Bebauen und bewahren? Christliche Wirtschaftsethik und Green Economy in der Corona-Krise

Der biblische Auftrag zum achtsamen Umgang mit der Schöpfung, die Perspektive Jesu auf Entrechtete und Ausgegrenzte – das alles spricht für eine gerechte, nachhaltige Wirtschaft. Bietet die aktuelle Krise dazu die Chance? Oder erwartet uns nach Corona die große Gier nach mehr?

„Geht Wohlstand auch mit weniger Konsum?“ titelte die ZEIT in ihrer Ausgabe vom 9. Juli 2020. Das Wochenmagazin kündigte unter dem Titel „Die Wende zum Weniger“ eine Serie zur klimaverträglichen Veränderung des Wirtschaftens an und ließ sieben renommierte Ökonominnen und Ökonomen zur Frage nach einer Wende zur Wirtschaft ohne Wachstum Stellung nehmen. Postwachstum hat, so scheint es, wieder Konjunktur, auch wenn die Proteste der Fridays for Future-Demonstranten schon wieder aus den Medien verschwunden waren. Aus der Sicht theologischer Ethik ist dies zu begrüßen, zumal sich eine Reihe von Nachhaltigkeitsanstößen einer begründeten christlichen Motivation verdanken.

Corona und die Green Economy

Es ist die Coronakrise, die mit dem schlagartigen Rückgang von Ressourcendurchsatz, Mobilität und Emissionen mitten in allem Schrecken Hoffnungen auf eine klimaförderliche Veränderung unserer Wirtschafts- und Lebensweise macht: Das Wasser der venezianischen Lagune ist glasklar, der Stickstoffeintrag über China fast verschwunden, Pottwale werden vor Elba gesichtet und Deutschland könnte seine Klimaziele für 2020 erreichen.

Gleichwohl ist gebremster Optimismus angebracht. Zwar steht die Krise um COVID-19 mit dem Problem der ökologischen Nachhaltigkeit in Verbindung, aber die Auswirkungen dürften eher ambivalent ausfallen.

Ein erster Zusammenhang lässt sich hinsichtlich der Entstehungsbedingungen feststellen: Zoonosen, die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen, werden durch gesellschaftliche Leitbilder wie das des täglichen Fleischverzehrs begünstigt. Solche Leitbilder sind durch den westlichen Konsumstil geprägt und haben sich inzwischen global verbreitet.

Ein zweiter Zusammenhang hat mit den Folgen der Krise zu tun. Die Einschränkung der internationalen Handels- und Migrationsströme und der Rekurs auf nationale Regelungen werden voraussichtlich auch für die Nachhaltigkeitsfrage Bedeutung entfalten. Allerdings ist noch nicht klar, ob positive oder negative Folgen überwiegen. Durch die Renationalisierung stehen nachhaltigkeitsrelevante Effizienzgewinne durch globalen Handel genauso in Frage wie internationale politische und rechtliche Lösungen. Zudem ist es auch möglich, dass national begrenzte, hochautoritäre Bewältigungsformen solcher Krisen nach dem Beispiel Chinas weltweit plausibler werden. Beides ist problematisch, weil die globalen Herausforderungen auf Dauer durch nationale Abschottungsversuche vermutlich nicht zu lösen sein werden. Schließlich könnte die Reaktion nach Ende der unmittelbaren Coronakrise, vor allem in den wohlhabenden Ländern, eine verstärkte Rückkehr zu klassischen Konsummustern des bigger, better, more sein – analog der sogenannten ›Fresswelle‹ in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.

Andererseits bietet die Einschränkung globaler Handlungsströme und wirtschaftlicher Vernetzung aber auch die Chance zu einem globalen wirtschaftlichen Umbau hin zu einer green economy. Ein solcher Umbau würde im günstigen Fall international politisch gesteuert und begleitet. Während der Krise mussten wir uns weniger ressourcen- und verschmutzungsintensive Konsum- und Wirtschaftsmuster aneignen und konnten schon nach kurzer Zeit erste Erholungsreaktionen der Natur beobachten. Das macht einen Umbau zu nachhaltigeren Wirtschaftsweisen zusätzlich plausibel. Gerade in christlicher Perspektive sind schon seit längerem eine Reihe von Überlegungen und Konzepten im Umlauf, die in eine solche Richtung führen.

Fürsorge statt Konsum

Vorschläge zu einer nachhaltigkeitssensiblen ›Ökonomie des Genug‹ sind nicht neu. Einer der Klassiker solcher Konzepte ist das Buch Weder Armut noch Überfluß aus dem Jahr 1986, in dem die Ökonomen Bob Goudzwaard und Harry M. de Lange aus einer evangelisch-reformierten Perspektive für eine auf Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit abstellende ›Vorsorgegesellschaft‹ plädieren. In dieser soll unter anderem eine Konsumorientierung durch eine Fürsorgeorientierung ersetzt, nationale Wohlfahrt neu definiert und etwa über soziale Absicherung und Einkommensbegrenzungen durchgesetzt werden. Daneben ist der Ansatz des – seinerzeit unter anderem bei der Weltbank tätigen – Ökonomen Herman Daly und des Theologen John Cobb in ihrem 1989 erschienenen Buch For the Common Good zu erwähnen. Er nimmt ökonomische Ideen des liberalen Klassikers John St. Mill auf und plädiert für eine stationäre, nicht auf quantitatives Wachstum ausgerichtete und ökologisch sensible Wirtschaft.

Aus dem Ideenbereich katholischer Soziallehre stammt das von dem Ökonomen Robert Skidelski und seinem Sohn, dem Philosophen Edward Skidelski verfasste und 2012 erschienene Buch Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens. Die praktischen Vorschläge, die in diesen Werken unterbreitet werden, ähneln sich und finden auch in nicht religiös motivierten Arbeiten wie dem 2009 entstandenen Werk Wohlstand ohne Wachstum des englischen Wirtschaftswissenschaftlers Tim Jackson Beachtung: Sie zielen unter anderem auf ökologische Investitionen und die Einpreisung bisher unternehmensexterner und faktisch gesamtgesellschaftlich getragener Kosten. Außerdem soll der Anteil personenbezogener Dienstleistungen erhöht und die soziale Ungleichheit verringert werden. Der Konsum soll begrenzt und die globale Finanzarchitektur neu geordnet werden. Konkrete Schritte zur Umsetzung solcher Perspektiven bietet der von dem Ökonomen Hans Diefenbacher und dem Politologen Roland Zieschank im Kontext der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FESt) entwickelte ›Nationale Wohlfahrtsindex‹. Dieser sieht eine Messung der Wirtschaftskraft vor, die anders als das Bruttonationalprodukt nicht für ökologische Kosten und Wohlfahrtsaspekte blind bleibt.

Frieden, Gerechtigkeit und Achtung der Schöpfung

Unterstützt werden solche religiös motivierten Perspektiven nicht zuletzt durch die Urteilsbildung der großen christlichen Kirchen. Als zivilgesellschaftliche Akteure sind sie für diese Prozesse nicht unerheblich. So entstand das Konzept einer ›nachhaltigen Gesellschaft‹ bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Umkreis des Ökumenischen Rats der Kirchen. Das war lange vor dem Brundtland-Bericht, der den Startschuss der politischen Nachhaltigkeitsbemühungen darstellte. Dieser wiederum mündete 2015 in die Formulierung von Sustainable Development Goals und Klimavereinbarungen. Die christliche Umwelt- und Eine-Welt-Bewegung prägte Institutionen und Konzepte des fairen Handels. So ging z.B. das heute sehr bekannte Transfairlabel unter anderem aus dieser Bewegung hervor. Die in den achtziger Jahren populär gewordene Idee von ›Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung‹ hat den Nachhaltigkeitsanliegen in der Breite zur Plausibilität verholfen. 2015 veröffentlichte Papst Franziskus die ›Umweltenzyklika‹ Laudato Si, die schnell internationale Bekanntheit erlangte. Schon seit den achtziger Jahren bezieht die EKD in einer Reihe von Texten zur Nachhaltigkeitsthematik Stellung, die sich auch in konkreten Initiativen vor Ort, etwa dem gemeindlichen Umweltlabel ›Grüner Hahn‹, spiegelt.

Warum wurden diese ökonomischen Ideen und Konzepte nicht schon längst umgesetzt?

Zwei Fragen liegen angesichts dieses Befundes nahe. Die erste lautet: Warum wurden solche ökonomischen Ideen und Konzepte nicht schon längst umgesetzt? Hier spielen natürlich viele Faktoren eine Rolle. Zwei wichtige seien benannt: Erstens ist unsere auf steigenden Ressourcendurchsatz und mangelnde ökologische Rücksicht gegründete Wirtschaftsweise in gewisser Weise sehr erfolgreich gewesen, wie etwa die global steigende Lebenserwartung belegt. Das Wachstumsversprechen an alle hat so um den Preis des ökologischen Raubbaus von der konfliktträchtigen Debatte um eine gerechte Verteilung entlastet. Zweitens haben sich die dominante Wirtschaftsweise, politische Institutionen, globale Kooperationsmodi und Lebensweisen wechselseitig stabilisiert, wie die Transformationsforschung zeigt. Alternativen haben dann bestenfalls Nischenpotential und eine Umsteuerung ist nur durch disruptive Ereignisse von globaler Tragweite möglich. Ob die Corona-Pandemie aber als ein in Bezug auf planetare Grenzen disruptives Ereignis wirken wird, ist noch völlig offen.

Eine zweite Frage lässt sich an das Phänomen religiös motivierter sozialökologischer Bestrebungen und alternativer Wirtschaftskonzepte anschließen: Wie lässt sich eine solche Verbindung theologisch verstehen und begründen?

Theologie der Nachhaltigkeit

Historisch sind für die Entstehung bestimmter Handlungsformen und Motive stets komplexe Wechselwirkungen zwischen Ideen und politisch-ökonomischen Konstellationen bedeutsam. Das hat z.B. Hans Joas in seiner Darstellung der Entwicklung der modernen Menschenwürdevorstellung gezeigt. Auch die Entstehung eines christlich motivierten Einsatzes für eine andere Wirtschaftsweise in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat mit vielen Faktoren zu tun: Da ist zum einen klassische Schöpfungsfrömmigkeit. Zum anderen hat die Wahrnehmung der Gerechtigkeitsforderungen, die aus den Kirchen des globalen Südens kamen, prägend gewirkt. Und natürlich hatten Christen auch teil an der allgemein steigenden Aufmerksamkeit für ökologische Probleme.

Theologisch-ethisch lassen sich in protestantischer Perspektive drei Motive geltend machen, die für eine Affinität von christlichem Glauben und Nachhaltigkeit sprechen:

1. Das Verständnis der Welt als göttlicher Schöpfung motiviert ein Verständnis der Natur als intrinsisch wertvoll: Auch wenn wir die Welt immer nur durch unsere Augen sehen können, ist die Natur doch nicht nur bloße Verfügungsmasse, sondern Teil der Schöpfung Gottes. Der im Schöpfungsmythos der Genesis benannte göttliche Auftrag, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren, verpflichtet uns zwar nicht zur Weltrettung – das kann nur Gott allein –, erinnert aber daran, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern Geschöpf unter Mitgeschöpfen. Damit kommen auch diese Mitgeschöpfe, Tiere, Pflanzen, ja sogar ökologische Systeme als Träger moralischer Rechte in den Blick. So ergibt sich eine Nähe zur Idee ökologischer Nachhaltigkeit.

2. Die durch das Wirken Jesu Christi geprägte Vorstellung von Gerechtigkeit sensibilisiert zuerst für die Perspektive der Entrechteten und Ausgegrenzten. Das sind diejenigen, die im Kalkül der Mehrheiten, der Mächtigen, der Tonangebenden nur allzu leicht übersehen werden. Gerechtigkeit in der Verteilung der planetaren Ressourcen steht auch denjenigen zu, die arm und ohnmächtig – oder noch nicht geboren sind. Damit ergibt sich eine Affinität zur intra- und intergenerationellen Gerechtigkeit als Element der Nachhaltigkeit.

3. Die protestantische Einsicht in die Rechtfertigung des Menschen vor Gott aus Gnade und ohne Werke verdeutlicht: Unsere Würde stammt nicht aus dem Erfolg oder demjenigen Konsum, der ihn veranschaulicht, sondern ist ein Geschenk Gottes. Ein gutes Leben, dem Erfüllung verheißen ist, besteht deswegen in dieser Perspektive vorrangig aus dem Dienst am Nächsten. Das bedeutet keine Verpflichtung zur Bedürfnislosigkeit, aber bietet ein Maß der Bedürfnisse und Bedarfe. Dieses Maß zu halten entspricht einem suffizienzorientierten Lebensstil, der einen Begleitumstand sozialökologischer Umsteuerung darstellt.

…und wie weiter?

Es liegt nahe, Parallelen im Umgang mit der COVID-19-Pandemie und der Klimakrise zu erwägen und beide im weiteren Kontext der Nachhaltigkeitsthematik zu reflektieren. Doch auch wenn die Coronakrise in Wechselwirkung mit Nachhaltigkeitsfragen steht, kann sie in Verlauf und Konsequenzen nicht unmittelbar mit der Klimakrise verglichen werden. Die Bedrohung durch die Corona-Pandemie ist für die Mehrzahl der Menschen anschaulicher, unmittelbarer. Einschränkungen sind aufgrund der kurzfristigen Wirkung auch individuell plausibler als im Fall der Klimakrise. Zudem dürfte letztere sehr viel langwieriger und schwieriger zu bearbeiten sein.

Doch selbst wenn die Vergleichbarkeit von Corona- und Klima- bzw. Nachhaltigkeitskrise begrenzt ist, lassen sich aus dem Umgang mit COVID-19 doch Lehren für die Nachhaltigkeitsthematik ziehen. Erstens: eine Veränderung der Konsumgewohnheiten und Lebensweisen ist auch in liberalen Gesellschaften möglich. Zweitens: die Kosten des westlichen, inzwischen globalisierten konsumorientierten Lebensstils und Wirtschaftsmodells sind auch kurzfristig kaum mehr zu ignorieren. Drittens: eine Umsteuerung der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf personennahe Dienstleistungen ist möglich. Der Traum von der grenzenlosen Steigerbarkeit der Produktivität kann zugunsten einer höheren Umverteilungsquote und eines Lebensstandards mit kleinerem ökologischem Fußabdruck beendet und der eines erfüllten Lebens an seine Stelle gesetzt werden. Aus protestantischer sozialethischer Perspektive spricht vieles dafür.

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