Zukunft für alle Warum der Markt nicht länger unser Leben bestimmen darf

Das Leipziger Netzwerk „Neue Ökonomie“ hat 200 Vordenker*innen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen nach ihrer Utopie für das Jahr 2048 befragt. Das Ergebnis ist eine beflügelnde Vision vom Ende des „Kapitalozän“.

Dem Kulturwissenschaftler Frederic Jameson wird die Einschätzung zugeschrieben, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. In der Tat, der Markt als zentrales Element des Kapitalismus durchzieht unser Leben in allen Bereichen, vom Arbeitsmarkt, zum Supermarkt, bis zum Beziehungsmarkt, auf dem wir nach Partner*innen suchen. Gleichzeitig sind Endzeitvorstellungen in allen Medien zu Genüge zu haben, ob jetzt als Zombie-Apokalypse, Zerstörung durch Außerirdische, durch eine Seuche oder Atomkriege. Es ist an der Zeit, die Vorstellungskraft zu beflügeln – wie könnte das Ende des Kapitalismus wohl aussehen?

Gemeinwohl- statt konkurrenzorientiertes Wirtschaften

In unserem Projekt Zukunft für alle haben wir knapp 200 Vordenker*innen aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen gefragt, wie sie sich ihre Utopie im Jahr 2048 vorstellen. Aufbauend auf diesen Ergebnissen sind wir zu folgender grundsätzlichen Vorstellung der Zukunft gekommen:

1. Der Markt wird in allen wesentlichen Bereichen zurückgedrängt. Angefangen bei Wasser, Energie, Nahrungsmittel und Wohnraum setzt sich in immer mehr Sektoren die Vorstellung und Praxis durch, dass die meisten Dinge nicht am Markt gehandelt werden sollten, sondern materielles Grundrecht der Menschen sind. Der verbleibende Markt wird mit strengen Regeln auf ein gemeinwohlorientiertes Wirtschaften festgelegt.

2. Anstelle des Marktes treten soziale Garantien. Sie sorgen dafür, dass jede Person angstfrei leben kann und ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe für alle. Die sozialen Garantien stehen jeder Person zu, unabhängig von und zusätzlich zu weiterem Einkommen. Was die Garantien genau umfasst, wird demokratisch festgelegt und variiert nach Region. Viele Regionen haben sich auf zwei Bestandteile der Garantien geeinigt: umfassenden Zugang zu öffentlich hergestellten Infrastrukturen (für Bildung, Kinderbetreuung, Wohnraum, etc.) sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen für weitere Bedürfnisse (z.B. Kleidung, Café-Besuche, Kulturveranstaltungen).

3. Die Produktion wird einerseits auf öffentliche Betriebe verlagert, andererseits auf selbstorganisierte Alternativen. Der öffentliche Verkehr wird z.B. meist durch vergesellschaftete Betriebe organisiert, während sich im Bereich der Landwirtschaft Solidarische Landwirtschaftsprojekte durchgesetzt haben. In manchen Gegenden bilden sich auch größere Netzwerke von Beitragsökonomien, das heißt eine Ökonomie, in der jeder nach seinen Möglichkeiten beiträgt, ohne die heute so übliche Tauschlogik und Geld.

Im Zentrum der Arbeit steht die Sorge um den Menschen.

Da diese Wirtschaft 2048 ein anderes Ziel hat – nämlich materielle und immaterielle Bedürfnisse zu befriedigen –, ist sie grundlegend anders strukturiert als noch in den 2020er Jahren. Sorgearbeit, also das Kümmern um junge, kranke, alte Menschen steht im Zentrum des Wirtschaftens. Entsprechend wurde der Care-Sektor – Pflege, Medizin, Gesundheitsversorgung und Erziehungsarbeit – stark ausgebaut. Sind diese Bereiche heute durch schlechte Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne gekennzeichnet, wird in der Zukunft klar sein, dass sie die Basis jeder Gesellschaft sind. Dementsprechend werden viel mehr Menschen in diesen Bereichen tätig sein, und die Arbeit wird gesellschaftlich hoch anerkannt, als befriedigend erfahren und dort, wo sie als Lohnarbeit organisiert ist, gut entlohnt sein. Auch Kultur und Bildung werden einen hohen Stellenwert haben.

Andere Bereiche werden wichtig bleiben, so wie Landwirtschaft, Energieerzeugung und Maschinenbau. Auch hier wird dann allerdings anders, nämlich nachhaltig und sozial gerecht, produziert. Es werden nur noch solche Produkte hergestellt, die gesellschaftlich als sinnvoll erachten werden.

Rüstungs-, Werbe- und Versicherungsindustrie werden verschwinden.

Ressourcenintensive industrielle Produktion wird hingegen stark zurückgefahren. Konkret wird es kaum noch Schwerindustrie, Automobilindustrie, Bergbau und Baugewerbe geben. Außerdem werden ganze Industriezweige und Dienstleistungssparten wegfallen, die keinen Beitrag zur Erfüllung wichtiger Bedürfnisse leisten oder einfach überflüssig sind. Dazu zählen Rüstungs-, Werbe- und Versicherungsindustrie sowie große Teile der Finanzwirtschaft. In den Bereichen, wo sich Menschen demokratisch dafür entscheiden, wird die Produktvielfalt eingeschränkt. Geplanter Verschleiß und schnell wechselnde Wegwerf-Moden wird es nicht mehr geben. In anderen Bereichen wird sich durch die dezentrale Wirtschaftsstruktur wegen regionaler Besonderheiten bei Ressourcen und Bedürfnissen sowie Kultur und Tradition eine viel größere Vielfalt entwickeln, zum Beispiel beim Bauen.

Produktion und Handel werden dezentralisiert und regionalisiert

Die Wirtschaftsstrukturen werden zukünftig deutlich regionaler sein als früher – die meisten Dinge werden in der eigenen Region und einem Umkreis von maximal 200 Kilometer produziert, und nur wenn unbedingt notwendig werden Güter über längere Strecken transportiert. Überregionalen Handel treiben nur kooperative Organisationen – dazu zählen von den Mitarbeitenden kontrollierte und geführte Betriebe, Verbraucher- und Produzent*innen-Kooperativen, vergesellschaftete und öffentliche Unternehmen, globale Netzwerke von solidarisch-verwaltenden Gremien, technisch-wissenschaftliche Kooperativen, und viele mehr.

Diese grob skizzierte Welt ist dabei nicht ohne Widersprüche, sondern eine Übergangsphase mit Elementen des Vergangenem und des Neuen. Wir glauben nicht daran, dass die Transformation so funktioniert, dass ein Masterplan entworfen wird und zu einem bestimmten Stichtag alles umgestellt wird.

Der Weg dorthin: heute schon bestehende Freiräume ausdehnen…

Freiräume verändern Menschen und unsere Wünsche.

Bleibt die Frage, wie wir dahinkommen. Die erste Antwort darauf lautet: Wir sind schon da! Menschen erproben an vielen Orten veränderte Institutionen, Infrastrukturen oder Organisationsformen jenseits von Markt und Staat. Diese Freiräume – von der Solidarischen Landwirtschaft über den selbstorganisierten Kinderladen bis hin zu Genossenschaftsbetrieben – sind Labore, in denen andere Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens eingeübt werden. Sie entstehen innerhalb und trotz der alten Strukturen – nehmen aber ein zukunftsfähiges Gesellschaftssystem im Kleinen vorweg. Freiräume verändern Menschen und unsere Wünsche, stellen Lernräume dar und können in Kombination mit den anderen Strategien qualitative Veränderungen sozialer Systeme nach sich ziehen.

… revolutionäre Realpolitik betreiben…

Eine zweite Strategie setzt bei heutigen Strukturen, Institutionen und Gesetzen an und versucht diese schrittweise zu verändern. Wenn diese politischen Reformen dabei über das aktuell vorherrschende Gesellschaftssystem hinausweisen und weitere Transformationen begünstigen, lassen sie sich als revolutionäre Realpolitik beschreiben. Am Beispiel der Mobilität lässt sich dieser Unterschied gut darstellen: Die Förderung von privaten Elektroautos zementiert Strukturen des motorisierten Individualverkehrs, die mit riesigen sozialen und ökologischen Kosten (z.B. Unfälle, Straßenbau, Ressourcenverbrauch) verbunden sind. Die Förderung des ÖPNV oder der Ausbau von Fahrradwegen hingegen ermöglicht den Umstieg auf ein zukunftsfähiges Mobilitätsmodell. Weitere Beispiele für revolutionäre Realpolitiken sind eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, radikale Umverteilung von Einkommen und Vermögen, z.B. durch Steuern, kommunale Mitbestimmung oder ein Grundeinkommen.

… ein breites Bündnis der gesellschaftlichen Kräfte schmieden

Einer dritten Strategie schließlich geht es darum, Gegenmacht aufzubauen. Denn andere Wirtschaftsstrukturen von unten zu entwickeln und grundlegende Reformen zu erreichen braucht nicht nur Mehrheiten in der Bevölkerung, sondern auch die konkreten Mittel, Ressourcen und gesellschaftliche Macht, um die dafür notwendigen Veränderungen durchzusetzen. Grundlegende Gesellschaftstransformationen sind nur möglich, wenn sich die vielfältigen Akteur*innen – von den Medien über Parteien bis hin zu ökonomischen Pionier*innen – zusammenschließen, um zukunftsweisende Bündnisse zu schmieden und Diskurse zu verschieben. Also eine Weltsicht zu verbreiten, die für eine Zukunft für alle jenseits von Herrschaftsverhältnissen steht, und diese gemeinsam zu erkämpfen: inklusiv, feministisch, anti-rassistisch, dekolonial, ökologisch, demokratisch, erreichbar. Hierfür müssen Auseinandersetzungen in den Köpfen und zwischenmenschlichen Beziehungen, auf den Straßen, in den Betrieben, Krankenhäusern und Parlamenten geführt werden.

All diese Strategien müssen dabei an den gesellschaftlichen Entwicklungen ansetzen, die zum jeweiligen Zeitpunkt stattfinden und oft krisenhaft verlaufen. Derzeit zeigt die Corona-Krise, wie stark Krisen Gesellschaften verändern – und dabei manchmal auch Möglichkeitsfenster für eine Zukunft für alle sein können, wenn sie genutzt werden.

Die Autorinnen und Autoren engagieren sich im Konzeptwerk für Neue Ökonomie in Leipzig. Seit 2018 erarbeiten sie Ideen für ein zukünftiges Zusammenleben, das auf einem ökologischen und solidarischen wirtschaftlichen Handeln basiert. Sie setzen auf die Lernfähigkeit und -willigkeit der Menschen und die Kraft des gemeinsamen demokratischen Handelns.

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