Wer ist dem Zauber des Neuanfangs noch nicht erlegen? Ob es sich um ein neues Zuhause nach dem Umzug, um eine frische Verliebtheit oder nur schlicht eine neue Anschaffung für Leib oder Seele handelt – jede dieser Zäsuren hat etwas Initiatorisches. Wir beginnen gewissermaßen ein neues Leben.
Das motiviert, erfüllt mit Vorfreude und Energie. Wenn ich frisch verliebte Paare beobachte, kommt es mir so vor, als ob der jeweils Andere sogar etwas Messianisches an sich hätte: Sie oder er schafft mit einem verliebten Blick eine neue, bessere Version meines Ich, welche jetzt die Chance hat, ein diesmal besser gelingendes Leben zu zweit zu beginnen.
Viele Hoffnungen werden in die Geburt eines Kindes gelegt. Sie kann einer mit der Zeit festgefahrenen Beziehung neuen Antrieb geben. Auch philosophisch gilt die Kindesgeburt als ein wichtiges Ereignis. Mit dem neuen Menschen, so Hans Jonas, komme eine neue, nie dagewesene Perspektive auf die Welt in die Welt. Dieses absolute Novum, welches ein neues einzigartiges Individuum mit sich bringt, birgt in sich Rettendes für die alte, verschlissene Welt.
„Siehe, ich mache alles neu!“ – so lautet die Verheißung Gottes, dessen Ankunft in Gestalt eines Kindes wir erwarten. Der Neuanfang, welcher mit diesem Kind in die Welt kommt, ist zugleich die umstürzende Umwertung der alten Wertehierarchie. Unter dem unvoreingenommenen Blick des Kindes wird so manche konventionelle Bedeutsamkeit als nichtig entlarvt, und so manche in den Schatten des vermeintlich Großen gestellte Qualität kommt ans Licht.
Ich erinnere mich an eine Kurzreportage aus der Merkel-Ära, in der die Bundeskanzlerin einen Kindergarten besucht und zu den dortigen Kindern gesprochen hat. Diese Veranstaltung erwies sich als eine von Grund auf schlechte Idee und wurde zu einem Fiasko. Wer auch immer mit dieser Idee kam, hat offenbar die kindliche (nicht: kindische!) Perspektive komplett unterschätzt. Dass hier die mächtigste Frau der Welt zu ihnen redet, beeindruckte diese kleinen Menschen nicht im Geringsten. Sie fingen schnell an, sich zu langweilen und wandten sich von dem prominenten Gast ab.
Hätte Frau Merkel mit ihnen gespielt, wäre ihr wahrscheinlich die gewünschte Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Denn die Kinderaugen schauen anders. Sie fokussieren sich auf den Charakter eines Menschen und teilen mit hoher Treffsicherheit ein in die Kategorie „nett“ bzw. „nicht nett“. Darüber hinaus haben sie Hochachtung vor der Begabung. Sie können lange Zeit gespannt zuschauen, wenn jemand ein Bild malt oder etwas bastelt.
Dieser kindliche Blick auf Welt und Menschen ist in seiner Wahrhaftigkeit entlarvend. Er dringt hinter nahezu alle diejenigen Masken und Rollen, die uns in der weltlichen Hierarchie Bedeutsamkeit verschaffen, und sucht das, was bleibt, wenn alle diese Oberflächlichkeiten fallen. Er richtet sich auf unsere basale Menschlichkeit. So wertet auch der Blick des Kind gewordenen Gottes alles radikal um und schafft alles neu. Mit ihm zurück auf den Anfang – das ist die Wahrheit des Advents.
