Editorial: Jesus Ausgabe 4/2013

Liebe Leserin, lieber Leser!

Was wir von Jesus wissen, ist nur eine kleine Liste von Fakten: Jesus ist in Nazareth aufgewachsen, er hat sich von Johannes taufen lassen, Schüler um sich gesammelt, das Reich Gottes verkündet, und er ist am Kreuz gestorben. Viel mehr kann der Historiker nicht sagen.

Daneben hat Jesus von Nazareth zu allen Zeiten eine Fülle von Christus-Bildern erzeugt. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass in ihm die “Fülle der Zeiten” (=Gott) gegenwärtig ist. Weil Jesus das Gleichnis Gottes ist, darum gibt es von ihm so viele menschliche Bilder. Lauter begründete aber auch begrenzte Vorstellungen. Also fort mit der Fantasie, weg mit den Jesus-Büchern, wie der Bochumer Neutestamentler Klaus Wengst in einer Streitschrift über die historisch wenig ergiebige und theologisch sinnlose Suche nach dem “historischen” Jesus, Stuttgart 2013 (Der wirkliche Jesus?) meint? Am historischen Jesus bestehe kein theologisches Interesse. Der Glaube könne und dürfe sich nicht an die Vermutungen der Historiker ausliefern. Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung sei ein Holzweg (gewesen) und ende in einer Sackgasse, was Klaus Wengst unter anderem an Wolfgang Stegemann (mit weit gehender Ausnahme von Gerd Theißen) problematisiert. Er plädiert vielmehr für die Auslegung der “vier kanonisch vorliegenden Evangelien in ihrer Unterschiedenheit”.

Gleichwohl bleibt die Frage: Bildet das traditionelle Bild von Jesus noch ein brauchbares “Paradigma” oder brauchen wir ein “offeneres” “Jesusmodell”? Welches bietet den besten zeitgemäßen Zugang zu Jesus: der Mensch für andere (“Stellvertreter”, der Befreier/Erlöser, die zweite Person der Trinität, das menschliche Antlitz Gottes)?

Das letztgenannte Modell von Jesus scheint nicht zuletzt für suchende Zeitgenossen heute die größten Verständnismöglichkeiten zu bieten. Diese “Christologie von unten” bedeutet nicht einen Jesus ohne Gott. Aber mit diesem interreligiös ansetzenden Modell kann es gelingen, “Inkarnation als Repräsentation” zu verstehen (Reinhold Bernhardt) und das Unbehagen an der traditionellen Zweinaturenlehre zu überwinden, aber dennoch die “Göttlichkeit” und “Menschlichkeit” Jesu, seine einzigartige Gottesbeziehung und seine Praxis der Mitmenschlichkeit zusammenzuhalten.

“Wer sagt ihr, dass ich sei?”, fragte Jesus einmal seine Jünger. Auch unser Themenheft über Jesus ist von dieser Frage durchzogen.

Eine ertragreiche Lektüre wünscht Ihnen
Walter Schmidt

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