Horst Bannach und Axel Springer im Disput Ein historisches Fundstück aus Zeiten der Studentenbewegung

Als die Studierenden in den sechziger Jahren auf die Straße gingen, spalteten sie die öffentliche Meinung. Einen spannenden Einblick in die Auseinandersetzungen dieser Tage bietet der Briefwechsel des damaligen Generalsekretärs der Evangelischen Akademikerschaft, Horst Bannach, mit dem Verleger Axel C. Springer. Der Streit um die Einschätzung der Bewegung und ihrer Forderungen lässt sich in einem Briefwechsel nachvollziehen, den Maike Axenkopf im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin entdeckt und ausgewertet hat.

Auch heute genießen manche der Presseerzeugnisse des Axel-Springer-Verlags kein ungeteilt hohes Ansehen. Gerade die Verbreitung der Zeitung mit den vier Großbuchstaben wird in manchen Kreisen unserer Gesellschaft (vielleicht) überspitzt als Indiz für den Bildungsnotstand in unserem Land gesehen. Als einen der Kritikpunkte in diesem Zusammenhang wird oft die tendenziöse Berichterstattung und oft politische, klare Positionierung der RedakteurInnen, bzw. des Verlags in Artikeln und Berichten gesehen.

Diese Kritik ist aber im 21. Jahrhundert keinesfalls neu. Die Anti-Springer-Kampagne war ein wesentlicher Bestandteil der Studentenbewegung, die ihren Höhepunkt zwischen 1967 und 1969 hatte. Damals wurde der Verlag – vor allem sein Verleger, Axel Cäsar Springer – von den Beteiligten unter anderem für die Hetze gegen die demonstrierenden Studierenden, den Tod des Studenten Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke mitverantwortlich gemacht. In vielen Flugblättern und Erklärungen der Zeit wurden diese Anschuldigungen deutlich, beispielsweise in einem Flugblatt der Asten der Technischen Universität und der Freien Universität Berlin, welches bereits am 3. Juni 1967, einen Tag nach der Erschießung Ohnesorgs, publiziert wurde. Aber auch in einer Erklärung des SDS vom 13. April 1968, 2 Tage nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke, äußerten die Reformer der Berliner Bevölkerung ihre Kritik am Springer-Verlag.

Unterstützung erfuhren die öffentlichkeitswirksam überwiegend studentischen ProtestlerInnen – zu denen auch einzelne Evangelische Studentengemeinden zählten – durch die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland (EAiD), deren damaligen Generalsekretär Horst Bannach und einzelne Landesverbände. Dies lässt sich in einem Briefwechsel nachvollziehen, der im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin liegt (ELAB 55.5./0456, Briefwechsel mit Axel C. Springer).

In einem Brief der EAiD-Vertreterversammlung an Axel C. Springer von April 1968 schrieben die Delegierten der Landesverbände dem Konzern eine Mitschuld an den Unruhen und Gewalttaten der letzten beiden Wochen durch eine einseitige Berichterstattung zu. In diesem Zeitraum hatte sich unter anderem die Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern durch Baader und Ensslin und das Attentat auf Dutschke ereignet. Danach verurteilte die Springer-Presse die Studierenden und Demonstrierenden und betitelte sie als Radikale und Krawallmacher, wie in dem Flugblatt der Asten bereits konstatiert worden war. Diese Hetze gegen die Studierenden kritisierten die Evangelischen AkademikerInnen entschieden.

Springer ließ sich diese Anschuldigung nicht reaktionslos gefallen. Er richtete seine Antwort direkt an Pfarrer Horst Bannach, den damaligen Generalsekretär der EAiD. In seinem Brief fühlte sich Springer offensichtlich verpflichtet, zunächst seine religiöse Einstellung zu Kirche und Staat, Gemeinde und Gesellschaft zu erläutern. Diese verortete er klar auf dem Altonaer Bekenntnis von 1933, welches von der Unmöglichkeit des Reiches Gottes auf Erden spricht. Dementsprechend gehörten Streit, Leid, Mühe und Krieg zum irdischen Leben. Springer nutzt die Aussage des Altonaer Bekenntnisses als Begründung gegen eine „Entfremdung“ der Kirche von ihrer eigentlichen Aufgabe. Wie viele andere zu dieser Zeit, TheologInnen wie Nicht-TheologInnen, wehrt auch er sich gegen die Politisierung, sprich das aktive politische Engagement der Kirche in gesellschaftspolitischen Themen. Diese Haltung kritisiert Bannach in seiner Antwort vom 4. Juni 1967 deutlich, da diese im Nachkriegsprotestantismus nach dem Kirchenkampf nicht mehr existent sein dürfe.

Wie viele andere seiner Zeit wehrt auch Springer sich gegen das aktive politische Engagement der Kirche in gesellschaftspolitischen Themen.

Entschieden fühlt sich Springer als Verleger angegriffen, dass er sich angeblich gegen die Studierenden stelle. Seinen Worten nach hat der Verlag die notwendige Hochschulreform bereits zu einer Zeit diskutiert als die Studierenden noch weit davon entfernt waren. Als dann auch Studierende die Reform anstrebten, sei der Springer-Verlag wiederum angegriffen worden. Trotz einer allgemeinen Radikalisierung der ProtestlerInnen, seien Aktionen gegen den Verlag mit einer Provokation durch eben jenen begründet worden. Springer sieht sich, wie aus dem Brief deutlich wird, mehr als Opfer denn als Täter. Die „Verketzerung der publizistischen Leistungen seiner Zeitungen“ erklärte er damit, dass die Meinungen und Haltungen des Verlagshauses sich klar gegen die der extremen Linken stellten. Er bezeichnet die Position der Springer-Presse sogar als diametral-entgegengesetzt zu der der radikalen Linken. Allerdings scheint er das Wort „diametral“ hier nicht in seiner eigentlichen Bedeutung zu nutzen.

Zudem weist Springer die Behauptung zurück, sein Verlag habe eine Monopolstellung in der Presselandschaft. Dies war eine oft gehörte Kritik und Anschuldigung seitens der GegnerInnen des Hauses. Sie behaupteten, durch die nahezu alleinige Existenz der Springer-Erzeugnisse auf dem Pressemarkt sei eine Manipulation der Bevölkerung hin zur Diffamierung der Studierenden gegeben. Laut Springer ist es aber für jedermann einfach, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu beziehen. Gerade die Konkurrenz durch den Rundfunk sorge für eine Vielfalt in der Meinungsbildung.

Trotz dieses letzten Arguments äußerte sich Bannach am 4. Juni sehr kritisch zur manipulierenden Meinungsbildung durch den Springer-Verlag. Demnach habe die sogenannte Günther-Kommission, eine Enquete-Kommission zur Untersuchung der Folgen einer Pressekonzentration für die Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik Deutschland, Springers Aussage bereits falsifiziert, sein Verlag bilde kein Pressemonopol. Bannach ging in seinem Antwortbrief an Springer auf die Macht ein, die von einem derart großen Verlag ausgehe. Und wie man diese Macht möglicherweise anders nutzen könne, um sich eben nicht der Mitschuld an Gewalttaten und der Hetze gegen eine kritische, aber denkende Masse schuldig zu machen. Aufgrund der Tatsache, dass die Macht eines Verlages immer außerparlamentarisch sei und bei zielstrebigem Einsatz sehr gewaltig werden könne, schlug er Springer vor, auf die Macht, die er habe, zumindest teilweise zu verzichten. Damit würde auch Springers Intention, den demokratischen Staat zu verteidigen – dies verdeutlichte er auch in seinem Brief – nachvollziehbarer. Denn eine begrenzte Macht der Verleger gebe, so Bannach, den Andersdenkenden die Chance, ihre Meinung kundzutun und für sie einzustehen, damit eine Demokratie überhaupt möglich werde. So schloss er auch seinen Brief mit der Bitte, Springer möge den Andersdenkenden Gehör schenken und über diese anderen Meinungen nachdenken.

Durch die plakativen Überschriften der Springer-Presse sei die negative Sicht der Bevölkerung auf die Studierenden bekräftigt worden, vielleicht sogar entstanden.

Springers Argument, Überschriften, seien sie auch noch so plakativ, stünden nie alleine, widersprach der damalige Generalsekretär der EAiD entschieden. Erst durch diese Überschriften sei die negative Sicht der Bevölkerung auf die Studierenden bekräftigt worden, vielleicht sogar entstanden. Bannach unterstellt Springer außerdem, dass dieser sich nicht mühe, die Studierenden zu verstehen. Bannach hingegen sieht im Protest die Aufforderung an die ältere Generation, etwas zu verändern.

Dieser Aufforderung kamen auf Seiten der EAiD nicht nur Bannach, sondern auch einige Landesverbände nach, die in Briefen und Stellungnahmen zwar nicht alle Aktionen der protestierenden Bewegung gut hießen, sich aber dennoch auf deren Seite stellten. Dies zeigte sich u.a. in Unterstützung der ESGn, die den Evangelischen AkademikerInnen vermutlich am nächsten standen – war ihr Verband doch als Altfreundeschaft zur Vorgängerorganisation der ESG, der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung, entstanden. Beispielsweise positionierte sich der Landesverband Baden am 14. Juli 1967 auf Seiten der ESG Berlin bezüglich ihrer Kritik an Politik und Gesellschaft. Der Landesverband Nordwest äußerte sich am 11. November zum Streit der ESG Berlin mit dem Gemeindekirchenrat der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Dieser hatte den Studierenden aufgrund ihres politischen Engagements in den letzten Monaten die Nutzung der Kirche für Gottesdienste verwehrt.

Dies alles zeigt, wie in diesen bewegten Jahren die Evangelische Akademikerschaft durch die Aktionen der Studierenden herausgefordert wurde und ihrerseits engagiert darauf reagierte. An der Korrespondenz Bannachs mit Springer wird deutlich, dass diese Interventionen ernst genommen wurden und von der Gegenseite nicht einfach ignoriert oder abgetan werden konnten. Vielmehr sah sie sich sogar zur theologischen Rechtfertigung genötigt. Gleichwohl war die Evangelische Akademikerschaft sicher nicht die „fünfte Kolonne“ der Studierendenbewegung. Von der Möglichkeit, sich im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren und ihre Stimme einzubringen, machte sie jedoch offensiv und mit Erfolg Gebrauch.

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