In der christlich-dogmatischen Tradition wird Jesus Christus als wahrer Mensch und wahrer Gott verstanden. Jürgen Boomgaarden geht der Frage nach, was diese Spannung bedeutet und wie sich gerade in der Menschlichkeit Jesu die Liebe Gottes zeigen konnte.
Können Sie sich vorstellen, dass ein Mensch Gott sein könnte? Ein Mensch mit Eltern, Geschwistern, ein junger Mensch, der die Pubertät durchlaufen hat und einen üblichen Beruf ergreift? Stellen Sie sich ihn in Ihrem persönlichen Umkreis vor. Dieser Mensch ist liebenswert und selbst voller Liebe. Er kann Dinge vollbringen, die ans Übermenschliche grenzen. Ein Mensch mit besonderen Heilungsenergien. Er tritt bisweilen mit großer Autorität auf, es grenzt schon an Anmaßung. Er ist ein Mensch, der uns beschäftigt, über den man redet. Er findet leider früh einen tragischen und furchtbaren Tod. Bekannte und Freunde berichten uns glaubhaft, sie hätten ihn danach noch gesehen.
Sicher wäre die Begegnung mit einem solchen Menschen etwas ganz Großes. „Ich habe ihn erlebt!“, würden wir unseren Freunden mit Stolz erzählen.
Aber ihn – wie kann man es anders sagen? – zu Gott zu erheben, wäre völlig maßlos, ein Übersprungsgedanke angesichts eines außergewöhnlichen Menschen. So bleibt es auch schwer zu glauben, Jesus von Nazareth sei der Mensch gewordene Gott.
Jesus im Spiegel der jüdischen Tradition
Nun könnte man einwenden, dass in der damaligen jüdischen Gesellschaft die Hürde zu solch einer Erkenntnis niedriger gewesen ist. Dort gab es den Gottesglauben, die messianische Hoffnung, die großen Propheten, den noch nicht naturwissenschaftlich geschulten Blick auf Wunder. Man könnte es aber auch anders sehen: Weil man an Gott glaubte, war ein Gott in Menschengestalt ausgeschlossen. Auch den Messias hat man sich anders als Jesus vorgestellt. Gegenüber den großen Propheten blieb Jesus von Nazareth in seinem öffentlichen Wirken zurück. Elias’ großes Drama auf dem Berg Karmel, Jesajas Verheißungsworte an König Hiskia angesichts der drohenden Belagerung Jerusalems – hier wurde Geschichte Israels geschrieben. Demgegenüber war die Wirkungszeit Jesu zeitlich sehr begrenzt. Auch die Wunder Jesu konnten die Menschen kaum zu der Erkenntnis bringen, hier sei Gott in Menschengestalt am Werk – Wunder taten damals viele.
Zwischen außergewöhnlichen Menschen und Gott liegt für uns intuitiv, aber auch wenn wir es reflektieren, ein so unendlich großer Abstand, dass mit dem Bekenntnis der Menschwerdung Gottes nur die Überhöhung eines Menschen erfolgt sein kann: Wie will man Mensch und Gott zusammenbringen?
Die göttliche Brücke zum Menschen
Es gehört seit biblischen Zeiten zur Aufgabe der christlichen Theologie, diese Kluft gedanklich zu überbrücken. Die goldene Brücke besteht in einem Perspektivwechsel. Wir gehen nicht vom Menschen, sondern von Gott aus. Diese wahrhaft theologische Herangehensweise hat eine lange und beeindruckende Tradition. Eine Theologie, die vom Menschen ausgeht, kann nur scheitern. Nur von Gott her wird sie christlich. Gott selbst hat in Jesus Christus die Brücke zu uns geschlagen und wir Theologen haben ihm auf dieser Brücke gedanklich zu folgen. Die Brücke erscheint deshalb sehr gut begehbar, weil wir Gott als jemanden denken, dem alles möglich ist. So hat dieser Brückenschlag seine eigene göttliche Natürlichkeit. Gott wird Mensch, weil er den Menschen erreichen will.
Gott selbst hat in Jesus Christus die Brücke zu uns geschlagen.
Diese theologische Brückenkonstruktion ist in sich zutiefst wahr, aber vielleicht eher ein Bauplan, der seine Richtigkeit erst zu zeigen vermag, wenn man ihn nicht mehr braucht – bei der Wiederkunft Jesu Christi. Die Brücke selbst könnte einen theologischen Überschwang mit sich bringen, der nicht zuletzt im Gespräch mit religionsfernen Menschen hinderlich wäre. Die goldene theologische Brücke würde dann zur lebensfernen Abstraktion.
Die Fährfahrt: Gott ganz auf der Seite des Menschen
Eine andere Möglichkeit, mit dem Problem der Menschwerdung Gottes umzugehen, tauscht die Brücke gegen eine einmalige Fährfahrt aus, in der Gott zu uns übersetzt. Weihnachten wird zu einer Gedenkfeier, bei der sich der Blick weniger nach oben richtet, sondern vielmehr auf das Irdische konzentriert. Gott hat das Problem des Brückenschlags gelöst, indem er ganz auf die Seite des Menschen übergesetzt hat. Er in seiner Menschlichkeit ist es, auf den es ankommt. Wenn Gott Mensch wird, ist er mitten unter uns. Wir brauchen nicht auf die andere Seite hinüberzublicken, auf der man sowieso nichts deutlich erkennen kann. Dass Gott hier bei uns Menschen ist, bedeutet die Vertiefung des Menschen auf seinen göttlichen Ursprung hin. Den Menschen als Geschöpf der Liebe Gottes zu erkennen, öffnet uns die Augen für Mensch und Gott zugleich.
Diese »Übersetzung« ist in der theologischen Tradition nicht so stark vertreten, aber erfreut sich in der Moderne großer Beliebtheit, weil sie das himmlische Fluidum vermeidet, das die eben vorgestellte goldene Brücke umgibt. Wer an der Existenz eines Gottes im Himmel so seine Zweifel hat, kann sich seiner irdischen Existenz widmen. Mit der Fokussierung auf den Menschen ist auch in dieser Konzeption eine tiefe theologische Wahrheit ausgesprochen.
Das Problem der einmaligen Fährfahrt besteht allerdings darin, dass man sich in seiner irdischen Existenz doch allein gelassen fühlen könnte. Wo ist Gott? Man sieht nur noch allzu menschliche Menschen, Gott verschwindet in Jesus und das göttliche Geschehen löst sich in gut gemeinte menschliche Wünsche auf.
Die Menschwerdung im Leben und Sterben Jesu
Wie können wir also angemessen von der Menschwerdung Gottes sprechen? Vielleicht sollte man die theologischen Fragen um die weihnachtliche Menschwerdung zuerst etwas hintanstellen und mit dem markinischen Bericht anfangen.
Der etwa dreißigjährige Jesus ist für Menschen in Galiläa einfach dagewesen, ihnen bekannt geworden. Sein Leben davor bleibt weitgehend im Dunklen. Die Geburtsgeschichten sind eher theologische Rückprojektionen. In seinem irdischen Leben reißt Jesus zwischen sich und anderen Menschen Gräben von Schuld auf – so tief, wie der Graben zwischen Gott und Mensch ist. Menschen entsetzen sich und erkennen ihre Gottesferne. Doch zugleich bringt Jesus zwischen sich und ihnen eine Gewissheit wahren Lebens und echter Gemeinschaft, wie sie nur Gott schenken kann. Dann vertieft er den Graben zwischen Gott und Mensch so endgültig am Kreuz, dass für ihn und die anderen Menschen nur die Gottverlassenheit das letzte Wort zu haben scheint. Doch taucht Jesus zum zweiten Mal auf: »Er ist auferstanden!« Da geht Gott dem Menschen ganz ans Herz.
In der Begegnung mit Jesus ereignet sich eine Menschlichkeit, eine Liebe, die ihren Grund nur in Gott haben kann. Gott selbst ist diese Liebe. Nicht der Mensch Jesus bringt sie aus sich hervor, aber als er selbst, in seinem Dasein und Wirken, hat sie sich verleiblicht. Christen glauben ihn als Gott, weil sie in die Begegnung mit ihm hineingezogen sind, in der alles vermeintlich oder wahrhaft Übermenschliche zugunsten einer nicht gekannten menschlichen Nähe zurücktritt. In ihr ereignet sich ein göttlicher Kontakt.
In Jesus ereignet sich eine Liebe, die ihren Grund nur in Gott haben kann.
Es ist eine irdische und als solche doch ständig darüber hinausgehende Geschichte, die Jesus gelebt hat und die in den alttestamentlichen Geschichten ihren untrennbaren Vorlauf nahm. Sie enthält alles: Gott unter den Menschen, Gott ganz Mensch, Gott ganz und gar nicht Mensch, Gott ganz nah und Gott ganz fern dem Menschen. Mit der Auferstehung sind wir in diese Geschichte hineingezogen. Sie umfasst auch unsere Gottesnähe und Gottverlassenheit. Im Rückblick ist sie eine Geschichte des Heils, der Beziehung zwischen Mensch und Gott, die jede Trennung überwunden hat und aus der sich für sterbliche Menschen ewiges Leben herausschält. In ihr geht Gott ganz in Menschlichkeit auf und bleibt doch darin der ganz Andere, weil eine solche Menschlichkeit und Liebe unter Menschen nicht zu finden ist.
Weihnachten zwischen Glauben und Schauen
So leuchtet aus den Nebelschwaden unserer fragmentarischen Gotteserkenntnis die goldene Brücke der Menschwerdung Gottes auf, der wahrhaft göttliche Brückenschlag, bei dem der Himmel mit singenden Engeln offenstand, als das Jesuskind geboren wurde. In seiner ewigen Liebe und Kraft ist es durch Leben und Tod gegangen und wieder zum Himmel aufgefahren. Engel zeugen am leeren Grab von seiner Auferstehung. Vom damals in der Provinz auftauchenden und in Jerusalem tragisch gestorbenen Wanderprediger wendet sich der Blick zum Gottessohn. Wenn wir an Weihnachten Gottes Menschwerdung feiern, nehmen wir das Ganze in den Blick. Doch stehen wir im Leben immer wieder dem bloßen Menschen Jesus gegenüber und wollen seine Göttlichkeit erkennen. Wir sind wie die Jünger auf dem Weg zum Gottessohn. Unser Glaube, dass Gott Mensch geworden ist, geht einher mit der Hoffnung, dass der Mensch Jesus uns immer wieder in Hilfe und Rettung Gott sei. Weihnachten feiern, die Menschwerdung Gottes schauen zu wollen, liegt in der Konsequenz des christlichen Glaubens – doch gilt zugleich: Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor 5,7).
