Stichwort: Euthanasie

Der Gott Thanatos, oft in einem Bild mit seinem Bruder Hypnos, dem Schlaf, ist der sanfte – nicht gewaltsame – Tod. Euthanasie ist also der „gute“ oder „leichte“ Tod.

Der Begriff findet sich erstmals bei antiken Dichtern. Auf sie beruft sich später z.B. Plutarch (†125) in der „Trostrede an Apollonius“, der tradiert: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung“. Diese Aura zerbricht Sokrates (†399 v. Chr.), der Euthanasie als Vorbereitung auf den Tod versteht. Was dem antiken Denken jedoch zuwiderläuft, sind Kindstötung und Sterbehilfe. Platon erläutert zwar in seiner „Politeia“, dass Hilfe für Kranke ohne Lebenswillen eingestellt werden könne, aber er steht allein. Und dennoch: Wenn der Eid des Hippokrates die Verabreichung giftiger Substanzen verbietet, liegt es nahe, dass Sterbehilfe damals nicht unüblich war.

Das christliche Mittelalter kennt die Euthanasie nicht

Im 17. Jahrhundert dann unterscheidet Francis Bacon (†1626) die mentale Vorbereitung auf den Tod von der Erleichterung des Sterbens für Schwerstkranke. Der Medizinhistoriker Karl Friedrich Marx (†1877) macht diese „Todeslinderung“ sogar zur ärztlichen Aufgabe: als medikamentöse Schmerztherapie. Vor allem Weiteren warnt der Sozialhygieniker Christoph Wilhelm Hufeland (†1836), denn sobald man bereit sei, das Leiden eines Sterbenden zu verkürzen, brächen die Dämme. Und in der Tat: Als Charles Darwin (†1882) in Über die Entstehung der Arten formuliert, dass sich das Starke in der Natur durchsetze, ist es nur noch ein Kleines, bis Ernst Haeckel († 1919) Darwins Denken auf den soziokulturellen Bereich anwendet und eine gezielte Auslese bei Kindern auf dem Weg der Euthanasie fordert.

Von der Aggression des Denkens zur mörderischen Tat

Alexander Tille (†1912) will die Fortpflanzung bei „Schwachen“ begrenzen und spricht 1895 erstmals vom „wertlosen“ Leben. Der Strafrechtler Karl Lorenz Binding († 1920) schließlich definiert eine Tötung unter bestimmten Umständen als „Heileingriffe“, und der Psychiater Alfred Hoche († 1943) hält in Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens fest, dass die „Geisteskranken“ sowieso „geistig tot“ seien.

Im Interesse der „Rassenhygiene“ wird bei Alfred Ploetz (†1940) „Euthanasie“ zum euphemistischen Mantel für den systematischen Massenmord an „lebensunwertem Leben“, also an sog. Erb- u. Geisteskranken, Behinderten und sozial oder rassisch Unerwünschten. Flankiert von dem Gesetz zur Zwangssterilisation und den Nürnberger Rassegesetzen wird die Euthanasie an Kindern durch ein Gnadentodgesuch eines Elternpaares für ihr Kind bei Hitler eingeleitet. Seit dem 18. August 1939 werden Geburten von Kindern mit Beeinträchtigungen meldepflichtig, und es werden reichsweit 30 Fachabteilungen zur Tötung solcher Kinder eingerichtet. Im Blick auf psychisch kranke Erwachsene – erfasst seit dem 21. September 1939 – sind bis 1941 fünf Zentren zur Tötung dieser Menschen vorhanden.

Nur durch den Protest des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm und des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen kommt das Euthanasieprogramm zum Stehen. Der Begriff „Euthanasie“ ist seither in Deutschland diskreditiert.

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