»aspekte«-Redaktionsmitglied Sarah Hilmer gewährt Einblick in ihr spannendes Forschungsgebiet: Welche Liederdichterinnen gab es in der Frühen Neuzeit und wie schafften sie es in Gesangbücher?
Ein junger Pastor blättert in einem Evangelischen Gesangbuch (EG), verzieht das Gesicht, zuckt mit den Schultern und wirft das Gesangbuch anschließend ratlos weg. In diesem Reel, einem Kurzvideo auf Instagram, das etwa 209.000 Mal aufgerufen wurde und 4.000 „Likes“ erhalten hat, thematisiert der Kölner Pastor Tim Lahr (@ amen_aber_sexy) die verzweifelte Suche nach Liederdichterinnen im aktuellen EG. Ihm zufolge sind von den 535 Liedern des Stammteils des EGs gerade mal 30 Lieder von Frauen verfasst, was einer Quote von 5,6 % entspricht.
Frauen in Quellen aus dem »konfessionellen Zeitalter«
In meiner kirchengeschichtlichen Dissertation suche ich nach Frauen in den Quellen der norddeutschen Hansestadt Lüneburg im 16./17. Jahrhundert. Ich schaue mir an, wie Frauen in Gebetbüchern, Beerdigungsansprachen, städtischen Rechtstexten – und Gesangbüchern vorkommen.
Es sei darauf hingewiesen, dass das explizite „Vorkommen“ von Frauen in Gesangbüchern in sehr verschiedenen Formen geschehen kann: In Büchern können Namen von Frauen im Einband vermerkt sein, was auf Besitzerinnen hindeutet. Daneben können Frauen hinter den Werken als Mäzeninnen stehen – oft wird diesen meist adeligen Frauen in Widmung oder Vorrede für die finanzielle Unterstützung gedankt. Weiterhin können Frauen als Adressatinnen der Gesangbücher angeredet werden oder Lieder abgedruckt werden, die über Frauen (ethisch) oder für Frauen (seelsorgerlich) – zumeist von männlichen Autoren – verfasst werden. Und: Lieder von Dichterinnen werden in Gesangbüchern gedruckt.
Implizites Vorkommen von Frauen
Durch das Hinzuziehen weiterer Quellen, die uns Einblicke in den Alltag von Frauen ermöglichen, zeigt sich die Bedeutung von Gesangbüchern bis ins Sterbebett. Andere Quellen, die die Andacht im Haus anleiten, verraten, dass neben täglichen Andachten unter Leitung von Hausvater oder Hausmutter auch Individualandachten „im stillen Kämmerlein“ gepflegt wurden. Wie so eine Hausandacht auszusehen hat, finden wir teils auch bildlich illustriert (s. Bild).
Musikpraxis von Frauen in der Frühen Neuzeit
Für Frauen aus Adel und Bürgertum kann eine Grundbildung in Musik angenommen werden. Neben der Ausbildung an schicklichen Instrumenten kommt der weiblichen Gesangsstimme besondere Wertschätzung zu. So werden die weiblichen Stimmen vielfach als Vorausklang himmlischer Engelsgesänge empfunden. Weiterhin gilt für Mädchen die Beschäftigung mit geistlichem Gesang als sinnvoller Zeitvertreib, vor allem, weil man hofft, diese von zotigen „Buhlliedern“ abzuhalten.
Für Frauen niederer Schichten lassen sich zu Alphabetisierung und Buchbesitz nur vage Thesen formulieren. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass auch jene Frauen Choräle rezipiert haben werden – gerade bei Liedern ist die Tradierung nicht zwangsläufig an eigene Lesefähigkeit gebunden und (spontane) Variantenbildungen in Text und Melodie verzeihlich. Zumeist wird angenommen, dass Frauen bei der Verrichtung ihrer Aufgaben im Haushalt gesungen haben und es ihre Aufgabe war, den Kindern erbauliches Liedgut beizubringen. Jenseits des Gemeindegesangs im Gottesdienst, wo Frauen bis ins 18. Jahrhundert hinein kaum solistisch oder in Chören singen durften, praktizieren Frauen geistlichen Gesang v.a. in dem heute als privat kategorisierten Raum.
Weibliche Stimmen als Vorausklang himmlischer Engelsgesänge.
Zugleich „vernetzten“ sich Frauen: Vielfach finden sich individuell geführte Notizbücher und Poesiealben, in denen Frauen Lieder sammelten, neu- und umdichteten und diese mit ihren Freundinnen austauschten. Gemeinsames Singen von Frauen könnte in Spinnstuben oder im Beistand unter einer Geburt erfolgt sein (so ein Verweis in einer Liedüberschrift).
Frauen als Liedthema
Weiterhin habe ich untersucht, wie Frauen in den Liedtexten auftauchen. Obgleich Lieder, die Frauen zum Thema haben, eher rar gesät sind, finden sie sich in Liedern zur Gesellschaftsordnung, in der Frauen ins Dasein als Hausfrauen und Mütter eingeschrieben werden. Im 17. Jahrhundert werden Frauen in Gesangbüchern prominenter, da sich mit dem einsetzenden Individualisierungsbedürfnis eine stärkere Zielgruppenorientierung ausbildet: Anstelle von rein theologischen Liedern differenzieren sich die Themen und Anlässe weiter aus. Aus der Mitte des 17. Jahrhunderts sind Lieder überliefert, die sich mit Schwangerschaft, Geburt und Unfruchtbarkeit weiblichen Situationen nähern und diese geistlich ausdeuten. Auffällig ist, dass diese Lieder hauptsächlich das Frau-Sein auf körperliche Aspekte beschränken. Soweit mir bekannt, stammen diese Lieder allesamt aus männlicher Feder und verbinden mit der seelsorgerlichen Begleitung auch die Vermittlung von Ethik. Im Umfeld der Geburt werden die – eigentlich weiblichen – Räume so durch männliche Autoritäten beeinflusst.
Die Ausdifferenzierung des Liedguts kann einerseits als Ausdruck eines Ernstnehmens aller Personen, als Priestertums aller Gläubigen, interpretiert werden. Jede*r Laie*in ist für die Gottesbeziehung und das Seelenheil verantwortlich, sieht auch ohne weitere Vermittlung Gottes Auftrag und Berufung im jeweiligen Lebensstand verwirklicht und hat je eigene Gebetsanliegen. Dafür können Gesang- wie Gebetbücher mit ausformulierten Texten sprachfähig machen. Andererseits: Indem die Lai*innen zu vorformulierten Texten greifen, sind sie vor „miteingeflößter“ Ethik nicht gefeit und delegieren Teile ihrer Freiheit wieder an (männliche) Autoritäten zurück.
Frauen als Liederdichterinnen
Innerhalb des Paradigmas des „Priestertums aller Gläubigen“ gelten weibliche Flugschriftenautorinnen der Reformationszeit häufig als glanzvolles Paradebeispiel. Weniger Licht fällt auf Frauen, die es mit ihren Liederdichtungen in gedruckte Gesangbücher schaffen. Während Elisabeth Cruciger einigermaßen bekannt sein dürfte, bleiben die Namen und Werke weiterer Frauen zumeist im Dunkeln. Dabei ist ihr Anteil größer als gedacht: In einem Gesangbuch meines Forschungsumfeldes liegen 26 Lieder vor, die mit Frauennamen überschrieben werden – das ist ähnlich viel wie im heutigen EG.
Dass dieses Gesangbuch Verfassernamen nennt, ist ungewöhnlich. Weitaus üblicher sind fehlende Verfasserangaben. Trotz Angaben gestaltet sich die Identifizierung der weiblichen Liederdichterinnen kompliziert: Zum einen sind die Überschriften zu ungenau („Von einer Jungfrau gemacht“) sowie trotz Namens- und Titelnennung durch Namensdoppelungen nur bedingt auffindbar. Weitere Schwierigkeit liegt darin, ob Überschriften wie „Der Königin zu Ungarn Lied“ als Genitiv (Lied von der Fürstin) oder als Dativ (Lied für die Fürstin) zu lesen sind. Trotz Unklarheit über die gesicherte Verfasserschaft sagt die Zuordnung von weiblichen Namen zu Liedern aus, dass es aus den Augen der Zeitgenossen nicht abwegig erscheint, diese Lieder Frauen zuzuordnen. Dies mag umso überraschender sein, als es vereinzelt in den Liedern um Politik geht. Daneben rekurrieren die Lieder meist auf die persönliche Gottesbeziehung, können somit als Ausflüsse frommer Seelen gelesen werden. Die Lieder zielen nicht auf Abstraktion der eigenen Person und adressieren das individuelle Schicksal (Verweis auf die Verschleppung/Tod Ehemann). Frauen fokussieren in ihren Liedern nicht zwangsläufig die Öffentlichkeit und thematisieren – anders als in den Liedern von Männern für Frauensituationen – Standeslehre und Ethik in untergeordnetem Maße. Wie die Lieder ihren Weg in die gedruckten Gesangbücher finden, ist leider unbekannt.
Ein Gesangbuch von 1625 enthält ähnlich viele Liederdichterinnen wie das EG.
Teils sind die Lieder eher Um- als Neudichtungen und zeichnen sich durch hohe intertextuelle Bezüge aus, die im vorliegenden Gesangbuch jedoch überraschend „genderintern“ ausfallen: So werden die Lieder von Frauen häufiger mit der Melodie von „Mag ich Unglück nicht widerstehen“, dem vermutlichen Lied von Maria von Ungarn, verbunden. Obwohl unklar ist, inwieweit die Zuordnung sekundär ist, macht die Passgenauigkeit von Silben/Zeile und Strophenlänge das Dichten auf eine bekannte Melodie nicht unvorstellbar. Sehen Frauen sich eher bemüßigt, das Lied einer anderen Frau neu zu vertonen? Oder kategorisieren die Gesangbuchherausgeber Frauendichtung zusammen? Oder ist die Melodie einfach so beliebt und jede Genderinterpretation fehllaufend?
So manche Antwort bleibt ein Geheimnis der Geschichte. Dennoch zeigt sich, dass Frauen im konfessionellen Zeitalter in den Gesangbüchern präsenter waren, als man gemeinhin vermuten würde. Durch den steigenden Anspruch in Musik und Text könnten die weiblichen Ausbildungsdefizite gegenüber männlichen Zeitgenossen stärker zum Tragen gekommen sein – und in der Folge zum Rückgang von Frauen in den Gesangbüchern geführt haben. Die Arbeit am neuen EG verspricht die Chance, Frauen als Autorinnen und Rezipientinnen wieder neu und stärker zu betonen. Vielleicht schafft es in dem Zuge auch manch vergessene Frauenstimme wieder zurück ins Gesangbuch.
