Mensch werden als tägliche Aufgabe Herausfinden, wie das Leben geht

Bei der Suche nach dem, worauf es im täglichen Leben und Zusammensein ankommt, geraten wir immer wieder auf Irrwege und erzeugen ständig neue Verwicklungen. Um uns daraus zu befreien, müssten wir wiederfinden, was wir unterwegs verloren haben: Das Gefühl und das Wissen unseres eigenen Eingebettetseins in das Leben, in die Natur, in das göttliche oder kosmische Geschehen, das uns hervorgebracht hat.

Die Tiere haben es leichter als wir. Sie verfügen über genetisch verankerte Triebe und Instinkte, mit deren Hilfe sie sich als Glühwürmchen und Maikäfer, als Fledermäuse und Lachse und wie immer sie alle heißen, in ihrer jeweiligen Lebenswelt bestens zurechtfinden. Probleme bekommen sie allerdings dann, wenn sich diese Lebenswelt zu stark verändert. Dann wissen sie nicht mehr weiter, ihr Instinkt führt sie immer wieder zurück in die alten, nun aber nicht mehr brauchbaren Reaktionsmuster. Ihr Körper reagiert darauf mit massiven Stressreaktionen und wenn die über längere Zeit anhalten, werden sie entweder krank oder bekommen ihren Nachwuchs nicht mehr hoch und sterben schließlich aus.

Im Gegensatz zu ihnen sind wir Menschen wahre Anpassungskünstler. Das verdanken wir unserem zeitlebens lernfähigen Gehirn. Mit Hilfe unseres Verstandes können wir immer wieder neue Vorstellungen davon herausbilden, worauf es im Leben ankommt und unsere Lebenswelt so gestalten, wie wir das für sinnvoll und richtig halten. Das wird dann in Form der in einem bestimmten Kulturkreis verbreiteten Welt- und Menschenbilder verdichtet. Sie sind historisch gewachsen und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Da wir Menschen bei unserer Lebensgestaltung immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen und neue Erfahrungen machen, werden sich auch unsere Vorstellungen über die Welt und über uns selbst immer wieder verändern.

Die Macht der inneren Bilder

Das menschliche Gehirn arbeitet nicht wie ein Taschenrechner. Es ist kein Computer, nicht von irgendwelchen, von irgendwem irgendwo eingebauten Programmen gesteuert. Es organisiert sich selbst, und zwar anhand der von einem Menschen im Verlauf des Lebens gemachten Erfahrungen. „Erfahrungsabhängige Neuroplastizität“ nennen das die Neurobiologen. Im Gegensatz zu den Tieren wissen wir Menschen nicht, wie das Leben geht. Wir müssen es erst herausfinden. Und dabei machen wir auch immer wieder Fehler, und die helfen uns zu erkennen, wie es besser gehen könnte. So funktioniert Lernen. Schon im Mutterleib, dann als Kinder und ein ganzes Leben lang, bis ins hohe Alter sind wir als Suchende unterwegs. Die Kinder machen uns vor, wie es geht: Durch spielerisches Ausprobieren, bis es endlich klappt mit dem Laufen, dem Sprechen, dem Fahrradfahren und allem anderen. Damit wir nicht immer wieder neu beginnen müssen, verfügt unser Gehirn über die Fähigkeit, innere Muster, also neuronale Verschaltungsmuster aufzubauen, die diese Handlungen lenken. Sie werden in den hochkomplexen Bereichen der Hirnrinde verankert und als übergeordnete „innere Bilder“ benutzt, um die vielen einzelnen, z.B. beim Schwimmen oder beim Lesen erforderlichen Reaktionsschritte zusammenzubinden und zu koordinieren. Solche inneren Bilder eines bestimmten Handlungsablaufes werden aktiviert und benutzt, um die vielen, für diese Handlung erforderlichen Einzelreaktionen der Muskelfasern so zu koordinieren, dass eine gezielte Handlung ablaufen kann. Je besser sie funktioniert, desto fester werden diese handlungsleitenden Muster verankert.

Ähnlich ist es auch auf der Ebene des Verhaltens eines Menschen. Was jemand wann macht und wie er sich verhält, wird von übergeordneten inneren Bildern gelenkt. Wir bezeichnen sie als innere Einstellungen oder Haltungen. Wer fest davon überzeugt ist, dass Konflikte im Leben auf friedfertige Weise gelöst werden sollten, wird sich völlig anders verhalten als jemand, der gern mit anderen Streit anzettelt und Konflikte schürt. Von außen beobachten lassen sich nur die jeweiligen sehr verschiedenen Verhaltensweisen. Die dieses Verhalten steuernden, ihm zugrunde liegenden unterschiedlichen Einstellungen und Haltungen bleiben unsichtbar.

Und dem gleichen Prinzip folgend bilden Menschen auch übergeordnete innere Bilder davon aus, wie die Welt, in der sie leben, beschaffen ist, was Menschsein bedeutet, und wie sie ihr Leben gestalten wollen. Manche betrachten und empfinden sich als „getrennt“ von anderen und in einer bedrohlichen Welt lebend. Andere erleben sich mit anderen verbunden und eingebettet in eine natürliche, kosmische oder auch göttliche Ordnung. Manche sind davon überzeugt, Gestalter ihres Lebens zu sein, andere betrachten sich als Opfer der Verhältnisse. Manche bezeichnen sich als „göttliches Wesen“ oder gar als „Krone der Schöpfung“, andere als „nackte Affen“ oder „Irrläufer der Evolution“. Diese als feste Überzeugungen in ihrem Gehirn verankerten Welt-, Menschen- und Selbstbilder sind bestimmend dafür, wie Menschen mit sich selbst, mit anderen, auch mit der Natur im täglichen Leben umgehen.

Erleben wir einen Wandel unseres eigenen Selbstverständnisses?

Inzwischen wird immer deutlicher, dass die mit diesem Selbstverständnis geschaffenen Probleme und die damit einhergehenden Krisen und Konflikte mithilfe der alten Denk- und Handlungsmuster und der für ihre Umsetzung geschaffenen Organisations- und Ordnungsstrukturen nicht mehr gelöst und bewältigt werden können.

Zeitlebens ein lernfähiges Gehirn

Deshalb stehen wir nun am Beginn einer tiefgreifenden Verwandlung. Gemeint ist damit nicht, dass künftig sehr vieles anders, nachhaltiger, zielführender, effizienter oder sonst wie „besser“ gemacht werden muss als bisher. Das wären ja alles nur Verbesserungen des bereits Bestehenden. Sogar das Bemühen, die Welt verändern oder gar retten zu wollen, ist aus diesem alten Selbstverständnis erwachsen. Möglicherweise geht es gar nicht um die Frage, was wir angesichts des gegenwärtigen Zustandes unserer Welt alles – und dazu auch noch möglichst schnell – verändern müssen.

Möglicherweise geht es jetzt vor allem um uns selbst, um die Bewusstwerdung unseres individuellen und bisher kaum hinterfragten Selbstbildes, und damit auch unseres bisher als ausreichend und zutreffend empfundenen Menschen- und Weltbildes. Damit wären wir am Beginn eines Zeitalters angekommen, in dem nicht mehr die Trennung und Nutzbarmachung der Dinge dieser Welt im Mittelpunkt aller Bemühungen steht, sondern die Suche nach dem, was uns Menschen überall auf dieser Welt miteinander und auch mit allen anderen Lebewesen verbindet. Statt uns voneinander abzugrenzen und uns gegenseitig wie Objekte zur Erreichung unserer jeweiligen Ziele zu benutzen, könnten wir nun lernen, wie erfüllend und beglückend es sein kann, uns miteinander und mit allem, was lebendig ist, zu verbinden.

Ein wesentliches Kennzeichen dieses sich gegenwärtig abzeichnenden Wandels unseres Selbstverständnisses ist die Suche nach dem, was uns Menschen ausmacht. Der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz hatte es bereits vor einigen Jahrzehnten mit dem Hinweis auf den Punkt gebracht: „Der Übergang vom Affen zum Menschen, das sind wir“. Und seit der Entdeckung der lebenslangen Plastizität des menschlichen Gehirns und der Verankerung von Erfahrungen in Form neuronaler Netzwerke und Verschaltungen ist deutlich geworden, dass wir Menschen zeitlebens, sowohl als Einzelne wie auch als Gemeinschaften, Suchende sind. Niemand kann sagen, was unser Menschsein ausmacht, wir können es nur selbst auf dieser Suche herausfinden. Und dabei laufen wir ständig Gefahr, uns zu verirren.

Und wie geht es nun weiter?

So ist der Mensch also ein vernunftbegabtes Lebewesen, dass sich selbst darüber bewusst werden kann, wie es sein individuelles Leben, sein Zusammenleben mit anderen Menschen und mit anderen Lebewesen künftig so gestalten sollte, wie uns Albert Schweitzer so eindringlich ins Stammbuch geschrieben hat: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, dass auch leben will“. Vielleicht ist es das, was mit dem in Delphi in Stein gemeißelten Satz „Erkenne Dich selbst“ gemeint ist: Und zu dieser Selbsterkenntnis gehört dann auch die tiefe, nicht nur mit dem Verstand abgeleitete, sondern auch im Herzen empfundene Erkenntnis, dass wir Menschen nicht nur mit allen anderen Menschen, sondern auch mit allen anderen Lebewesen untrennbar verbunden sind

Das werden, was wir von Anfang an sind

Unsere Suche nach dem, worauf es im täglichen Leben und Zusammensein ankommt, wird immer wieder in die Irre und zu immer neuen Verwicklungen führen, solange wir das Gefühl und das Wissen unseres eigenen Eingebettetseins in dieses Leben, vielleicht auch in das göttliche oder kosmische Geschehen, das uns hervorgebracht hat, vergessen, verdrängen oder verleugnen. So hindern wir uns selbst daran, endlich das zu werden, was wir doch von Anfang an sind: Lebendige Wesen, die über die Möglichkeit verfügen, über sich hinaus zu wachsen und das zu verwirklichen und für andere zu ermöglichen, wonach alles Lebendige strebt: individuelle Entfaltung in untrennbarer Verbundenheit mit allem Anderen. Der deutsche Begriff dafür heißt „Liebe“. Und die zeigt sich in dem bedingungslosen Interesse an der Entfaltung des Geliebten. Prosaischer ausgedrückt sind wir Menschen also Kinder der Liebe, die noch immer dabei sind, sich dessen allmählich auch bewusst zu werden.

Eine ausführlichere Version dieses Textes finden Sie in der „Rumpelkammer“ auf der Website akademiefuerpotentialentfaltung.org 

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