Vom Mut des Gewissens Zivilcourage in Politik, Gesellschaft und im persönlichen Alltag

Zivilcourage beginnt mit dem Mut des Einzelnen zum eigenen Urteil. Verantwortungsbewusstsein und Standfestigkeit sind gefragt. Einmischen, statt wegschauen, lautet die Devise. Aber nicht jeder, der sich auf Zivilcourage beruft, ist damit auch im Recht.

Wenn es um Zivilcourage – oder einfacher – um Mut im bürgerlichen Leben geht, ist Lebensmut das Thema. Todesmut entfaltet sich im Krieg. Hoffmeisters Wörterbuch der Philosophischen Begriffe unterscheidet den physischen Mut vom moralischen. Ersterer basiert auf der Kraft und Übung des Körpers, letzterer entspringt der intellektuellen Einsicht und der Bereitschaft, sich für das als wahr und gut Erkannte bedingungslos einzusetzen.

Zivilcourage bei Bismarck, Kennedy und Bonhoeffer

Der einschlägigen Literatur zufolge, soll Otto von Bismarck den Begriff Zivilcourage als Erster in Deutschland 1864 nachweisbar gebraucht haben, um den sozialen Mut als etwas Außergewöhnliches hervorzuheben und vom militärischen abzugrenzen: „Mut auf dem Schlachtfelde ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, daß es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt.“

John F. Kennedy (Präsident der USA von 1961 bis 1963) schreibt in seinem zu den politischen Klassikern zählenden Buch Zivilcourage (geschrieben 1955 und 1956, deutsche Erstausgabe 1964), die US-amerikanische Geschichte sei reich an Vorbildern für Mut. Viel könne man von ihnen lernen, wenn wir uns in ihr Leben vertiefen und uns hineindenken in die Situationen, in der sie ihre Mutprobe bestanden haben; doch Mut selbst: „Diesen muss jeder in seiner eigenen Seele suchen.“

Dietrich Bonhoeffer, ein zweifellos mutiger Mann aus dem Kreis der Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur, hat ein Glaubensbekenntnis formuliert. Darin heißt es: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Ob jemand Mut hat, das zeigt sich erst, wenn er oder sie ihn braucht. Bonhoeffer findet ihn weniger – sozusagen – im Blick nach innen als im Blick nach oben. Nicht als Vorrat, sondern als je aktuelles Geschenk des Glaubens. Anders gesagt: Mut ist demnach letztlich unverfügbar. In Bonhoeffers Auffassung und existentieller Erfahrung sind Mut (vor den Menschen und Vertrauen zu sich selbst) und Demut (vor Gott) ein Zwillingspaar.

Voraussetzungen für Zivilcourage

Gleichwohl scheint dieser Mut an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Familie, Beruf und Gesellschaft sind aus der Sicht des protestantischen Glaubens Bereiche, in denen ein Mensch seinen (Glaubens-) Mut aufleuchten lassen kann. Das geschieht, wenn er Verantwortung übernimmt, selbstständig denkt und urteilt und handelt, in diesem Sinne Charakter zeigt und Willensstärke besitzt.

Die Übernahme von Verantwortung erfordert nicht zuletzt Bildung. Des Mutes bedarf es in Entscheidungssituationen, in denen man im Bilde sein, sich ein Bild von der Lage (und den möglichen Konsequenzen einer Entscheidung) gemacht haben muss, damit unsere Handlungen nicht unserem Mutwillen entspringen, also unserer Gedankenlosigkeit oder gar unserem Leichtsinn. Glaubenskraft aus dem Gebet mag der Christ im „stillen Kämmerlein“ ziehen, Glaubensmut zeigt der Mensch in der Öffentlichkeit. Der Politikwissenschaftler Gerd Meyer (Tübingen) formuliert als eines von vier Kriterien zivilcouragierten Handelns: „Zivilcouragiertes Handeln ist öffentlich, d.h. in der Regel sind mehr als zwei Personen anwesend“ (Gerd Meyer u.a.: Zivilcourage lernen. Analysen – Modelle – Arbeitshilfen. Stuttgart 2004).

Urteilsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein

Keine Aufklärung ohne Mut. Neue Erkenntnisse, Fortschritte des Denkens werden nur von denjenigen erzielt, die die Fesseln des Geistes aus dem Althergebrachten, Schon-immer-so-Gewesenen zu sprengen bereit sind und ihre Angst vor den traditionellen Autoritäten ablegen. Der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, gab den Startschuss zur Unabhängigkeit des Urteils mit der Parole: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Wer zu den Aufklärerinnen und Aufklärern im Alltag gehören will, muss hören, sehen und sprechen (d.h. eingreifen) wollen. Daher hat die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) für ihren Aufruf zur Zivilcourage das Logo der Drei Affen gewählt: „Weggeschaut, ignoriert, gekniffen.“ Und ermutigt zum Hinhören, Hinsehen und verantwortlichen Handeln. Damit man dabei aber nicht über das Ziel hinausschießt und die eigene (physische und/oder moralische Kraft) womöglich falsch einschätzt – oder gar die Gelegenheit gekommen sieht, sein Mütchen zu kühlen –, stellt die Polizei als ersten Grundsatz auf: „Gefahrlos handeln – ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.“

Solidarität mit Opfern, auch unter Risiken

„Opfer versorgen – ich kümmere mich um Opfer“, lautet der fünfte Grundsatz und erinnert somit an das biblische Vorbild des Mutes im zivilen Leben, den barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37). Das Beispiel dessen, der die Wunden des unter die Räuber Gefallenen verbindet und ihn in eine Herberge bringt und dem Herbergsbesitzer noch etwas Geld gibt, damit er den Verletzten weiter pflegt, bis er wieder auf die Beine kommt, zeigt aber auch: In der konkreten Situation kann man nicht immer wissen, ob einen seine Hilfsbereitschaft nicht doch einer Gefahr aussetzt und ob sie ein Risiko beinhaltet. Das Terrain war gefährlich, die Räuber hätten zurückkommen und auch den Samariter niederschlagen und berauben können. Der schon zitierte Politikwissenschaftler Meyer arbeitet als weiteres Kriterium von Zivilcourage heraus: „Es gibt häufig nicht bestimmbare Risiken, das heißt, der Erfolg zivilcouragierten Handelns ist meist unsicher, und der Handelnde ist bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen.“

Der Mut, das Leben zu lieben und zu schützen

Bertolt Brecht zum Beispiel hat in seinem Stück Mutter Courage und ihre Kinder am Beispiel der stummen Kattrin diesen Fall literarisch illustriert: Als 1636 während des Dreißigjährigen Krieges kaiserliche Truppen sich Halle nähern und den Überraschungseffekt für die Einnahme der Stadt nutzen wollen, warnt Kattrin die nichtsahnenden Einwohner. Sie weiß sich und anderen zu helfen, indem sie mit einer Trommel auf ein Dach steigt, die Leiter zu sich hochzieht und kräftig die Trommel rührt.

Schließlich erschießen die Soldaten das wagemutige, durch nichts von ihrer Warnung abzubringende Mädchen. Doch die Bürger sind nun auf den Angriff vorbereitet. Ich neige dazu, Kattrins Mut eher als Lebens- denn als Todesmut zu bezeichnen. Den Mut, das Leben zu lieben und zu schützen. Mit den Worten John F. Kennedys: „Hier tut ein Mensch, was er tun kann… Und dies ist die Grundlage aller menschlichen Sittlichkeit.“

Wo Zivilcourage gefragt ist

John F. Kennedy ruft in seinem schon erwähnten Buch markante Beispiele des Mutes im politischen Leben von acht Senatoren der Vereinigten Staaten von deren Gründung bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung. Er zeigt sich dabei davon überzeugt, dass es weder besonderer historischer Umstände bedarf, um (vor uns selbst und anderen) zu flüchten oder standzuhalten, noch nur Menschen in hervorgehobener Position vor ebendieser Wahl stehen: „Die Gelegenheit bietet sich früher oder später für jeden von uns. Die Politik stellt lediglich eine eigene Arena dar, die zu Mutproben besonderer Art zwingt.“

Man schaue sich nur um oder prüfe sich selbst, wie oft man doch, sehenden Auges durch den Alltag in der Familie, dem Beruf, der Gesellschaft gehend, sich die Frage stellt: ›Sag ich jetzt was, oder sag ich jetzt nix dazu…?‹ Wo also fängt Zivilcourage an? Sicherlich – sagen einschlägige pädagogische Ratgeber – im Kleinen. Und das alltägliche Erleben bietet immer wieder Gelegenheiten, Mut einzuüben, sich auszuprobieren, Selbsterfahrung zu machen: Am Arbeitsplatz eine gemobbte Kollegin in Schutz nehmen, dem Vorgesetzten widersprechen, wenn man etwas tun soll wider andere (bessere) Einsicht (nicht immer muss das automatisch einen Karriere-Knick zur Folge haben), einen Missstand öffentlich machen, wenn man davon erfährt (markantes Beispiel: Whistleblower), schnellgefällten Urteile über Menschen, die sich nicht innerhalb des Mainstreams bewegen, mit guten Gründen widersprechen, damit sie nicht ins Abseits gestellt werden. Ja, bei alldem kann man sich wohl den Mund verbrennen. Aber es kann uns auch Respekt verschaffen; wichtig für die eigene Persönlichkeit ist jedoch vor allem, den Selbstrespekt nicht zu verlieren.

„Mut haben“ ist nicht gleich „Recht haben“

Jeder Mut – das zeigen Kennedys ausgewählte Beispiele – ist von anderer Art. So ist zum Beispiel Mut nötig, wenn es darum geht, an den eigenen Grundsätzen unerschütterlich festzuhalten, aber auch, wenn jemand für Kompromissbereitschaft und Versöhnung eintritt, obwohl die große Mehrheit die Durchsetzung der eigenen Interessen zur Maxime des Handelns erklärt und derjenige dieser Mehrheit partei- oder regionalpolitisch verbunden ist. Wie Senator Lucius Lamar von Mississippi, ein Südstaatler, der vor dem Bürgerkrieg ein glühender Verfechter der Interessen der sezessionistischen Konföderation war. Nach dem Krieg in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts setzte er sich aber mit aller Kraft für Frieden und Versöhnung ein und entschied gerade deswegen in bestimmten ökonomischen und politischen Personalfragen anders, als es sehr viele Menschen des Südens samt ihrer Repräsentanten aus ihrem partikularen Blickwinkel von ihm verlangten. Lamar: „Ich schätze das Vertrauen der Bevölkerung von Mississippi, aber ich habe niemals bloße Volkstümlichkeit als Gradmesser meiner Handlungen betrachtet.“

Doch gilt auch: Worauf immer sich ein Mutiger beruft – das Wohl der Allgemeinheit, das er über Partei- oder Regionalinteresse stellt, das eigene Gewissen, dessen Werte ihm wichtiger sind als die Loyalität zu seinem Staat oder seiner sozialen Herkunft bzw. Gruppe – der gezeigte Mut an sich besagt nicht unbedingt etwas darüber, ob man in einer bestimmten Sache Recht hat. Kennedy gibt Abraham Lincoln (Präsident während des Amerikanischen Bürgerkrieges 1861–1865) das Wort: „Wenige Dinge sind vollkommen schlecht oder vollkommen gut; fast jede Sache, besonders in der Regierungspolitik, ist eine unteilbare Verbindung von beiden, so dass wir ständig zu beurteilen haben, welches der beiden Elemente gerade überwiegt.“ Nicht jedes stolze und selbstgewisse Festhalten an den eigenen Ansichten ist daher klug und weise. Selbstgerechtigkeit ist noch lange keine Zivilcourage. Und Sturheit nicht gleich Bürgermut.

Merkels Zivilcourage in der Flüchtlingsfrage

Politik zu gestalten auf der Woge einer breiten Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger ist dennoch nicht immer einfach: Auch als noch eine große Mehrheit der Wähler in Deutschland so etwas wie Stolz auf ihr Land zeigte, als Angela Merkel ihr „Wir schaffen das“ sprach und für die – vor allem – syrischen Flüchtlinge die Grenzen öffnete, wird sie gewusst haben, dass die Voraussetzung für deren Integration zu schaffen, kein leichtes Spiel würde. Doch diese humanitäre politische Maßnahme fiel ihr insofern leichter, als sie von einer „Willkommenskultur“ begleitet wurde. Ja, die bis dahin ohnehin mit den größten Sympathiewerten bedachte Bundeskanzlerin konnte in der Wählergunst sogar zulegen. Bis die Sympathiebekundungen (Stichwort „Kölner Silvesternacht“) unversehens einbrachen. Im Spätsommer und Herbst 2016 diskutiert die Öffentlichkeit, ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl, ob Angela Merkel überhaupt noch einmal als Kanzlerkandidatin antreten soll. Der Wind hat sich gedreht: Nun will die Wählermehrheit die Flüchtlinge draußen lassen und zurückweisen, statt willkommen heißen. Und in den eigenen Reihen der Unionsparteien wird die Kanzlerin massiv unter Druck gesetzt.

Große Teile der Union schielen auf „die“ Wähler. Sehen deren Unmut in den Spiegeln der Demoskopie. Lassen sich anstecken von den in den sozialen Netzwerken und Teilen der Medien geschürten Ressentiments gegenüber „den“ Flüchtlingen. Fürchten den möglichen Machtverlust und meinen, an Volkes Stimme, am (demoskopisch ablesbaren, launisch schwankenden, instrumentalisierten!) Volkswillen nicht vorbei regieren zu sollen-können-dürfen. Das riecht aber danach, eigene Aversionen gegen „Überfremdung“ mit demokratischen Grundsätzen bemänteln zu wollen. Ist das Volk der eigentliche Souverän in der Demokratie, kann die (wenn auch nur indirekt vom Volk gewählte Regierungschefin) nicht bei ihrer souveränen Entscheidung (sie bestimmt die Richtlinien der Politik) bleiben? Bisher hat Angela Merkel zwar Fehler in ihrer Flüchtlingspolitik eingeräumt, ihre politische Grundsatzentscheidung in der Flüchtlingsfrage jedoch weder bedauert noch zurück genommen. Sie hat ihr Gewissen unter dem Druck ihrer Parteifreunde, den vorsichtigen partiellen Absetzbewegungen ihres SPD-Koalitionspartners und den Wahlerfolgen der AfD mit ihren Anti-Flüchtlingsparolen nicht preisgegeben.

Missbrauch des Begriffs „Zivilcourage“

Dabei scheut die „Alternative für Deutschland“ nicht davor zurück, sog. engagierte Zivilisten für ihre „Zivilcourage“ zu loben, als sie im sächsischen Arnsdorf einen angeblich widerborstigen Asylbewerber überwältigen und später der Polizei übergeben. Da man im vorliegenden Fall (angeblich wiederholt missfallendes Verhalten in einem Supermarkt) nicht ernsthaft von „Notwehr“ sprechen kann – die man unter wirklich bedrohlichen Umständen als Recht (der Selbstverteidigung oder der Verteidigung anderer Menschen und ihres Eigentums) selbstverständlich in Anspruch nehmen darf und ein Beweis von Mut sein kann –, verdient diese Aktion das Urteil Selbstjustiz bzw. Anmaßung von polizeilicher Gewalt aus fremdenfeindlichen Motiven. Mit humanen und demokratischen Prinzipien steht diese Art von „Bürgerwehr“ nicht in Einklang und fällt daher aus dem Rahmen eines zivilcouragierten Verhaltens.

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