Siegen besteht aus Scheitern Aus der Arbeit eines Sportpsychologen

Hermann Preßler führte das folgende  Gespräch über den Zwang zur Selbstoptimierung und  den Umgang mit Drucksituationen im Leistungssport.

Herr Professor Schumann, Olympiastützpunkte dienen dazu, zu Weltklasseleistungen der Athletinnen und Athleten durch Beratung und optimales, d.h. wissenschaftlich ausgeklügeltes Training beizutragen. Ihre Aufgabe ist deren mentale Unterstützung. Erzählen Sie bitte mal kurz und beispielhaft, wie das im Einzelfall abläuft.

Ein Sportler hat sich z.B. für größere Wettkämpfe zu qualifizieren. Die große Drucksituation, die er empfindet, ist eine doppelte: Sie kommt von der Öffentlichkeit her, deren Blicken er sich sozusagen ausgesetzt fühlt; und sie entsteht durch das erforderliche Zusammenspiel mit oder auch die Konkurrenz zu den anderen Sportlern – stellen Sie sich z.B. einen Ruder-Achter vor. Das Problem, das hierbei auftritt, ist: Wie gehe ich mit dem Druck um?

Im ersten Schritt geht es darum, die Situation zu konkretisieren, z.B.: Was ist der Druck, wo kommt er her, was macht der Druck mit dir? Im zweiten Schritt gilt es herauszufinden: Welche Ressourcen kann der Sportler aktivieren, z.B.: Wo ist er einmal mit Druck erfolgreich umgegangen? Drittens geht es dann um Lösungsstrategien: Was kannst du tun? Wen oder was brauchst du? Zuletzt werden konkrete Umsetzungsschritte geplant, und es wird festgelegt, woran er erkennt, dass sich die Situation für ihn verbessert hat.

Bei Wettkämpfen im Spitzensport entscheiden Zehntelsekunden oder Zentimeter über Erfolg oder Misserfolg. Da muss der Leistungswille gewaltig sein. Wie oft kommen Sportler oder Sportlerinnen zu Ihnen, weil sie an ihren Erwartungen oder Träumen gescheitert sind, und was sagen Sie denen?

Zahlen sind in diesem Fall eine relative Größe – der Wille wiederum eine absolute. Der stellt sich bei Sportlern und Sportlerinnen anders dar als bei „Otto Normalverbraucher“ (leider!), weil die Freude an der Tätigkeit „Sport“ an sich gegeben ist, und der Wille, das Beste in seiner Tätigkeit zu erreichen.

Siegen besteht aus Scheitern, und je höher die Siegchancen, desto größer die Risiken zu scheitern. Das zu verinnerlichen, ist eine erste Aufgabe oder Anforderung. Zu gegebener Zeit wird dann konstruktiv an den nächsten Schritten für die Zukunft gearbeitet: Was genau kann ich jetzt (!) tun? Es geht immer um die Frage: Was kann ich beeinflussen? 

Immer wieder hört man von Sportlern/Sportlerinnen, die dem Leistungsdruck nicht oder nur schwer standhalten. Ist das vor allem eine Frage der Persönlichkeit?

Sicherlich spielt die Persönlichkeit eine Rolle, wenn es um den Umgang mit Druck und Niederlagen geht – so gibt es stabile Persönlichkeiten, die eine andere Wahrnehmungs- und Einordnungsqualität haben als andere. Es gibt jedoch auch Trainingsmöglichkeiten im Umgang mit Druck und Niederlagen. Ihn positiv zu kanalisieren oder die Szenario-Frage stellen: „Was bedeutet diese Niederlage?“

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