Glaube im Netz Christliche Influencer

Die Corona-Pandemie zwingt zum Nachdenken über neue Formen kirchlicher Präsenz. Die Nutzung digitaler Medien scheint manchem der Königsweg aus der Kommunikationskrise. Aber ist echte Glaubensvermittlung überhaupt netzkompatibel und was können z.B. christliche Influencer leisten?

Käme Jesus heute wieder, wäre sein Publikum, so die Erwartung von nicht wenigen Netzaktivisten, eine Internetgemeinschaft. Jesus selbst wäre ein Influencer und seine Jünger wären Follower. Damit aber kommt etwas zusammen, was offenkundig nicht zusammengehört. Eine professionelle Influencerin wie Dagi Bee bietet ihren privaten Alltag in den sozialen Medien dar und verweist dabei – ganz im Sinne des Influencer Marketings – auf Produkte, die zu diesem Alltag gehören. Die Follower „folgen“ den Kaufempfehlungen vor allem deshalb, weil sie über die Produkte am (erfolgreichen) Leben der Influencer teilhaben wollen.

Im christlichen Glauben steht kein Produkt, sondern die Heilsbotschaft Jesu im Mittelpunkt. Diese Botschaft ist nicht käuflich, sie ist unbezahlbar. Jesus ist kein Verkäufer. Er ruft Menschen in eine Nachfolge, in der das „Dienen“ entscheidend ist, nicht aber das Konsumieren (Joh 12,26).

Wenn Influencer Produkte bewerben, erfüllen sie nicht nur Bedürfnisse ihrer Follower, sie kreieren sie auch. Jesus schafft keine künstlichen Bedürfnisse. Er weiß um eine ganz andere Bedürftigkeit des Menschen. Der Mensch ist heils- und erlösungsbedürftig. Erlösung, das Heil vermag der Mensch nicht aus eigener Kraft heraufzuführen, auch nicht über den Erwerb von Produkten.

Im Glauben geht es um die Wahrheit schlechthin, Jesus Christus (Joh 14,6), Influencer dagegen promoten eine Ware und wollen dabei hohe Aufmerksamkeitswerte erzielen, um Follower an sich zu binden, die sie „liken“. Jesus kündet von einem Gott, der uns bedingungslos annimmt, unabhängig von der Aufmerksamkeit, die wir bei anderen erlangen. „Bei Gott ist kein Unrecht noch Ansehen der Person“ (2. Chr 19,7). Gott „sieht das Herz an“ und nicht die Anzahl der Likes (1. Sam 16,7).

Religiöse Show

Eine Kirche, die sich angesichts dieser Unvereinbarkeiten von der digitalen Welt distanziert, wird endgültig zu einem Nischenphänomen. Kirche muss sich offen auf die digitale Welt einlassen und sich im Netz erkennbar positionieren. Das Beispiel der christlichen Influencerin Jana Highholder zeigt, dass dies durchaus effektiv geschehen kann. Obwohl ihr Youtube-Kanal „Jana glaubt“ von der Kirche aus finanziellen Gründen nicht mehr unterstützt wird, gelang es dieser Influencerin bis zuletzt, auch kirchenfernen Nutzern anschaulich und ansprechend vom Glauben zu erzählen.

Für Highholder ist Glaube vor allem eine praktische Lebenshilfe. Highholder stellt damit primär auf die Funktion des Glaubens ab. Sie fragt, was Glaube leistet und weniger, was er „ist“. Dazu fügt sich, dass sich das Evangelium, so Highholder in einem „Puls“-Interview, nicht an „alten Gemäuern“ der Kirche festmacht. An dieser Stelle liegt Highholder auf einer Linie mit anderen christlichen Influencern, die im Netz dezidiert nicht als Vertreter der „Institution“ Kirche agieren und so dazu beitragen, dass der Graben zwischen Glauben und Institution immer tiefer wird.

Auch theologisch-wissenschaftliche Lehre ist im Netz nicht angesagt, sondern vielmehr ein niedrigschwelliges Angebot, das den Nutzern auch etwas „bieten“ und zugleich Aufmerksamkeit erzeugen muss, um nicht im digitalen Aus zu landen. Wohin die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie dabei letztlich führen können, wird in den Gottesdiensten zweier Pfarrer in Bremerhaven deutlich, die mit lila Haaren und Skateboards in der Kirche unterwegs sind und deren unterhaltsam verpackte Predigten im Netz große Zustimmung erhalten.

Die Gefahr, dass sich hier Showelemente von religiösen Inhalten verselbständigen, hat der Medienkritiker Neil Postman bereits 1985 in seinem Bestseller Wir amüsieren uns zu Tode beschrieben. Nach Postman ist es nicht bedenklich, „dass die Religion zum Inhalt von Fernsehshows wird“, wohl aber, „dass Fernsehshows zum Inhalt der Religion werden“.

Digitalisierte Kirche

Der christliche Influencer Gunnar Engel will nach eigenen Angaben keine Show darbieten. Er weiß jedoch, dass es im Netz auch auf das Äußere ankommt. Entsprechend wirkt Engel mit seinen eingängig präsentierten Glaubensbotschaften trendig und „cool“. Er tritt locker auf – mit Tattoos und lässigem Outfit – und gibt zudem Einblicke in sein Privatleben. Engel ist so wie ein professioneller Influencer seinen Followern ganz nah. Die Follower können sein Leben miterleben und erfahren, was dieser Influencer von sich preisgibt. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass die Person wichtiger wird als die von ihr vertretenen Inhalte.

In Zeiten, in denen Kirche längst nicht mehr die Herzen der Menschen berührt, braucht es Glaubensvorbilder, die begeistern und mitreißen. Jeder ist aufgefordert, ein Vorbild zu sein „im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit (1. Tim 4,12). Diese Aufforderung bedeutet nach biblischem Zeugnis vor allem auch, das Evangelium „ohne Falsch zu lehren“ und zu leben (Tit 2,7). Maßstab hierfür ist Hingabe und nicht Selbstdarstellertum.

Wer anderen zum Vorbild wird, sollte, so heißt es im 1. Petrusbrief, „von Herzensgrund“ handeln (1. Petr 5,2). Dort, wo Influencer zu Vorbildern werden, verliert diese Haltung zunehmend an Bedeutung. Nicht mehr das Vorbildsein steht im Vordergrund, sondern das Bild, das Image, das man von sich selbst entwirft und präsentiert.

Durch einen Influencer wie Gunnar Engel steht die Kirche besser da. Aber über ein positives Image kommt man nicht automatisch zu einem alltagspraktisch gelebten Glauben. Christliche Influencer „wirken“ in den digitalen Medien, nicht aber gleichermaßen im religiösen Alltag. Von hier aus ist es fraglich, ob christliche Influencer Menschen wieder zur Teilnahme am analogen Gottesdienst bewegen können.

Die Journalistin Nele Antonia Höfler ist an dieser Stelle – siehe den FAZ-Bericht vom 28.8.2019 – äußerst skeptisch. Jesus trug den Jüngern auf: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium!“ (Mk 16,15). Dieser Verkündigungsauftrag wird, so Höfler, in digitalisierten Zeiten verkehrt. Er lautet nunmehr: „Gehet hin und bleibt zu Hause!“

Kirche im digitalen Raum mag über christliche Influencer an Authentizität gewinnen, aber das leibhaftige Gemeindewerden, das unmittelbare religiöse Erleben fällt aus. Glaube, wie er von Influencern dargeboten wird, ist nicht mehr an kirchliche Strukturen und Ausdrucksformen gebunden. Es kommt zu einer gegenläufigen Entwicklung, in der sich die Digitalisierung den analogen religiösen Raum aneignet. Smartphones und Tablets halten Einzug in den Gottesdienst, Pfarrer predigen per App. Der Segen wird mittlerweile auch von einem Roboter namens „Bless U-2“ gespendet, der über das technische Potential verfügt, eines Tages Gottesdienste zu zelebrieren.

In dem Maße, in dem der Einfluss des Technisch-Digitalen zunehmend wächst, wird letztlich auch das Gottesbild technizistisch überformt. Wie weit diese Entwicklung gehen kann, zeigt die vom Robotiker Anthony Levandowski gegründete Kirche „Way of the Future“, in der Menschen eine auf künstlicher Intelligenz beruhende Gottheit anbeten.

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