Editorial: Franziskus Ausgabe 2/2014

Liebe Leserin, lieber Leser,

Vorbilder, die schon länger tot sind, haben einen klaren Vorteil. Denn im Unterschied zu prominenten Zeitgenossen stehen sie deutlich weniger in der Gefahr, vielleicht schon morgen durch investigative Enthüllungen desavouiert zu werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Schmutzkampagne schwindet mit den Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten rapide.

Doch nicht nur aus diesem Grund gibt es tote Berühmtheiten, die als Vorbilder nahezu unantastbar sind: Manche haben in ihrem Leben tatsächlich keinen Anlass zu Zweifeln an ihrer moralischen Integrität gegeben. Und bei anderen sind diese Zweifel erfolgreich aus der Überlieferung getilgt worden.

Unter Katholiken ist für solche Persönlichkeiten der Rang der „Heiligen“ reserviert. Nicht jeder, der ihm in der katholischen Kirche angehört, ist freilich auch außerhalb über alle Zweifel erhaben. Wenn es für einen gilt, dann aber wohl für Franz von Assisi. Christen wie Humanisten sind sich in seiner Wertschätzung einig, Maler haben ihn ebenso verehrt wie Musiker, Pädagogen ebenso wie und Ökologen und sogar Politikwissenschaftler des 21. Jahrhunderts sehen in ihm einen „Zeitgenossen für eine andere Politik“ (P. Kammerer, E. Krippendorff, W.-D. Narr: Franz von Assisi. Düsseldorf 2008). Die einzige Gruppe, die über lange Zeit trotz der Heiligsprechung ihre liebe Not mit dem Erbe des Ordensgründers hatte, ist die katholische Kirche selbst. Aber auch sie hat sich jüngst mit der erstmaligen Verwendung des Papstnamens „Franziskus“ (zumindest repräsentativ) mit ihm versöhnt.

Hat die Vorbild- und Orientierungsfunktion des Franz von Assisi damit eine neue Stufe erreicht? Bedenklich stimmt, dass die Zahl der franziskanischen Ordensmitglieder seit Jahrzehnten drastisch zurückgeht. Sie hat sich in den letzten 50 Jahren auf heute noch knapp 14.000 Brüder weltweit halbiert. Das lässt erkennen, dass der Großteil der Anhängerschaft des Mannes aus Assisi es ganz so ernst mit der Nachfolge dann doch nicht meint. Natürlich, der Friedensmann und Vogelprediger, der Sonnengesangdichter und der in Armut lebende Eremit faszinieren. Aber offensichtlich scheuen auch treue Anhänger vor den radikalen Konsequenzen echter Nachfolge zurück. Ob Franziskus daran Gefallen gehabt hätte?

Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesem Heft der „evangelischen aspekte“ einige neue Perspektiven auf den Ordensgründer und seine Wirkungsgeschichte bis heute bieten können. Aufgrund des personellen Umbruchs in der Redaktion hat für diese Ausgabe der Bundesvorstand der Evangelischen Akademikerschaft die redaktionelle Verantwortung übernommen. Das nächste Heft wird dann wieder in der Hand einer vom Bundesvorstand beauftragten Redaktion liegen.

Mit besten Wünschen für die Lektüre
für den Bundesvorstand

Dr. Bertram Salzmann

Verwandte Beiträge

Schreiben Sie einen Kommentar