Nach der Ermordung des rechten US-Aktivisten Charlie Kirk sprach die Witwe dem Mörder ihres Mannes bei der öffentlichen Gedenkfeier ihre Vergebung aus. Wie ist diese christliche Geste auf einer Veranstaltung zu bewerten, die ansonsten von aggressiver politischer Rhetorik geprägt war?
Am 10. September 2025 wurde der politische und evangelikale Aktivist Charles „Charlie“ James Kirk während einer Debatte an der Utah Valley University in Orem von dem 22-jährigen Tyler Robinson durch einen Gewehrschuss getötet. Elf Tage später, im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zu seinen Ehren in Glendale, Arizona, sprach die Witwe des Verstorbenen, Erika Kirk, dem Täter öffentlich ihre Vergebung aus. Ihr Verhalten wurde von vielen Christinnen und Christen als beispielhaft bewundert (vgl. z.B. aus rechts-konservativer katholischer Perspektive Maximilian Lutz: Erika Kirks beeindruckendes Zeugnis, in: Die Tagespost, 22.09.2025).
Strategische Instrumentalisierung einer Vergebungshandlung
Bei allem Respekt für das, was Erika Kirk im Herzen bewogen haben mag, dem Mörder ihres Mannes zu vergeben – es sollte nicht vergessen werden, dass die Veranstaltung eine gewaltige öffentliche Inszenierung war, „mixing rally and revival“, wie man im Guardian lesen konnte. Dieser Kontext muss berücksichtigt werden, um die Bedeutung der Vergebungshandlung einschätzen zu können. Denn diese bildete die Klimax der fast fünfstündigen Veranstaltung, und diese war wiederum eine Zäsur im schwelenden Kulturkampf der USA. Schaut man genau hin, dann drängt sich der Eindruck einer Politisierung und strategischen Instrumentalisierung der Vergebungshandlung in der sich immer weiter zuspitzenden Auseinandersetzung zwischen den mittlerweile unversöhnlichen politischen Lagern in den USA auf.
Politischer Kontext mit faschistischen Tendenzen
Blicken wir aber zunächst ein paar Tage zurück: Am 7. September, drei Tage vor dem Attentat, konnten die deutschen Fernsehzuschauer einem Interview folgen, das es in sich hatte: Die heute journal-Moderatorin Marietta Slomka führte ein Gespräch mit dem US-amerikanischen Faschismusforscher Prof. Jason Stanley von der Universität Toronto. Slomka eröffnete das Interview mit der Bemerkung, Trumps Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit wirke wie ein „Führerkult“. Stanley stimmte ihr zu und behauptete, das politische System der USA sei „jetzt […] keine Demokratie mehr“. Die Moderatorin wies darauf hin, immerhin gebe es freie Wahlen, Pressefreiheit, keine Massenverhaftungen von Oppositionellen. Darauf Stanley: „Sie sagen, okay, die Oppositionspolitiker werden nicht nach Sachsenhausen geschickt oder sowas, aber sie werden angegriffen durch unser Justizsystem. […] Es ist nicht 1938 in Deutschland, aber das ist schon 1933.“ Eine Lageeinschätzung, die man bis vor Kurzem nur vom politischen Rand her vernehmen konnte, ist nun im Zentrum der Mainstream-Medien angekommen.
Kriegs- und Krieger-Rhetorik
Erika Kirks Vergebungshandlung im Rahmen einer politisch inszenierten und instrumentalisierten Gedenkveranstaltung muss im Kontext dieser gesellschaftlichen Situation bewertet werden. Es ist geboten, den Impuls der Bewunderung, die viele für diese Geste empfunden haben, zugunsten einer nüchternen Beobachtung zu zügeln und sich zu fragen, ob diese Handlung in ihrem öffentlichen Rahmen eigentlich stimmig ist. Dieser Rahmen war eine Massenveranstaltung mit über 60.000 Teilnehmern in einem Stadium der NFL. Zwei 15 x 7 Meter-großen Bildschirme, flankiert von den Nationalflaggen, brachten den Eintretenden Charlie und Erika, im Kusse vereint, nahe. Musikeinlagen belebten die Stimmung, in den Gängen des Stadiums wurden Kirk Merchandize-Produkte verkauft. Die Auftritte von Erika Kirk und dem amerikanischen Präsidenten wurden zudem mit Feuerwerksfontänen hervorgehoben: das Maximum an Bühnenshow, das man sich im Rahmen einer Gedenkveranstaltung wohl vorstellen kann.
Die Rednerliste umfasste prominente Namen des US-Regierungsteams. Erika Kirks Rede ging eine alles andere als friedlichen Rhetorik voraus: Kriegsminister Hegseth nannte Kirk, passend zu seinem Ministerium, einen „Krieger für Christus“, und Stephen Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus, frohlockte, seine Armee sei durch das Opfer, das er erbracht habe, nur gewachsen, „wir“ seien auf der Seite des Guten, auf der Seite Gottes. Die Einzeltat des – nach allem, was bekannt ist – geistig verwirrten Täters verblasste hinter dem von den Rednern heraufbeschworenen Szenario eines politischen Entscheidungskampfes. Bis Erika Kirk, in weißem Hosenanzug, ein brilliantenbesetztes Kreuz funkelnd im Dekolleté, die Bühne betrat.
Die Rede der Erika Kirk
Verhalten zunächst, mit dem Ausdruck tiefer emotionaler Ergriffenheit, die Lippen wie im Selbstgespräch bewegend, augentupfend, sammelte sie sich, um dann gefasst in die Menge zu schauen und die Ovationen entgegenzunehmen. Sie begrüßte die Anwesenden „to honor and celebrate my Charlie“. Als Leitmotiv ihrer Ansprache wählte sie, was auch das Leitmotiv im Leben ihres Mannes gewesen sei: Jes 6,8: „Hier bin ich, sende mich“. Sie nahm damit für die politische Arbeit Charlie Kirks im Rahmen seiner rechtsnationalen „Turning Point USA“-Organisation die Nachfolge in der Rolle eines Propheten in Anspruch. In stimmigem Zusammenhang damit steuerte ihre Rede, eine Mischung aus Reminiszenz an den Verstorbenen, Idealisierung der christlichen Ehe und Aufruf der ›Trauergemeinde‹ zur Erneuerung, auf die Klimax zu: „Charlie passionately wanted to reach the lost boys of the West, the young men without direction, with anger, hate. He was looking to show them a better path. He wanted to save young men just like the one who took his life.“ Dann, flüsternd: „That young man, that young man – on the cross the savior said: Father, forgive them, for they know not, what they do – that man, that young man: I forgive him.“
„That young man: I forgive him.“
Es bleibe hier die theologische Erörterung dahingestellt, ob es nicht angemessener gewesen wäre, in der Nachfolge Jesu die Vergebung von Gott zu erbitten, als sie selbst zuzusprechen. Immerhin berührt der feine Unterschied zwischen der eigenen Vergebung und der Bitte um Gottes Vergebung aber die Frage nach der Stimmigkeit einer Sprachhandlung unter den jeweils gegebenen Bedingungen ihrer Ausübung. Und diese Frage ist wichtig im Hinblick auf die verborgene Agenda, der der Auftritt der Witwe wohlmöglich gefolgt ist. Im Folgenden sei nur berührt, was den Gegenstand der Vergebung und was die Autorität der Vergebungshandlung betrifft.
Vergebung als Ereignis
Søren Kierkegaard zufolge besteht Vergebung darin, Schuld hinwegzusehen. Nun ist das Sehen von etwas keine willentliche Handlung, sondern – wie der 1976 verstorbene britische Philosoph Gilbert Ryle formuliert hat – ein ›exploratorischer Erfolg‹, mithin ein Ereignis: Entweder ich sehe etwas, oder ich habe es (noch) nicht gesehen. Kierkegaard will sagen: Einerseits sieht der Vergebende die Schuld im Antlitz des Schuldigen, denn sonst gäbe es keinen Grund zur Vergebung; andererseits sieht seine Vergebung die sichtbare Schuld hinweg. Der Sprung vom (noch) Sichtbaren ins (schon) Unsichtbare ist nicht durch einen Willen, nicht durch eine Absicht vermittelbar, folglich auch nicht planbar und kein Gegenstand eines Vorhabens. Vielmehr ist er ein Ereignis – ein Ereignis, das laut Kierkegaard den Glauben voraussetzt.
Vergebung gilt dem schlechterdings Unentschuldbaren.
Der Ereignischarakter der Vergebung ist von vielen Denkern des 20. Jahrhunderts betont worden, die der Vergebung ein Eigengewicht beispielsweise gegenüber dem Verzeihen einräumen: Verzeihen lasse sich vieles, die Vergebung hingegen gelte dem schlechterdings Unentschuldbaren, dem, was nicht wiedergutgemacht werden kann. Ihr eigne eine tiefe Paradoxalität, sie sei daher nicht intendierbar. Das führt zu einem weiteren Punkt: zur Autorität der Vergebungshandlung. Denn es stellen sich nun die Fragen, ob ich über mich selbst im Akt der Vergebung verfügen kann, und ob ich befugt bin zu vergeben.
Ein Beziehungsgeschehen „hinter dem Rücken der Beteiligten“
Was die erste Frage anbelangt, so ist etwas, was sich schlechterdings nicht vorhaben lässt, auch meiner Verfügung entzogen. Die sprachliche Vergebungshandlung kann sogar durch die ihr widerstreitende Gewissheit unterlaufen werden, dass ich mich getäuscht habe – dass ich längst (noch) nicht vergeben habe. Das Ereignis der Vergebung ist, wie es der 1985 verstorbene französische Philosoph Vladimir Jankélévitch formuliert hat, eine „solitude à deux“, ein heimliches Beziehungsgeschehen, das sich gleichsam hinter dem Rücken der Beteiligten vorbereitet – und ereignet.
Die zweite Frage betrifft die (Un-)Möglichkeit stellvertretender Vergebung. Nach Jankélévitch ist die Vergebung für Mord unmöglich; sie ende mit dem Tod des Opfers. Dem ist zwar widersprochen worden, aber es fällt schwer, sich vorzustellen, ein einzelner Überlebender könne den Tätern eines Genozids vergeben. Wie kann er für die Toten sprechen? Man wird im Übrigen Jankélévitchs Essay über die Vergebung (Pardonner? Paris, 1971) nicht zu Unrecht in Beziehung zu Willy Brandts Warschauer Kniefall ein Jahr zuvor setzen dürfen. Brandts symbolische Bitte um Vergebung kann nur dann nicht als anmaßend erscheinen, wenn wir zugleich das Wissen um die Unentschuldbarkeit des Begangenen unterstellen und in ihr das Bemühen sehen, eine neue, von Empathie geprägte Anerkennung des geschundenen Nachbarn tastend zu erproben. Was im Falle Brandts gilt, trifft wohl auch auf andere politische Vergebungsbitten zu.
Politische Instrumentalisierung einer Vergebungsgeste
Was Erika Kirk betrifft, so sind also zumindest Zweifel angebracht, ob sie für ihren verstorbenen Mann hat sprechen dürfen. Immerhin konnte sie für sich sprechen, für das ihr durch die Ermordung ihres Ehemanns angetane Leid. Aber werden ihre beiden Kinder durch diese Vergebung nicht gleichsam ko-affiziert? Spricht sie allein als Ehefrau, nicht auch als Mutter der mittelbar nicht minder betroffenen Kinder? Jedenfalls kann von einer solitude à deux keine Rede sein. Sie hat nach allem, was wir wissen, den Attentäter, den eigentlichen Adressaten ihrer Vergebung, nicht (zuerst) aufgesucht, sondern die Vergebung in ein Publikum von der Größe einer Kleinstadt hineingesprochen. Dadurch – wie auch durch ihre anschließende Übernahme der Leitung von „Turning Point USA“ – hat sie sich zur Unterstützerin einer politischen Agenda gemacht, die das genaue Gegenteil von christlicher Vergebung zum Ziel hat.
War die Vergebung am Ende für die Dramaturgen der Veranstaltung also nur eine willkommene weibliche Geste, um die Unentschuldbarkeit der Tat, die in der Vergebung mitgemeint ist, für entgegengesetzte Intentionen zu politisieren und eine neue Eskalationsstufe im Kulturkampf der USA einläuten zu können? Der Präsident jedenfalls, der nach ihr ans Rednerpult trat, der sie nach seiner Rede auf die Bühne zurückbat, wo sie sich an seine Schulter lehnte, setzte einen klaren Gegenakzent und behielt als letzter Redner auch das letzte Wort: „I hate my opponents.“
Der Beitrag erschien in der Druckausgabe in leicht gekürzter Fassung.
