Gottes Wirken durch den Menschen Freier Wille und Determination im Koran

Ähnlich wie in der Bibel gibt es auch im Koran ein Spannungsverhältnis zwischen Aussagen zur Allmacht Gottes und zum freien Willen des Menschen. Dina El Omari zeigt einen Weg auf, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen.

Der Koran weist eine Bandbreite an Versen zum Thema des freien Willens und der Determination auf. Dabei steht dem Konzept der Verantwortlichkeit des Menschen für sein Handeln an vielen Stellen scheinbar die Vorstellung einer Determination der menschlichen Taten durch Gott gegenüber. Dieses Spannungsverhältnis zwischen der göttlichen Schöpferkraft und dem freien Willen des Menschen lässt sich aber durchaus auflösen – und zwar, wenn man die Handlungen Gottes und die des Menschen in einem Zusammenhang, d.h. komplementär zueinander, sieht.

Der Mensch als „Kalif“ der göttlichen Ordnung

Dies lässt sich mit der koranischen Idee begründen, dass Gott schon bei der Schöpfung dem Menschen mit einer gewissen Verantwortung auf Erden ausgestattet hat, indem er ihn als Verwalter (Kalif) der göttlichen Schöpfung dort bestimmt hat: „Und als dein Herr zu den Engeln sagte: ›Ich bin dabei, auf der Erde einen Verwalter (Kalif) einzusetzen‹ […]“ (Koran 2:30). In dieser Rolle hat der Mensch den irdischen Auftrag, verantwortungsvoll mit den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen, seien sie materiell oder nicht-materiell, in seinem eigenen Sinn und dem seiner Mitmenschen umzugehen, um so zum Erhalt und der Bewahrung der göttlichen Schöpfung beizutragen. Dadurch wird der Mensch zum Medium Gottes, d.h. Gott handelt durch den Menschen, wobei es der freie Wille des Menschen ist, sich auf diese Zusammenarbeit mit Gott einzulassen.

Adams Willensfreiheit im Paradies

Dieser freie Wille findet seinen Ursprung bereits in der Schöpfung des Menschen, denn laut Koran hat Gott sich in seiner Allmacht bewusst dafür entschieden, den Menschen mit einer Willensfreiheit auszustatten. Dies sieht sich in der Erfahrung Adams (des ersten Menschenwesens) im Paradies widergespiegelt. Denn obwohl Gott ihn laut Koran mit der Absicht erschaffen hat, ihn auf die Erde zu senden, erfolgt vorab ein Aufenthalt im Paradies. Hier kommt es dann zum bekannten Sündenfall: dem Verzehr von der verbotenen Frucht. Erst daraufhin wird Adam von Gott auf die Erde gesandt. Allerdings kann dies nicht als Bestrafung erachtet werden; denn zum einen war es von Anfang an beabsichtigt, dass er auf der Erde als Verwalter der göttlichen Schöpfung eingesetzt werden sollte, und zum anderen vergibt Gott ihm seinen Fehltritt im Vorfeld.

Wozu braucht es aber dann den kurzen Aufenthalt im Paradies? Hier könnte man argumentieren, dass Adam erst einmal die Erfahrung machen sollte, dass er einen freien Willen besitzt und dieser ihm sogar erlaubte, gegen das Gebot Gottes zu verstoßen. Erst mit dieser Erkenntnis und diesem Bewusstsein für einen freien Willen, welches sich symbolisch in der Sichtbarmachung der Scham zeigt, wurde er dann auf die Erde entsandt, damit er sich dort jederzeit in Freiheit für seine Rolle als Verwalter der göttlichen Schöpfung und somit für eine Kooperation mit Gott entscheiden kann. Denn nur durch eine freie Entscheidungsfähigkeit des Menschen, macht es Sinn, dass dieser letztendlich für sein Handeln am Tage des Gerichts zur Rechenschaft gezogen wird, da der Kreislauf des Lebens sich am Ende in der eschatologischen Dimension, d.h. in der Begegnung mit Gott und der Konfrontation mit dem eigenen Handeln, schließt.

Göttliche Allmacht ohne Determination

Den Menschen mit Freiheit auszustatten bedeutet gleichzeitig, dass Gott die Handlungen der Menschen nicht determiniert, sondern dem Menschen in seiner verantwortungsvollen Position für den Erhalt der Schöpfung vertraut – natürlich mit dem Risiko, dass dieser sich gegen seine verantwortungsvolle Aufgabe stellt. Doch Freiheit kann nur Freiheit sein, wenn sie konsequent vollzogen wird. Gott muss sich dafür entscheiden, entweder alle menschlichen Handlungen zu determinieren oder dem Menschen seine Entscheidungen für seine Handlungen zu überlassen.

Gott vertraut dem Menschen in seiner Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung.

Die Verwirklichung von Gottes Absichten durch den Menschen bedeutet nun keinesfalls eine Einschränkung in der Allmacht Gottes, noch dominiert der Wille des Menschen über den Willen Gottes. Vielmehr hat Gott die Welt bewusst so erschaffen, dass sie auf der Zusammenarbeit des Menschen basiert, d.h. auf der freien Bereitschaft des Menschen, sich für oder gegen eine Kooperation mit Gott zu entscheiden. Im Koran wird immer wieder betont, dass Gott die Dinge in seiner Allmacht durchaus hätte anders gestalten können. Doch es war sein Wille, die Welt in diesem Sinne zu konstruieren.

Recht- und Fehlleitung durch Gott

Wie aber lässt sich nun diese Vorstellung einer freiwilligen Kooperation zwischen Gott und Mensch mit den koranischen Verweisen in Einklang bringen, die davon sprechen, dass es letztendlich Gott ist, der recht- aber auch fehlleitet und somit das menschliche Verhalten lenkt? So heißt es im Koran 13:27: „Sag: Gott lässt in die Irre gehen, wen Er will, und leitet zu Sich, wer sich Ihm reuig zuwendet.“

Schon der berühmte Asket und Rationalist Ḥasan al-Baṣrī (gest. 728) verwies darauf, dass Verse dieses Wortlautes intratextuell gelesen werden müssen. Das heißt, sie müssen im Kontext anderer Verse gesehen werden, die diese Aussage Gottes um ein wichtiges Element erweitern – so z.B. Vers 26 der zweiten Sure: „Er lässt damit viele in die Irre gehen und leitet viele damit recht, doch lässt Er damit nur die Frevler in die Irre gehen.“

Während der erstgenannte Vers eine allgemeine Aussage tätigt, erfolgt hier eine Ergänzung: Es sind nur die Frevler, die Irre gehen. Das bedeutet, dass der Irrung des Menschen eine Handlung vorausgesetzt wird, nämlich das frevelhafte Verhalten. Dem Menschen werden demnach beide Wege aufgezeigt, also der recht- und der fehlgeleitete Weg, wobei Gott ihn dabei einlädt, der Rechtleitung zu folgen. Entscheidet sich der Mensch nun gegen die Annahme von Gottes Einladung bzw. gegen sein Angebot der Rechtleitung, wird er zu dem was der Koran u.a. als Frevler oder Übeltäter bezeichnet. Sein Irregehen ist erst die Konsequenz aus diesem entscheidenden und selbst gewählten Schritt. Deshalb schreibt al-Baṣrī  auch das Irregehen dem Menschen und die Rechtleitung Gott zu.

Das Irregehen des Menschen

Im Zusammenhang mit dem bisher Gesagten kann man dieses Irregehen nun als eine Verweigerung des Menschen verstehen, sich im Dienste der göttlichen Schöpfung einzusetzen, bzw. als Entscheidung, sich aktiv gegen deren Erhalt zu stellen und ihr zu schaden. Gleichzeitig bedeutet diese Verweigerung des Menschen auch, dass er nicht bereit ist, in eine Gemeinschaft mit Gott zu treten. Diese Gemeinschaft ist aber das eigentliche Ziel der Erschaffung des Menschen, denn Gott sucht Mitliebende: „Gott erschafft Menschen, die er liebt und die ihn lieben.“ (Koran 5:54).

Liebe und Gemeinschaft können nicht erzwungen werden

Dieser Aspekt ist deshalb besonders wichtig, weil er die koranische Grundlage der Gott-Mensch-Beziehung beschreibt: Zwar wird der Mensch als Verwalter auf Erden eingesetzt, doch es handelt sich keinesfalls um ein rein geschäftliches Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Vielmehr ist die Basis dieser Beziehung Liebe, und die Aufgabe des Verwalters baut auf dieser Liebesbeziehung auf.

Deshalb macht Gott dem Menschen auch unentwegt Angebote, auch wenn dieser sich immer wieder gegen die Gemeinschaft mit Gott entscheidet. Es ist gerade dieser Aspekt der Liebe, der sehr stark begründet, warum die Willensfreiheit zur „Grundausstattung“ der menschlichen Schöpfung gehören muss. Denn echte Liebe kann nicht erzwungen werden – sie beruht auf Freiwilligkeit und ist daher nur dann authentisch, wenn sie aus einer freiwilligen Entscheidung resultiert.

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