Kunst und Kniffligkeit einer Zeremonie in Weiß Für ein Paar der Traum, für die Pfarrerin der Albtraum?

Eine Pfarrerin, der die Ansprüche auf den Geist gehen. Brautpaare, die sich das Heft dennoch nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Ein Kollege, der die Ästhetik des Entgegenkommens pflegt. Und am Ende ist Kundenorientierung nicht gleich Ausverkauf.

„Hollywoodesk“ ist für mich die perfekte Beschreibung der derzeit „modernen“ kirchlichen Trauung, um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Wohlgemerkt: Das ist die Hauptströmung; daneben gibt es immer auch noch „normale“ Trauungen ohne Pomp und Glamour. Im Folgenden möchte ich nicht nur die Ansprüche der Brautpaare, sondern auch den Wandel meiner Ansprüche skizzieren. Den gab es nämlich vor nicht allzu langer Zeit. Wie es vorher war, wie es zu dem Wandel kam, und wie es dann wurde, möchte ich hier beschreiben.

Episode 1: „Genau an diesem Tag“

Eine junge Frau (so um die 30, das ist häufig das Alter der Brautpaare) ruft im Pfarramt an. Wir kennen uns nicht, sie hat per Internetrecherche herausgefunden, welches Pfarramt zu ihrem Wohnbezirk gehört. Sie möchte heiraten. Kirchlich. Hier in ihrer Heimatgemeinde, weil da auch ihre Eltern leben, die ich ebenfalls nicht kenne. Es ist schon alles organisiert, und nun möchte sie mich für den großen Tag „buchen“. Das Problem: Genau an diesem Tag soll unser Gemeindefest stattfinden. Die Braut fällt fast in Ohnmacht. Sie sagt, da müsse doch was zu machen sein. Ich zähle ihr die Möglichkeiten auf: Den Hochzeitstermin verlegen oder woanders heiraten; in der näheren Umgebung gibt es zahlreiche andere Kirchen, die ebenfalls hübsch und schön gelegen sind. Aber die Braut lässt nicht locker. Sie will unbedingt an diesem Tag in unsere Kirche. Ich schlage ihr vor, doch einfach im Gemeindegottesdienst zu heiraten. Das will sie auf gar keinen Fall. Ich rate ihr, alles noch einmal zu überdenken und verspreche, mit Rat und Tat für sie da zu sein. Ich höre nie wieder von ihr.

Episode 2: „Voll abgefahren“

Ein Brautpaar verabredet sich mit mir zum Traugespräch. Vorab habe ich ihnen einen möglichen Gottesdienstablauf geschickt, außerdem eine Auswahl geeigneter Lieder aus unserem Gesangbuch. Wir gehen den Plan durch, und ich merke schnell, dass das alles böhmische Dörfer für die jungen Leute sind. Also erkläre ich möglichst einfach die Traditionen, Hintergründe und Gepflogenheiten für solche Anlässe. An ihren Blicken sehe ich, dass ihr Anliegen ein anderes ist.

Sie wollen weder Bibeltexte noch Gesangbuchlieder noch Gebete. Sie wollen eine Rocksängerin in schwarzem Leder mit harten Beats aus der Anlage, sie wollen Trauzeugen, Freunde und Angehörige, die eigene Texte mitbringen, in denen es um Witziges, Typisches und Biographisches von Braut und Bräutigam gehen soll, und sie wollen einen Trauspruch aus einem Song vom „Grafen“ von der Band „Unheilig“. Mein Part sei es, zu moderieren und den beiden das Blatt mit der selbstformulierten Trauformel zum Ablesen vor die Augen zu halten. Als ich versuche zu erklären, dass eine Trauung in der Kirche nicht ohne Gott und Bibel auskommt, sind sie extrem verärgert – typisch Kirche, voll intolerant. Nach fast zwei Stunden und einem weiteren Treffen haben wir doch noch einen „echten“ Gottesdienst hingekriegt, mit dem beide Seiten leben können; die säkularen Stücke werden in die anschließende Feier integriert.

Erschöpfung

Diese geschilderten Episoden kommen in ähnlicher Weise recht häufig vor, viel häufiger jedenfalls als unkomplizierte, kooperative Treffen. Immer wieder fühle ich mich in die Rolle der Ablehnerin gedrängt, muss bei „Adam und Eva“ beginnen, mit Engelszungen erklären und erläutern, die normalsten Abläufe und ältesten Traditionen verteidigen. Und ich stecke fest im immer breiter werdenden Graben zwischen „reiner Lehre“ und „Kundenorientierung“. Auf der einen Seite möchte ich da sein für meine Leute und, ja, ich will sie glücklich machen. Auf der anderen Seite will ich den Kern der Sache nicht verraten. Ein Gottesdienst ist ein Gottesdienst. Darauf zu achten, ist mein Beruf und mein Anliegen. Gibt es einen Mittelweg?

Gibt es einen Mittelweg zwischen „reiner Lehre“ und „Kundenorientierung“?

Mir erscheint das wie die Quadratur des Kreises. Kompromisse sind in diesem Fall sehr schwierig – ein Trauspruch zusammengemixt aus Dan Brown und Paulus, Techno mit Orgel, Weddingbubbles zum Glaubensbekenntnis, Verkündigung der Frohbotschaft neben witzigen Grundschulgeschichten der Brautleute? Wie soll das gehen? Wie schön waren doch die Zeiten, als Brautleute- und Pfarrersansprüche so ziemlich deckungsgleich waren! Wie könnte es gelingen, all den kirchenfernen Hochzeitskandidaten plausibel zu machen, was so eine kirchliche Trauung überhaupt soll? Dass es da ein echtes Anliegen gibt, das mehr will als ein telegenes Event und eine „Doppelt-Ego-Inszenierung“, möchte ich gar nicht bezweifeln. Aber die wenigsten können dies artikulieren. Und wenn ich ihnen Hilfestellung gebe in Richtung „Gottes Segen für Ihren Bund“, „mehr Kraft, als man aus sich selbst hervorbringen kann“, „Schutz und Beistand“ von „jenem höheren Wesen, das wir Gott nennen“, dann ist das schon eine Überforderung für die meisten. Irgendwie so, sagen sie dann.

Austausch und Läuterung

Als ich mit einem Kollegen beim Kaffee sitze, heule ich mich ein bisschen aus. Ich berichte von all den bösen säkularen Übergriffen auf unsere heiligen Vollzüge und rede mich in Rage. Dieser stete Rechtfertigungsdruck macht mich mürbe und lustlos, teile ich ihm mit und lasse meinen Kopf auf die Tischplatte fallen. Dem Boden sage ich: Dabei will ich doch mit Lust und Liebe und Freude meine Arbeit machen. Mein Kollege hört geduldig zu. Wie gut, dass es so etwas noch gibt. Schließlich sagt er: Lass doch die Leute ihre Sachen planen, wie sie wollen; du gibst deins dann dazu und sorgst dafür, dass was Gutes, Ganzes daraus wird. Ich starre ihn an und denke: Der hat mich wohl nicht richtig verstanden; der sieht den Ernst der Lage nicht; der merkt nicht, dass Kirche im Begriff ist unterzugehen. Also schiebe ich hinterher, dass ich das alles nicht länger aushalten könne und wolle, all diese Stilbrüche, den Kitsch und die Glamourbanalitäten. Er kontert: Für dich mag das kitschig, banal und stillos sein, aber für die anderen eben nicht, und um die geht es doch – oder etwa nicht?

So ein Verräter, denke ich, und ziemlich bald breche ich auf. Aber seine sparsamen Einwürfe gehen mir nicht aus dem Sinn. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr gehe ich in mich, und meine Haltung erscheint mir aus seiner Perspektive doch recht arrogant zu sein. Ich beschließe, das mal auszuprobieren.

Episode 3: „Lasst uns mal schauen“

Traugespräch bei einer Patchwork-Familie. Als ich ankomme, öffnet mir ein elfjähriges Kind. Die Mutter und der Stiefvater sind noch beim Cateringdienst. Okay, ich bin nicht sauer, ich bin nicht sauer, ich bin nicht sauer. Das Mädchen ist eine rührende Gastgeberin und wir plaudern sehr nett miteinander. Endlich kommt das Brautpaar, total außer Puste, mit etlichen Entschuldigungen im Gepäck, außerdem der gemeinsame Sohn, mit vollen Windeln. Die Große hat Hunger. Ich schlage ihr vor, sie soll doch einfach mal ausprobieren, ob sie sich selbst Spaghetti mit Tomatensoße kochen kann. Völlig begeistert tut sie das, wir rufen ihr Anweisungen zu. Der Säugling ist frisch gewindelt, wir sitzen am Küchentisch und das Paar erzählt mir, was es gerade für einen Stress hat – und ausgerechnet jetzt auch noch die Hochzeit, passt eigentlich gar nicht, aber nun ist’s geplant und soll so sein.

Irgendwann frage ich die beiden, wie sie sich den Gottesdienst vorstellen. Sie geben zu, sich mit so was eher nicht auszukennen. Ich erkläre ein bisschen und komme schließlich zum Thema „Musik“. Der Bräutigam explodiert direkt: Bloß keinen Schmus aus dem Kirchengesangbuch, bloß das nicht! Ich befrage ihn zu seinem Trauma und es stellt sich heraus, dass er sich kein bisschen im aktuellen Gesangbuch auskennt. Ich krame es heraus und erzähle, was es da alles Schönes gibt. Die Frau kennt ein paar Songs, und wir beide fangen an zu singen. Die Tochter macht mit – kennt sie aus der Schule. Bei einem Lied sagt der Mann: Das kenn‘ ich auch. Letztendlich sitzen wir eine halbe Stunde singend um den Küchentisch. Der Rest ergibt sich von allein. Es wird – wie sollte es anders sein – ein richtig schöner Festtag, die große Tochter ist meine hilfreiche Assistentin, was allen, vor allem mir, sehr gut gefällt. Kurz: Mein erster Versuch einer „kundenorientierten“ Trauung ist ein Erfolg. Ein paar Tage später steht ein Päckchen vor meiner Haustür, „Für unsere Pfarrerin“ steht drauf. Drin sind lauter italienische Kräuter, verschiedene Tomatensorten und jede Menge Pasta. Ist klar, wer die Absender sind.

Erst einmal über alles Mögliche reden, bloß nicht über den Gottesdienst.

Austausch und Dank

Wieder sitze ich mit meinem Kollegen beim Kaffee zusammen. Ich erzähle ihm, was ich damals über seinen Ratschlag dachte. Ich erzähle, wie sehr er mich beschäftigte. Und ich erzähle, dass ich’s ausprobiert habe, und dass es richtig gut war, auf ihn zu hören. Inzwischen habe ich weitere Trauungen hinter mir, allesamt „kundenorientiert“. Seltsamerweise ist es bis jetzt noch kein einziges Mal zum Ausverkauf christlicher Inhalte gekommen, im Gegenteil: Seitdem ich unverkrampfter zu den Traugesprächen gehe, sind alle Seiten entspannter und weniger voreingenommen. Besonders hilfreich ist es, erst einmal über alles Mögliche zu reden, bloß nicht über den Gottesdienst; erst mal ein bisschen am Alltag schnuppern, sich einfühlen in fremde Leben, neugierig sein, einfach locker bleiben. Inzwischen ist es normal, dass ein Großteil des Gesprächs eher nichts mit der Hochzeit zu tun hat. Und trotzdem ist es kein größerer Zeitaufwand. Alles ist besser geworden. Das geniale Rezept meines Kollegen geht auf: Lass die Leute planen, wie sie wollen; gib deins dazu und mach‘ was Gutes draus.

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