Mit Gott für König und Vaterland Gründe für die Kriegsbegeisterung deutscher Katholiken im Ersten Weltkrieg

Als im Juli 1914 die deutschen Truppen an die Front zogen, begleitete sie nicht nur der Jubel der Bevölkerung, sondern an vielen Orten auch das Läuten der Kirchenglocken und der Segen und die Gebete der Kirche. Einen nicht unerheblichen Anteil an der Kriegsbegeisterung hatten die so genannten „Kriegspredigten“.

1. Ausgangspunkt: Die Katholiken als „Untermieter“ im Deutschen Reich

Im deutschen Reichsgebiet lebten im Ersten Weltkrieg etwa vierundzwanzig Millionen Katholiken. Sie waren eine beträchtliche Minderheit gegenüber etwa vierzig Millionen Protestanten, aber sie lebten in den industriell weniger produktiven Regionen, verspürten teilweise noch Nachwirkungen des Kulturkampfs und mussten im preußisch dominierten Reich ihre nationale Zuverlässigkeit beweisen.

Die Katholiken waren – aus welchen Gründen auch immer – in den führenden Schichten und Gremien des Reiches nur spärlich vertreten, sie waren „Untermieter“ im deutschen Reich. Der Einfluss auf die Politik und auf das Heerwesen, auf die Wissenschaft und auf die Wirtschaft war minimal. Das kulturelle Leben war trotz einiger hoffnungsvoller Erscheinungen stickig, selbstgenügsam, milieugeprägt. Für den Literaturbetrieb galt: „Catholica non leguntur“ – Katholisches liest man nicht. Es gab nur weniges aus dem katholischen Bereich, was im außerkatholischen Raum Beachtung fand.

Die distanzierte Haltung vieler Katholiken zum Staat

Der Kulturkampf im 19. Jahrhundert hatte unter anderem zur Folge, dass ein beträchtlicher Teil des deutschen Volkes kein rechtes Verhältnis zum Staat gewann und sich den wachsenden Aufgaben  in Staat und Gesellschaft nur ungenügend stellte. Ein Grund für eine solche distanzierte Haltung vieler Katholiken mag darin gelegen haben, dass das neue Kaisertum der Könige von Preußen sich als Antithese zu den katholischen Habsburgern in Wien bewusst und betont evangelisch gab und auch so verstanden wurde. Der „Evangelische Bund“, der die deutsch-protestantischen Interessen pflegte, dem „Romanismus“ und „politischen Katholizismus“ entgegenwirken und die „falschen Paritäts- und Toleranzbegriffe“ abwehren wollte, wirkte für eine Wiederbelebung der reformatorischen Kräfte.

Dabei kam es teilweise zu einer gefährlichen Gleichsetzung von evangelischem Bekenntnis und  Hohenzollernmonarchie, von deutsch und protestantisch, von katholisch und reichsfeindlich oder national wenig zuverlässig. So konnte der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger sagen: „Dem Katholiken im Reiche ergeht es wie Deutschland in seiner Außenpolitik: nur Neider und Feinde, auch Hohn und Spott.“ Durch einige päpstliche Äußerungen, auf die seit der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas besonders geachtet wurde, fühlten sich zudem die Liberalen herausgefordert und erhielten jene Gruppen neue Argumente, welche – so Hans Buchheim – „die katholische Religion als undeutsch und vom Ausland bestimmt, hingegen den Protestantismus allein als national zuverlässig“ ansahen.

2. Der Drang der deutschen Katholiken nach nationaler Integration

Obwohl man die Zentrums-Partei nicht mit den Bestrebungen des Katholizismus identifizieren darf, ist es doch wohl erlaubt, in ihr einen breiten Strom damaliger katholischer Vorstellungen repräsentiert zu sehen. Der Trend der Anpassung des Zentrums an die Reichspolitik zeigte sich z.B. in der Zustimmung zum Flottengesetz und dessen „fast chauvinistischer Verteidigung“. Man darf darin eine Folge des Bemühens sehen, nach den vielfältigen Verdächtigungen hinsichtlich ihrer Reichstreue die eigene Zuverlässigkeit in nationalen Belangen darzutun und unter Beweis zu stellen.

Die deutschen Katholiken wollten sich an nationaler Gesinnung von niemandem mehr übertreffen lassen.

Die nationale Idee des Deutschtums schien zumindest für eine gewisse Zeit zu triumphieren. Der Drang der deutschen Katholiken nach nationaler Integration ließ die Universalität der Kirche immer mehr in den Hintergrund treten. Die katholischen Abgeordneten im Reichstag praktizierten, was häufig auch in den Kirchen betont wurde – und auch das geschah noch unter Hitler: Man wollte sich an nationaler Gesinnung von niemandem mehr übertreffen lassen. Was sich in den Jahren vor dem Krieg abzeichnete, nämlich die Hinwendung zur nationalstaatlichen Idee, erreichte während des Ersten Weltkriegs seinen Höhepunkt. Weitgehend einmütig bejahten die Katholiken den Krieg und erhofften sich von ihm und den in ihm erbrachten Opfern ihre endgültige nationale Rehabilitation.

3. Die Rolle der katholischen Kriegspredigt

Dieses Phänomen ist bis heute nachvollziehbar an der damals gängigen und z.T. vieltausendfach aufgelegten Predigtliteratur, die einen Einblick gibt in die Mentalität, Vorstellungen und Anliegen der Seelsorger jener Jahre. Das ist zweifellos ein sehr begrenzter Aspekt kirchlichen Lebens, der jedoch von oft unterschätzter Bedeutung ist. Denn hier werden nicht die immer nur einem sehr begrenzten Kreis von Menschen zugänglichen Theorien der Theologie greifbar, sondern jene Kräfte und Vorstellungen, durch die das Bewusstsein unzähliger Menschen und damit auch ihr gesellschaftlich-politisches Handeln für eine längere Zeit ihres Lebens geprägt worden sind.

Beweis nationaler Zuverlässigkeit und Reichstreue

Wie schon gesagt, bot der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für viele Katholiken einen willkommenen Anlass, die eigene nationale Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen und damit die schmerzlich empfundenen protestantischen Vorurteile endgültig auszuräumen, Katholiken seien mehr romhörig denn deutsch. Die französische antideutsche Propaganda – und dabei besonders die literarischen Attacken französischer Katholiken – waren weitere Anlässe, die eigene Reichstreue zu betonen. Die zahlreichen Hinweise in katholischen Kriegspredigten auf die Treue und Zuverlässigkeit der Katholiken gegenüber Kaiser und Reich, auf das dem Vaterland dienende Wirken der Priester und auf die positiven Auswirkungen kirchlicher Arbeit auf das sittliche Bewusstsein des Volkes verdeutlichen das Bemühen um den Nachweis, dass auch die Katholiken gute Deutsche seien.

Gehorsam als Tugend des „echten deutschen Katholiken“

Die Zuverlässigkeit gegenüber Kaiser und Reich zeigte sich vor allem im Gehorsam gegenüber der Obrigkeit: „Wir behaupten, dass die Katholiken zu den besten und treuesten Untertanen gehörten und noch bis zur Stunde gehören.“ – „Wer als Soldat nicht gehorchen wollte, wäre ein Verräter, ein Verbrecher an der Kraft und an der Festigkeit und am Siege des deutschen Volkes und Heeres. Kameraden! Wahret diese heiligsten Güter des glorreichen deutschen Heeres, seid treu im Gehorsam! …Jesus, unser Feldherr, lehre uns gehorchen!“

„Wir behaupten, dass die Katholiken zu den besten und treuesten Untertanen gehören.“

Der Gehorsam nahm in der Rangordnung der Tugenden eine dominierende Stellung ein, er wurde gewissermaßen zum Kennzeichen des echten katholischen Christen. So konnten die deutschen Bischöfe noch 1917, als sich bereits allgemeine Kriegsmüdigkeit ausbreitete, zum Fest Allerheiligen in einem gemeinsamen Hirtenbrief sagen: „Wir wissen ja, …dass jeder, der sich der obrigkeitlichen Gewalt widersetzt, sich der Anordnung Gottes entgegenstellt, und die sich dieser entgegenstellen, ziehen sich selber die Verdammnis zu.“ Weil sich in den Obrigkeiten „gewissermaßen das Bild der göttlichen Macht und Vorsehung über den Menschen“ widerspiegelte, trugen die Stellvertreter Gottes die Verantwortung für die Welt. Man konnte, man musste für sie beten, aber vor allem musste man ihnen gehorchen. „Wenn wir dem Staat gehorchen, gehorchen wir Gott. Denn Gott hat den Krieg befohlen.“

 „Hebung der Volkskraft“ als Aufgabe der Priester

Den Priestern als den amtlichen Vertretern der Kirche wurde im Krieg eine besondere Aufgabe zugedacht: „Uns Priestern war die Hebung der Volkskraft, die Erhaltung der Volksexistenz, die Bewahrung der Schlagkräftigkeit der Armee am Herzen gelegen, vor allem die Tugendbewahrung um Gotteswillen.“ Man war stolz, auf das erfolgreiche Ergebnis priesterlichen Wirkens verweisen zu können: „An einem Volke, das wie die deutschen Katholiken sich in der Mobilmachung bewährt hat, wird aller Pessimismus zuschanden. Gott sei Dank: ganz umsonst haben wir Priester nicht gepredigt.“ Ein anderer Autor stellt voller Genugtuung fest: „Selbst von militärischer Seite ist anerkannt worden, dass die Geistlichen durch ihr Wirken und ihre Ansprachen die Truppen in der Vaterlandsliebe bestärkten und in ihnen den Vorsatz befestigten, treu und fest bis zum Ende durchzuhalten.“

Protzige Aufwertung des deutschen Wesens

Die protzige Aufwertung des „deutschen Wesens“ wird in manchen Predigten pseudo-religiös verbrämt: „Es ist nicht des Christen, des Deutschen Art, zu prunken und zu prahlen in eitler Weise mit den gewaltigen Streitkräften, die uns zu Gebote stehen …Das ist deutschen Kriegers Art: Demütig vor Gott dem Herrn, aber stolz und mutig vor dem Feind. Ein heiliger Zorn muss euch beseelen gegen alle, die uns Rache geschworen … Mit uns ist das Recht, Gott ist mit uns, wer kann da wider uns sein?“ Und oft wird dann jener Satz zitiert, der auch in der Nazizeit ein verbreiteter Slogan war: „Und es soll am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen.“

Die deutsche Sache als Sache Gottes

Die eigene gerechte Sache wird zum Kampf „im Namen der Gerechtigkeit“, Gerechtigkeit aber wiederum die Sache Gottes, und daraus wird die Folgerung gezogen: „‘Gott mit uns!‘ Dieser Ruf ist geradezu die Formel und Losung der deutschen Kriegführung geworden“. Damit ist auch der Gedanke nicht mehr fern, Deutschland habe einen Kreuzzug zu führen: „Es ist ein heiliger Krieg, in den unsere Krieger hineingerissen wurden, denn er steht im Einklang mit dem heiligen Willen der Gottheit.“ Aufgrund dieser Überzeugung sah man sich nicht zuletzt legitimiert, die Sakramente in den Dienst des „heiligen Krieges“ zu stellen: „Am AItarstein lässt sich so gut und scharf das Schwert schleifen, an der heiligsten Opferstätte legt sich so starke Kraft in die von den Vätern ererbte Wehr.“ – „Die heilige Kommunion ist dem Soldaten Kriegsschule soldatischen Opfergeistes!“

Glorifizierung des Soldatentodes

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Deutung des Krieges als eines heiligen Kampfes konsequent zur Glorifizierung des Soldatentodes führt. Der bekannte Paderborner Alttestamentler Norbert Peters predigte: „Dreimal selig zu preisen, wer sein Leben lassen durfte als Streiter Gottes in diesem heiligen Krieg!“ – „Das Sterben auf der Walstatt ist umflossen von einem strahlenden Schimmer seltener Schönheit und Würde, Weihe und Größe. Denn er ist eingefasst und umrahmt von einem ganzen Kranz hoher, seelisch-sittlicher Offenbarungen, vor denen die Menschheit immer in stummer Verehrung sich beugt, …umglänzt von der Gloriole der Heiligkeit!“ Bischof Bertram verkündet: „O glücklicher Heldentod eines braven katholischen Soldaten! Auf solche braven Soldaten dürfen wir das Wort des heiligen Paulus anwenden: ‚Ein Schauspiel sind wir geworden der Welt, den Engeln und den Menschen.‘“ Und als Abschluss der Beispiele aus der kirchlichen Verkündigung: „Kriegertod ist kein Tod! Er ist umstrahlt vom Taborglanz der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens“.

So wurde auf vielfältige Weise die Wirksamkeit und Nützlichkeit der „Religion“ für den Staat und seinen Krieg dargelegt. Das geschah wohl – wie gesagt – in der Hoffnung auf eine endgültige Rehabilitation des Katholizismus, vielleicht auch aus dem Wunsch, für die Tätigkeit der Kirche in der Nachkriegszeit eine günstige Ausgangsposition zu schaffen.

4. Theologischer Hintergrund: Naturhaftes Verständnis der Geschichte

Doch wenn auch diese Erwartung ein wichtiges Motiv gewesen sein mag, sich zur Monarchie und zum Vaterland zu bekennen, so lässt sich das Grundverhältnis der damaligen Generation zur Welt und Geschichte m.E. auf ein bestimmtes Verständnis von Gottes Wirken und Handeln zurückführen. Der Glaube an Gott, der die Geschicke des einzelnen Menschen wie auch der Völker in seiner Hand hält, der den Lauf der Gestirne bestimmt und die Völker nach seinem Willen lenkt, der Heil gewährt und der Gericht hält – dieser Glaube äußert sich bei einem so renommierten Autor wie Joseph Bernhart wie folgt: Er „lässt die Völker wachsen wie die Blumen, segnet sie heute mit Sonne und schlägt sie morgen mit Wetter – und ist ihre Zeit erfüllt, so schickt er seine Schnitter hin: Laster, Seuche, Krieg und Tod.“ Simpler sagt ein anderer: „Gott der Herr leitet den Krieg von Anfang bis zu Ende.“ – „Das ist unsere Aufgabe, durch Trübsal tugendhaft zu werden. Gottes Sache aber, der Trübsal ein  Ende zu machen.“

Der Krieg als Schicksal und Naturgewalt

Dieses Gottesbild und das fast ausschließlich naturhaft orientierte Verständnis der Welt und des Menschen sind über eine lange Zeit fraglos gültig und selbstverständlich gewesen. Der Krieg  erscheint dann entweder wie eine Naturgewalt, die über den Menschen hereingebrochen ist, oder aber als ein von Gott verfügtes Schicksal, in das der Mensch sich demütig zu fügen hat. Dieser Gott wirkt auch dann, wenn es ihm beliebt, Frieden zu schenken: „Gott gibt das Ende zur rechten Zeit, und er gibt uns jetzt schon Kraft zum Ausharren bis zum Ende.“ Weil der Friede ausschließlich als Geschenk Gottes erscheint, bleibt dem Menschen nur übrig, um den Frieden zu beten oder durch seine sittliche Erneuerung die Voraussetzung für den Frieden zu schaffen.

Die Verantwortlichkeit des Menschen

Die Folgen dieses Denkens, das die Verantwortlichkeit des Menschen für die Geschichte, für Krieg und Frieden nicht wahrhaben und erkennen kann, waren verheerend. Wer alle innerweltlichen Faktoren eines Geschehens überspringt und unvermittelt auf Gott rekurriert, macht Mensch und Welt letztlich zur Marionette in der Hand unbekannter Mächte. Er schafft damit einen ideologischen „Überbau“, der ein Politikum ersten Ranges darstellt. Haben doch der Einsatzwille und die Begeisterung, das Durchhaltvermögen und die Todesbereitschaft unzähliger Menschen in einem so beschaffenen „Glauben“ eine ihrer Wurzeln. Gleichzeitig wird damit die Welt jenen preisgegeben, die sehr wohl mit innerweltlichen Gegebenheiten umzugehen wissen und die ihre Chancen auf Kosten anderer Menschen und zu Lasten ganzer Völker wahrnehmen. Die Leidtragenden werden auch darin wieder eine „unbegreifliche Fügung der Vorsehung“ erblicken – oder aber das Geschehen von verblendeten oder interessierten Predigern als eine solche erklärt bekommen.

Quellennachweis

Gekürzte Fassung eines Vortrags, der am 18. Juni 2014 in Ahaus im Rahmen der Veranstaltungsreihe des Evangelischen Forums Westfalen „Mit Gott für König und Vaterland. Die Einstellung der christlichen Kirchen und des deutschen Judentums zum Ersten Weltkrieg“ gehalten wurde. Die ungekürzte Fassung erscheint zusammen mit weiteren Beiträgen in der Buchreihe „Zeitansage“ des Evangelischen Forums Westfalen und der Evangelischen Stadtakademie Bochum.

Belege zu den zitierten Quellen finden sich bei Heinrich Missalla: Gott mit uns. Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914-1918. Kösel-Verlag München, 1968, als digitale Neuauflage unter www.paxchristi.de. Zum Thema auf evangelischer Seite vgl. Wilhelm Pressel: Die Kriegspredigt 1914-1918 in der evangelischen Kirche Deutschlands. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1967.

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