Was ist und was soll werden? Das Vikariat als „Zukunftswerkstatt Kirche“

Ob die Kirche zukunftsfähig ist, entscheidet sich nicht zuletzt an der Innovationsfreude und -fähigkeit ihres nachwachsenden Pfarrer*innen-Personals, meint die Hannoveraner Studiendirektorin Adelheid Ruck-Schröder.

Eine Szene aus dem Predigerseminar Loccum: Mit einem Dramaturgen probieren Vikare und Vikarinnen die eigene Stimme im riesigen Kirchenschiff aus, testen den besten Platz für die freie Begrüßung, und begutachten im wahrsten Sinn des Wortes gegenseitig den Segen. Einer hebt die Arme. Was bedeutet es eigentlich, jemanden zu segnen oder selbst gesegnet zu werden? Und wie passt deine Körperhaltung dazu? Am Ende sagt ein Vikar: „Heute ist mir klar geworden: Bisher habe ich nur nachgemacht, heute habe ich selbst experimentiert.“

Lehren und Lernen als Prozess der Neuwerdung

Wer Pfarrer oder Pfarrerin werden will, hat viel über Gott und die Welt nachgedacht. Im Vikariat kommt es auf die Praxis und auf deren Reflexion an. Die Ausbildung ist aber nicht nur ein Training, das man möglichst effektiv durchziehen könnte. Es ist vielmehr ein Prozess, in dem sich die Persönlichkeit eines Pfarrers oder einer Pfarrerin bildet. Dabei verändern sich nicht nur die Vikar*innen selbst, sondern auch die Ausbildungspfarrerinnen. Sogar die Praxis in den Gemeinden, in denen ausgebildet wird, kann nicht einfach bleiben, wie sie immer war. Diese Dynamik, die in der Ausbildung der nächsten Generation liegt, strahlt im besten Fall auf die Kirche aus.

Wer ausbildet, braucht deshalb eine Steuerungsidee für die Kirche. Die Orientierung an der Versorgungsmentalität in der Kirche ist nicht zielführend für eine gute Ausbildung. Zu sehr fragen wir, wie wir den Status quo mit weniger Personal aufrechterhalten können. Das setzt keine Kräfte frei. Natürlich brauchen Vikarinnen und Vikare Verhaltenssicherheit. Das kann man nur am Vorhandenen erlernen. Noch mehr aber brauchen angehende Pfarrer und Pfarrerinnen Innovationfreude. Die meisten Vikarinnen sind neugierig auf das, was sie in ihrer Gemeinde vorfinden; zugleich fragen sie nach neuen, zeitgemäßen Formen des geistlichen Lebens. Vikare sollten in der Ausbildung ermutigt werden, innovative Kirchenformate („Fresh X“ u.a.) zu beobachten und mitzuerleben. Wo gibt es interessante Aufbrüche und Experimentierfelder in der pastoralen Arbeit?

Die gesellschaftliche Gegenwart verstehen

Im Predigerseminar in Loccum haben wir verschiedene Ausbildungsformate entwickelt, die das unterstützen, etwa das neue Modul „Zukunftswerkstatt Kirche“: Vikarinnen entscheiden, an welchen zukunftsrelevanten Themen sie arbeiten. Oder die sogenannte „Erkundung“: Vikare erkunden innovationsträchtige Bereiche der Kirche und schreiben darüber ihre Hausarbeit. Auch die neue Prüfungsordnung spiegelt diesen Ansatz an gegenwartshermeneutischen Herausforderungen: Jeder Absolvent verfasst künftig einen „Theologischen Essay“ zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Hier gilt es, aus subjektiver Sicht theologisch überzeugend und allgemeinverständlich zu argumentieren. Außerdem experimentieren wir im Predigerseminar mit neuen Formaten, etwa mit Internetandachten, die die Vikare in Kooperation mit der Medienarbeit produzieren („advent-e“ bzw. „passion-e“).

Das Vikariat ist bei alledem eine Chance, Begabungen zu entdecken. Nicht jeder passt auf jede Stelle. Auf welche Fähigkeiten setzen jeweils die Gemeinden und welche Ziele nehmen sie sich vor? Zwei Drittel vorhandene Aufgaben, ein Drittel Innovation als Richtschnur für jede Pfarrstelle. Daraufhin lässt sich zukunftsorientiert ausbilden.

In Loccum werden max. 125 Vikar*innen aus fünf Kirchen mit Kursbeginn jeweils im Frühjahr und Herbst ausgebildet, und zwar aus folgenden Kirchen: Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig; Bremische Evangelische Kirche; Ev.-luth. Kirche Hannovers; Ev. luth. Kirche in Oldenburg, Ev.-luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe.

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