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Ist jungen Menschen Überwachung egal?

Privatsphäremanagement im Zeitalter der Vernetzung

Von Ingo Dachwitz

Foto: Pixabay

Trotz der Warnungen vor Überwachung geben gerade junge Menschen in digitalen Medien massenhaft persönliche Informationen preis. Der Handel damit als Geschäftsmodell der neuen sozio-technischen Infrastrukturen trifft Nutzer jedoch unabhängig vom Alter.

Im Frühjahr 2015 ereignete sich eine bemerkenswerte Begegnung. Im Rahmen seiner US-amerikanischen Satireshow „Last Week Tonight“ besuchte Komiker John Oliver den Whistleblower und ehemaligen NSA-Dienstleister Edward Snowden im russischen Exil, um mit ihm über Überwachung zu sprechen (abrufbar auf YouTube). Untermauert durch Straßeninterviews mit überwiegend jungen Amerikanern argumentierte Oliver, Überwachung sei trotz aller Bedeutung bislang schlicht ein zu trockenes und komplexes Thema, um echte politische Konsequenzen auszulösen. Die interviewten Amerikaner konnten mit Snowden und seinen Veröffentlichungen, die das lange als Verschwörungstheorie verschriene System weltweiter Massenüberwachung durch anglo-amerikanische Geheimdienste belegte, schlicht nichts anfangen. Erst als sie gefragt wurden, was sie davon halten, dass Regierungsbeamte die Nacktbilder sehen könnten, die sie mit ihren Smartphones verschicken, regte sich Widerspruch.

Gleich zwei zentrale Aspekte über den Umgang mit Überwachung illustriert diese Episode der reichweitenstarken Late-Night-Comedy: Zum einen zeigt sie auf, wie weit die konkrete Praxis digitaler Überwachung vom alltäglichen Leben und der Wahrnehmung der meisten Menschen entfernt zu sein scheint. Zum anderen macht sie deutlich, dass Privatheit entgegen häufig zu hörender Post-Privacy-Behauptungen immer noch ein relevanter Wert ist.   

Junge Menschen entwickeln eigene Taktiken für Privatsphäre-Management

Insbesondere Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird häufig unterstellt, sie hätten kein Gefühl für Privatsphäre mehr und würden Überwachung gleichgültig gegenüberstehen. Diese Annahme beruht auf der Wahrnehmung, dass die große Rolle, die digitale Medien im Leben junger Menschen spielen, gleichbedeutend sei mit einem quasi öffentlichen und transparenten Leben. Ein Irrtum.

Wenn ich das Thema Privatsphäre bei den Workshops zu digitaler Mündigkeit anschneide, die ich für den Verein Digitale Gesellschaft im Berliner Stadtteil Wedding mit Jugendlichen durchführe, wissen die Teilnehmenden eigentlich immer schon Bescheid. Ich brauche dort niemandem grundsätzlich zu erklären, dass es Informationen gibt, die sie nicht mit allen teilen sollten. Gerade in Hinblick auf offiziellere Kontexte wie Schule oder Berufswelt sind viele Jugendliche sensibilisiert. Viele Dinge wollen sie auch von sich aus gar nicht mit allen teilen: Gerade Informationen darüber, mit wem sie wie eng verbunden sind, sollen privat bleiben.

Junge Menschen machen sich sehr wohl Gedanken, welche Informationen sie mit wem teilen möchten und wie sie ihre eigenen Ansprüche an Privatsphäre umsetzen können. So entwickeln sie beispielsweise ganz eigene Taktiken, ihr persönliches Empfinden von Privatheit und Öffentlichkeit umzusetzen – von der aufmerksamkeitsbewussten Inszenierung über multiple Anwendungsprofile bis zur Nutzung neuer Plattformen, die eine Kommunikation mit einem beschränkten Adressatenkreis erleichtern.

Media life: Grenzen zwischen privat und öffentlich verschieben sich

Richtig ist: Was privat und was (teil-)öffentlich ist, unterliegt mit zunehmender Mediatisierung von sozialem Handeln tatsächlich einem fundamentalen Wandel. Digitale Medien spielen für die Identitäts- und Beziehungsarbeit junger Menschen eine herausragende Rolle. Fragen von Sichtbarkeit, Wahrnehmung und Anerkennung unterliegen in den Sozialen Medien kontinuierlicher Aushandlung. So hat in halbironischer Zweckentfremdung etwa das Wort „Stalking“ für das häufige digitale Recherchieren über Freunde und Bekannte Schule gemacht.

Digitales Teilen und Beobachten sind relevante Kulturtechniken der Netzgeneration. Gewissermaßen bildet sie damit die Avantgarde eines zunehmend verbreiteten Lebensmodus, den der niederländische Medienwissenschaftler Mark Deuze als „Media life“ bezeichnet: Menschen leben nicht mit digitalen Medien, sondern zusehends in Medien (Media Life. Cambridge, 2012). Spätestens bei diesen medial konstituierten Lebenswelten macht es keinen Sinn mehr, zwischen einer realen und einer virtuellen Realität zu unterscheiden; digitale Medien sind integraler Bestandteil des Lebens.

Immer deutlicher wird, dass dieser Lebensstil jedoch keine Frage des Alters ist, sondern eine der Sozialisation. Jugendliche übernehmen aus unterschiedlichen Gründen eine Art gesellschaftlicher Adaptionsfunktion für neue Medientechnologien. Aber sie sind bei weitem nicht die einzigen, deren Leben davon geprägt ist. Digitale Medien und die mit ihnen einhergehende umfassende Vernetzung sorgen bei denen, die sie nutzen, für neue Modulationen von Sichtbarkeit. Was als privat und als schützenswert vor der Kenntnis durch bestimmte Öffentlichkeiten verstanden wird, verändert sich genauso wie das, was aus unterschiedlichen Motiven für mitteilenswert gehalten wird – nicht nur bei jungen Menschen. Umgekehrt kommt es inzwischen nicht selten vor, dass Menschen meines Alters zusammensitzen und über das Facebook-Verhalten ihrer Elterngeneration den Kopf schütteln: Haben die denn gar kein Gefühl für Privatsphäre?

Ein Überwachungsdilemma

In Hinblick auf das Thema Überwachung ist jedoch ein gewisser Überdruss wahrzunehmen. Enthüllungen über und Forderungen nach mehr oder weniger Überwachung gehören in der digitalen Gesellschaft zum medialen Grundrauschen. So sind sich auch junge Menschen des Potenzials von Überwachung durchaus bewusst. Nur: Veränderungen an der Praxis der Überwachung sind auch nach den Snowden-Veröffentlichungen ebenso wenig wahrzunehmen wie unmittelbar negative Effekte im Leben der Heranwachsenden. Der Zusammenhang zwischen digitalen Handlungen in der Gegenwart und Konsequenzen in der Zukunft wird uns als Gesellschaft erst langsam offenbar. Auch hier bilden junge Menschen keine Ausnahme: Der Aufstand der Erwachsenen gegen den derzeit vollzogenen Ausbau digitaler Überwachung bleibt – von einigen zivilgesellschaftlich organisierten Ausnahmen abgesehen – bislang ebenfalls aus.

Der Grund dafür ist, dass Nutzer digitaler Medien vor einem Dilemma stehen: Die für ihr soziales Handeln so essentielle techno-soziale Infrastruktur digitaler Kommunikation ist gleichzeitig die Infrastruktur ihrer digitalen Überwachung. Auch wenn es seit den Snowden-Enthüllungen deutlich mehr Nutzer von Verschlüsselungstechniken gibt: Normalnutzer stehen dieser Überwachung gleichermaßen machtlos gegenüber. Sie scheint so fest im Wesen der digitalen Medieninfrastruktur angelegt zu sein, dass sie fälschlicherweise als natürlicher Modus erscheint, obwohl sie auf der strategischen Nutzung gewisser technischer Potenziale des Digitalen Wandels beruht.

Wie das kommerzielle System der Überwachung funktioniert

Die Digitalisierung macht es möglich, riesige Mengen personenbezogener Informationen unterschiedlichster Art zu speichern – von Vorlieben und Kontaktnetzwerken über Ortsangaben und Bewegungsverläufe bis zur individuellen Beschaffenheit des Tastaturanschlags. Da viele Informationen dabei nicht von Nutzern bewusst produziert werden, sondern ein Beiprodukt des technisch mediatisierten Kommunikations- und Informationsverhaltens sind, spricht die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff auch von „Datenabgasen” (Lasst euch nicht enteignen. FAZ 14.09.2014). Deren flächendeckende Sammlung und Analyse lässt einige von einer „Echtzeitarchäologie“ oder „Datafizierung“ des menschlichen Daseins träumen und ist bei weitem nicht auf die Dienste von Facebook oder Google beschränkt.

Durch die zunehmende Vernetzung von Geräten und Datenbanken werden die Bilder, die sich Unter-nehmen von Individuen machen, immer umfassender, während klassische Datenschutzmaßnahmen wie Pseudonymisierung zunehmend wirkungslos werden. Verstärkt wird dies durch Firmen, deren Geschäftsmodell ausschließlich auf dem Handel mit persönlichen Informationen beruht und die auch die Verkettung von Online-Informationen mit Offline-Informationen (z.B. Kreditkartendaten) vorantreiben – sogenannte „Data Broker“.  Die algorithmisch automatisierte Analyse dieser großen Mengen persönlicher Informationen ermöglicht schließlich deren Monetarisierung: Eingesetzt wird sie im kommerziellen Sektor zum Beispiel für ausgefeiltes Marketing („Targetted Advertising“ & „Customer Relationship Management“), für Preisdiskriminierung bei Onlinebuchungen, für die Operation personalisierter Plattformen (z.B. Google-Suche und Facebook-Newsfeed) oder im Rahmen sogenannter „Scoring“-Verfahren (u.A. zur Bonitätsbewertung).

Das Prinzip folgt dabei immer dem gleichen Muster: Mithilfe statistischer Analysen („Data Mining“) werden Nutzer ähnlichkeitsbasiert in Kategorien einsortiert, die darüber entscheiden, wie Unternehmen ihnen begegnen: Welche Suchergebnisse, Werbung, Facebook-Posts oder Nachrichtenartikel bekommt eine Person zu sehen? Gilt sie als kreditwürdig? Erhält sie einen Bonus von der Versicherung? Welche Aufmerksamkeit des Kundenservices wird ihr zuteil? Erhält sie einen Mobilfunkvertrag? Welchen Preis muss sie für die Onlinebuchung eines Fluges zahlen? Usw.

Spätestens seit den auf den „Snowden-Leaks“ basierenden Veröffentlichungen internationaler Qualitätsmedien zur Kooperation zwischen Geheimdiensten und Technologiefirmen ist zudem klar, dass auch staatliche Akteure von diesem Informationskapitalismus profitieren und Zugriff auf viele privatwirtschaftlich genutzte personenbezogene Informationen haben. Während Bürger und Verbraucher also zunehmend transparenter für gewisse Organisationen werden, entzieht sich deren Datenwirtschaft individueller Nachvollziehbarkeit. Die komplexen Flüsse persönlicher Informationen liegen außerhalb der Reichweite einzelner Menschen – sie sind weder nachvollziehbar noch verhandelbar.

Und die Kirche?

Von einer Generationenfrage in Hinblick auf digitale Überwachung kann also höchstens insofern die Rede sein, als dass das Leben vieler junger Menschen besonders stark von digitalen Medien durchdrungen ist. Die eigentliche Spaltung verläuft jedoch zwischen Nutzern, Konsumenten und Bürgern auf der einen und informationsmächtigen Organisationen auf der anderen Seite.

Dass sich aus dieser umfassenden Überwachung und den intransparenten Folgen auch Konsequenzen für Glaubens-, Informations- und Meinungsfreiheit ergeben, bedarf keiner Erläuterung. Dass die persönlichen Informationen von Jugendlichen besonders geschützt werden sollten, weil die Jugend als Lebensphase sich genau dadurch auszeichnet, dass nicht bei jeder Handlung spätere Konsequenzen mit bedacht werden müssen, sondern Freiräume für unbeschwertes Ausprobieren bestehen, ist ebenfalls klar. Und dass individuelle, technische Lösungen angesichts der Marktmacht von Monopolisten wie Facebook oder Google und des bedauernswerten Zustandes digitaler Bildung in Deutschland keine ausreichende Antwort auf die Herausforderungen durch Überwachung sind, auch.

An dieser Stelle könnte die Kirche ins Spiel kommen. Sie könnte gesellschaftlich aufklären über die Auswirkungen zunehmender Überwachung und Menschen dafür sensibilisieren. Vor allem könnte sie aber ihr politisches Gewicht nutzen, um sich vor dem Hintergrund christlicher Ethik für Beschränkungen der Überwachung zu engagieren. Bislang ist davon jedoch noch nichts zu spüren. Die EKD-Synode begnügte sich 2014 in ihrem Beschluss zur „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“ mit ein paar Allgemeinplätzen, die bislang ohne erkennbare Folgen geblieben sind. Ein im Mai 2015 vom Fachbereich Christliche Publizistik der Universität Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit der bayerischen Landeskirche ausgerichtetes Medienkonzil zum „Bürgersein in der digitalen Welt“ hätte Startpunkt für eine fundierte Auseinandersetzung sein können. Bislang wurde das Abschlussdokument jedoch von keiner einzigen Kirchenleitung aufgegriffen.

Ingo Dachwitz

M.A. Medien und Politische Kommunikation, arbeitet als Redakteur bei netzpolitik.org und ist Jugenddelegierter in der Synode der EKD.

evangelische aspekte, Ausgabe Mai 2016

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