„… denn du hast es getan“ Die Wirklichkeit des Bösen und die Frage nach Gott

Karl-Adolf Bauer zum 80. Geburtstag

„…denn du hast es getan“ – der Beter in Psalm 39 sieht in Gott selbst den Verursacher seiner Not. Die damit aufgeworfene Frage nach Gottes (Mit-)Verantwortung für das Böse durchzieht die Bibel ebenso wie die Geschichte der Theologie. Ein Plädoyer gegen die „Lügen der Tröster“ (Henning Luther).

Es gibt „Pop-Gestalten“ in der Bibel. Drei junge Frauen, die sich exquisit stylten. Ihr Vater schenkte ihnen, was dazu nötig war. Sie hatten ausgesorgt. Sie bewegten sich gekonnt, benutzten Top-Parfums und sahen gut aus. Ihre Namen sind Jemima, Kezia, und Keren Happuch. Auf Deutsch: Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen (Hiob 42,14). Sie sind die drei Töchter, die Hiob neu bekam. Zuvor hatte er seine ersten Töchter und Söhne durch Mord und Totschlag verloren. Das schöne Leben von Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen ist das Happy-End des Buches Hiob.

Theologie der Wildnis

Seine ersten Kinder musste Hiob verlieren. Dann begann sein körperliches Leid. Dessen Qualen und der Tod seiner frühen Kinder werden in den letzten Kapiteln des Buches Hiob mit einer „Theologie der Wildnis“ kommentiert: Menschliche Schicksale sind demnach Teil einer Welt, in der es ebenso irre wie böse zugeht, wobei „des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht“ (Schalom Ben Chorin). Das Buch Hiob empfiehlt seinen Leserinnen diese abgeklärte Weisheit Israels, indem es an grausige Momente im Leben der Natur erinnert: Niemand kann dem Krokodil (in Hiob 40,25ff „Leviathan“) etwas anhaben – gepanzert und reglos wie ein Baum liegt es im Fluss, bis es zuschnappt und junge Antilopen zerreißt. Nilpferde und Nashörner – einmal in Fahrt – zertrampeln, was ihnen in die Quere kommt (vgl. den „Behemoth“ in Hiob 40,15ff). Die Straußenmutter verliert in der Steppe ihre Eier beim Laufen; die Küken bleiben sich selbst überlassen, nur einige kommen durch (vgl. Hiob 39,13-18 und Hiob 40f.). Es ist nicht zu fassen, dass in einer „funktionierenden“ Schöpfung „Gutes“ und „Böses“ so abrupt nebeneinander stehen.

Trost und Trotz angesichts nicht aufgehender Rechnungen

Erst gibt es Kinder, die bei einer Familienfeier ermordet werden, – dann kommen Turtel-Taube, Zimt-Blüte und Schmink-Täschchen! Solche Lektüre ernüchtert. Und das ist gut so. Hysterie ist für den, der Böses hinter sich lassen muss, fehl am Platz. Hiob legt die Hand auf seinen Mund angesichts dieser Erkenntnis. Die Rechnung geht nicht auf, versucht man unschuldigem Leid gerecht zu werden.

Die Weisheit Israels findet ihren Trost in der „heiteren Zuwendung Gottes zu einer Welt, die allen Maßstäben einer menschlichen Rationalität … spottet“ (Gerhard von Rad). Aber diese Weisheit versagt, wenn sie die Fragen und Klagen unschuldiger Opfer dem Vergessen anheimgibt. Die Psalmen, die Propheten und die Botschaft vom Kreuz Christi haben ihnen in der Bibel ihre Stimme verliehen. Nelly Sachs hat darum die Literaturgeschichte der biblischen Bücher eine „Landschaft aus Schreien“ genannt. Diese „Schreie“ stehen mit ihrer Verzweiflung, aber auch mit ihrer Hoffnung an der Seite derer, die unter Bösem leiden. Sie sollen und können nicht vergessen werden.

Die Wirklichkeit des Bösen

Ein kleiner Junge im Alter von vier bis fünf Jahren sprang vom LKW herunter. Er hatte einen Apfel in der Hand. Woher die Kinder kamen weiß ich nicht. In der Tür stand Boger. Das Kind stand neben dem LKW mit dem Apfel. Boger ging zu dem Kind hin, packte es an den Füßen und warf es mit dem Kopf an die Wand. Den Apfel steckte er ein. Eine Stunde später kam Boger und rief mich zum Dolmetschen. Dabei aß er den Apfel. Das Ganze habe ich mit eigenen Augen gesehen. Das Kind war tot. (Dounia Zlater Wassersrom am 23.4.1964 als Zeugin im Frankfurter Auschwitz-Prozess).

Böses findet sich nicht nur in einem derart abscheulichen Verhalten. Das Böse bleibt auch dem Alltag von Herrn oder Frau Biedermann auf der Spur. Die Wirklichkeit des Bösen lässt sich im Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen mit Karl Kardinal Lehmann „das Drama der Freiheit“ nennen („Die Frage nach dem Ursprung des Bösen“. In: Dalferth/Lehmann/Kermani: Das Böse. Drei Annäherungen. Freiburg 2011, S. 57). Als ethisch-moralische Größe ist es demnach „voll gegeben, wenn es der freien Verantwortung entspringt und also schuldhaft ist“. In dieser Sicht existiert das Böse, „wo Freiheit und damit Zurechnung und Verantwortung wirksam sind“.

Ähnlich hat Immanuel Kant das „radical Böse“ verstanden und definiert: Im April 1792 publizierte er in der Berlinischen Wochenschrift den Aufsatz „Über das radical Böse in der menschlichen Natur“. Der Hang zum Bösen ist hier der „subjektive […] Grund […] der Möglichkeit einer Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetze“ und muss als ein „Actus der Freiheit“ verstanden werden, der „dem moralischen Vermögen der Willkür ankleben [muss]“, sonst ließe sich das Verhalten nämlich gar nicht moralisch bewerten. „Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu vertilgen ist, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte“. Böse Handlungen sind nach Kant individuell verschuldet und müssen trotz des allgemeinen Hangs individuell verantwortet werden.

Mit gutem Willen ist es nicht getan

Die Reformation fasst den Begriff des Bösen weiter. Im Großen Katechismus z.B. bezeichnet Martin Luther bei der Auslegung der Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ das Böse als das, „was widerfahren mag unter des Teufels Reich: Armut, Schande, Tod, kurz aller unseliger Jammer und Herzleid, so auf Erden unzählig viel ist“. Hier lässt sich ein Unterschied zwischen optimistisch gestimmtem Humanismus und reformatorischer Weltsicht erkennen. Ist das Böse dort mehr ein „Drama der Freiheit“ auf dem Gebiet moralischer Entscheidungen, so klingt bei Luther auch das natürliche Verhängnis des Bösen mit an: Trotz aller guten Gaben aus der Hand des Schöpfers durchzieht das Böse die Erde mit ihren Katastrophen. Die Logik der Bitte im Vaterunser: „Erlöse uns von dem Bösen“ beinhaltet die Erkenntnis: Mit gutem Willen ist es nicht getan, möchte man dem Bösen widerstehen.

Luthers Bekenntnis: Nichts geschieht, was Gott nicht zulässt

Und mehr noch: Für Luther ist es letztlich Gott selbst, der kraft seiner allmächtigen Vorsehung für Böses und Unglauben unter den Menschen Mit-Verantwortung trägt: „Wenn wir glauben, es sei wahr, dass Gott alles vorherweiß und vorherordnet, dann kann er in seinem Vorherwissen und in seiner Vorherbestimmung weder getäuscht noch gehindert werden, dann kann auch nichts geschehen, wenn er es selbst nicht will“ („Vom unfreien Willen“, 1525).

Die Entstehung des Bösen ist nach Luther unerklärbar.

Angesichts dieser Mit-Verantwortung Gottes für das Böse bedeutet Glaube nach Luther, „an Gott gegen Gott“ festzuhalten. Es bleibt jedoch die Frage: „Warum ändert Gott nicht die bösen Willen, die er bewegt… Warum hat er es zugelassen, dass Adam fiel?“ Martin Luther gibt darauf eine Nicht- Antwort: Die Entstehung des Bösen ist unerklärbar. Sie gehört zu den Geheimnissen der göttlichen Majestät, deren Entscheidungen unbegreiflich sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, dazu mehr wissen zu wollen.

„Das Leben ist nicht fair!“

„Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun, denn du hast es getan“ – mit diesen Worten macht auch der Beter in Psalm 39 Gott direkt für seine Not verantwortlich. Er nimmt sich zunächst vor, sein Leid still in sich zu „fressen“ (Ps 39,3), doch am Ende bricht es doch aus ihm heraus: „Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen“ (Ps 39,13).

Ebenso steht für die Propheten Israels der Schöpfer im Kampf gegen das Böse in höchster Verantwortung. An ihn richtet sich die Sehnsucht jenseits aller menschlichen Moral nach Frieden in der Natur. „Das Leben ist nicht fair“, sagen Menschen im Geist dieser Klage. Dahinter steckt die Erfahrung: Auch wenn man sie erklären kann, gibt es Risse und Sprünge in Umwelt und Natur, die „böse“ sind.

Für Kirche und Gemeinden gewinnt vor diesem Hintergrund das „Vater unser“ mit seiner Bitte zu Gott „Dein Reich komme“ seine alte und fast vergessene Dynamik. Das Vaterunser ist ein Bitt-Psalm, dessen Zeilen der poetischen Regel des Parallelismus Membrorum folgen, um dann am Schluss Gott selbst auf dessen Verantwortung für das Geschick seiner Schöpfung hin anzusprechen: „Denn dein ist (doch! H.S.) das Reich, die Kraft und Herrlichkeit“. Schließlich wurde der Apokalyptiker Jesus mit seinem Gebet selbst ein Opfer der Geschichte und stellte mit dem Schrei am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ noch einmal neu die verzweifelte Frage nach ihrer Erlösung und ihrem Gott.

„O Gott, wie lange noch?“

Der Münsteraner Professor für Fundamentaltheologie Johann Baptist Metz nahm diese Sichtweise mit radikaler Konsequenz auf und hielt an der uneingeschränkten Allmacht Gottes fest. Sie ist für ihn apokalyptische „Befristungsmacht“, der man mit den Psalmen, Hiob und den Propheten die Frage stellen muss: „O Gott, wie lange noch?“ In solchem Verständnis von Gottes Allmacht läge der „Widerspruch gegen jeden Versuch, den immer wieder ersehnten und gesuchten Sinn des menschlichen Lebens zu halbieren und ihn allenfalls für die … Nutznießer der geschichtlichen Prozesse zu reservieren.“

Offenbar gibt es keinen Gott, den man mit dem Rücken zu Auschwitz anbeten kann.

Noch genauer und schärfer warf er die Frage auf: „Darf sich eine Christologie nach Auschwitz die apokalyptische Unruhe der Rückfrage an Gott angesichts der himmelschreienden Leidensgeschichte der Menschen ersparen?“ Um dann selbst die Antwort zu geben: „Offenbar … gibt es keinen Gott, den man mit dem Rücken zu Auschwitz anbeten kann“. Eine Geschichte, in der Versöhnung gefeiert wird, und die dabei die ausstehende, sichtliche Rehabilitation ihrer Opfer vergisst, feiert sich selbst und somit Banalitäten. Gegen eine Versöhnung mit dem Ablauf der Geschichte ohne die Erwartung von Auferstehung und Endgericht wäre mit Emmanuel Levinas einzuwenden: „Eine Welt, in der die Versöhnung allmächtig ist, wird unmenschlich“. Denn sie lebt von den „Lügen der Tröster“ (Henning Luther).

Klage ohne Erklärung

Oswald Bayer hat im Zuge dieses Ansatzes die biblischen Belege systematisch gewürdigt, die Gott anklagen und sich nicht mit Uminterpretationen bzw. Sinnsuche für unfassbares Leid abfinden. In diesen „ biblischen Texten … begegnet, von der Kirche und Theologie bis vor kurzem erstaunlicherweise fast ganz übersehen und verkannt, die Gattung der Klage: „Das ist der harte Kern des Problems und der eigentliche Anstoß des von Luther pointiert zur Geltung gebrachten biblischen Allmachtbegriffs“ (Oswald Bayer: Zugesagte Gegenwart. Tübingen 2007, S. 116).

Die Bemerkungen Luthers über einen „verborgenen Gott“ räumen ein, wie sehr die Trauer über den Verlauf der Weltgeschichte berechtigt ist. Für ihn steht aber gleichzeitig außer Frage, dass es auf ihre Klage eine Antwort in der Schrift gibt. Damit wird nicht in Abrede gestellt, dass ein allmächtiger Gott dafür die Verantwortung trägt, dass das Böse in der Schöpfung viel „Raum hat“. Luthers Lehre vom „verborgenen Gott “ wollte das beklagen, aber nicht „erklären“.

Ergreift Gottes Geist seine Gemeinde in der Klage und vertritt sie mit „unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8,26), wird sie – gemäß der christlichen Auffassung Gottes als Trinität von Vater, Sohn und Geist – in ein innertrinitarisch aussichtsreiches Gespräch zwischen Gott und Gott hineingezogen. Ähnlich verhält es sich bei Kindern, die sich laut bei ihrem Vater beklagen: Sie können ihn anklagen, denn sie leben in dem (vorgegebenen) Sprachraum des Vertrauens, dass ihr Vater gut ist, und es Sinn macht, ihn darauf anzusprechen, wenn sie von ihm Unrecht erfahren haben.

Ein gottesdienstlicher „Kuchen“ des Leids und der Klage

Der ritualisierte Vollzug der Klage im Gottesdienst hat seelsorgliche Bedeutung. Die unter ihrem Leid Verstummten geraten durch die Liturgie ihrer Gemeinde in einen Sprachzusammenhang, der ihre Einsamkeit aufsprengt und ihrem Elend Worte verleiht. Das gilt für Psalmen, die „traurigen“ Lieder eines Gesangbuchs und für jene Fürbitten, die Gott bei seinen ausstehenden Versprechen von Gerechtigkeit und Frieden für die Welt behaften. Aus Leid und Klage der Einzelnen wird im Gottesdienst nach Luthers Worten „ein Kuchen“, in dem das erlittene Leid von Kirche und Welt zu allen Zeiten und an allen Orten ›zusammenbackt‹ („Sermon von dem hochwürdigen Sakrament des heiligen wahren Leichnams Christi und von den Bruderschaften“, 1519). Der Gemeinde wird dabei bewusst, dass ihr persönliches Elend nicht ›das Letzte‹ ist. Es kann zur Sprache kommen und gerät damit in einen grundsätzlich solidarischen Welt-Zusammenhang.

„Bei aller Eschatologie“ ist hier mit dem Theologen Walter Mostert zu erkennen, dass Gottes Geist bereits jetzt „mit Macht auf die Gegenwart des Heils tendiert“ und zwar durch eine Sprache, die aus ihrem Herkommen die weltweite Wirklichkeit des Bösen beklagt und „in ihr die Möglichkeiten echter oder falscher Versöhnung finden“ lässt (Rechtfertigungslehre. Zürich 2011, S. 282).

Für den Hinweis auf die poetische Dimension der Namen der drei Hiob-Töchter danke ich Gerhard Begrich.

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