Eugen Drewermann: Luther wollte mehr Der Reformator und sein Glaube

Herder Verlag, Freiburg 2016,. 320 S., 16,99 EUR, E-Book: 15,99 EUR

Drewermann entfaltet theologisch und psychoanalytisch die Rechtfertigungslehre Luthers als Antwort auf die Lage des Menschen in der Welt. Insofern unterliege sie keiner zeitlichen oder kulturellen Einschränkung. Luther, getreuer Interpret Jesu, habe jedem Menschen den Glauben erschlossen, in dem er zu einer Person heranreifen könne, „die sich annehmen darf in ihrer Begrenztheit, in ihrer Relativität, in ihrer Gebrochenheit.“ (S. 17) Aus diesem unbegrenzten Vertrauen heraus habe Jesus selbst gelebt.

Ein solcher Glaube bedürfe der Person eines absoluten Gegenübers, Gottes, dessen Gnade als Liebe dem Menschen jede Angst nehme und ihn vor Verzweiflung bewahre. Angst nämlich entmenschliche den Menschen, weil sie ihn selbstbezogen mache und gegen den Mitmenschen als Konkurrenten positioniere. Somit sei Gott der Name für das, was den Menschen als Menschen „unbedingt angeht“. Wenn nun der Glaube eine Haltung und Gott die „Ermutigung“ ist, „man selber zu sein und dafür geradezustehen“ (S. 311), habe Luther diesen Glauben 1521 auf dem Reichstag existentiell bewahrheitet. „Das war der wahre Anfang der Reformation“, meint Drewermann (S. 101).

Reformation zu feiern bedeute aber, Luther weiter zu entwickeln und aus seinem theologischen Ansatz der Gnade „mehr“ zu machen. Was Luther, Kind zweier Welten, noch nicht vermochte, hätten auch die protestantischen Kirchen nicht vorangebracht: sein repressionsfreies Gottesbild für die Humanisierung einer gnadenlosen Welt wirksam werden zu lassen. Die gegen eine Vergesetzlichung und Moralisierung der Existenz gerichtete Einsicht Luthers: „Du musst auf die Person schauen“ (um ihr gerecht zu werden), müsse heute mit der Psychologie, Psychiatrie, Psychoanalyse und Neurologie (S. 169) zu Ende gedacht werden.

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