„Gottes fröhlicher Partisan“ Erinnerung an den streitbaren Theologen Karl Barth

Warum Karl Barth? Die Antwort lautet: Weil man mit ihm nicht fertig wird und wie kaum sonst in der Theologie auf das Zentrum aller Theologie verwiesen wird. Für viele Weggefährten, Freunde, Schüler und Gegner war er eine Herausforderung, oft in seinen Positionen eine Zumutung, aber er wurde und wird gehört. Seine Theologie wurde im 20. Jahrhundert formuliert, aber sie hat Zukunft. Die Antwort darauf, warum das so ist, liegt im Leben und Werk dieses „Lehrers der Kirche“.

1. Kindheit, Studium und Vikariat (1886–1911)

Karl Barth wird am 10. Mai 1886 in Basel geboren. Sein Vater ist Theologe und Pfarrer, später auch Dozent an der Universität Bern für Dogmatik, doch er lehrt auch Kirchengeschichte und Neues Testament. So kommt es, dass Karl Barth in Bern aufwächst. Der Junge liest gern und er schreibt Gedichte, Dramen, historische Aufsätze. 1904 macht er sein Abitur. In der Rede, die er aus diesem Anlass zu halten hat, stellt er unverblümt fest, wie ungern er zur Schule gegangen ist.

Danach beginnt Karl Barth in Bern zu studieren, auch bei seinem Vater. Er schließt sich der Studentenverbindung Zofingia an. Hier wird er zum aktiven Biertrinker und vor allem zu einem fröhlichen Pfeifenraucher. In dieser Studentenverbindung lernt er Eduard Thurneysen kennen, der bleibenden Einfluss auf das Lebenswerk Karl Barths hat.

Barth wechselt – auch auf Wunsch des Vaters, der das Treiben seines Sohnes misstrauisch beobachtet – mehrfach seine Studienorte. So geht er nach Berlin, wo er den berühmten Adolf von Harnack hört, kehrt jedoch 1907 nach Bern zurück.  Schließlich kommt er nach Tübingen, wo er u.a. Adolf Schlatter hört, um nach wenigen Semestern nach Marburg zu wechseln, wo er auf Wilhelm Herrmann stößt. Ihn bezeichnet Karl Barth als den Lehrer seiner Studienzeit. Am 4. November 1908 wird Karl Barth nach seinem Examen von seinem Vater im Berner Münster „konsekriert“ („ordiniert“).

Für eine kurze Zeit geht Barth nach Marburg zurück, wo er eine theologische Zeitschrift, die Christliche Welt von Martin Rade redegiert. In dieser Zeit lernt er Rudolf Bultmann kennen. Die beiden bleiben ihr Leben lang – trotz unterschiedlicher theologischer Standpunkte – freundschaftlich verbunden.

1909  wird Karl Barth Vikar, dann „Hilfsgeistlicher“ in Genf. Große Aufmerksamkeit widmet er schon damals seinen Predigtvorbereitungen, die oft 16 Seiten lang sind. Er sieht sich selbst in jener Zeit als einen „Liberalen“.

2. Safenwil (1911–1921)

Das Leben Barths verändert sich schlagartig, als er 1911 Pfarrer in der kleinen Arbeiter- und Bauerngemeinde Safenwil im Aargau wird. In seiner Einführungspredigt drückt er seine Überzeugung aus, „dass ich euch nicht von Gott rede, weil ich einmal Pfarrer bin, sondern dass ich Pfarrer bin, weil ich von Gott reden muß, wenn ich mir selber … treu bleiben will“. In den folgenden Jahren hält Barth an die 500 Predigten. Er wählt kurze prägnante Bibelverse, die er auslegt, oder vielfach auch nur einen Begriff, den er seiner Predigt zugrunde legt. Das Echo ist keineswegs groß.

Viel Arbeit nimmt auch der 3–4 stündige Konfirmandenunterricht in Anspruch. Verständlich, dass einige Fabrikanten im Ort die Konfirmanden lieber im Betrieb sehen als beim Pfarrer im Konfirmandenunterricht. So bekommt er schon bald eine mächtige Opposition, als er die Zahl der Konfirmandenstunden erhöht.

2.1. Der Religiöse Sozialismus

Nebenher hält Barth Vorträge im Arbeiterverein. Dabei geht es um Fragen der Arbeiterbewegung, für die Barth sich fürsorglich und engagiert einsetzt. In seinem Vortrag Jesus Christus und die soziale Bewegung führt er aus: „Der rechte Sozialismus ist das rechte Christentum in unserer Zeit, doch ist der rechte Sozialismus nicht das, was die Sozialisten jetzt machen, sondern was Jesus mache … Und darum: Der Geist, der vor Gott gilt, ist der soziale Geist“.

In dieser Zeit lernt Barth die beiden Begründer der „Religiös-sozialen-Bewegung“ der Schweiz kennen: Hermann Kutter, Pfarrer am Neumünster in Zürich, und Leonhard Ragaz, Pfarrer am Basler Münster. Sein Kontakt zum „Religiösen Sozialismus“ ist für ihn in dieser Zeit wichtig, wenngleich er immer gewisse Hemmungen behalten wird, sich ganz mit ihm zu identifizieren.

2.2. Ehe und Freundschaft

Im März 1913 heiratet Karl Barth, nur ein Jahr später bekommen er und seine Frau Nelly ihr erstes Kind. Zweieinhalb Stunden von Safenwil entfernt wird Barths Freund Eduard Thurneysen Pfarrer. Die Freundschaft der beiden vertieft sich hier endgültig. Die beiden bewegt die Theologie, die Situation der Kirche, die politischen Ereignisse, auf die in Predigten und Stellungnahmen reagiert werden muss. Über tausend Briefe haben die beiden im Laufe ihres Lebens gewechselt.

2.3. Die Krise des Ersten Weltkriegs

Am 1. August 1914 beginnt der erste Weltkrieg. Mit Entsetzen nimmt Barth das Manifest von 93 deutschen Intellektuellen zur Kenntnis, die öffentlich für die Kriegspolitik von Kaiser Wilhelm II. Stellung beziehen (vgl. den Beitrag von Heinrich Missalla in diesem Heft). Unter dieser Erklärung findet er ebenfalls die Namen seiner Berliner Lehrer, vor allem den von Harnack. Barth stellt rückblickend dazu fest: „Ich habe eine Götterdämmerung erlebt, als ich studierte, …  wie Religion und Wissenschaft sich restlos in 42 cm Kanonen verwandelten …  An ihrem ethischen Versagen zeigte sich, dass auch ihre exegetischen und dogmatischen Voraussetzungen nicht in Ordnung sein könnten.“ Doch Barth zweifelt nicht nur an seinen Lehrern, sondern zugleich am europäischen Sozialismus. Dennoch – und das ist typisch für ihn – tritt er gerade jetzt, 1915, der Sozialdemokratie bei. Seine Arbeiter im Ort nennen ihn ebenso respekt- wie liebevoll „Genosse Pfarrer“.

Barth erfährt Kirche, kirchliches Tun und Theologie als höchst fragwürdig. Ihn stört das „Tolleranzsüpplein“ der Kirche, die es nicht wagt, ihr eigenes Wort in dieser Situation zu sagen. Erst die Kriegssituation macht die Krise spürbar. So sagt Barth in seinem Vortrag Die Gerechtigkeit Gottes, der Furore macht: „Es wird sich … vor allem darum handeln, dass wir Gott überhaupt wieder als Gott anerkennen … Das ist eine Aufgabe, neben der alle kulturellen, sozialen und patriotischen Aufgaben … (ein) Kinderspiel sind“. Um 1916 herum und angesichts der politischen, wie aber auch der theologischen und innerkirchlichen Situation spürt er, dass es in der Predigt noch ganz anders um Gott gehen muss. Die Gottesfrage ist für ihn nicht die Lösung des Problems, sondern zur ernsthaften Frage, ja Anfrage an seine Theologie geworden. Die „liberale“ Theologie Schleiermachers und damit die des 19. Jahrhunderts kann keine Hilfe mehr sein. Diese Erkenntnis entfernt ihn zugleich immer weiter von den Religiös-Sozialen.

2.4. Der Römerbrief

Nach intensiven Gesprächen mit E. Thurneysen beginnt Barth „unter einem Apfelbaum“ sitzend, den Römerbrief neu zu studieren. Es wird eine Entdeckung, die ihn in Atem hält. Die neuen Erkenntnisse fließen sofort in seine Arbeit ein. So sagt er in seinem Vortrag Die neue Welt der Bibel: „In der Bibel werde etwas für uns ganz Ungeahntes sichtbar – nicht Historie, nicht Moral, nicht Religion, sondern eine geradezu neue Welt: Nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen, und somit geleitet uns die Bibel aus der alten Menschenatmosphäre heraus und an die Tür einer neuen Welt, der Welt Gottes“.

Neben aller Arbeit in der Gemeinde, neben Gottesdienst und Schuldienst, Vorträgen und seinen Studien am Römerbrief bleibt Barth auch politisch aktiv bis an die Grenzen seiner Gesundheit. In den sozialen Spannungen dieser Zeit gründet er in Safenwil eine Gewerkschaft, was die Unternehmer des Ortes nicht stillschweigend hinnehmen. Sie versagen sich einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der Arbeiterbewegung und boykottieren Barth.

Im August 1917 kann Barth seine Arbeit am Römerbrief beenden. Dieses Werk, das Theologiegeschichte gemacht hat, kommt offiziell 1919 heraus, es liegt aber schon im Dezember 1918 dem Leser vor (vgl. den Beitrag von Michael Weinrich in diesem Heft). Es geht hier um eine Neuentdeckung Gottes, eine entschlossene Ausrichtung auf seine Existenz hin, sein Handeln, sein Werk an den Menschen, so sagt es Barth später einmal. Ein weiteres wichtiges Ereignis im Jahr 1919 ist der Tambacher Vortrag, den er in Deutschland, eben in Tambach, zu halten hat: Der Christ in der Gesellschaft. Scharf trennt Barth hier theologisch konsequent Christus und das Reich Gottes von allen denkbaren menschlich konservativen oder revolutionären Taten. Damit ist der Abschied vom Religiösen Sozialismus endgültig vollzogen.

Gerade dieser Vortrag macht ihn in Deutschland bekannt. Vergessen wir nicht, dass er bisher ein kleiner Landpfarrer im schweizerischen Aargau ist. Der Christian Kaiser Verlag übernimmt nun die weitere Betreuung des Römerbriefes, der bisher in der Schweiz keine überaus große Beachtung gefunden hat, was sich mit dem deutschen Verleger radikal ändert.

Barth macht sich – seinen inneren Entwicklungen entsprechend und weil eine neue Auflage notwendig wird – an eine Umarbeitung des Römerbriefkommentars. Diese 2. Fassung ist ein noch deutlicherer, ja radikalerer Versuch, sich von der Theologie des 19. Jahrhunderts abzugrenzen. Nicht mehr das fromme Selbstbewusstsein des Menschen, Gefühl und Anschauung, stehen wie bei Schleiermacher im Mittelpunkt, sondern die Gottheit Gottes. Gott ist „nicht die Beschwichtigung, sondern die Begrenzung des Menschen; er bringt ihn nicht ins Gleichgewicht, sondern in die Unruhe, in die Krisis“.

3. Göttingen und Münster (1921–1930)

Der Abschluss seiner Arbeiten am Römerbrief fällt zusammen mit Barths Abschied aus Safenwil: Im Januar 1921 erhält er einen Ruf an die theologische Fakultät der Universität Göttingen. Barth beginnt seine Arbeit dort nicht, wie üblich, mit einer Vorlesung, sondern mit einer Predigt, in der er ausführt: „Gerade die Frage nach Gott kann nicht abreißen, nicht aufhören, nicht erledigt werden … Wir können nie fertig werden mit ihm und können es doch nicht lassen, immer neu mit ihm anzufangen“.

Mehr als überrascht ist Barth, als er die Nachricht erhält, dass die theologische Fakultät der Universität Münster ihn zum Dr. theol. ernannt hat. Noch am Ende seines Lebens stellt er rückblickend fest, dass er nie promoviert oder sich habilitiert hätte – und doch wird sein Leben von nun an vor allem durch die akademische Forschung und Lehre bestimmt. Barth arbeitet hart und bereitet sich gründlich auf seine Vorlesungen und Seminare vor. Er ist inzwischen ein bekannter Theologe, aber seine Studenten freuen sich darüber, einen selbst studierenden Lehrer zu haben, der nicht aus Konserven lebt und lehrt. Mit den Kollegen verbindet ihn relativ wenig, stellen sie in der Regel ja den damals noch typischen deutschen Professorentyp dar.

Als reformierter Theologe an einer lutherisch geprägten Fakultät hat Barth es ohnehin nicht einfach. In Göttingen begegnet er den Theologen Paul Tillich (1886-1965), der später in den USA lehrt, und erneut Friedrich Gogarten (1887-1967), der ebenfalls einen Lehrstuhl in Göttingen übernimmt. Mit ihm gibt es mancherlei Übereinstimmung, doch im Laufe der Jahre auch viel Trennendes in Kernfragen. Im Laufe der Zeit lehrt Barth in Göttingen über den Heidelberger Katechismus, Calvin, Zwingli, den Jakobusbrief und hält vor allem seine berühmte Vorlesung über Schleiermacher, eine grundlegende Auseinandersetzung mit diesem maßgeblichen Theologen des 19. Jahrhunderts.

3.1. Dialektische Theologie / Theologie des Wortes Gottes

Immer wieder wird Barth zu Vorträgen eingeladen. Ein viel beachteter trägt den Titel Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie. Darin bringt Barth prägnant zum Ausdruck, was dann die „Dialektische Theologie“ genannt wird: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben“. Es geht diesem theologischen Entwurf also um ein „Denken im Gespräch des Menschen mit dem ihm souverän begegnenden Gott“. Im Gegenüber zur „liberalen Theologie“ wird er angemessener als „Theologie des Wortes“ bezeichnet. Sie prägt von nun an maßgeblich die Theologie des 20. Jahrhunderts.

Mit Thurneysen und Gogarten gründet Barth 1922 die theologische Zeitschrift Zwischen den Zeiten. Damit bekommen die Freunde ein Organ an die Hand, um ihre theologischen Gedanken einem breiteren Interessentenkreis zur Kenntnis zu geben. Im Frühjahr 1914 beginnt Barth mit der Ausarbeitung seiner ersten Dogmatikvorlesung. Gerade dieses theologische Fachgebiet wird jetzt zu seiner Lebensaufgabe. Im Herbst 1925 wird er auf eine Professur für Dogmatik und neutestamentliche Exegese nach Münster berufen.

3.2. „Zwischen den Zeiten“

Einschneidend für Barth ist in dieser Zeit die Begegnung mit Charlotte (Lollo) von Kirschbaum. Sie wird ihm zu einer unerlässlichen Mitarbeiterin, ohne die er sein künftiges Arbeitspensum so nicht hätte schaffen können, und mit der Zeit auch zu einem Familienmitglied (vgl. den Beitrag von Rolf-Joachim Erler in diesem Heft).

Neben seinen Vorlesungen und Seminaren bleibt Barth ein gefragter Vortragsredner. In immer neuen Wendungen und Spiegelungen muss die „neue“ Theologie bedacht und ins Bewusstsein der Menschen gebracht werden. In seinem Vortrag Das Wort Gottes und die Theologie von 1929 macht er noch einmal deutlich, worum es ihm im Entscheidenden geht. Er will „zur Besinnung aufrufen über das, was da geredet und getan wird, Besinnung auf das Eine, Notwendige, Unentrinnbare, dem unsere Kirchen, dem wir Pfarrer und Theologen … mehr als je gegenüberstehen“.

1926 hat Barth neben seiner schweizer auch die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Gegen Ende seiner Zeit in Münster kündigen sich tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten im Kreis der Vertreter der „Dialektischen Theologie“ an. Barth verliert alte, aber er gewinnt auch neue Freunde. Die zwanziger Jahre mit dem Ende seines Pfarramtes und seinen Berufungen nach Göttingen und Münster empfindet er rückblickend „als eine Zeit zwischen den Zeiten“.

4. Bonn (1930–1935)

Barth ist 44 Jahre alt, als er an die Universität Bonn wechselt. Nach wie vor stellt er hohe Ansprüche an seine Schüler, die eine strenge Aufnahmeprüfung über sich ergehen lassen müssen, wenn sie an seinen Seminaren teilnehmen wollen. Ihm ist es aber gar nicht unlieb, „die Pforte zum Pfarramt mit ein bisschen Furcht und Schrecken zu umgeben“. So sammelt er eine große Schülerschar um sich, u.a. den später selbst einmal sehr bekannten Theologen Helmut Gollwitzer. Seine Vorlesungen eröffnet Barth morgens um 7.00 Uhr mit einer kleinen Andacht, mit Schriftlesung und einem gemeinsam gesungenen Choral.

Die Bonner Jahre sind vor allem durch den Kirchenkampf gekennzeichnet, doch zunächst arbeitet Barth über den „Gottesbeweis“ des Anselm von Canterbury, um sich dann desto energischer wieder der Dogmatik zuzuwenden. Wieder fängt Karl Barth von vorne an, er will all das bisher Gesagte nicht nur noch einmal ganz anders, sondern auch theologisch besser und richtiger sagen. Barth will keine „konfessionelle“, wohl aber eine „Kirchliche Dogmatik“ schreiben. Denn die Dogmatik „fragt heute wie zu jeder Zeit neu nach der Wahrheit, von der die Verkündigung der christlichen Kirche herkommt“.

1932 wird der erste Teilband der „Kirchlichen Dogmatik“ (KD) veröffentlicht. Ein Werk, das er ausdrücklich nicht nur für Theologen, sondern ebenso für interessierte Laien verfasst, die ohnehin von Anfang an regen Anteil an seiner Arbeit nehmen. Hier wird deutlich, dass Barth aus einem Gemeindepfarramt kommt. Zunehmend ist er von den politischen Ereignissen beunruhigt. Am 31. Januar 1931 hält er in Berlin vor 1.400 Menschen seinen Vortrag über Die Not der evangelischen Kirche.

4.1. „Theologische Existenz Heute“

Längere Zeit äußert sich Barth nicht weiter öffentlich zu den politischen Ereignissen in Deutschland. Doch immer stärker bedrängt, verfasst er im Juni 1933 seine Kampfschrift Theologische Existenz Heute. Vorausgegangen ist ein starkes Anwachsen der „Deutschen Christen“ (DC), die immer stärker eine Gleichschaltung der Kirche mit dem NS-Staat fordern und die den bis dahin unbekannten Marinepfarrer Ludwig Müller mit dem Segen Adolf Hitlers zum „Reichsbischof“ machen. In seiner Schrift führt Barth aus:

Was ich dazu zu sagen habe (Anm.: Zur Position der DC), ist einfach: Ich sage unbedingt und vorbehaltlos Nein zum Geist und zum Buchstaben dieser Lehre. Ich halte dafür, dass diese Lehre in der evangelischen Kirche kein Heimatrecht hat. Ich halte dafür, dass das Ende der evangelischen Kirche gekommen wäre, wenn diese Lehre, wie es der Wille der „Deutschen Christen“ ist, in ihr zur Alleinherrschaft kommen würde. Ich halte dafür, dass die evangelische Kirche lieber zu einem kleinsten Häuflein werden und in die Katakomben gehen sollte, als dass sie mit dieser Lehre auch nur von Ferne Frieden schlösse.

Daraufhin entfaltet er in neun Punkten seine fundamentale Ablehnung den Deutschen Christen und ihrem nationalsozialistischem Geist gegenüber. Barth beendet seine Schrift mit den Worten:

Darum kann die Kirche, kann die Theologie auch im totalen Staat keinen Winterschlaf antreten, kein Moratorium und auch keine Gleichschaltung sich gefallen lassen. Sie ist die naturgemäße Grenze jedes, auch des totalen Staates. Denn das Volk lebt auch im totalen Staat vom Worte Gottes … Diesem Wort haben Kirche und Theologie zu dienen für das Volk.

Am 1. Juli 1933 kommt die Theologische Existenz Heute in den Buchhandel. Innerhalb von 14 Tagen werden vier Auflagen mit zusammen 12.000 Exemplaren herausgegeben. Als im Juli 1934 die Bayrische Politische Polizei beim Christian Kaiser Verlag in München alle weiteren Schriften beschlagnahmt, sind 37.000 Exemplare gedruckt. Ein Exemplar sendet Barth auch an Adolf Hitler, der darauf nicht persönlich reagiert.

4.2. Bekennende Kirche und die Theologische Erklärung von Barmen

Gegen Ende des Jahres 1933 beginnt sich der Widerstand innerhalb der evangelischen Kirche zu organisieren. Martin Niemöller gründet den „Pfarrernotbund“, es entsteht die „Bekennende Kirche“. Zu Beginn des neuen Jahres gerät Barth unter Druck, als man auch von ihm den „Deutschen Gruß“ am Anfang seiner Vorlesungen verlangt, was er strikt ablehnt. Ende Januar wird er von Kollegen nach Berlin gebeten, um einen Empfang bei Hitler mit vorbereiten zu helfen. Entsetzt über das, was bisher an Überlegungen und Positionen vorliegt, stellt er fest: „Wir haben einen anderen Glauben, wir haben einen anderen Geist, wir haben einen anderen Gott!“ Tumult entsteht.

Wir können heute nur noch erahnen, wie sehr damals innerhalb der Kirche um die richtigen Wege gekämpft wird. Dabei wird auch die Judenfrage in bestimmten Kreisen u.a. um Barth und Bonhoeffer herum deutlich und öffentlich angesprochen – z.B. in Flugblättern und Kanzelabkündigungen. Unter den Bekenntnissynoden jener Zeit ragt die vom 29. bis 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen heraus. Es ist die erste überhaupt, die reformierte, unierte und lutherische Christen vereint und an der auch Laien teilnehmen. Barth formuliert maßgeblich, was als die sechs „Barmer Thesen“ von der Synode verabschiedet wird und Kirchengeschichte gemacht hat (vgl. den Beitrag von Martin Hailer in diesem Heft).

4.3. Der Treueeid und Entlassung aus dem Staatsdienst

Nach dem Tode Hindenburgs am 2. August 1934 verlangt Hitler den „Treueeid“ auf den „Führer“ von allen Beamten. Bart lehnt umgehend ab, modifiziert jedoch dahingehend, dass er den Zusatz anbietet: „Soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann“. Am 26. November wird er suspendiert – er kommt als Lehrer für die deutsche Jugend nicht mehr in Frage. Zusätzlich folgt bald schon ein Redeverbot. Mit Karl Barth muss auch sein Assistent Helmut Gollwitzer gehen. Barth nimmt das Angebot seiner Heimatstadt Basel auf einen außerordentlichen Lehrstuhl an und verlässt Deutschland 1935.

5. Basel (1935–1946)

Bis Anfang 1939 können noch einige deutsche Studenten bei Karl Barth in Basel studieren, ohne dass ihnen diese Semester in Deutschland allerdings anerkannt werden. Ein amtlicher Beschluss deutscher Behörden stoppt schließlich auch diese Möglichkeit. Barth wagt sich 1935 sogar nach Deutschland zurück, um seinen Vortrag Evangelium und Gesetz zu halten: „Das Evangelium redet davon, dass und wie Gott, …, den Menschen bestimmt, nämlich zum von Gott erwählten Bundespartner. Das Gesetz redet noch einmal davon, in dem es die Frage nach der dieser Bestimmung entsprechenden menschlichen Selbstbestimmung stellt“.

Dieser Vortrag hat einen eminent politischen und kirchenpolitischen Hintergrund, sollte er doch bereits sehr viel früher in Barmen gehalten werden. Im Unterschied zur lutherischen Theologie und dem alten theologischen Thema von „Gesetz und Evangelium“ stellt Barth hier ganz bewusst und im Rahmen seiner Theologie auch konsequent dem Gesetz das Evangelium voran. Dieser Vortrag muss allerdings wegen des Redeverbotes in Gegenwart Barths verlesen werden. Danach wird Barth unter Begleitung der Staatspolizei endgültig über die schweizer Grenze abgeschoben. Dieser Vortrag wird also in Deutschland zu seinem Abschiedswort.

Barth setzt aber den Kirchenkampf aus der Schweiz fort, um in offener oder verschlüsselter Form seinen Freunden und Schülern zu helfen. Jetzt erst wird er von der Notwendigkeit eines aktiven politischen Widerstandes der Christen gegen den Nationalsozialistischen Staat überzeugt. Dies hat weitreichende Konsequenzen für ihn, da die neutrale Schweiz sein Engagement weder aus politischen noch aus wirtschaftlichen Gründen gern sieht.

5.1. Publikationsverbot und Widerstandsrecht

Im Herbst 1938 wird der Verkauf sämtlicher Schriften Barths in Deutschland verboten. Deshalb erscheint seine neue Theologische Zeitschrift, die Theologischen Studien, in der Schweiz. Im ersten Exemplar veröffentlicht Barth seinen Vortrag Rechtfertigung und Recht zum Problem von Staat und Kirche. Ohne einer Verwechslung von Staat und Kirche das Wort reden zu wollen, leitete er die politische Aufgabe der Kirche ab: „Nicht im Sinn eines passiven Untertanengehorsams, sondern einer aktiven, verantwortlichen Teilnahme am Staat. Freilich, der entscheidende Dienst der Kirche für den Staat sei ihre Verkündigung: ‚Indem sie die göttliche Rechtfertigung verkündigt, wird aufs Beste auch die Aufrichtung und Erhaltung des menschlichen Rechts gedient‘“.

Angesichts eines totalitären Staates arbeitet Barth gründlich die Frage von Staat und Kirche auf, die beide ihre von Gott gegebenen Aufgaben zu erfüllen haben, wollen sie ihren Dienst recht versehen. Dabei bleibt Kirche Kirche und hat sich vom staatlichen Tun schon durch ihre andersgearteten Aufgaben zu unterscheiden. Der Staat hat das Seine zu tun, ohne die Aufgaben der Kirche übernehmen zu wollen. Barth stellt in diesem Zusammenhang die Verantwortung des Wählenden, wie des Gewählten heraus. Für den Notstand gibt es ein Widerstandsrecht gerade auch für den Christen. Dies wird von ihm explizit in seinem Schreiben an den tschechischen Theologen Josef Hromádka zum Ausdruck gebracht, bis hin zum bewaffneten Widerstand gegen Hitler, und zwar um des Glaubens willen.

5.2. Der Zweite Weltkrieg

Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg, den Barth aus der Schweiz heraus erlebt. Gespannt und traurig nimmt er Anteil am Geschehen in Deutschland. Als guter Schweizer – und in Konsequenz seines Vortrages Rechtfertigung und Recht – meldet sich Barth zum bewaffneten Hilfsdienst. In dem viel beachteten Vortrag Im Namen Gottes des Allmächtigen! (erste Worte der Schweizer Bundesverfassung) vor zweitausend Menschen fordert er die Schweizer im Sommer 1941 zum Widerstand auf. 16.000 Exemplare des Vortrags werden schnell gedruckt und verteilt, bevor er am 18. Juli von der Regierung verboten wird. Natürlich schickt Barth ein Exemplar zuvor dem Bundespräsidenten.

Barth schreibt Briefe und äußert sich über die Landesgrenzen hinaus sogar über den Rundfunk. Er hilft den Betroffenen des Krieges aller Seiten, wo immer er helfen kann. So hat er in dieser Zeit auch Kontakt mit Thomas Mann und Hermann Hesse. Angesichts der deutschen Niederlage Anfang 1945 ruft er in seinem Vortrag Die Deutschen und wir dazu auf, den Deutschen freundlich zu begegnen: „Deutschland braucht nunmehr Freunde, Freunde, trotz allem!“

Sofort nach der Kapitulation ist Barth einer der ersten namhaften Ausländer, die Deutschland besuchen, tief erschüttert über das Ausmaß der Zerstörung und den Verlust zahlreicher Schüler und Freunde. Selbstkritisch in Bezug auf die schweizer Haltung während des Krieges gibt Barth nach seiner Rückkehr ein Interview in der Weltwoche unter dem Leitgedanken „Und vergib uns unsere Schuld“. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis einiger Kirchenführer auf deutscher Seite findet Barth zu unkonkret. Am 2. November hält er, wohl als erster Ausländer nach dem Krieg, im Staatstheater Stuttgart seine Rede Ein Wort an die Deutschen. Dabei lernt er Carlo Schmid kennen, dessen Gast er ist.

6. Die Jahre 1946–1955

Um auf seine Weise beim Wiederaufbau Deutschlands zu helfen, geht Barth im Sommer 1946 gastweise für zwei Semester zurück nach Bonn. Hier begegnet er gleich mehrmals Konrad Adenauer, den er vor der Gründung einer „christlich demokratischen Partei“ warnt. Barth will eine deutliche Trennung der Kirchen mit ihren Aufgaben und einer Partei, die den Namen „christlich“ führen sollte.

6.1. Die Nachkriegszeit

Es ist Barths 50. Dozentensemester, verbunden mit seinem 60. Geburtstag, den er im zerstörten Bonn erlebt. Wie immer beginnt er seine Vorlesungen um 7.00 Uhr, um 8.00 beginnen im Hof die Baumaschinen mit ihrer Arbeit. Seine Zuhörer sind Theologen, viele Zuhörer anderer Fakultäten und Kriegsteilnehmer. Barth bittet die Schweizer um Hilfe für diese jungen Leute, denen es im zerstörten Bonn an allem mangelt. Es werden Nahrungsmittel, Bücher, doch eben (typisch für ihn!) auch Rauchwaren für die Studenten organisiert.

Wieder ist Barth, neben aller Arbeit in der Fakultät und an seiner Dogmatik, als Redner gefragt. Besondere Beachtung findet sein Vortrag Christengemeinde und Bürgergemeinde. Ganz im Sinne der „5. Barmer These“ arbeitet Barth heraus, dass Kirche und Staat nicht einfach nur zwei getrennte Bereiche sind, sondern in Beziehung stehen: „Im Raum der Bürgergemeinde ist die Christengemeinde mit der Welt solidarisch und hat sie diese Solidarität resolut ins Werk zu setzen“, dabei darf sie aber nicht etwa als eine „christliche“ Partei auftreten.

In dieser Zeit reist Barth auf Einladung auch nach Ost-Berlin, wo er die Spitzen der sozialistischen Einheitspartei kennen lernt. Mit einiger Sorge geht Barth in die Schweiz zurück, um von dort aus den alliierten Militärregierungen einige kritische Punkte zu benennen, die ihm aufgefallen sind. Es werde zu wenig getan, den Deutschen ein Gefühl für „demokratische Werte“ zu vermitteln. Den Deutschen mutet Barth anderes zu, da er spürt, wie wenig sie geneigt sind, ihre Kriegsschuld wirklich innerlich aufzuarbeiten, und schon sehr bald dazu übergehen, sich immer über die Schuld der anderen zu beschweren.

6.2. Ökumene und Ost-West Konflikt

1947 wird Barth gebeten, sich in der Ökumene zu engagieren, was er vermehrt tut. Zugleich arbeitet er in diesen Jahren unermüdlich an seiner „Kirchlichen Dogmatik“, die ihm viel abverlangt. Sieben Bände liegen inzwischen vor, der achte Band wird 1951 fertig. Es ist inzwischen ein so gewaltiges Werk geworden, dass Otto Weber 1950 eine geraffte Inhaltsangabe, ja eine Führung durch die „KD“ (Kirchliche Dogmatik) herausgibt. Jetzt liegt die „Versöhnungslehre“ vor dem 65-jähigen Karl Barth, eine Hauptaufgabe seiner ganzen Dogmatik.

Ausgerechnet in dieser Zeit gerät Barth in der Schweiz ins Kreuzfeuer. Er ist gegen die Art eines „Antikommunismus“, wie er ihn wahrnimmt. Barth lässt sich überhaupt von keiner Seite im Ost-West Streit vereinnahmen. Er plädiert dafür, die Chance des endlich wiedererlangten Friedens für einen „dritten Weg“ zu nutzen, der den Menschen beider Blöcke dienen muss. Christen, so fordert er, sollten sich von keiner Propaganda vereinnahmen lassen, ganz gleich, von welcher Seite sie kommt. Durch diese Auseinandersetzung vertieft sich der Kontakt zu Gustav Heinemann – auch Heinemann war Synodaler auf der Barmer Bekenntnis-Synode 1934. Eine sehr persönliche Freundschaft entsteht.

7. Wieder in Basel (1955–1962)

Ende September 1955 zieht Karl Barth mit seiner kleiner gewordenen Familie in die Bruderholzalle 26 in Basel um. Es ist das erste eigene Haus Karl Barths und seiner Frau Nelly. Auch Lollo von Kirschbaum begleitet die beiden in das neu erworbene Domizil. Heute ist in diesem Haus das „Karl Barth-Archiv“ untergebracht. Nach dem Tode der Eheleute Barth wird es von den Kindern in eine Stiftung eingebracht. Die Arbeitszimmer Barths bleiben dabei unverändert.

7.1. Ehrungen zum 70. Geburtstag

1956 feiert Barth seinen 70. Geburtstag, wobei er mit einer dickleibigen Festschrift von Schülern, Weggefährten und Freunden geehrt wird. Mit einem trockenen Bescheid der Behörden wird ihm mitgeteilt, dass er „ausnahmsweise und bis auf weiteres“ seinen Dienst versehen dürfe, da er nach Basler Gesetz eigentlich jetzt in den Ruhestand hätte treten müssen. Barth ist sich seines Alters bewusst. Soeben hat er sein 10. Enkelkind bekommen – entsprechend zu den zehn bisher erschienen Dogmatikbänden. Angesichts der zahllosen Ehrungen nun auch durch die Universität stellt Barth fest:

Machen Sie möglichst wenig Aufhebens von meinem Namen! Weil es nur einen interessanten Namen gibt, während die Erhebung aller sonstigen nur zu falschen Bindungen führt und bei anderen nur langweilige Eifersucht und Verstockung erregen kann. Und nehmen Sie auch von mir keinen Satz ungeprüft entgegen … Ein guter Theologe wohnt nicht in einem Gehäuse von Ideen, Prinzipien, Methoden. Er durchschreitet alle solche Gehäuse, um immer wieder ins Freie zu kommen. Er bleibt unterwegs.

7.2. „Gottes fröhlicher Partisan“

Seit 1954 hält Barth im Basler Gefängnis Gottesdienste. Diese Aufgabe nimmt er sehr ernst und setzt sie noch einige Jahre (bis 1964) fort. Es ist eine ganz besondere Gemeinde, mit der er im Laufe der Jahre 28 Gottesdienste feiert. Nach wie vor predigt er über kurze Bibelworte und so konkret wie möglich. Um die Gefangenen besser kennen zu lernen, besucht er viele von ihnen persönlich.

Im Herbst 1956 hält Barth seinen Vortrag Die Menschlichkeit Gottes, in dem er auf seine frühere Rede von der Gottheit Gottes zurückblickt. Er führt aus:

Die Wendung von damals hatte ausgesprochen kritisch-polemischen Charakter … An Gott denken hieß … kaum verschleiert: An den religiösen, den christlich religiösen Menschen denken … Keine Frage, hier wurde der Mensch groß gemacht auf Kosten Gottes.

Nachdem er so die Radikalität seiner früheren Rede von der „Andersheit Gottes“ noch einmal begründet hat, kommt er nun aber auch auf die „Menschlichkeit Gottes“ zu sprechen:

Es wäre eines falschen Gottes falsche Göttlichkeit, in und mit der uns nicht sofort auch seine Menschlichkeit begegnete … In Erkenntnis der Menschlichkeit Gottes ist die Christenheit, ist die Kirche ernst zu nehmen und zu bejahen … Eben darum gibt es keine private Christlichkeit.

Auf dem Hintergrund des Ungarnaufstandes 1956 schließt sich Barth einem Votum Albert Schweitzers und zehn namhafter deutscher Wissenschaftler gegen die Atombewaffnung an. Er ist prinzipiell und für alle Staaten geltend, gegen eine solche Waffe. Gleichzeitig bleibt Barth weiterhin ein gefragter Gesprächspartner, weshalb er im Herbst des Jahres 1958 einen Offenen Brief an einen Pfarrer in der Deutschen Demokratischen Republik schreibt. Hier beantwortet er Fragen zur Existenz der Christen in der DDR. Ein breites Echo folgt; dankbar von den Betroffenen selbst aufgenommen, ist er in Teilen der Presse umstritten.

Ein weiterer Dogmatikband kann fertig gestellt werden, und Barth setzt sich nun erneut mit der Tauffrage auseinander, wobei ihm das Buch über die „Taufe“ seines Sohnes Markus hilft. Er lehnt die Säuglingstaufe ab, wie aber auch das „sakramentale Verständnis der Wassertaufe“.

Inwieweit eine breite Öffentlichkeit von Barth Notiz nimmt, zeigt, dass der SPIEGEL in seiner Weihnachtsausgabe einen Leitartikel über Barth herausbringt. Das Titelbild trägt die Überschrift: „Gottes fröhlicher Partisan“ (SPIEGEL, 13. Jg., 52. Ausg. 23.12.1959). Zwischen 1947 und 1994 wird Karl Barth allein in dieser Zeitschrift 127 Mal erwähnt.

8. Das Geschenk der letzten Jahre

Seinen 75. Geburtstag feiert Barth im Kreis engster Freunde, wo er bekennt: „Ich habe nie gemeint, mit der „Kirchlichen Dogmatik“ das letzte Wort gesprochen zu haben. Es ist mir sehr klar, auf jeder Seite könnte die Sache anders und besser gemacht werden“.

8.1. Aktiver Ruhestand und Erfahrung eigener Grenzen

Barth wird nun nach einem letzten Semester, in dem er neben der Dogmatik das Abendmahl behandelt, am 1. März 1962 in den Ruhestand verabschiedet. Am Ende seines amtlichen 40-jährigen Lehrdienstes sagt er im Blick auf alle theologische Arbeit, „dass, wer sie tun will, nie mit freiem Rücken von schon erledigten Fragen, von schon erarbeiteten Resultaten, von schon gesicherten Ergebnissen herkommen … kann, sondern darauf angewiesen ist, jeden Tag, ja zu jeder Stunde neu mit dem Anfang anzufangen.“ Seine endgültig letzte Vorlesung zum Thema Die Liebe, beschließt er mit dem altkirchlichen Lobpreis: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist“.

Den „Ruhestand“ beginnt Barth mit einer ausgedehnten Reise in die USA, die er bisher trotz zahlreicher Einladungen noch nicht erlebt hat. Dagegen haben im Laufe der Jahre viele Amerikaner bei ihm studiert. Nach der Sommerpause nimmt er im Herbst die „streng privaten“ Colloquien auf, allerdings nicht in der Uni, sondern im benachbarten Restaurant Bruderholz. Die Studenten kommen zuhauf. Darüber hinaus begleitet er ein Gesprächsforum seiner Doktoranten. In diesem Kreis werden eigene Arbeiten oder auch theologische Neuerscheinungen besprochen.

Barths Arbeitskraft nimmt jetzt doch spürbar ab, er ist häufiger krank und muss sich wegen eines Krebsleidens, das ihn für den Rest seines Lebens in einem gewissen Maße behindern würde, operieren lassen. Zum Altwerden stellt er in seiner Lage fest:

Allerdings war es künftig so, dass ich oft mit einer mir selbst ganz unerklärlichen Traurigkeit zu streiten habe, in der mir alle Erfolge, die das Leben mir gebracht, gar nichts helfen. Aber ich sagte und sage mir beständig, dass der liebe Gott und die Engel sich wahrscheinlich erkundigen wollten und noch wollen, ob ich in der Lage sei, einige von den schönen Dingen, die ich seit 50 Jahren geschrieben habe, nun auch ein bißchen zu leben.

1966 feiert Barth seinen 80. Geburtstag in Verwunderung darüber, „dass er diesen Tag überhaupt noch erleben darf“. Manche seiner alten Freunde sind längst nicht mehr am Leben. Ein Höhepunkt dieses Jahres ist Barths Besuch in Rom. Sein Besuch endet mit einer Privataudienz bei Papst Paul VI. Im Winter beendet er seine fast lebenslange Arbeit an der Kirchlichen Dogmatik mit einem Fragmentband, den er seiner Frau Nelly widmet, die ihn durch die vielen Höhen und Tiefen seines Lebens begleitet hat.

Es ist seine letzte größere Veröffentlichung. 9185 Seiten in 13 z.T. dickleibigen Bänden umfasst dieses Werk, das letztendlich unvollendet bleiben muss. Es fehlt eine ausgearbeitete „Lehre von der Eschatologie“, von der Erlösung. Karl Barths Publikationen insgesamt sind überaus zahlreich. Er veröffentlicht wohl an die 976 Einzeltitel, zum Teil viele hundert Seiten lang.

8.2. Das letzte Wort: „Es wird regiert!“

Auch im Ruhestand bleibt Karl Barth in der gewohnten Weise mit Studenten, Schülern und verschiedensten Besuchsgruppen im Gespräch. Eine „späte Freundschaft“ beginnt in den letzten Lebensjahren mit Carl Zuckmayer. In den letzten Monaten seines Lebens wird Barth auch zu einigen Rundfunkinterviews gebeten. In einem Gespräch im November 1968 unter dem Titel Musik für einen Gast sagt er rückblickend auf sein arbeitsreiches und erfülltes Leben:

 Das letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie „Gnade“, sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie. Wir können ihn nicht einfach „einfangen“. Aber wir haben es mit ihm zu tun. Um was ich mich in meinem langen Leben bemüht habe, war in zunehmenden Maße, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: … Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und Torheit probiert habe. Aber dort ist’s.

Am Montag, den 9. Dezember, arbeitet Barth an einem erbetenen Vortrag mit dem Titel Aufbrechen – Umkehren – Bekennen, der im Januar zur ökumenischen Gebetswoche gehalten werden soll. Doch dazu kommt es nicht mehr. Spät am Abend wird er von seinem treuen Freund Thurneysen angerufen. Sie sprechen über die bedrohliche Weltlage, als Barth dem Freund sagt: „Aber nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert!“ Mitten im Satz bricht Barth dann die begonnene Arbeit ab, um sie auf den kommenden Tag zu verschieben, den er jedoch nicht mehr erlebt. Karl Barth stirbt in der Nacht von 9. auf den 10. Dezember 1968. Als Nelly Barth ihren Mann am kommenden Morgen – wie üblich – mit einem Stück von Mozart wecken will, findet sie ihren Mann verstorben vor. Anlässlich der Trauerfeier im Basler Münster sagt sein herausragender Schüler Eberhard Jüngel: „Karl Barth hat seiner Zeit viel gegeben. Sie hat zu wenig genommen. Es ist zu vermuten, dass die Zukunft der Theologie Karl Barths in weiter Ferne noch vor uns liegt.“

Bibliographischer Hinweis

In meinem Beitrag folge ich dem Lebenslauf Karl Barths von Eberhard Busch ohne weitere Hinweise auf Zitate (E. Busch: Karl Barths Lebenslauf: Nach seinen Briefen und autobiografischen Texten. Chr. Kaiser Verlag München, 1975; Theologischer Verlag Zürich, 2005). Ihm, dem letzten Assistenten von Karl Barth, verdanke ich viele persönliche Hinweise zum Leben Barths, ebenso wie Barths Tochter Franziska Zellweger-Barth und seinem Sohn Markus Barth. Viel erfahren habe ich auch von Barths Schüler Helmut Gollwitzer, der mich ein wichtiges Stück im Leben begleitete. In Gesprächen mit Marguerite Thurneysen vervollständigten sich meine Informationen über Karl Barth, sein Werk und ihn begleitende Persönlichkeiten.

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