Menschsein im politischen Fragment Zum Umgang mit Fragmentierungsdynamiken in heutigen Gesellschaften

Leben im Fragment bedeutet nicht nur Fragmentarität individueller Existenz, sondern auch soziale Verstrickung in Fragmentierungsdynamiken. Wo sind solche Dynamiken wirksam? Wie ist mit diesen umzugehen?

Menschliches Leben individuell und sozial zu fragmentieren, zu zerschlagen, in Stücke gehen zu lassen, ist eine Praxis, die sich momentan in zunehmender Intensität in verschiedenen politischen Situationen weltweit zeigt. Sie wird exemplarisch sichtbar in den autoritären Transformationsmaßnahmen der Trump-Administration in den USA: Im Mai 2025 etwa wird eine muslimische Studierende auf offener Straße durch Beamte des ICE aufgegriffen und festgesetzt. Pro-palästinensische, israelkritische Äußerungen werden ihr zu Last gelegt, sie verliert ihr Studienvisum und muss das Land verlassen. Eine Bildungsbiographie und -hoffnung geht, wenigstens in der bisherigen Form, in Stücke.

Anderes Beispiel: Die inzwischen in den Hintergrund getretene Doge-Behörde Musks veranlasst im Februar 2025 Massenentlassungen in Behörden. Menschen verlieren quasi über Nacht ihren Arbeitsplatz und finden sich in unsicheren Arbeitsverhältnissen vor: Soziales Leben wird prekarisiert, finanzielle Sicherheit fragmentiert. Der Prozess schlägt derzeit auf staatstragende Institutionen und Prozesse durch. Der Kongress als parlamentarisch-legislatives Kontrollorgan der Regierung wirkt stillgestellt, im US-Kontrast dazu patrouillieren Truppen des Militärs in Städten als eine Art Metaexekutive, autorisiert durch Präsidentialdekrete. Die Kanalisierung von Macht durch wechselseitige Kontrolle und Begrenzung staatlicher Institutionen – checks-and-balances – wird brüchig.

Es zeichnet sich ab, dass hinter den Fragmentierungspraktiken ein politisches Handlungsprinzip steckt: „schöpferische Zerstörung“. Der Wirtschaftsphilosoph Peter Schumpeter entwickelte dieses Konzept in den 1940er Jahren in Bezug auf wirtschaftliche Innovationen. Nur radikale Zerstörung, grundlegende Fragmentierung, erzeuge Raum für wirkliche Verbesserungen. Erst das Zerschlagen von Handlungsroutinen entfalte Impulse für wirklich transformative Kreativität. Die Praktiken der Trump-Administration lassen sich lesen als Anwendung dieser Überzeugung auf das Feld von Politik: radikale Fragmentierung als Transformationsmittel des bisherigen liberalen, pluralitätsorientierten politischen Gemeinwesens der USA auf ein autoritaristisches System hin.

Heilsverheißungen zur Legitimierung

Der Transformationsprozess ist dabei mit einem Heilsversprechen verknüpft. Aus den Ruinen der Fragmentierung werde eine andere, heile Gesellschaft erstehen, die an alte Größe und Stärke anknüpfen könne. Die zerstörerische Fragmentierung schaffe Raum für eine andere Art des Zusammenseins: innerlich gereinigt, gestärkt, geglättet, nicht mehr pluralistisch „zersetzt“.  Fragmentierung als politisches Mittel führt in dieser Vorstellung paradoxerweise zu Entfragmentierung: Brüche würden überwunden, so die Verheißung, es entstehe neues Ganz-Sein – whole-ness, Heil-Sein. Ein solches Heilsversprechen dient nicht nur als Vision der Zukunft, sondern auch als Legitimationsgrundlage für die Praxis der Gegenwart: Die Fragmentierung erscheint als legitimes Mittel eben zum Erreichen dieses Zustands; ein vermeintlich nützliches und notwendiges Mittel zum als gut ausgegebenen Zweck.

Eingeschlossen ist dabei, dass nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch individuelle Menschen in ihrer psychisch-körperlichen Gesundheit Schaden nehmen. Radikale Positionen sehen es als ein akzeptables und gewolltes Mittel an, Menschen im Zuge des Transformationsprozesses zu traumatisieren – d.h. psychosomatisch zu fragmentieren. Entsprechend äußerte sich Russel Vought, Direktor des wirtschaftlichen Beraterstabs des US-Präsidenten und Co-Autor der Regierungsagenda Project 2025: „We want the bureaucrats to be traumatically effected… When they wake up in the morning we want them to not to go to work. We want to put them in trauma”.

Christliche Theologien wirken in diesen Herrschaftspraktiken mit, implizit oder explizit. Die Heilsvision, die sie antreibt und legitimiert, ist im US-Kontext christlich geprägt. Christliche Glaubensüberzeugungen werden herangezogen als einigendes Band und konsensuelle Grundlage für die entstehende entfragmentierte Gesellschaft. Der Transformationsprozess dorthin wird als Weg der Läuterung, der Askese und der Überwindung von Sünde gerahmt und plausibilisiert. Der Präsident als Macht, die diesen Transformationsprozess realisiert, gilt mancherorts als von Gott gesandt; eine theo-politische Legitimierung. Die katholischen Bischöfe Robert Barron und Timothy Dolan, Mitglieder des Beratungsgremiums zur „Religious liberty“ Trumps, tragen christlichen „spirit“ dazu bei.

Theologische Kritik und Ausweitung

Wenn wir heute über „Leben im Fragment“ sprechen, dann liegt es vor diesem Hintergrund nahe, nicht nur zu fokussieren auf die Bruchstückhaftigkeit, die Gebrochenheit und Fragmentarität von menschlichem Leben in einer individuell-existentiellen Hinsicht. Dass Leben in Stücke gehen, zerbrochen werden, ist ein Effekt von sozialen, gesellschaftlichen und ganz konkret auch politischen Strukturen und Handlungsformen. Manchmal ist es sogar auch eine erklärte Form eines Willens zur Macht. Und wie sich am Beispiel der Trump-Administration verdichtet zeigt, nehmen Fragmentierungspraktiken heute zu.

Logiken der „schöpferischen Zerstörung“, die Traumatisierungen akzeptieren oder sogar anstreben, gibt es auch anderswo in verwandten Varianten, etwa in Wirtschaftspraktiken und -strukturen, in denen die Prekarisierung von Menschen als Mittel zum Wachstum akzeptiert ist. Und sind nicht auch Kirchen als Institutionen mit den theologischen Diskursen, die ihre Macht legitimieren, manchmal selbst Orte, in denen die Fragmentierung von menschlichen Leben mindestens stillschweigend hingenommen oder sogar gesucht wird? Betroffene von Missbrauch, auf die toxische Theologien zugegriffen haben und die psychosomatische Traumatisierungen / Fragmentierungen erfahren haben, können davon intensiv berichten. Die radikale Aufarbeitung dieser zerstörerischen Theologien der Fragmentierung durch Kirchen steht allerorts erst am Anfang.

Grundkomponenten von „doing fragmentarity“

Vor dem Hintergrund der vorausgehenden Überlegungen lassen sich skizzenhaft einige Komponenten für theoretische und praktische theologische Arbeit im Umgang mit Fragmentierungsdynamiken von Leben in Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Kirche benennen.

Fragmentierung und Entfragmentierung

Eine erste solche Komponente ist, den Blick für Fragmentierungsdynamiken überhaupt zu schärfen. Wie und wo Menschen es erfahren, dass ihr Leben in Stücke geht, wird oft nicht sichtbar. Im Vordergrund öffentlicher Darstellung stehen häufig Maßnahmen von Entscheidern selbst (symbolisch E. Musk mit Kettensäge auf öffentlicher Bühne). Aber inwiefern die getroffenen Maßnahmen zu Fragmentierungen führen und Leben in Stücke gehen, tritt in den Hintergrund. Denn manchmal erfolgt der impact von Maßnahmen erst zeitversetzt, wenn bereits keine öffentliche Aufmerksamkeit auf getroffenen Maßnahmen liegt. Vor allem aber ist die Erfahrung, dass Leben zerbricht, Insouveränität und Prekarität entstehen, bei Menschen häufig mit Scham und Angst besetzt, so dass sie eher versteckt oder überspielt werden muss.

Diesen Dynamiken gegenüber lässt sich Aufmerksamkeit gerade für Fragmentierungseffekte von politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen Praktiken entwickeln. „Fragmentierungsdynamiken“ meint damit nicht allein, dass diese Effekte gezielt und intentional herbeigerufen werden, wie im oben genannten Beispiel der Trump-Administration, das klar abzulehnen ist. Der Blick auf Fragmentierungsdynamiken kann gerade auch auf die ungewollten, nicht-intendierten Effekte gelenkt werden, die eventuell wider besseres Wissen und Wollen in einer Institution, einer Gruppe, einem Handlungskontext auftreten. In den Blick kommt dann die Wirkung von Praktiken im öffentlichen und kirchlichen Raum, inklusive der eigenen Ambivalenz und eventuellen Vulneranz.

Eine zweite Komponente kann sein, eine realistische Haltung in Bezug auf Fragmentierungsdynamiken und Fragmentiertheit von menschlichem Leben einzunehmen, ohne letztere einfach hinzunehmen. Sowohl die Erfahrung, dass menschliche Leben ungewollt zerbrechen, als auch die Praxis, dass Leben gewollt fragmentiert werden, gehören zu unserer Lebensrealität. Menschliche Leben sind in ambivalente, auch vulnerante Verhältnisse verstrickt, manchmal unwissentlich, manchmal sehenden Auges, manchmal als Strategie. Biblische Erzählungen berichten davon ja in großer Bandbreite.

Auch die Vorstellung einer radikal pluralen, diversen Gesellschaft hebt die Herausforderung der Fragmentierung nicht auf. Denn immer, wenn eine neue Perspektive sozial, politisch, kulturell, religiös-theologisch zugelassen, eingespielt, gefördert wird, wie das etwa in multikulturellen Gesellschaftsvorstellungen der Fall ist, bedeutet auch dies, dass gesellschaftliches Leben als Stückwerk (1Kor 13,9) erscheint und gewisserweise fragmentiert wird. Bisherige Weltsichten, die Personen oder Gruppen bei ihrer Lebensgestaltung leiten, können angesichts neuer Pluralität selbst als Fragment, als Teil, sichtbar und irritiert werden. Die Frage, die sich stellt, ist damit nicht, ob Fragmentierung und Fragmentarität gelebt werden, sondern wie: In welchen Weisen und Formen ist es möglich, individuelles und soziales Leben im politischen Fragment zu gestalten, inklusive des Umgangs mit der eigenen Ambivalenz?

Es geht um ein fragmentierungssensibles Ethos.

Zu einem solchen doing fragmentarity gehört aus meiner Sicht eine dritte Basiskomponente: kritische Widerständigkeit. Wenn hintergründige, gewollte oder ungewollte Fragmentierungsdynamiken in den Blick geraten, dann können sie benannt und expliziert werden. Je mehr sie in ihrer Wirkungsweise sichtbar werden, desto mehr verlieren sie ihre Selbstverständlichkeit und werden fraglich. Es wächst Widerständigkeit, und diese kann sich in der Entscheidung verdichten, die Fragmentierungsdynamiken und sie befördernde Strukturen zurückzuweisen. Diese kritisch-widerständige Arbeit kann sich dann mit einer konstruktiv-kreativen Arbeit verbinden. Eine Suche findet statt nicht nach Leben trotz Fragment, sondern nach Leben im Fragment.

Der möglichen Irritation und potentiellen Vulneranz dieses Vorgangs wird mit der erwähnten kritischen Sensibilität begegnet, wie sie weiter zu reduzieren ist; und mit dem Vertrauen / Glauben, dass sich darin etwas Lebenseröffnendes einstellen kann. Wo ein solches fragmentierungssensibles Ethos Gestalt gewinnt und kultiviert wird, entsteht eine Gegenkultur zur zerstörerischen Fragmentierung, wie sie mit der Trump-Administration eingangs beschrieben wurde. Der Angst im Fragment, die dort politisch gewollt als Herrschaftsmittel eingesetzt ist, wird hier das Vertrauen im Fragment als gewaltwiderständiges Lebensmittel entgegengesetzt.

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