Peter Blickle: Andershimmel Roman

Kröner Edition Klöpfer, 2021, 320 S., gebunden, 24,00 EUR

Miriam und Johannes – aufgewachsen im oberschwäbischen Sektendorf der 70er Jahre – Mädchen und Junge, Bruder und Schwester, Zwillinge. Beide suchen ihren Weg zwischen der heilsversprechenden Enge der Gemeindegrenzen, dem Leben in Liebe und Strenge unter der Obhut des Herrn und den im angrenzenden Moor verborgenen Freiheiten der sich entziehenden Jugendlichen.

Als Frau bleibt Miriam und richtet sich ein. Johannes flieht 17-jährig in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, verschiebt die Grenzen seines Horizontes: Universitätsprofessur, Beziehungen, Reisen ans Ende der Welt. Das Dorf, die Schwester, die sterbenden Eltern verdrängt er dreißig Jahre aus seinem Leben. Erst ein Hilferuf von Miriam, die sich selbst ins psychiatrische Landeskrankenhaus eingewiesen hat, bewegt ihn zur Rückkehr.

In einer poetisch dichten, mitunter verstörend beklemmenden Sprache läßt Peter Blickle nicht nur den Protagonisten Johannes bei der Zwischenlandung in den Room Number 99, den Religious Reflection Room, eintreten. Vielmehr eröffnet er im Handlungsstrang immer wieder neue Räume in denen die/der Leser/in aufgefordert ist, bisherige innere Bilder von Beziehungen zwischen Frau, Mann, Religionen, Welten und Lebensentwürfen zu überprüfen, zu korrigieren und neu zusammenzusetzen.

Für die/den ortskundige/n Leser/in wird, neben den sich ähnelnden Lebenswegen von Autor und Protagonist, auch die detailgetreue Nähe des im Buch beschriebenen Sektendorfes zu Blickles Ort des Aufwachsens offensichtlich. Von daher kann das Werk auch als autobiographischer Entwicklungsroman gelesen werden, der zeigt, dass räumliche Distanz nicht unbedingt auch verarbeitete Loslösung bedeutet. Dem Buch hätte bei der kritischen Auseinandersetzung mit der religiösen Gemeinschaft ein facettenreicherer Fokus als der der dominant männlichen Sicht- und Denkweise gut getan. Da wäre eine differenziertere Aufarbeitung möglich gewesen.

Die Rezensentin, Jg. 1966, ist aufgewachsen in Wilhelmsdorf.

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