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Die Medienkrise stoppen

Theologie als Medienwissenschaft

Von Manfred Schütz

Foto: Pixabay, CC0

Falschmeldungen sind in den neuen Medien verbreitet. Doch andauernde Fehlinformation ruiniert jedes Medium.

Friedrich Nietzsche meinte, große Neuigkeiten dürfe man nicht einfach erzählen. Man müsse sie singen. Mitgemeint war, dass die gewählte Form für eine umwälzende Nachricht auch deren Gehalt entsprechen solle. Nietzsches Texte wollten „singen“. Sein Wahlmedium war das „gesungene“ gedruckte Wort.

Nun muss man Nietzsche nicht alles glauben, was er sagt. Erst recht in Zeiten, in denen einfachste Informationen durch etwas Rauschen so leicht ins Gegenteil umschlagen. Medien gelten heute als Ort der Falschnachrichten, der Desinformation. Diese veritable Vertrauenskrise sehen manche als Folge der umwälzenden „Revolution“ durch die „Neuen Medien“. Folgt nun ein Auf- oder ein Abgesang?

Medienkrisen und Medienrevolutionen

Für evangelische Theologie allemal spannende Zeiten… Schon einmal hat reformatorisches Gedankengut einer kriselnden Medienrevolution zum Durchbruch verholfen. „Vor der Reformation befand sich die bereits entwickelte Spitzentechnologie des Buchdrucks in einer Existenzkrise... Mit der Reformation findet das neue Medium sein Ereignis“, erklärt die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger (Einführung in die frühe Neuzeit, Onlinekurs). Erst durch die Explosion reformatorischer Drucke konnten sich die Druckwerkstätten wirtschaftlich auf Dauer etablieren.

Wenn wir im Folgenden die aktuelle Medienkrise und -revolution aus dem Blickwinkel von Theologie und Medienwissenschaft betrachten, wird sich zeigen, dass evangelische Theologie selbst in gewisser Hinsicht – auf eine sehr prägnante Weise – Medienwissenschaft ist. Offen ist, wie sie sich zur anstehenden „Digitalen Revolution“ stellen kann. Denn eine dem christlichen Menschenbild verpflichtete Position mit den beiden Polen „Freiheit und Verantwortung“ wird nicht jedem beliebigen, die Wahrheit und informationelle Freiheit mit Füßen tretenden Medium kampflos das Feld lassen.

1. Medien als Geschenk

Es gibt verschiedene Arten, Medien zu betrachten. Sie lassen sich darstellen unter dem Aspekt der Geschwindigkeit, die ihnen eigen ist und die sie auslösen (P. Virilio), unter dem Aspekt ihres Werkzeugcharakters (als die Ausweitung angeborener Kommunikationsmöglichkeiten, M. McLuhan) oder unter dem Aspekt ihrer konkreten Wirkung (Zerstreuung, Information..., N. Postman).

Ein weiterer Aspekt ist ihre Vertrauenswürdigkeit. Hier sieht es bei nahezu allen Medien schaurig aus. In Umfragen aus den Jahren 2014 bis 2016 in Deutschland äußern wiederholt 50 bis hin zu 70 Prozent (!) der Befragten, dass sie Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Radio und Internet nicht trauen (Quelle: Telepolis.de; ZEIT; Statista). Niederschmetternd. Mehr als ein abgehackter Medien-Rap ist da nicht drin.

Für die Reformation waren Medien zu allererst ein Geschenk. Die Verbreitung der reformatorischen Überzeugungen durch Druckerzeugnisse sicherte das Überleben der Bewegung, die sich ab den ersten Tagen durch gewalttätige Verfolgung in ihrer Existenz bedroht sah.

Warum nun ausgerechnet Luther, für den es lange eine ehrliche Gewissensfrage war, ob zu seiner Verteidigung überhaupt irgendeine Form von Widerstand erlaubt sei, heute als friedloser Unruhestifter diffamiert wird (z.B. als „Wutbürger“ - Der Spiegel), muss ein Rätsel bleiben. Was später Jürgen Habermas und andere unter der Formel „passiven Widerstands“ und des „zivilen Ungehorsams“ zur ausgefeilten Theorie machten (vgl. evangelische aspekte 4/2016), vertritt der Sache nach Luther schon um 1520 (Weimarer Gesamtausgabe WA 11, 245ff, u.ö.).

Andere sagen, Luther habe erst die Bauern zum Aufruhr angestachelt, um sie anschließend den blutrünstigen Fürsten preiszugeben. Stimmt‘s? Noch von der Wartburg aus schreibt er zwei Jahre vor dem Bauernkrieg seine Treue Vermahnung an alle Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, 1522. Selbst seine späteren Aussagen zum sogenannten „Türkenkrieg“ sind differenziert zu bewerten: Religionskriege lehnt Luther nämlich ab.

Die Berichterstattung zum Lutherjahr 2017 ist ein Lehrstück über die nicht attestierbare Vertrauenswürdigkeit der deutschen Medien. (Der vorliegende Beitrag ist auch darum eine gewollte Dublette zum Artikel „Theologie und Journalistik“ in evangelische aspekte 1/2017. Verschiedentlich wurde angemahnt, die bereits dort aufgezeigten Defizite sollten noch mit den allfälligen Nachweisen untermauert werden.)

Reformation als Medienereignis

Zuerst ein Schritt zurück zur Reformation als Medienereignis, wie sie im Buche steht. Interessant sind Medien besonders dann, wenn sie zu Massenmedien werden. Genau das findet ab 1517 statt (sprunghafter Anstieg; rund ein Drittel der Publikationen im gesamten 16. Jahrhundert sind von Luther verfasst). Luthers Übersetzung des Neuen Testaments erschien, pünktlich zur Leipziger Messe, in damals schwindelerregend hohen Auflagen.

Auch 2017 war die Leipziger Buchmesse ziemlich „verluthert“, wie Messe-Chef Oliver Zille sagte. Zum eigentlichen Messeschwerpunkt Litauen gab es programmgemäß rund 90 Veranstaltungen. Rund um das Thema Luther wurden parallel über 110 Veranstaltungen gezählt. Beim Massenmedium Buch macht dem Reformator damals wie heute so schnell niemand etwas vor. Auch die neuaufgelegte Lutherbibel 2017 war in wenigen Wochen ausverkauft. Zum Juni 2017 war sie in diversen Formaten bereits über 550.000 Mal nachgefragt.

Keine Frage, auch das Reformationsjubiläum 2017 ist ein Medienereignis. Luther ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Ob bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (das Wort „Denkmal“ ist eine Wortschöpfung Luthers) oder bei Numismatikern (Goldmünze Lutherrose in Auflage 150.000 Stück noch vor dem Ausgabetag ausverkauft). Im März 2017 sprach Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt, von einer „Massenbewegung“, gerade in vielen lokalen Aktivitäten, in über 180 regionalen Ausstellungen.

Theologie als Medienwissenschaft

Hervorzuheben bleibt, dass die Reformation ihre eigene, ausgearbeitete Medientheorie vorzuweisen hat, im theologisch präzisen Sinn. Denn im Begriff der media salutis (lat. „Heils-Mittel“, als zuverlässige und vertrauenswürdige Vermittlungsmedien für das, was den Menschen unbedingt angeht, was ihn letztverbindlich frei macht) beansprucht sie nicht nur, den ursprünglichen Geist des Christentums neu freigelegt zu haben. Sie leitet im Vergleich zur damals vorherrschenden Ansicht zugleich eine Medien-Revolution und Medien-Reformation ein (d.h. Rückführung auf das Ursprüngliche). Es lässt sich sogar sagen, dass Luthers reformatorische Wende hier ihre eigentliche Wurzel hat. Evangelische Theologie lässt sich im präzisen Sinn als Medienwissenschaft auffassen.

2. Medien-Zersetzung

Seit C.E. Shannons grundlegender Medien- und Kommunikationstheorie im 20. Jahrhundert tritt für jedes Medienmodell eine wesentliche zu bedenkende Komponente mit ins Blickfeld: in Form der Störung und der Störungsquellen. Für Shannon ist unqualifiziertes Rauschen der Normalfall der Kommunikation. Damit von Sender zu Empfänger eine eindeutige Bedeutung übermittelt wird, sind Störungen einzukalkulieren und auszugleichen. Vom ausgesendeten Signal zur angekommenen Bedeutung beim Empfänger ist es unter Umständen ein weiter Weg.

Für Martin Luther entsteht das medium salutis durch Wort und Element (verbum et signum). In Anlehnung an Augustin kann es bei ihm heißen: accedit verbum ad elementum et fit sacramentum (i.e. medium salutis): Wo das Wort zum Element hinzutritt, entsteht das Sakrament. Ohne das eindeutig machende Wort bleibt im Zweifel nur unbestimmtes Rauschen. Für Luther ist das Wort das entscheidende und erste medium (salutis). Erst durch das Wort wird Eindeutigkeit erreicht. Ein Wort, das seinen Adressaten freimacht.

Plappermedien sind auf dem Vormarsch

Reformation und Medien: Beinahe eines der besten Bücher zum Reformationsjubiläum 2017 stammt aus dem Spiegel-Verlag (D. Pieper: Die Reformation, DVA), bei einigen hundert Neuerscheinungen zum Thema keine geringe Leistung. Dort wird die Reformation als Medienereignis anschaulich geschildert.

Doch andererseits muss der Leser in Spiegel Heft 44/2016 lesen, dass Luthers Schrift „Von Ablass und Gnade“ die Übersetzung der 95 Thesen war. Nun ja, in Wahrheit handelt es sich um eine eigenständige Schrift von 1518, eine der erfolgreichsten noch dazu. Allerdings ist angesichts ökonomischer Zwänge heute selbst in der Titelstory eines Printmediums wohl nicht mehr zu erwarten, dass sich der Autor mit den Schriften eines der produktivsten „Sprachgenies“ im deutschen Sprachraum und eines „Schriftstellers mit weltgeschichtlichem Erfolg“ (Heinrich Detering), über den er schreibt, näherhin beschäftigt.

Schwerer wiegt ohnehin, dass in der zugehörigen Artikelserie es ausgerechnet der kulturbeflissene Autor Johann Hinrich Claussen schafft, der ansonsten unbestechlichen Faktenkontrolle des Spiegel-Archivs („Wir recherchieren sogar das Wetter, wenn es in einem Artikel heißt ›Es war ein verregneter Sommertag, als J.F. Kennedy... ‹“) einige Falschmeldungen von schönstem Rang und Klang unterzujubeln. Claussen beschreibt ausführlich Luthers Gottesbild, das von steter Unabgeschlossenheit geprägt gewesen sei. Nun ja, ein faszinierendes Gottesverständnis, nur nicht das reformatorische. Es ist gerade das vorreformatorische Verständnis, das hier ausgebreitet wird. Also das Gottesbild, das Luther in seiner reformatorischen Entdeckung gerade überwindet. Ausgerechnet im Zentrum der lutherischen Lehre (Glaube als Zuversicht, lat.: fiducia; Gottes Zuspruch in seiner Eindeutigkeit; Lebensmut und Lebensfreude) wird so dem Spiegel-Leser eine lange Nase gedreht.

Immerhin war das Nachrichtenmagazin mit diesem Einfall so erfolgreich, dass es die direkten Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dazu inspirierte, am Karfreitag 2017 (eigentlich schön loziert) eine (eigentlich anerkennenswerte) Passionsmeditation zu drucken, in welcher eben dieses vorreformatorische Gottesbild erneut als Luthers Hauptgedanke vorgestellt wird. „Luther sah, dass auch vieles andere seine Eindeutigkeit verliert, wenn Gott selbst ambivalent wird. Der Reformator setzt deshalb auf das Prinzip radikaler Verunsicherung“ (faz.net, 14.4.2017). Nun ja, bekannt ist sonst eher das lutherische Prinzip der Heilsgewissheit. Originalton Luther: „Das ist der Grund, weshalb unsere Theologie gewiss ist, weil sie uns von uns selber wegreißt und uns außerhalb unserer selbst setzt“ (WA 40 I, 589,25), das berühmte extra nos.

Lernprozesse in Echokammern

Als eine der größten Echokammern in Deutschland ist wohl die Medienbranche selbst zu bezeichnen. In diese Richtung deuten selbstkritische Statements in manchen Panels der Jahreskonferenz des netzwerk recherche (nr) im Juni 2017 beim NDR. Wie Auswüchsen der (digitalen) Medienkrise zu begegnen sei, war dabei ebenfalls ein Thema. Medientheoretiker wie A. Kittler oder V. Flusser legen nahe, dass eine neue Technik oft in sich selber die Mittel zur Überwindung von Krisen mitbringt (vgl. D. Kloock/A. Spahr: Medientheorien, utb).

Und sie feiern doch

Überhaupt diese faszinierende Art, die 500-jährige Wiederkehr eines der einschneidendsten Ereignisse der deutschen Geschichte in den Medien zu begehen. Wenn in einiger Zeit auf die 500-Jahr-Feier zurückgeschaut wird, gibt es bestimmt viel Staunen und Verwundern. Immerhin wird auf regionaler Ebene mittlerweile in unzähligen Veranstaltungen, Konzerten, Vorträgen, kreativen Events vom 24-Stunden-Bibellesemarathon bis zu feierlichen Tischreden in Luthers Geist das Datum gebührend gefeiert und begangen. Ein Medienereignis im ganzen Land: Dutzende Theaterstücke neu geschrieben oder neu aufgeführt, Poetry-Slams, Kabarett, Kunst-Installationen und Skulpturenparks, Kinder-Musicals, Ausstellungen, meist gut besucht, vor Ort. Dazu historische Romane, Sach- und Fachbücher, Graphic Novels, Comics („Abrafaxe“ und andere), Bildbände, 360-Grad-Panorama in Wittenberg (250.000 Besucher), Reiseführer, Kinderbücher, Daumenkino („Luther haut rein“), Computerspiele, Gesellschaftsspiele, Video-Clips, CDs, Apps, hunderte Internetseiten, Multimedia-Themenportale von ARD, Deutschlandfunk, NZZ … Geradezu ein Medienrausch. Symbolfigur für Popularität und Volkstümlichkeit ist der über eine Million Mal verbreitete Playmobil-Luther. Ausweis, dass es nicht nur oberflächliche Beschäftigung ist, beispielsweise die bereits genannte Lutherbibel 2017.

Eines der bereits jetzt schönsten Ergebnisse des Reformationsjahres – dass es ökumenisch begangen wird – darf man dabei umstandslos als bleibendes Verdienst des EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm bezeichnen. In einigen Jahren wird in Rückblicken auf das Jahrhundertgedenken ohne Frage diese historische Errungenschaft mit dessen Namen verbunden bleiben.

Als Luther Krieg in Europa verhinderte

Luther sagt übrigens über kämpferische Handlungen: „Wer einen Krieg beginnt, der ist im Unrecht“ (WA 19, 645,9). Aus irgendeinem Grund wird die Geschichte der bekannten „Pack‘schen Händel“ selten erzählt. Der rührige Landgraf Philipp von Hessen erhält 1528 durch Otto von Pack gefälschte Informationen, die katholische Seite unter Beteiligung des habsburgischen Ferdinand I. plane einen Angriffskrieg. Daraufhin mobilisiert Philipp seinerseits Truppen, will einen Präventivkrieg führen. Erst als die Wittenberger Luther und Melanchthon drohen, dann aus Protest auszuwandern, lässt der Landgraf widerwillig seine Pläne fallen (vgl. U. Köpf: Martin Luther, reclam). Beachte auch den vollen Personeinsatz Luthers bei der Verhinderung der Schlacht von Wurzen 1542. Wer kompetent ist, könnte ein Loblied darauf fabrizieren.

3. Wer rettet die Medien?

Als würde es nicht genügen, dass ständig Falschnachrichten in den Medien kursieren, werden leider im Zuge der Digitalisierung auch noch deren Strukturen totalitär. „Das Internet ist kaputt“, schrieb Sascha Lobo bereits 2014. Die Datensauger kennen keine Grenzen. Reparaturen gab es bisher keine. Kein Wunder, dass sich längst eine anti-digitale Elite bildet, die auf Smartphone, Web & Co. komplett verzichtet.

Auf der Netzkonferenz re:publica 2017 konnten immerhin evangelische Positionen ein kleines Ausrufezeichen setzen. Ihre medienwissenschaftliche Grundeinsicht, was freie Medien ausmacht, lässt sich auch medienkritisch anwenden.

Wer den Nutzen hat, haftet für den Schaden

Wie lässt sich die gefräßige digitale Datenwirtschaft zähmen? „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ So einfach brachte einst W. Eucken die Sache auf den Punkt (Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Viertes Buch, Kap. XVI., Abschnitt VI.: „Haftung“). Dieser Grundsatz muss heute auch für soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Datensammler gelten. Denn, so Eucken: „Haftung ist nicht nur eine Voraussetzung für die Wirtschaftsordnung des Wettbewerbs, sondern überhaupt für eine Gesellschaftsordnung, in der Freiheit und Selbstverantwortung herrschen.“

Manfred Schütz

Manfred Schütz

Redaktionsmitglied der „evangelischen aspekte“

Foto: Matthew Bowden, stock xchng

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