Der „unsichtbare“ Gott Von Gott reden in einer Welt, die ihn vergessen hat

Gott kann nur zu Interessierten sprechen und sich nur suchenden Blicken offenbaren. Deshalb sind wir selbst es, die zuerst nach Gott suchen und Gott neu denken lernen müssen, bevor wir neue Verkündigungsformate ausprobieren oder Pläne für die Umgestaltung der Kirche entwerfen.

Am 8. August 2021, einem Sonntagvormittag, strahlte der Sender 3sat unter dem Titel Stars on street ein Kultur-Experiment aus, welches in den Straßen Wiens mit versteckter Kamera gefilmt wurde. Was passiert, wenn sich international renommierte Künstlerinnen und Künstler auf sich allein gestellt auf der Straße dem Publikum präsentieren? Aleksey Igudesman, Ildikó Raimondi, Martin Grubinger, Natalia Ushakova und Herbert Lippert werden mit der Kamera bei dem Versuch begleitet, sich als StraßenkünstlerInnen in Szene zu setzen.

Die genannten Weltklasse-MusikerInnen sind in ihrem normalen Leben in geschützten Räumen der weltberühmten Opernhäuser zu Hause. Dort treten sie auf vor einem erlauchten Publikum, um dessen Aufmerksamkeit sie nicht (mehr) kämpfen müssen. Wie werden aber die zufälligen PassantInnen auf sie und ihre Kunst reagieren?

Weltbekannt und unerkannt

Die MusikerInnen schlagen sich tapfer. Man sieht es ihnen an, wie sehr sie sich anstrengen, wie sehr sie hinter ihrem professionellen Lächeln kämpfen müssen. Die Mehrheit der Passantinnen und Passanten eilt oder schlendert an ihnen vorbei, die meisten folgen ihren alltäglichen Beschäftigungen, unterhalten sich, schlecken an ihrem Eis und werfen meistens nur beiläufige Blicke auf die jeweilige Künstlerin, den jeweiligen Künstler. „Es ist so schwer“ – stöhnt die Sopranistin Ildikó Raimondi in einem ruhigen Moment in die Kamera.

Es gibt selbstverständlich einige PassantInnen, die für länger oder kurz stehen bleiben und zuhören. Ihre Reaktionen reichen von Begeisterung über Anerkennung bis hin zu Unsicherheit. Manche nehmen offenkundig teil an einem Spektakel, andere scheinen zu ahnen, dass es sich gerade wohl um etwas Besonderes handelt. Der Star bleibt weithin unerkannt, die Ausnahmeerscheinung in ihrer unermesslichen Qualität ungewürdigt.

Plötzlich geschieht eine Ausnahme. Da steht eine Frau, die, aus der U-Bahn kommend, die Stimme der Weltklasse-Sopranistin Natalia Ushakova von weitem erkennt und jetzt auch noch ihren Augen nicht traut. Ihr Gesicht spiegelt eine Mischung aus unverfälschter Verblüffung, Faszination und Seligkeit. Nur sie merkt, welche Kraft von diesem Geschehen ausgeht. Ich denke, ich träume – sagt sie sinngemäß. Die Natalia Ushakova singt hier, auf der Straße, und keiner kriegt es mit! Es sei ein verdammt harter Job – stimmen die TeilnehmerInnen des Straßenexperiments mit ihr überein. Das Schlimmste dabei sei, so unsichtbar zu sein.

Gott ist da und keiner kriegt es mit

Diese Situation erscheint mir wegweisend für mein theologisches Nachdenken über einen zeitgemäßen Gottesbegriff. Mich beschäftigt unablässig die Frage, wie Gott denken und wie von Gott reden in der heutigen Zeit, die – so scheint mir – das Interesse an Gott weitgehend verloren hat. Zu einem zeitgemäßen und zukunftsfähigen Gottesbegriff gibt die hier geschilderte Situation einige weiterführende Impulse.

Ein Ereignis, welches nicht wahrgenommen wird, ist wie ein Geschenk, das nicht angenommen wird – etwa so sagt das der Wahrnehmungstheoretiker Bernhard Waldenfels. Es ist da und ist doch nicht. Mit dem biblischen Jesus gesagt: Er ist da für diejenigen, welche Augen haben und sehen und Ohren haben und hören. Für die anderen handelt es sich lediglich um ein Straßenspektakel. Der Augenblick des Erhabenen, des Göttlichen, zieht an ihnen, oder besser sie ziehen an diesem Augenblick gleichgültig vorbei.

So ist es auch mit der Offenbarung im christlichen Sinne: Auch sie findet erst dann wirklich statt, wenn sie als solche vernommen wird. In Ermangelung der Informiertheit sowie der sich aus dieser ergebenden Wahrnehmungsunfähigkeit bleibt sie jedoch aus. Wenn sich also Gott dem Menschen mitteilen, offenbaren möchte, bedarf „er“ eines entsprechenden Vorverständnisses seitens der EmpfängerInnen. Schon Paul Tillich stellte fest, dass Gott in seiner Offenbarung auf die Art des Empfangs seitens des Menschen angewiesen sei.

So kann es geschehen, dass sich Gott gerade vor aller Augen ereignet, und doch nicht wahrgenommen wird. Inmitten von uninformierten Augen, unempfänglichen Ohren und einem verschlossenen Geist bleibt Gott unsichtbar, bleibt Gott aus, ist Gott nicht da, ist Gott nicht. Deswegen steht im Arbeitstitel meiner Habilitationsschrift Der „unsichtbare“ Gott das Wort „unsichtbar“ in Anführungszeichen. Gott ist als doppelt unsichtbar zu betrachten. Zum einen ist Gott als eine geistige Realität selbstverständlich im Vergleich zu den materiellen Gegenständen und Phänomenen unsichtbar. Zum anderen jedoch, und darauf kommt es mir an, ist Gott unsichtbar, weil der seiner Offenbarung beiwohnende Mensch transzendental bzw. geistig blind ist. So wie die Unsichtbarkeit der MusikerInnen durch die musikalische Taubheit und Blindheit der Passantinnen und Passanten zustande kommt, resultiert die Unsichtbarkeit Gottes aus der transzendentalen Blindheit des Menschen.

Gott als Möglichkeit

Wenn Gott in diesem Sinne unsichtbar ist, so könnte man von einer latenten Existenz Gottes sprechen, also von einer Präsenz, die zwar vorhanden sei, doch nicht unmittelbar in Erscheinung tritt. Gott ist zugleich da als auch nicht da – je nach der Art der Wahrnehmung bzw. der Wahrnehmungsfähigkeit. Damit würde die Existenz Gottes in den Bereich der Potentialität, der Möglichkeit gehören, die irgendwo zwischen Sein und Nichtsein verortet werden kann.

Gott ist zugleich da als auch nicht da.

Welchen ontologischen Status (Seinsstatus) hat die Möglichkeit? Wir unterscheiden allgemein zwischen zwei generellen Formen des Seienden: dem Sein und dem Nicht-Sein. So sprechen wir von der Wirklichkeit: Entweder ist etwas, oder es ist nicht. Das Mögliche jedoch kann zu keiner dieser beiden Kategorien zugeordnet werden, denn es ist noch nicht; es kann – muss aber nicht – werden. Ist es dann aber gar nicht? Oder ist der Bereich der Potentialität wirklich eine dritte ontologische Größe zwischen Sein und Nichtsein, die wir erst einmal zu denken lernen müssen. Und würde Gott dann auch der Status dieser dritten Größe zukommen?

Ich halte diejenigen theologischen Entwürfe für attraktiv, welche für einen Abschied von der gewissermaßen statischen Alternative von Sein und Nicht-Sein plädieren und einen Gott zu denken versuchen, der auf uns als Möglichkeit zukommt. Ein solches Denken könnte Gottes Wesen mehr und besser entsprechen. Die Potentialität ist uns in unserem Leben nichts wirklich Fremdes. Wir haben mit ihr sicher öfters eine Bekanntschaft gemacht –  immer dann, wenn das eingetreten ist, womit wir so gar nicht gerechnet haben, und dessen Wahrscheinlichkeit manchmal gegen alle Vernunft sprach. Genauso gibt sich die Transzendenz, die auch die Unverfügbarkeit genannt wird: Als diejenige Möglichkeit, welche alle unsere Berechnungen und Planungen übersteigt und auch unsere Skepsis oder unser Optimismus eines Besseren belehrt.

Eine Qualität, die sich ereignet

In einer Offenbarung ist also die Dimension der Transzendenz bzw. Unverfügbarkeit am Werke. Unter Transzendenz versteht die Theologie schon lange nicht mehr eine Art jenseitige Hinter- oder Überwelt, aus der dann und wann Gott hervortritt und diese unsere immanente Welt besucht. Das theologische Denken ringt um eine neue, zeitgemäße Bedeutung der Transzendenz als einer in unserer Welt stets präsenten Dimension der Wirklichkeit, welche dadurch auffällt, dass sie von uns nicht verfügbar gemacht werden kann, und deswegen weiterhin als jenseitig bezeichnet werden kann.

Die von mir in diesem Zusammenhang hervorgehobene Auffassung von Unverfügbarkeit ist die der Qualität. Hier ein Beispiel aus dem Bereich der Musik: Eine qualitätsvolle, beseelte und beseelende Musik ist immer mehr als die Summe der perfekt gespielten musikalischen Zeichen, und auch mehr als die Summe der perfekt ausgeführten technischen Schritte. Qualität im Sinne von Beseeltheit ereignet sich, oder sie ereignet sich trotz aller Perfektion eben nicht. Und wichtig: Sie ist auf Empfänglichkeit seitens der HörerInnen konstitutiv angewiesen. Für unempfängliche Ohren und Seelen gibt es sie schlicht nicht.

Bedeutsamkeit und Relevanz

Das anfängliche Beispiel hat gezeigt, dass die Offenbarung Gottes von der Wahrnehmung abhängt und es also mit der Aufmerksamkeit zu tun hat. Die Aufmerksamkeit wiederum ist eng gekoppelt an die Bedeutsamkeit. Wir sind nicht imstande alles wahrzunehmen, sondern sehen nur das, was für uns von Bedeutung ist. Die für uns aus diversen, meistens unbewussten Gründen relevanten Gegenstände treten in den Vordergrund, während die anderen zu einem grauen Hintergrund verschmelzen.

Diese je spezielle Art der Bedeutsamkeit verdankt sich unserem sozialen Umfeld, unserem kulturellen Hintergrund sowie unserer persönlichen Geschichte, die der kulturellen Prägung eine individuelle Nuance verleiht. Jede Zeit und jede Kultur haben ihre eigenen Präferenzen und damit auch ihre je spezifische Sichtweise. Darin, dass wir das Eine dem Anderen vorziehen, das Eine bejahen, das Andere ablehnen, oder gar nicht zur Kenntnis nehmen, zeigt sich, wie sehr wir Kinder und Produkte unserer Zeit sind.

Wenn aber das Relevanzbewusstsein kulturell konstituiert ist, dann ist es auch beeinflussbar oder gar erlernbar. Die Kraft, welche unsere Bedeutsamkeitshierarchie und damit auch unsere Sichtweise verändern kann, nennt sich Bildung. Die Bildung – ich meine hier Bildung im weitesten Sinn – vermittelt neue Maßstäbe und Werte, nach denen sich dann unsere Wahrnehmung richtet. Auf diesem Wege kam auch das in die Welt, was wir die christliche Sichtweise nennen.

Das bedeutet: Um Gott wieder sichtbar werden zu lassen, muss er wieder von Bedeutung sein. Deswegen muss seine Relevanz so überzeugend vermittelt werden, dass der Mensch für Gottes (mögliche) Präsenz wieder einen Blick bekommt. Doch genau dies, die überzeugende Vermittlung, ist das Problem.

Wenn wir die Akteure des anfangs geschilderten Geschehens näher betrachten und uns die Frage stellen, wer von ihnen hier die Rolle eines Botschafters, einer Botschafterin dieser Art von Offenbarungsgeschehen spielt, so fällt die Wahl unzweifelhaft auf die begeisterte Passantin, deren Rede so authentisch und überzeugend ist, wie nur authentisch und überzeugend das Zeugnis eines soeben Erlebten und Erfahrenen sein kann.

Auffallen durch Begeisterung

Das wäre meiner Ansicht nach die Rolle von Theologie und Kirche, die sich in deren, besser noch: unserer Haltung manifestiert und konkretisiert. Wenn sich eine authentische Verkündigung einer lebendigen Begegnung verdankt, und diese lebendige Begegnung nur dank einer bestimmten Wahrnehmungsfähigkeit und -bereitschaft erst möglich wird, dann muss die Kirche durch entsprechende Begeisterung auffallen und überzeugen. Darum aber muss sie auch die erste unter den Suchenden sein, die mit dem schärfsten Blick, der stärksten Sehnsucht und dem unruhigsten Herzen.

Kirche muss die erste unter den Suchenden sein.

Sind wir es? Wenn ja, dann ist diese Glut der Leidenschaft für Gott sehr gut verborgen unter einem Berg von frommen Phrasen, dogmatischen Richtigkeiten und Allerweltsbanalitäten, die sonntäglich landauf, landab von den Kanzeln herab rieseln. Dann wäre das seit einigen Jahrzehnten beklagte Schweigen Gottes nur folgerichtig, denn Gott kann nur zu den Interessierten sprechen und sich nur den suchenden Blicken offenbaren. Also sind wir es, die zuerst nach Gott suchen und Gott neu denken lernen müssen, bevor wir uns an neuen, vermeintlich zeitgemäßen Verkündigungsformaten versuchen oder uns mit strukturellen und methodischen Plänen für eine zeitgemäße Gestalt der kirchlichen Institution beschäftigen. Das sind alles nichts weiter als halbherzige Aufbesserungen der Fassade, unter der die alte Substanz überdauert.

Das Kreuz macht den Unterschied

Wir müssen uns auch dessen bewusst werden, dass wir bei weitem nicht die einzigen Botschafterinnen und Botschafter einer Heilsverheißung sind, sondern wir treten in einen harten Konkurrenzkampf mit vielen von anderen Geistern Be-geisterten, die auch eine Art Glauben verkünden. Um unserem Auftrag gerecht zu werden, müssen wir um den Unterschied wissen, welcher uns und unsere Botschaft von den anderen Heilsbotschaften trennt.

Ich bin davon überzeugt: Das, was diesen Unterschied macht, ist das Kreuz. Das bedeutet: Mag sich in der Kunst, in der Musik, in einer überwältigenden Natur oder im Fußballstadion auch eine Art Offenbarung ereignen, – das, worauf sich der christliche Glaube gründet, ist die Menschwerdung Gottes und somit die Offenbarung und Etablierung der Menschlichkeit im Sinne von Mitmenschlichkeit. Diese Art von Offenbarung überragt qualitativ alle anderen, so wie die Liebe das Höchste ist, weil sie mich frei macht von meiner Selbstbezogenheit und in einen zufriedenen, authentischen Menschen verwandelt. Mir scheint, es gibt nichts, was die Welt zur Zeit nötiger hätte. Suchen wir zunächst den menschgewordenen menschlichen Gott auf allen uns zur Verfügung stehenden Wegen und dann, so sagt es Jesus selbst, wird uns alles andere dazu gegeben.

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