Verkündigung an ungewöhnlichen Orten Evangelische Urlaubsseelsorge im In- und Ausland

In gelöster Urlaubsatmosphäre kann die Kirche auch Menschen erreichen, die zu Hause im Alltag kaum noch eine Verbindung zur Kirchengemeinde haben. Dafür machen sich Pfarrerinnen und Pfarrer Jahr für Jahr auf ans Meer und in die Berge.

Wer bekommt bei solchen Ankündigungen nicht Lust, mitzumachen: „Bei Alphornklängen den Sonnenuntergang bestaunen, einen Impuls zum Nachdenken bekommen, ein Abendlied singen und gestärkt den Tag ausklingen lassen“. Die Einladung zur Sonnenuntergangsandacht beim Campingplatz am Hopfensee sollte Feriengäste Lust machen, einen Gottesdienst zu besuchen, egal ob sie der Kirche nahe oder fern sind. Verantwortlich für solche Angebote in der Ferienregion im Allgäu ist die evangelische Urlauberseelsorge in Pfronten, die von Pfarrer Jörn Foth geleitet wird.

In der freien Natur Gott nahe sein

Die Verkündigung an ungewöhnlichen Orten gehört zu den Leidenschaften des Theologen. Regelmäßig lädt er zum Beispiel zu Berggottesdiensten ein. Sein Amt in Pfronten im Allgäu als Urlaubsseelsorger hat Foth schon 2016 angetreten, als er aus seiner Wahlheimat Brasilien mit seiner Familie nach Deutschland zurückkehrte. Da der gebürtige Kemptener, der auch in den USA tätig war, mehrere Sprachen spricht, scheint er wie geschaffen zu sein für die Gästebetreuung.

Der evangelische Pfarrer in der Kirchengemeinde Pfronten, der auch für die Arbeit mit Urlaubern, Touristen und Kurgästen in der Region „Königswinkel“ zuständig ist, bekennt als gebürtiger Allgäuer seine Liebe zur Natur. Das will er auch den Feriengästen vermitteln: „Immer wieder spüre ich, dass ich mich draußen im Freien und in der Bewegung Gott sehr nahe fühle. Schönheit und Weite, aber auch Abenteuer und Freiheit gehören für mich zum Glauben dazu“, bekennt Foth mit großer Leidenschaft. Man merkt dies, wenn man mit ihm spricht: „Mit viel Freude versuche ich in meiner Arbeit davon etwas spürbar zu machen“, fügt er hinzu.

Taufen im Meer und spirituelle Wanderungen

Foth ist ein Beispiel dafür, wie in den Landeskirchen die Verkündigung in den Ferien organisiert und gehandhabt wird. Auch in schwierigen Zeiten versucht die evangelische Kirche in Ferienregionen präsent zu sein. So hat die Urlauberseelsorge entlang der niedersächsischen Nordseeküste zwischen Ems und Elbe wegen der Corona-Pandemie ungewöhnliche Wege eingeschlagen mit mobilen Einsätzen statt mit Kirchenzelten.

Urlauberpastorin Antje Wachtmann weiß, dass die Menschen ihre Sorgen und Probleme mit in den Urlaub nehmen. Da sei es wichtig, wenn jemand da ist und Zeit mitbringt, um einfach zuzuhören. „Zwei Taufen im Meer im Familiengottesdienst waren das Highlight der Zeit“, schreibt ein Urlauberseelsorger über seine Zeit auf einer ostfriesischen Insel. Spirituelle Spaziergänge, Gäste-Trauungen, unterschiedliche Gottesdienstformate drinnen und draußen, Zeit im Kirchenstrandkorb, Gutenachtgeschichten, Strandtaufen, Fotoworkshops, Vortragsabende zu vielfältigen Themen und noch viel mehr haben Urlauberseelsorgerinnen und -seelsorger in den Orten auf den Inseln und an der Küste angeboten, heißt es auf der Homepage der Landeskirche Hannover. „Urlauberseelsorge ist nicht nur Arbeit – es ist Mee(h)r“, lautet das Fazit der Arbeit.

Mit dem Talar im Gepäck

Während für die Urlausseelsorge in Deutschland die Landeskirchen zuständig sind, verantwortet die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Seelsorge an Urlaubsorten im Ausland. Auch im Sommer 2022 sind wieder rund 140 Pfarrerinnen und Pfarrer aus Deutschland mit ihrem Talar im Gepäck in die Ferne gereist. An Einsatzorten in rund zehn europäischen Ländern verstehen sie sich als Ansprechpersonen für die erholungssuchenden Menschen, sei es am Strand oder in den Bergen.

In einigen Ländern gibt es deutschsprachige evangelische Kirchengemeinden, wie in Griechenland oder Ungarn, oder auch ständige Tourismuspfarrämter, wie in Spanien an der Costa del Sol, die das ganze Jahr über Gäste einladen. Auch die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens hat sich wieder beteiligt. Ein aktiver Pfarrer aus Plauen startete mit Ferienbeginn für rund drei Wochen in Richtung italienische Adriaküste zur Camping-Kirche nach Cavallino-Lido und ein Pfarrer aus Leipzig begab sich in den Norden, auf die dänische Insel Rømø. Ein Pfarrer aus Treuen hielt sich in Fogarasch in Siebenbürgen (Rumänien) auf. Die Urlauberseelsorger bieten wöchentliche Gottesdienste und zusätzliche Veranstaltungen wie Gesprächsabende oder Bibelarbeiten an.

Für die evangelische Kirche ist dieser Dienst an den Urlaubsorten eine Möglichkeit ihren Mitgliedern zur Seite zu stehen. Zudem können nach Ansicht der Kirchenleitung Menschen erreicht werden, die sich der Kirche entfremdet haben. In Schleswig-Holstein zum Beispiel besuchen jedes Jahr über 73.000 Menschen 1.600 Veranstaltungen der Kirche am Urlaubsort. An den Urlaubsorten am Gardasee in Italien kommen in den Monaten Juni bis September mehr als 1.000 Besucherinnen und Besucher zu den deutschsprachigen Gottesdiensten.

Aussteigen aus der Tretmühle des Alltags

Besonderen Wert auf vielfältige Angebote für Besucherinnen und Besucher legt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, da der Süden Deutschlands eine beliebte Ferienregion ist für Gäste aus dem In- und Ausland. Ein breites Spektrum wird geboten: Berggottesdienste, Kirche im Grünen, Offene Kirche, Kirchenmusik, Pilgern, Motorradfahren, Radwege-Kirchen, Kur- und Urlauberseelsorge. Mehr als 800 registrierte Gottesdienste unter freiem Himmel gibt es in Bayern: vom Kurpark über den See bis hin zum Berg.

Zur Erläuterung heißt es: „Herausgenommen aus der Tretmühle des Alltags sind viele Menschen im Urlaub offener für die Frage nach dem Sinn ihres Lebens. So will jeder zweite Deutsche im Urlaub einen Gottesdienst am Urlaubsort besuchen, jeder fünfte will neue spirituelle Erfahrungen machen und zwölf Prozent wollen Gott und den Glauben neu erfahren.“

Eine eigene Zeitschrift gibt es in Bayern sogar: „Grüss Gott“ heißt das Magazin der Evangelischen Kirche für Kur und Urlaub; es erscheint einmal jährlich. In dem Heft werden besondere Orte der Entschleunigung in Bayern vorgestellt, es gibt Reportagen zu Sehenswürdigkeiten und Tipps für Veranstaltungen oder schöne Kirchen. Das Magazin wird herausgegeben im Auftrag des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrats vom Arbeitskreis für Freizeit und Erholung in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Weitere Infos gibt es unter www.kirche-tourismus-bayern.de.

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