Stichwort: Bewusstsein Annäherungen an einen schillernden Begriff

Warum, fragt der Philosoph Markus Gabriel, weiß eigentlich niemand so recht, was Bewusstsein ist? Auf besondere Gehirnaktivitäten will er es jedenfalls nicht reduziert wissen! – Bewusstsein (und Selbstbewusstsein) werden immer verwirklicht, indem wir uns auf Gegenstände oder auf uns selbst beziehen und uns damit von anderem und anderen unterscheiden. Damit aber sind wir vor einem Irrtum nie ganz gefeit. Wer kennt sich selbst schon ganz?

Fernsinn

Mit der Frage, wer wir eigentlich sind, beginnt nach Markus Gabriel die Menschheitsgeschichte. Humane Existenz artikuliere sich als Selbstverhältnis im Medium des Geistes. Dieser ist nicht einfach Nachdenken über das Nachdenken, sondern der Umstand, „dass wir uns zu uns selbst als zu einem anderen verhalten, zu einer Person, die wir kennenlernen und manchmal verändern.“ Daher sei der Mensch Geist – und „dieser Geist hat eine Geschichte“. Im Vollzug unserer geistigen Existenz sind wir auf der stetigen Suche nach Sinn. Als „Fernsinn“ richte sich unser Geist auf dem Weg zu sich selbst – in maximaler Entfernung – auf Gott hin.

Diskursives Konstrukt

(Selbst-)Bewusstsein wäre nach Auffassung des Neurowissenschaftlers Wolf Singer wohl nicht entstanden, hätte es auf der Welt nur ein (menschliches) Gehirn gegeben. Warum sollte ein isoliertes Individuum nach sich selbst fragen? Im Zuge der biologischen Evolution der Gehirne, in der immer mehr miteinander interagierende Gehirnareale und neuronal vernetzte Hierarchieebenen entstanden, trat Bewusstsein als emergentes Phänomen hervor. Dabei wurden wir der Wahrnehmung unserer Wahrnehmungen und kognitiven Fähigkeiten gewahr, protokollierten sie gleichsam. Doch dieser Vorgang ist untrennbar von der kulturellen Evolution. Das heißt, unsere in eine soziale Umwelt eingebetteten Körper (Gehirne) kommunizierten ihre Erfahrungen, lernten sie als einander ähnliche zu verstehen und zu benennen. Insofern sei Bewusstsein ein „diskursives Konstrukt“ und eine soziale Realität (wie das Konzept des freien Willens).

Zitationsanstalt

Der Soziologe (Systemtheoretiker) Peter Fuchs fasst das Bewusstsein „als einen operativen Text“ auf, der unsere Wahrnehmungen „konditioniert“ oder gar „herstellt“. Es ist nichts, was unter der Schädeldecke ist (eine „non-entity“), sondern es ist die Erscheinung einer Koppelung. Als eine Art Zettelkasten voller Zitate setzt es Kommunikation voraus und hält sie in Gang. Es ist als Aktionseinheit mit und in Kommunikation: „Das eine streut das andere aus, das es ausstreut.“ Mit unseren Wahrnehmungen lesen wir die Dinge aus und geben ihnen so einen Sinn. Das Bewusstsein sei „asketisch“, indem es die Vielfalt der Wahrnehmungen als „Zitate“ speichert, also Komplexität reduziert und – wahrnehmend bzw. operierend – Zitate aufruft und den Dingen einen bestimmten „Sinn“ zuweist (das heißt: sie unterscheidbar oder „entzifferbar“, lesbar macht). In dieser Koppelung entfalte sich „humane Existenz“.

Primäre Tatsache

Als eine nicht hintergehbare „erste Tatsache“ fasst der buddhistische Mönch Matthieu Ricard das Bewusstsein auf. Es ist kein Forschungsobjekt unter anderen; denn „was auch immer man tut, man kann nie aus ihm heraustreten.“ Mittels Meditation, einer Übung des Geistes, kann man den Zustand „elementarer Bewusstheit“ erfahren, nicht jedoch über eine physikalische Analyse der neuronalen Vorgänge im Gehirn. Die Aktivitätsmuster, die sich im Gehirn abspielen und die sich mittels eine entsprechenden Apparatur sichtbar machen lassen, wenn man zum Beispiel verliebt ist, sind etwas anderes als die Erfahrung des Verliebt-Seins. Das Bewusstsein als „Herrscher des Geistes“ (so der theoretische Physiker Roger Penrose) sei in der Lage, neuronale Prozesse (also Top-down) zu beeinflussen. Erwünschte Bewusstseinsinhalte wie Liebe und Mitgefühl können aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns als dem Menschen eigentliche Geisteshaltungen erschlossen, vertieft und sozusagen verankert werden.

Zum Weiterlesen

Wolf Singer / Matthieu Ricard: Jenseits des Selbst. Berlin 2017; Peter Fuchs: Das Gehirn ist genauso doof wie die Milz. Weileswist 2005; Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt. Berlin 2013.

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