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Auf der Suche nach Verlässlichkeit

Was jungen Menschen heute wichtig ist

Von Bertram Salzmann

Foto: Pixabay, CC0

Wie sehen junge Menschen in Europa ihre aktuelle Situation und ihre Zukunft? Wo liegen ihre Werte und Ziele? Wir konfrontieren die Ergebnisse einer europaweiten Studie mit Statements von jungen Menschen aus Deutschland.

Zukunftsoptimismus ist kein Merkmal der jungen Generation in Europa. Viele sorgen sich um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch um Umweltprobleme, wachsende soziale Ungleichheit und den erstarkenden Nationalismus. Das hat eine europaweite Studie zur Situation der 18-34-Jährigen mit fast einer Million Teilnehmenden ergeben (Seitenzahlen im Weiteren beziehen sich auf diese Studie; vgl. auch die Auswertung von H. Möller-Slawinski zu Jugend und Europa).

Generation What? lautet der Titel der großen europaweiten Online-Erhebung zur Lebenswelt von Menschen zwischen 18 bis 34 Jahren. Der Europabericht des SINUS-Instituts fasst die Ergebnisse der Studie aus Belgien, Deutschland, Griechenland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, der Schweiz (einziges Nicht-EU-Land), Spanien und Tschechien zusammen (Generation What? Europabericht. © by SINUS Markt- und Sozialforschung GmbH, Heidelberg, 49 Seiten). Auch wenn die ausgewerteten Daten nicht die 18- bis 34-Jährigen aller EU-Staaten beinhalten, so umfassen sie mit 59 Prozent mehr als die Hälfte und sind repräsentativ für über 80 Millionen 18- bis 34-Jährige in Europa. In Deutschland wurde die Studie von BR, SWR und ZDF geleitet (www.generation-what.de).

Zukunftssorgen und Vertrauensverlust

40 Prozent der jungen Europäer gehen davon aus, dass es ihnen im Vergleich zum Leben der Eltern schlechter gehen wird und ihren Kindern noch einmal schlechter als ihnen (S. 45). Trotzdem bleibt das politische Engagement verhalten. Nur 9 Prozent aller jungen Europäer haben positive Erfahrungen mit dem Engagement in einer politischen Organisation gemacht.

Etwas besser sieht es mit dem ehrenamtlichen Engagement aus: Immerhin 20 Prozent der jungen Europäer haben sich bereits in NGOs oder Hilfsorganisationen engagiert. Aber 27 Prozent der jungen Europäer schließen auch ein Engagement in NGOs und Hilfsorganisationen mangels Interesse für sich aus. Noch weniger Vertrauen als politische Einrichtungen genießen religiöse Institutionen. 86 Prozent der jungen Europäer bringt ihnen kein Vertrauen entgegen. Für ebenso viele spielt der Gottesglaube für das persönliche Glück keine Rolle mehr (S. 20).

Optimistischerer Blick in Deutschland

Die Situation in Deutschland weicht in wichtigen Punkten vom gesamteuropäischen Durchschnitt ab. So sehen junge Menschen in Deutschland ihre Zukunft deutlich optimistischer als die von überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit betroffenen jungen Menschen in Südeuropa. Das Thema Zuwanderung wird von den jungen Deutschen mit einem Anteil von 13 Prozent wesentlich seltener zu den drängendsten Sorgen gezählt als in vielen Nachbarländern, wo der Wert mehr als doppelt so hoch liegt (S. 25). Und auch das Potential für politisches Engagement fällt in Deutschland mit 44 Prozent mit Abstand am stärksten aus – in Griechenland beträgt es z.B. nur 13 Prozent (S. 20).

Der Blick auf die innereuropäischen Unterschiede lehrt, den Fokus nicht auf die Situation in Deutschland zu beschränken. In anderen europäischen Ländern „brodelt“ es deutlich mehr. Dort hat die Frustration breite Schichten der jungen Bevölkerung ergriffen, ohne dass ein Ventil dafür schon absehbar wäre.

Freunde, Familie, Erfolg und Freiheit

Kleine Umfrage zu Werten und Zielen der "Generation What?" von Ulrike Theurer und Hermann Preßler

Nina Herrmann, 25 Jahre, Studentin

In erster Linie ist mir der erfolgreiche Abschluss meines Studiums wichtig, um für meine berufliche Zukunft bestens aufgestellt zu sein. Ich wünsche mir, nach dem Abschluss einen guten Job zu bekommen, der mich glücklich macht. Aber auch mein Hobby Handball hat einen hohen Stellwert in meinem Leben. Ich hoffe, diesem Sport in Zukunft noch lange nachgehen zu können, da er mir dabei hilft, dem alltäglichen Stress zu entfliehen. Weil mir der Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden sehr wichtig ist, möchte ich diesen auch zukünftig intensiv pflegen. Aktuell noch in weiter Ferne liegt für mich der Wunsch eine Familie zu gründen und „sesshaft“ zu werden.

Michael Gerlach, 16 Jahre, Schüler

Für mich sind keine materiellen Dinge wichtig. Ich finde Liebe und Unterstützung von Familie und Freunden viel wichtiger. Für die Welt würde ich mir Frieden wünschen, und dass jeder Mensch gleich behandelt wird, egal welche Hautfarbe oder Geschlecht die Person hat.

Christin Weigelt, 20 Jahre, Azubi zur Bankkaufrau

Am wichtigsten sind für mich meine Freunde, Familie, mein Partner und meine Haustiere, denn sie bringen mich jeden Tag zum Lächeln und stehen immer hinter mir. Dies sind diejenigen, bei denen ich mich nie verstellen muss, da sie mich so akzeptieren wie ich bin, was mir viel Freude im Leben bereitet. Für mich sind auch meine Träume und Ziele von großer persönlicher Bedeutung, da ich stets versuche, diese zu verwirklichen und somit auf etwas im Leben hinzuarbeiten. Zum Beispiel eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und viel zu reisen.

Christian Knapp, 24 Jahre, Bergmann

Ich wünsche mir, weiterhin in dem stabilen und sicheren Land zu leben, in dem ich groß geworden bin. Ich möchte meinen Beruf auch in Zukunft im Land ausüben können, hoffe, irgendwann einmal in der Nähe meiner Arbeit mit meiner Freundin sesshaft zu werden und dann auch für immer mit ihr dort zu bleiben. Ich wünsche mir, einen regen Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden, auch jenen von weiter weg, zu pflegen. Einsatz möchte ich im Bewahren der bergmännischen Traditionen und ihrer uralten Arbeitstechniken zeigen; denn unser - in meinen Augen - vorschnell auf „grüne Energie“ setzendes Land vergisst rasch sein altes Erbe der Hüttenleute und Bergmänner. Den größten Wert hat für mich eine intakte Familie, die jedes Mitglied seinen Bedürfnissen entsprechend behandelt.

Pia Zimmermann, 16 Jahre, Schülerin

Für mich selbst ist mir am Wichtigsten, dass ich frei bin und meine Meinung äußern kann, ohne dafür irgendwie bestraft oder diskriminiert zu werden. Außerdem wünsche ich mir Menschen, die mich lieben, zu denen ich mich zugehörig fühle und die mich in jeder Lebenslage unterstützen. Eine Welt, in der ich lebe, sollte meiner Meinung nach demokratisch sein und vor allem keine Minderheiten unterdrücken. Damit verbunden ist mir Weltfrieden auch sehr wichtig. Außerdem sollten die Tiere und Pflanzen erhalten bleiben, also vor dem Aussterben gerettet werden, damit meine Kinder sich später genauso darüber freuen können wie ich.

Jens Ackermann, Jahre 28, Mitarbeiter in der Unternehmenskommunikation einer Krankenversicherung

Entscheidung hier, Entscheidung da! Mein Leben entwickelt sich aktuell sehr schnell, und eigentlich wünsche ich mir etwas mehr Zeit. Aber junge Menschen müssen nun mal viele Entscheidungen treffen, sei es beruflich oder privat. Ich wünsche mir jedoch für meine Zukunft neben dem beruflichen Erfolg, auch Geborgenheit in meiner eigenen Familie und in meinem eigenen Haus zu finden. Familienplanung ist auch so ein Punkt, der von mir und meiner Freundin in den nächsten drei Jahren Entscheidungen verlangt. Dass ich mit meinen Freunden immer gute Gespräche führen und mich auf sie verlassen kann, wenn ich sie brauche, darauf leg ich Wert. Entscheiden muss man sich auch hier – hoffentlich für die richtigen Freunde.

Julia Johannsen, 29 Jahre, Freie Künstlerin und Galeristin

Am Ende des Tages sehe ich den Himmel lieber dunkel blau als schwarz. „Hinterm Horizont geht’s weiter“ singt Udo Lindenberg. Aber man muss den Horizont erstmal sehen und sich dann auch trauen, dahin zu gehen. In einer Welt voller Unsicherheit braucht man Treue und Verlässlichkeit. Facebook-Freunde finden sich viele. Freundschaft im echten Leben muss man sich erarbeiten.

Moritz Abele, 17 Jahre, Schüler

Mir ist im Leben wichtig, dass ich zwar nach mir selbst schaue, dabei aber versuche, die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Außerdem sollte man sich nie zu viel Sorgen machen, sondern immer auch das Positive sehen können. Niemand sollte von sich denken, besser als andere zu sein. Das erwarte ich auch von meinem Umfeld.

Dr. Bertram Salzmann

Dr. Bertram Salzmann

Redaktionsmitglied der „evangelischen aspekte".

evangelische aspekte, Ausgabe November 2017

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