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„Wir wollen nicht so sein wie ihr“

Jugendkulturen zwischen Anything goes und neuer Politisierung

Von Gabriele Rohmann

Foto: Pixabay, CC0

Seit 1998 erforscht das Archiv der Jugendkulturen in Berlin Jugendkulturen und deren Lebenswelten. Die Bewegungen, in denen sich junge Menschen seit über hundert Jahren von der übrigen Gesellschaft abgrenzen, sind vielfältig. Neu sind jedoch die Entwicklungen in der rechten Szene.

Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein neuer, geschützter Raum für junge Menschen. Dies begünstigte vermutlich das Entstehen eigener jugendspezifischer Ausdrucksformen. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelte sich so in Deutschland im Bürgertum die „Wandervogelbewegung“, in der anfangs Berliner Gymnasiast*innen eine bestimmte Kleidung trugen und eigene Lieder sangen. In der Arbeiterklasse entstanden die „Wilden Cliquen“, „Leipziger Meuten“ oder „Münchener Blasen“. Diese Gruppierungen oder Jugendkulturen zeichneten sich dadurch aus, dass sich Gleichaltrige zusammenfanden und bestimmte Haltungen sowie eigene Codes in Sprache, Kleidung, Musik, Tanz und Frisuren entwickelten, mit denen sie sich von den Erwachsenen und anderen Jugendlichen abgrenzten.

Abgrenzung, Provokation und Protest im Nachkriegsdeutschland

Nachdem der Nationalsozialismus durch das Gleichschaltungsdiktat des Staates (Hitler-Jugend, Bund Deutscher Mädchen) kaum Raum für abweichende Jugendkulturen gelassen hatte, wurden im Nachkriegsdeutschland in Ost wie West neue Musikstile aus den USA prägend für die Entwicklung von Jugendszenen: Viele Arbeiterkinder hörten Rock’n‘Roll, trugen Jeans-Hosen und kleideten sich wie ihre Stars Bill Haley oder Elvis Presley. Viele Gymnasiast*innen und Student*innen trafen sich in verrauchten Jazz-Kellern und diskutierten über die Literatur und Philosophie von Existentialist*innen wie Jean Paul Sartre, Albert Camus oder Simone de Beauvoir.

In den 1960er-Jahren entstanden vor allem in Großbritannien Jugendkulturen, die es auch heute noch gibt: Mods, Scooter Boys und Girls, Skinheads, Rocker*innen, Heavy Metal und Hippies, jene Flower-Power-Bewegung, die Jugendkultur nicht allein mit Abgrenzung und Provokation gegenüber der Erwachsenenwelt in Verbindung brachte, sondern auch mit gezieltem Protest gegen politische und gesellschaftliche Verhältnisse.

Punks, Autonome, Skinheads und Jesus Freaks

Mitte der siebziger Jahre gesellten sich die Punks in die Reihe der auffälligen Jugendkulturen hinzu. Ende der Siebziger schließlich entwickelten sich aus der Punk-Szene die schwarze Szene, in den Achtzigern kamen die Autonomen oder die Antifa, Hardcore, Gamer*innen, Techno und HipHop hinzu, in den Neunzigern die Jesus Freaks – Jugendliche, die ihre jugendkulturellen Präferenzen mit dem Christentum verbinden wie christliche Punks, Skinheads oder Metalheads. Außerdem wurden viele verschiedene jugendkulturelle Sportszenen, die Riot Grrrls (heute Lady*fest-Szene) und auch der Rechtsrock stärker sichtbar.

Neue Entwicklungen seit der Jahrtausendwende

Seit Anfang der 2000er-Jahre tritt in Deutschland eine über MySpace verbreitete und damit quasi internetgenerierte Szene in Erscheinung: Visual kei oder Visus mit optisch besonders auffälliger Erscheinung, entstanden rund um japanische Rockmusik (J-Rock). In enger Verbindung zu den Visus stehen die Manga- und die Cosplay-Szene.

Cosplayer (Foto: Pixabay, CC0)

Aktuell gibt es mindestens zwanzig klar erkennbare Jugendkulturen in Deutschland, von denen die meisten in den letzten sechzig Jahren entstanden sind. Doch ist heute einiges anders:

1. Politisierung von Rechts

Jugendkulturen galten lange als entweder überwiegend unpolitisch (Halbstarke, Rock'n'Roller*innen, Rocker*innen) oder weitgehend politisch links (Hippies, Punks, die meisten Beatles- und Stones-Fans als Rebell*innen, Hardcore). Rechte politische Inhalte tauchten zwar punktuell auf, aber sie waren unpopulär und randständig. Heute ist das anders: Inzwischen gibt es außer Rechtsrock den teilweise nationalistischen „neuen“ Deutschrock, rechten HipHop, Pop mit rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Facetten (Xavier Naidoo), Nazi-Hardcore (NSHC), Nationalsozialistischen Black Metal (NSBM), rechten Techno oder die sich zum Teil popkulturell und als Hipster inszenierenden „Identitären“. Gleichzeitig intervenieren emanzipatorisch eingestellte Menschen mit Songs, Statements, Videos, Styles und in Initiativen gegen diese Entwicklungen in den Szenen.

2. Überschreitung der originären Milieus

Jugendkulturen markierten Grenzen zwischen gesellschaftlichen Klassen, Schichten und später Milieus. Gezielte Marketingstrategien von Musikkonzernen und Medienschaffenden, ein Prozess, der vor rund 60 Jahren begann, haben dazu beigetragen, dass Jugendkulturen aus ihren Entstehungszusammenhängen – beispielsweise Punk im Arbeitermilieu, HipHop im afro-amerikanischen Milieu – herausgelöst, für andere gesellschaftliche Gruppen attraktiv kommerzialisiert und ein Stück weit globalisiert wurden (Punk in der Kunstszene, im Pop oder Fußball, HipHop weltweit in vielen Milieus und im Mainstream).

3. Jugendkulturen sind keine „Jungenkulturen“ mehr

Die meisten Jugendkulturen waren lange Zeit in der Selbst- und in der Außenwahrnehmung Jungenkulturen. Die Präsenz von Mädchen, geschweige denn von Menschen, die sich gar nicht in binären, cisgeschlechtlichen oder heteronormativen Zuschreibungsmustern von männlich-weiblich wiederfinden (wollen), war in den Szenen lange Zeit weitgehend unsichtbar. Dies hat sich deutlich geändert: In fast allen Szenen gibt es inzwischen Diskurse über LSBTI* (die Abkürzung steht für lesbisch, schwul, bi-, trans- und intersexuell), Queerness (Normabweichung) und Sexismus sowie Szenegänger*innen und Künstler*innen, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzen und dies in ihren Songs, Videos, Styles, Events und Social-Media-Präsenzen sichtbar machen.

4. Medialisierung und Kommerzialisierung

Die mediale Weiterentwicklung über Zeitschriften, Fanzines, Radio, Fernsehen, Internet bis zu Social Media wirkt sich auch auf die Jugendkulturen aus. Alles scheint machbar, kombinierbar, erreichbar. Punk, HipHop oder Elektro werden zur Facette oder zum Zitat für geschichtslose Hipster, YouTube-Stars ersetzen als Influencer*innen mit geschicktem Selfmarketing und gut bezahltem Productplacement aufwändig gecastete Boy- und Girlgroups. Gleichzeitig ermöglicht die multimediale Präsenz von Jugendkulturen aber auch eine unmittelbare Erreichbarkeit und Inspiration für junge Menschen für neue Szene-übergreifende Stilkompositionen und jugendkulturelles Crossover – über Milieu-, Kommunen- und Ländergrenzen hinweg.

Vielfalt und Vieldeutigkeit

Bedienen sich Jugendliche heute, vor allem beeinflusst durch das Internet, die Werbung oder die rund 100 am gutsortierten Kiosk erhältlichen Zeitschriften in einer Art jugendkulturellem Supermarkt? Wohl kaum. Zwar gibt es heute viel mehr Jugendkulturen als vor 100, 50 oder 30 Jahren. Auch sind die Grenzen zwischen den Jugendkulturen durchlässiger geworden, aber trotzdem suchen sich viele junge Menschen eine Jugendkultur sehr bewusst aus und gestalten diese mit.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Jugendkulturen lassen sich nicht Kategorien wie Subkultur, Gegenkultur oder Mainstream-Kultur einfach unterordnen. Jede dieser Kulturen hat, auch wenn sie noch so kommerzialisiert und bekannt ist, „Szene-Macher*innen“, die diese Kultur musikalisch und ästhetisch weiterentwickeln. Und fast alle Jugendkulturen stecken voller Widersprüche und Vieldeutigkeiten, die eine eindeutige Zu- und Einordnung in bestimmte Stil-, Werte- und Politikraster erschweren oder unmöglich machen.

Eine Art Seismograph der Gesellschaft

Fest steht: Jugendliche und auch Jugendkulturen sind eine Art Seismograph einer Gesellschaft, der anzeigt, welche Diskurse und Entwicklungen in der gesamten Gesellschaft stattfinden. So lassen Erfolge der Rechtsextremist*innen unter der jüngeren Bevölkerung Rückschlüsse auf die gesamtgesellschaftliche Existenz des Rechtsextremismus oder einzelne seiner Elemente wie Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus zu.

Das Archiv der Jugendkulturen e.V. ist ein Kompetenzzentrum für Jugend, Pop- und Subkulturen. Es betreibt eine Präsenzbibliothek in Berlin, publiziert zu Jugendkulturen, berät Ministerien, Verbände und andere Organisationen. Außerdem konzipiert und realisiert das Archiv Ausstellungen, Workshops und Bildungsmaterialien mit Szene-Angehörigen für Jugendliche und Erwachsene zu Musik, Kunst, Tanz oder Mode. Schließlich widmet es sich intensiv der politischen und kulturellen Jugend- und Erwachsenenbildung im Kontext von Vielfalt, Wertschätzung und Empowerment, aber auch von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homo- und Transfeindlichkeit.

Seit 2015 wird das Archiv der Jugendkulturen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ vom BMFSFJ und der bpb in der Entwicklung zum Bundeszentralen Träger mit dem Schwerpunkt „Jugendkulturen und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gefördert. Kontakt: Archiv der Jugendkulturen e. V., Fidicinstraße 3, 10965 Berlin, Tel.: 030-694 29 34, archiv(at)jugendkulturen.de, www.jugendkulturen.de

Gabriele Rohmann

ist Sozialwissenschaftlerin und Journalistin und leitet das Archiv der Jugendkulturen e.V. in Berlin. Sie beschäftigt sich seit mehr als zwanzig Jahren mit Jugendkulturen im Kontext von Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus.

evangelische aspekte, Ausgabe November 2017

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