Stichwort Resilienz Warum eine Krise nicht jeden gleich trifft

„Es ist scheiße, das kann man nicht anders sagen. Egal wie man es verpackt, ich kann nicht mehr laufen“, sagt die 27-jährige zweifache Bahnrad-Olympiasiegerin Kristina Vogel, die seit einem schweren Trainingssturz im Juni 2018 querschnittgelähmt ist.

Immer wieder geraten Menschen ohne Vorwarnung in solche Notsituationen: Ein folgenschwerer Unfall, die nicht erwartete Kündigung, eine lebensbedrohliche Diagnose, der plötzliche Verlust einer nahestehenden Person. An solchen Schicksalsschlägen können Menschen zerbrechen. Andere jedoch überstehen sie ohne größere Beeinträchtigungen.

In der Psychologie wird dieses Phänomen unter dem Begriff „Resilienz“ behandelt. Das Wort bezeichnet die Fähigkeit, „Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Rosemarie Welter-Enderlin). Resilienz – vom lateinischen „resilire“: „zurückspringen, abprallen“ – hat seine ursprüngliche Bedeutung in der Werkstoffkunde und beschreibt die Eigenschaft eines Körpers, nach seiner Verformung in seinen ursprünglichen Zustand zurückzukehren.

Die Pionierstudie zur Resilienz-Entwicklung führte ab 1955 Emmy Werner an 698 Kindern auf der Hawaii-Insel Kauai durch. Auffallend hierbei war, dass ca. ein Drittel der Kinder, die unter außerordentlich schlechten Bedingungen aufwuchsen, sich dennoch positiv entwickelten.
In weiteren Studien wurde deutlich, dass Resilienz nur bedingt angeboren ist, sondern sich in einem Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt entwickelt. Der Grundstein für die seelische Widerstandkraft wird im Kindesalter gelegt. Wichtigster Faktor ist dabei mindestens eine stabile Bezugsperson – auch außerhalb der Familie –, die Vertrauen und Autonomie fördert. Daneben sind ein liebevoll orientierungsgebendes Erziehungsklima sowie Zusammenhalt, Stabilität und konstruktive Kommunikation in der Familie förderlich.

Resilienz verändert sich im Laufe des Lebens eines Menschen. Sie ist abhängig von Erfahrungen und bewältigten Ereignissen, von Lebenssituationen und Bereichen in denen die Krise auftritt. Und sie ist trainierbar – bis ins hohe Alter.

Für das Deutsche Resilienz-Zentrum in Mainz sind eine ganze Reihe personaler Ressourcen im Erwachsenenalter als Resilienz-Faktoren belegt. Dazu gehören z.B. Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserwartung (d.h. das Vertrauen, Anforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können), aber auch kognitive Flexibilität und Erfahrung in der Entwicklung problemorientierter Lösungsstrategien (z.B. in Stresssituationen oder bei traumatischen Ereignissen). Wichtig ist zudem der Zugriff auf ein funktionierendes soziales Netzwerk, das bei Bedarf unterstützen kann, und die als Hardiness bezeichnete Grundhaltung, Situationen als kontrollierbar zu empfinden und Anforderungen als Herausforderung wahrzunehmen. Nicht zuletzt kann Resilienz auch durch Religiosität/Spiritualität und die positive Auseinandersetzung mit den Sinnfragen des Lebens wesentlich gefördert werden.

Resiliente Menschen haben nicht weniger Krisen im Leben zu bewältigen als andere, aber die Resilienz-Faktoren und -fähigkeiten helfen ihnen, sich schneller mit Unveränderbarem abzufinden sowie optimistisch und zielorientiert in die Zukunft zu blicken. So wie Kristina Vogel, die in dem oben zitierten Interview auf sportschau.de fortfährt: „Aber was soll ich machen? Ich bin immer der Meinung, je schneller man eine neue Situation akzeptiert, desto besser kommt man damit klar.“

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