Die große Antithese Luthers Menschenbild und die Neuzeit

In der Kirche gibt es zu viel Lazarettpoesie, sagt Norbert Bolz. Der Berliner Publizist und Medienwissenschaftler geht scharf mit der Evangelischen Kirche ins Gericht und fordert die Rückkehr zu Martin Luther.

Einer größeren Leserschaft ist Norbert Bolz durch meinungsstarke Analysen zu Medienthemen bekannt. Am Ende der Gutenberg-Galaxis – die neuen Kommunikationsverhältnisse lautet ein Titel von 1993 (Neuauflage 2008). Im Jahr 2007 erschien Das ABC der Medien. Doch auch zu sozialethischen Themen äußert sich der Berliner Publizist. Etwa wenn es gilt, die Bedeutung familiärer Bindungen hervorzuheben wie in Die Helden der Familie, oder wenn er sich als Herausgeber der Aufsatzsammlung Was ist der Mensch? (2003) Fragen der Biotechnologie und Robotik stellt.

Immer wieder begegnen dabei Überlegungen zu Sinn, zu Transzendenz und zu Religion. Jüngst erschien der Debattenbeitrag Zurück zu Luther, eine tüchtige Portion Kirchenschelte inklusive. Bereits vor längerem hatte sich eine intensivere Auseinandersetzung mit der Religionsthematik angekündigt in Das Wissen der Religion (2011).

Hat Luther nur gelebt oder auch etwas gesagt?

Das Lutherbuch zum Jahr 2017 scheint da wie eine nahe liegende Fortführung von bereits Begonnenem. Rund um den Reformator kursieren derzeit ja so viele Geschichtsdarstellungen und Biographien, dass sich die Frage stellen könnte, ob Martin Luther nur lebte, oder ob er auch etwas gesagt hat. In diese Konstellation darf man das Buch von Norbert Bolz wohl geschrieben und gestellt sehen. Es erinnert an zentrale Themen und Begriffe lutherischer Theologie. Der Autor greift dabei auch schwergewichtige Worte der theologischen Tradition auf wie (Gottes) Gerechtigkeit, die Willensproblematik oder die „Verborgenheit Gottes“. Als Philosoph, der Assistent bei dem jüdischen Religionsphilosophen Jacob Taubes war, setzt er sich zudem ausführlich mit der Verzahnung oder Gegenüberstellung (oder, wie andere behaupten, gar impliziten Aufhebung) von Neuzeit und reformatorischen Einsichten auseinander.

Der prägnante und pointierte Schreibstil fordert dem Leser durchaus konzentriertes Lesen ab. Theologie und Philosophie treffen dabei auf verschiedensten Ebenen aufeinander. Luther selbst war ja studierter Philosoph als Absolvent der Artistenfakultät (Trivium und Quadrivium der septem artes liberales) und Denker von Format. Bekanntlich hat er der damals vorherrschenden Philosophie (Stichwort Substanzontologie) mit Verve den Abschied gegeben – zu Recht, wie sich heute mit den aktuellsten Ansätzen der Quantenlogik sagen lässt (zur Quantenmechanik vgl. evangelische aspekte 2/2015, Theologie und Physik) – und hat zugleich mit seiner Hervorhebung der Kategorie der Relation der weiteren Wissenschaftsgeschichte wegweisende Impulse mitgegeben. Mit seiner entschiedenen Worttheologie nahm der Reformator Wesentliches auch und gerade in (sprach-)philosophischen Denktraditionen vorweg und war auch hier mitten im Mittelalter ein Prae-Moderner.

Im Anfang ist das Wort

Er begründet damit auch so etwas wie eine reformatorische Wende in der Philosophie. Luther gibt dem Wort und dessen Wirkmächtigkeit die Zentralstellung. „Das Wort, das Wort, das Wort, das tut’s…“: ein vorgezogenes „How to do things with words“ (J. Austin), wie es später die moderne Sprechakt-Theorie ausformulieren sollte. Dies ist einer der zahlreichen Punkte, die Norbert Bolz identifiziert, an denen sich einzuhaken lohne und die die anhaltende Aktualität Luthers aufzeigen. „Denn gerade die modernen Sprachphilosophen haben uns ja gezeigt, wie man Dinge mit Worten macht. Sie haben uns gezeigt, wie der Sprechakt eines verpflichtenden Wortes unsere Lebenswelt verändert. […] die Politiker, die einen Pakt schließen; die Bürger, die die Republik ausrufen; der Informatiker, der ein Programm schreibt – sie alle schaffen durch Worte eine veränderte Wirklichkeit.“ (Zurück zu Luther, S.16)

Schon in Das Wissen der Religion zitiert Bolz ausführlich den „Worte sind Taten“-Vordenker Ludwig Wittgenstein. Zum Beispiel mit dessen frühen Tagebuch-Aufzeichnungen: „An einen Gott glauben heißt, den Sinn der Welt verstehen.“ (Tagebucheintrag vom 8.7.1916) Die Gottes-Frage, oder anders gewendet die nach Transzendenz und Religion, wird in den Beiträgen des Berliner Kommunikationstheoretikers in vielen Facetten aufgeworfen und kritisch reflektiert.

1. Herr Professor Bolz, warum sind Sie mit der Evangelischen Kirche nicht zufrieden?

Die Evangelische Kirche passt sich zu sehr dem Zeitgeist an. Vor allem an der Spitze sind ihre Vertreter von den üblichen Verdächtigen der Political Correctness kaum mehr zu unterscheiden. Durch Sentimentalität überdeckt man politische Inkompetenz. Durch die vielen kleinen Kreuze der Sozialpastorale und die ihnen geltende „Lazarettpoesie“ (Goethe) verstellt die Evangelische Kirche das Kreuz.

1.1 Sie wünschen sich in der Kirche mehr von dem, was der dänische Philosoph Kierkegaard als Glauben für Erwachsene bezeichnete. Was ist damit gemeint?

Gestatten Sie mir zunächst eine Pedanterie: Kierkegaard ist für mich kein Philosoph sondern Theologe. Und alle Philosophie, die er inspiriert hat, hat einen theologischen Glutkern (auch und gerade Heidegger!). Aber zu Ihrer Frage: Glaube für Erwachsene ist das Gegenteil zum Eiapopeia vom Himmel. Der Schwerpunkt des christlichen Glaubens liegt auf dem Kreuz, d.h. auf dem Ernst, d.h. auf dem Leiden. Der Karfreitag ist wichtiger als Weihnachten.

1.2 Als einer von Wenigen im Reformationsjahr 2017 thematisieren Sie auf ernsthafte Weise Luther den Theologen. Sie sprechen von Gnade, Sünde, Gottes Geschenk und sparen auch sperrige Themen wie Luthers Unterscheidung von freiem und unfreiem Willen nicht aus.

Ja, in der Tat. Die große protestantische Chance liegt gerade in den sperrigen Begriffen. Man muss den Glauben üben, also lernen, ein Sünder zu sein; lernen, ein Geschenk anzunehmen. Das wäre ein guter Anfang: sich einzugestehen, dass man nicht versteht, was Gnade ist. Den Glauben üben – man könnte auch sagen: versuchen, aus der neuzeitlichen Identität herauszutreten.

2. Sie bezeichnen sich selbst als Hobbytheologen. Ihr Buch „Zurück zu Luther“ bietet gleichwohl anspruchsvolle Kost auf hohem Reflexionsniveau. Was ist, für andere Hobbytheologen gesagt, Luthers Kernbotschaft an uns?

Mit dieser Frage wollen Sie mich aufs Glatteis führen. Natürlich kann man Luther nicht auf eine Botschaft reduzieren. Aber was mir besonders wichtig ist: Luthers Glaube ist die große Antithese zur neuzeitlichen Selbstermächtigung, und seine Kritik der Werkgerechtigkeit ist die große Antithese zum Gutmenschentum. Luther hatte ein realistisches Menschenbild, das ein gutes Antidoton (Gegenmittel, d. Red.) wäre gegen den Humanitarismus unserer Zeit.

2.1 „Realistisches Menschenbild“ scheint es bei Luther zu treffen. Was aber ist dann problematisch an Menschen, die gut und human sein wollen?

Natürlich nichts. Ich gehe davon aus, dass wir alle gut und human sein wollen. Aber ich halte es in dieser Frage mit Mark Twain: Gutmenschen sind gute Menschen von der schlimmsten Sorte. Schlimm ist nicht nur, dass sie ihre gute Gesinnung geradezu obszön zur Schau tragen, sondern mehr noch, dass sie damit allen anderen ein schlechtes Gewissen machen, alle anderen unter Rechtfertigungszwang setzen wollen. Sie wollen, wie Odo Marquard so richtig gesagt hat, das Gewissen sein, um es nicht haben zu müssen.

2.2 In der EKD ist eine Debatte entstanden zur Gegenwartsbedeutung der Theologie Martin Luthers und der Rechtfertigungslehre. Sie sprechen an dieser Stelle etwa von Tribunalisierung, von dem lebenslang Angeklagten der Neuzeit. Beispielfrage: Im Blick auf die Jahre 1933–45 wird gesagt, dass hier eine Schuld geschah, die unauslöschlich ist. Fast könnte man sagen, eine „ewige Erbschuld“, die immer weitergegeben wird. Eine moderne Version von Erbsündenlehre? Wenn andererseits aber sogar die „Erbsünde“ theologisch als überwindbar gilt…? Oder hinkt dieser Vergleich?

Ja, das ist die spezifisch deutsche Religion: dass wir eine einzigartige Schuld auf uns geladen haben, die nie vergeht und die wir immer tragen müssen. Das Holocaust-Gedenken ist unser zivilreligiöses Ritual. Das finde ich eigentlich gut. Aber viele Deutsche – und das ist ihr Sündenstolz – bestehen darauf, die Weltmeister des Bösen gewesen zu sein, um jetzt als Weltmeister des Guten auftreten zu können. Das ist heuchlerisch und, wie ich finde: unchristlich. Prinzipiell ist die Erbsündenlehre ein Anker des Realismus in einer zunehmend von Phantasmen geprägten Welt. Sie erspart den Gläubigen eine Anthropologie und eine Kulturtheorie. Der Mensch an sich ist böse und er braucht die Gnade Gottes. Das scheint mir realistisch. Dass die Erbsünde, die Sie in Anführungszeichen schreiben, theologisch überwindbar ist, wusste ich nicht. Da fehlt mir wohl die einschlägige Ausbildung…

2.3 Es scheint, dass theologische Begriffe wie Erbsünde, Gesetz oder Willensfreiheit in ihrer Bedeutung uns Heutigen generell verstellt sind und erst wieder neu erschlossen werden müssten. Luther unterscheidet, wie Sie ausführen, zwischen einem freien Willen in irdischen, zeitlichen Angelegenheiten und einer prinzipiellen Abhängigkeit von Gott – dem unfreien Willen, der erst durch Gottes Geist frei gemacht werden muss. Wie ist dies genauer zu verstehen?

Gerade diese Begriffe zu klären, war ja der Sinn meines Luther-Büchleins. Aus dem Begriff der Erbsünde folgt ja schon, dass wir einen freien Willen haben, nämlich den, Böses zu tun. Er ist immer schon zum blinden Eigenwillen korrumpiert, und daraus folgt: Wer tut, was er will, ist nicht frei. Gerade diese Erfahrung müsste heute eigentlich jeder schon gemacht haben. Und hier wird es nun dialektisch. Es ist gerade die „schlechthinnige Abhängigkeit“ (Schleiermacher) von Gott, die uns zur Gelassenheit befreit, das Eine, das Not tut, zu tun. Und genau so eng ist der Zusammenhang mit dem Begriff Gesetz. Die Unerfüllbarkeit des Gesetzes war ja die Grunderfahrung von Paulus. Es ist eigentlich identisch mit dem Begehren des alten Adam. Und von Adam zu Christus führt eben keine Pädagogik, sondern nur die Gnade Gottes. Das war wohl die Grunderfahrung Luthers.

3. Wenn Luther von der „fremden Gerechtigkeit“ spricht (iustitia aliena), also einer geschenkten Gerechtigkeit, die dem Menschen von außen zukommt, was heißt das für die Ethik, zum Beispiel auch für eine Medienethik?

Fremde Gerechtigkeit kann doch wohl nur heißen, dass wir uns nicht anmaßen sollten, Gottes Wort als Ethik zu reformulieren. Überhaupt bin ich der Meinung, dass Theologie uns vor der Ethik der Talkshows schützen sollte. Übrigens auch vor dem Rigorismus des kategorischen Imperativs, der ja eben keine Gnade kennt. Jedenfalls folgt aus „fremder Gerechtigkeit“ keine „soziale Gerechtigkeit“, und aus dem Evangelium folgt kein Moralismus. Apropos Medienethik: die gibt es meines Erachtens gar nicht. Es handelt sich dabei wohl nur um eine Erfindung der Bildungspolitiker.

3.1 Spricht uns die fremde Gerechtigkeit somit auch davon frei, selbst gerecht zu handeln? Du sollst nicht töten: Martin Luther vertrat ja durchaus eine konkrete materiale Ethik, etwa in seinen Auslegungen der zehn Gebote und der Bergpredigt (Katechismen, die frühen Sermone…).

Es geht nur um die Inkommensurabilität (Unvergleichbarkeit, d. Red.) von menschlicher und göttlicher Gerechtigkeit. Man kann sich das ex negativo am deutlichsten machen: Gottes Gerechtigkeit erscheint den Menschen meist als ungerecht – vor allem den „Gerechten“, die sich etwas auf ihren Gerechtigkeitssinn einbilden. Man denke an Kain und Abel, Esau und Jakob – und vor allem natürlich an die Arbeiter im Weinberg. Über Gottes Gerechtigkeit sind nur die Sünder froh: Gott lässt Gnade vor Recht ergehen. Was könnte daraus für unser Verhalten im Alltag folgen? Nicht rigoristisch sein (gegen Kant). Oder Billigkeit (mit Aristoteles).

3.2 Abschließend doch nochmals die „ethische Frage“ an den Medienwissenschaftler: Welche Herangehensweise sollte im Umgang mit „den“ Medien leitend sein, z.B. auch mit post-kulturellen (Simanowski) Illusionsmedien wie Facebook und mit „Hasskaskaden“ im Internet?

Darüber habe ich gerade einen Aufsatz in „Cicero“ (Heft 3/2017, d. Red.) veröffentlicht. Um meine Argumentation in einem Satz zusammenzufassen (und in Anlehnung an Carmen Geiss): Liebe deine Hater!

Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg im März 2017. Ausgangspunkt waren zunächst drei Fragen, auf die verabredungsgemäß weitere sieben folgten.

Zum Weiterlesen

Norbert Bolz: Zurück zu Luther, Wilhelm Fink Verlag 2016, 141 Seiten.

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