In der Zeit der gegenwärtigen Krisen, in der gewohnte Weltbilder und bisher gültige Menschenbilder in ihrer Bedeutung geschwächt sind, gewinnt die Reflexion über das Wesen des Menschen an Bedeutung.
Die Frage nach dem Menschen und seinem Wesen, das Nachdenken über seine Stellung zu sich selbst, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft, in der Natur und im Kosmos scheint so alt zu sein wie die Menschheit selbst. Schon in der Steinzeit stellte sich mit dem Blick auf das Spiegelbild im ruhigen See die Frage: Was macht den Menschen aus? Später wurden aus den Naturdämonen Gottheiten, die wie Könige herrschten. Das Selbstverständnis des Menschseins veränderte sich im Laufe der Geschichte. Es wäre reizvoll, diese Transformationen zu untersuchen. In diesem Beitrag soll es um die Darstellung der heutigen Debatten gehen.
Individuelle Menschenbilder
Eine einfache Erklärung für das Entstehen von Welt- und Menschenbildern könnte sein: Individuen wollen wissen, wer sie persönlich sind, wie sie sind oder warum sie existieren. Sie thematisieren nicht nur die freundliche Seite des Menschseins, sondern auch den Unterschied zu Pflanzen, Tieren und technischen Maschinen. Der griechische Gott Apollo forderte zur Selbsterkenntnis auf. Und der gealterte Platon fragte, als er in den Spiegel blickte: Was war und ist das Unveränderliche in meinem Wesen? Jedes Individuum hat demnach ein Bild von sich selbst und grenzt sich seit den Anfängen der Philosophie von der Vollkommenheit der Götter und der Unzulänglichkeit der Natur ab.
Gruppenspezifische Menschenbilder
Neben die individuellen Menschenbilder traten in der Frühen Neuzeit und der Gegenwart verstärkt „gruppenspezifische Bilder“ (M. Zichy). Verbreitet werden heute unter anderem Auffassungen, die den normativen Begriff der Intersektionalität (Opferdiskurs), darunter den Postkolonialismus oder den Genderfeminismus, in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stellen. Die Menschen werden in „Stämme“ mit fest definierten Eigenschaften eingeteilt, die leicht zu unterscheiden und moralisch zu bewerten sind. In diesen Diskursen geht es um gesellschaftliche Marginalisierung, Diskriminierung und eine hegemoniale Matrix. Wichtig für diese Haltung ist der Begriff der Repräsentation, das Sichtbarmachen von (moralischen) Ungerechtigkeiten.
Auf Kirchentagen verkündete Aussagen über die Queerness Gottes, Spekulationen über die dunkle Pigmentierung der Haut von Jesus etc. verweisen auf den Wunsch von Individuen und Milieus, sich Bilder nicht nur vom Menschen, sondern auch von Gott zu schaffen, die zudem unumstößlich wahr sein sollen. In diesem Zusammenhang verwandeln sich auch Teile der Wissenschaft (auch der Theologie) in hypermoralische Institutionen.
Besonders religiöse Fundamentalismen betonen gruppenspezifische Menschenbilder. Bekannt sind Reinheitsgebote aller Art (Exklusivität) oder konkret im Islam die moralische Kontrolle des ältesten Bruders über seine Schwestern (Familienehre). Erkennbar wird schnell: Diejenigen, die über die Macht verfügen, Bilder festzulegen, sehen sich auf der Seite des Guten, des Rechts, der Wahrheit.
Gruppenspezifische, religiöse Menschenbilder können sich unterscheiden, z.B. in der Frage nach der Entstehung des Menschen. Kreationisten malen ein Bild von einer Schöpfung in sechs Tagen, wie sie in der Bibel erzählt wird. Christen, die sich mit dem Problem der biologischen Evolution beschäftigen, bevorzugen eher das Bild eines „Intelligent Designs“. Andere Christen stimmen vielleicht einer Interpretation der Schöpfungsgeschichte als Mythos zu. Alle Christen aber bekennen, dass Gott die Welt und den Menschen geschaffen habe, dass der Mensch dadurch ein Teil des Kosmos sei und eine feste Aufgabe in der Welt wahrnehme. Dieses Selbstbild gründet in der Ebenbildlichkeit mit Gott, wodurch sich der Mensch als Herrscher und Hüter der Welt definiert. Als Ebenbilder verfügen alle über den gleichen Wert in der Gemeinschaft der Gläubigen.
Individuen wollen wissen, wer sie sind.
Mit der Erzählung vom Sündenfall veränderte sich das Bild des Menschen: Dieser war vergänglich und erlösungsbedürftig geworden, hatte sich versündigt. Die Sehnsucht nach einer Wiedererlangung des Paradieses als neuer Mensch nach der Apokalypse findet sich auf vielen Gemälden in christlichen Kirchen. Entscheidend ist, und da stimmen die verschiedenen Auffassungen im Christentum wieder überein, die Beziehung zwischen Menschen und Gott, in welcher Jesus die Rolle eines Vermittlers einnimmt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). Mit dem Sündenfall kam der Tod in die Welt; jedes Individuum beendet vollständig sein irdisches Leben und wird in der Regel vergessen. Die Unzufriedenheit mit dieser bitteren Wahrheit erzeugt aktuell zwei Menschenbilder, das der Selbstoptimierung und das des Trans- und Post-Humanismus. Beide Denkhaltungen kommen ohne Bezug der weltlichen Immanenz zu einer Transzendenz (N. Luhmann) aus.
Transhumanismus und Selbstoptimierung
Die Moderne, an deren Betonung des Individualismus neben der Renaissance auch der frühe Protestantismus Anteil hatte, ermöglicht die Selbsterfindung und Autonomie des einzelnen Menschen. Heute findet sich in diesem Kontext die Ideologie, dass der Mensch sich durch Selbstbestimmung von Vorgaben der Gemeinschaft und Gesellschaft und sogar der Natur lösen könne. Das Ich optimiert sich im Konkurrenzdenken: Dazu gehören ein perfekt gestylter Lebenslauf (Dating-Plattformen), eine neue Metrik (Selftracking, Gesundheitskulte, ständige mediale Erreichbarkeit, Objektivierung des Körpers), eine entsprechende Performanz des Körpers (Hautbräunung, Fitness, Schönheitsoperationen) oder Diäten, um makellos jung zu bleiben. Die persönlichen Leistungspotentiale sollen erhöht werden (Neuro-Enhancement, Präimplantationsmedizin).
Die Einzigartigkeit des Menschen wird auf die Einzigartigkeit des Individuums reduziert: Psyche und Körper erscheinen als optimierbare Maschinen. Besonders in der Gruppe der Millennials existiert ein stark materialistisches, technisches und auch egoistisches Menschenbild (A. Reckwitz). Die meisten von diesem Milieu geposteten Bilder sind Selfies.
Entschieden weiter geht die transhumanistische Bewegung. In den USA bezeichnen sich ca. 50%, in der EU ca. 30% aller Bürger als Transhumanisten. Die Mehrheit (knapp 90%) ist männlich und jung, meist aus technischen Berufen kommend. Besonders in atheistischen Bewegungen wird ein „Evolutionärer Humanismus“ (M. Schmidt-Salomon) vertreten. Der Homo Sapiens sei ein kosmologisch unbedeutendes, vorübergehendes Randphänomen in einem sinnleeren Universum (M. Foucault). Deshalb müsse der Mensch immer wieder neue Bilder von sich erzeugen: Die Leitwissenschaft des Transhumanismus ist die Biologie inklusive der Eugenik. Da die Natur verbesserungswürdig sei, müsse der Mensch seine Evolution selbst gestalten und den „Neuen Menschen“ hin zu einer Hyperintelligenz entwickeln (J. Lovelock). Dies könne so weit gehen, den Menschen mit Maschinen zu einem Cyborg zu verschmelzen (D. Haraway).
Der Posthumanismus behauptet, den Humanismus schon überwunden zu haben.
Die „World Transhumanist Association“ stellte einen Themenkatalog auf, der für alle Lebewesen gelten sollte: Die Menschen würden als biologische Systeme durch neue Technologien wie Künstliche Intelligenz verbessert, auch um die Gebundenheit an den Planeten Erde und die lebensweltlichen Begrenzungen zu überwinden. Das Altern und das körperliche Leid könne beendet werden, der individuelle Tod finde nicht mehr statt. Vertreten wird auch die Auffassung, dass die Religionen und die Sphäre des Transzendenten überflüssig seien. Bestimmt würden die Veränderungen durch eine Rationalität, die alle Hindernisse auf dem Weg zum neuen Menschen beseitige. Frei sei der Mensch nur, wenn er die Grenzen seines Menschseins überwunden, er die volle Kontrolle über die menschliche und nichtmenschliche Natur erhalten habe. Im Transhumanismus wird derzeit der Weg dorthin optimistisch beschrieben; der Posthumanismus behauptet, jede Art von Humanismus schon überwunden zu haben.
Universaler Anspruch
Im Begriff der Menschheit deutet sich ein Menschenbild mit universalen Aspekten an. Säkular zeigt sich dies im Anspruch der Gültigkeit der Menschenrechte für alle Menschen, die derzeit auf dem Globus leben. Darin liegt das Bekenntnis zu gemeinsamen Werten, zu Eigenschaften, die alle Menschen teilen. Ein solches Bild ist fundamental, aber auch abstrakt und sollte daher immer neu ausgestaltet werden. Auch die Vorstellung von einem Leben ohne Kriege gehört dazu. Seit dem 17. Jahrhundert läuft daher die Debatte, wie die Einheit der Menschheit zu denken sei, ohne deren Vielfalt und Dynamik zu missachten.
Vorstellbar, vielleicht auch wünschenswert, wäre in einem solchen universalen Kontext ein Umdenken der gegenwärtigen Welt- und Menschenbilder. Der Blick auf ein wie immer geartetes Gemeinwohl (A. Assmann) ist in der modernen, heterogenen Weltgesellschaft weitgehend abhandengekommen. Nicht ein identitätspolitisches, milieubezogenes Sprechen, sondern ein solidarisches Handeln für andere und mit ihnen (Brüderlichkeit/Bergpredigt) könnte ein Menschenbild ermöglichen für eine Gesellschaft, in welcher der Gemeinsinn die dominante Farbe im Gemälde darstellt.
