der Erhellung bedarf, und sie hat womöglich mehr Zukunft, als uns lieb ist. Je mehr Heimatlosigkeit die mobile, flexible neoliberale Welt mit sich bringt, desto unausweichlicher wird es, von Heimat zu reden.“ (Christoph Türcke, „Heimat. Eine Rehabilitierung“)]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-full pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>„Der Begriff der Heimat hat eine dunkle Geschichte, die der Erhellung bedarf, und sie hat womöglich mehr Zukunft, als uns lieb ist. Je mehr Heimatlosigkeit die mobile, flexible neoliberale Welt mit sich bringt, desto unausweichlicher wird es, von Heimat zu reden.“ (Christoph Türcke, „Heimat. Eine Rehabilitierung“) </p></blockquote></div>
<p>Eine unwirtliche Welt ist heute unser Zuhause. Rund um uns und näher zu uns explodieren Bomben, Drohnen und Raketen. Sie vernichten wichtige Ressourcen der Zukunft, vernichten willkürlich zahlreiche Menschenleben und drängen Menschen zur Flucht, zum Verlust ihrer Heimat. Die Natur als gestalteter Lebensraum des Menschen wird zerstört. Genauso schlimm sind die Nebeneffekte dieser Entwicklungen: Unsicherheit für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, fehlendes Geld für Gesundheit und Altersvorsorge und eine hohe Schuldenlast des Staates. Dazu kommen aus identitätspolitischen Überzeugungen und in vielen Medien große Erzählungen von drohenden, eschatologischen Zeiten.</p>
<p>Die Suche nach einem Gegengewicht kulminiert derzeit in verschiedenen Vorstellungen von Heimat. Ein Gegenbild und eine Gegenrede, die noch immer Zustimmung erfahren, handeln von der Heimat als einem utopischen Zustand, den Ernst Bloch am Ende von <em>Das Prinzip Hoffnung</em> beschrieb, der aber erst in einer harmonischen Zukunft erreichbar wäre. Dort lebt man in Gemeinschaften, nicht in einer anonym differenzierten Gesellschaft. Der Traum scheint ausgeträumt. Wolf Biermann dichtete 2006: „Die heile Heimat Utopie hab ich verloren / Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen.“ Ein größerer Teil der ostdeutschen Sektion der Partei <em>Die Linke</em> scheint bis heute nicht im Westen angekommen zu sein. Ein Gefühl des Nichtanerkannt-Werdens könnte verantwortlich sein, sich nicht in Deutschland heimisch zu fühlen. Volker Braun schrieb: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. […] Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.“ Heimat verkörpert für diese Intellektuellen die Sehnsucht nach einem verlorenen Ort, nach anderen politischen Zuständen.</p>
<h2>Politische Debatten</h2>
<p>Die gegenwärtige Debatte wird fern von utopischen Ideen geführt; sie ist fast völlig politisch geworden und hat sich von der Idee eines idealen Sehnsuchtsortes entfernt. Vor allem identitätspolitische Vorstellungen prägen den Begriff. Besonders von rechtsextremen Parteien wurde diese Idee „Heimat“ genutzt, allerdings in breiterer Vielfalt als häufig dargestellt. Das Konzept wirkt identitätsstiftend und wird meist territorial bestimmt.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-right pullquote-border-placement-left"><blockquote><p>Der Heimat-Begriff rechtsextremer Parteien</p></blockquote></div>
<p>Dergestalt lässt es sich in der Denkweise des <em>Ethnopluralismus</em> gegen das Fremde in Stellung bringen. Die Dimension einer ethnisch-kulturellen Homogenität ermöglicht die Exklusion; kein Land außer dem jeweils eigenen kann für Fremde zur Heimat werden; auch eine vollständige Assimilation leistet dies nicht. Die <em>xenophobe</em> Argumentation behauptet, dass andere Traditionen, eine andere Geschichte, Religion, Kultur und Sprache zwingend mit einem Begriff von Heimat verbunden sind, der nicht übertragbar ist. Jede religiöse und ethnische Heterogenität zerstöre die eigene, für uns hier die deutsche Identität.</p>
<p>Worin besteht für <em>Ethnopluralisten</em> die Homogenität? Die räumliche Dimension wurde gerade genannt; betont wird besonders die Bedeutung des ländlichen Raumes und auch der Natur. „Heimatliebe ist kein Verbrechen“, sang 2025 die Gruppe <em>Grenzen/Los</em>. Die Band <em>Frei.Wild</em> rockte die Heimatliebe vor großem Publikum: „Das ist das Land der Vollidioten / Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat / […] Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier / Wir haben immer gesagt, dass wir das Land hier furchtbar lieben.“ Ein wichtiger Ort der Heimatliebe ist zudem eine intakte Familie.</p>
<p>Eine neuere Untersuchung stellte im Vergleich (in den Parteiprogrammen) fest, dass die Themen der <em>Alternative für Deutschland</em>, die oft <em>ethnopluralistisch</em> argumentiert, für Teile der Partei der <em>Grünen</em> die gleichen sind. Betont werden ebenfalls die Bedeutung der Familie, der Bodenständigkeit, des Vereinslebens und der Natur (Naturschutz). Die Bewertung der Begriffe aber unterscheidet sich. Die grüne Heimat ist ein integratives und inklusives Projekt in einer multikulturellen Gesellschaft.</p>
<p>In diesem Kontext ist erstaunlich, wie gering die Forschung zum Heimatbegriff der Menschen mit Migrationshintergrund bei uns ist. Eine Studie der linken <em>Fachinformationsstelle Rechtsextremismus</em> in München (FIRM) kam für den Zeitraum 2009 bis 2013 zu beunruhigenden Ergebnissen (Selbst-Ethnisierung, Exklusion, nationalistische Gesinnung in Bezug auf das Herkunftsland).</p>
<h2>Historische Dimension</h2>
<p>Diese Nähe könnte historisch erklärt werden. Der Heimatbegriff, anfangs ein Rechtsbegriff, wurde in der ausgehenden Epoche der Aufklärung emotionalisiert. Eine erste Bewegung in diesem Sinne war die deutsche Romantik. Der Heimatbegriff wurde sogar mit dem Konzept einer Naturgeschichte des Volkes korreliert. Mit der beginnenden Industrialisierung, die eine heftige Urbanisierungswelle mit sich brachte, aber auch zu einer starken Individualisierung und Differenzierung innerhalb der modernen Gesellschaft beitrug, etablierte sich ein Widerstand besonders gegen den Gedanken des (technologischen) Fortschritts. Es wurde agrarromantisch und großstadtfeindlich argumentiert. Dieser Teil der romantischen Bewegung betonte die Nähe zur Natur, die Verwurzelung des Menschen im Raum und einer gegebenen Kultur, betonte aber auch die Nähe zu Vaterland und zur deutschen Nation. Sozial wurde Heimat oft mit einer dörflichen Umgebung identifiziert und ein Verfall der Kultur beklagt.</p>
<p>Mit der Gründung des Reichs (1871) entstanden Vereine, die sich dem Heimatschutz widmeten. Sie wurden vom Bildungsbürgertum und Teilen der Wirtschaft organisiert und widmeten sich der Erinnerung an die vaterländische Geschichte, dem Naturschutz, dem Denkmalschutz, der Landschaftspflege und der Pflege von Brauchtum. Lokale Traditionen sollten erhalten werden. An den Schulen entstand das Fach „Heimatkunde“. In der NS-Zeit wurden diese Verbände in die Ideologie des Staates integriert, weshalb der Gedanke des Heimatschutzes nach 1945 diskreditiert war. Erst in den 1970er Jahren etablierte sich im Rahmen des Naturschutzes wieder der Gedanke an die Heimat.</p>
<h2>Sprache und Dialekte</h2>
<p>Schon mit Johann G. Herder und seinem Umkreis verband sich die Sprache mit der Idee von der Heimat. Der Weimarer Superintendent sammelte Volkslieder, allerdings aus der gesamten Welt. Einige damalige Komponisten schrieben ihre Lieder im Volksliederton. Ein Höhepunkt der Begeisterung ist die Sammlung <em>Des Knaben Wunderhorn</em> von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Die Stichworte waren: Verlust der Natur, Rückkehr in vormoderne Lebenswelten. Die Vermittlung des Begriffs lief über die Kultur und die Sprache, die Sprache des deutschen Volkes und seiner Nation. Deutschland als Idee existierte schon lange vor der Reichsgründung. Eine wichtige Rolle spielten für die deutsche Identität die Dialekte.</p>
<p>1813 fragte Ernst M. Arndt (<em>Lieder für Deutsche</em>): „Was ist des Teutschen Vaterland? / Ist&#8217;s Preußenland? ist&#8217;s Schwabenland? / […] O nein, nein, nein! / Sein Vaterland muss größer sein.“ Alle Regionen wurden in das Lied aufgenommen, auch die Schweiz. „So weit die teutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt, / Das soll es sein! / Das, wackrer Teutscher, nenne dein!“ Nation, Vaterland, Heimat, verschiedene Dialekte, aber zugleich die gemeinsame Sprache korrelierten. Rechtsextreme vertreten bis heute einen solchen Begriff von Heimat, weshalb in ihren Schulprogrammen die Pflege des Dialekts eine prominente Stelle einnimmt.</p>
<h2>Heimat als Popkultur</h2>
<p>Ganz anders positionieren sich postmoderne Vorstellungen von Heimat. Sie gilt als sprachliches Ereignis, als eine gesellschaftlich und historisch veränderbare Konstruktion. Manche sprechen vom Internet als einer digitalen Heimat, einer Netzwerkheimat des global agierenden Menschen. Da sich jeder Mensch in seinem Kopf die Welt sozial konstruiert, löst sich der Begriff nicht nur in Beliebigkeit auf, sondern er wird auch zu einem permanent veränderbaren Muster des subjektiven Empfindens und Erzählens. Heimat verwandelt sich für manchen in diesen Vorstellungen in einen <em>Non-Lieu</em> (Marc Augé, Ort des Hier und Jetzt ohne Vergangenheit und Zukunft wie ein funktionales Gebäude der Eisenbahn oder einer Shopping Mall), in welchem sich keine Identität entfaltet.</p>
<div class="perfect-pullquote vcard pullquote-align-left pullquote-border-placement-right"><blockquote><p>Effekt der Beliebigkeit in der Postmoderne</p></blockquote></div>
<p>Der Effekt der Beliebigkeit zeigt sich in der Pop-Kultur der Gegenwart. Das Dirndl, der Hut mit Gamsbart, die krachlederne Hose sind Requisiten aus einer vergangenen Welt und Teil der gegenwärtigen Binnenexotik, eine Kulisse für die Selbstinszenierung vor dem Smartphone. Da sich Identitäten für postmoderne Milieus ständig ändern, unterliegen diese Waren den Gesetzen des Modemarktes.</p>
<p>Der Kreis der Darstellung schließt mit Ernst Bloch. Christen beten: Dein Reich komme. Jesus wandte sich von jedem Gedanken an eine innerweltliche „Heimat“ ab. In der christlichen Tradition gilt die These der Fremdheit in der Welt. Nach dem irdischen Jerusalem kommt das himmlische. Die Heimat erreicht der Mensch erst in der transzendenten Gemeinschaft mit Gott. Paul Gerhardt sang: „Ich wandre meine Straße, / die zu der Heimat führt, / da mich ohn alle Maße / mein Vater trösten wird. / Mein Heimat ist dort droben, / da aller Engel Schar / den großen Herrscher loben.“ Doch das kann nicht die alleinige Antwort sein: Wie können christliche Gemeinden Orte der Beheimatung werden, an welchen das Läuten der Heimatglocken die Sehnsucht stillt?</p>
<h2>Zum Weiterlesen</h2>
<p>Christoph Türcke: <em>Heimat. Eine Rehabilitierung</em>, zu Klampen-Verlag, Springe 2006.</p>
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