Jaël – Nathan – Petrus Zivilcourage in der Bibel

Auch wenn der Begriff „Zivilcourage“ erst seit Bismarck existiert – das Phänomen gibt es natürlich schon viel länger. Bereits in der Bibel verteidigen Menschen mit Mut und Standhaftigkeit das zivile Recht gegen die bloße Macht des Stärkeren. Drei Beispiele.

1. Beherzte Tötung: Die Keniterin Jaël

Barak aber jagte den Wagen und dem Heer nach bis Haroschet-Gojim. Und Siseras ganzes Heer fiel durch die Schärfe des Schwerts, sodass auch nicht einer übrig blieb. Sisera aber floh zu Fuß in das Zelt Jaëls, der Frau des Keniters Heber. Denn der König Jabin von Hazor und das Haus Hebers, des Keniters, lebten miteinander im Frieden. Jaël aber ging hinaus Sisera entgegen und sprach zu ihm: Kehre ein, mein Herr, kehre ein bei mir und fürchte dich nicht! Und er kehrte bei ihr ein in ihr Zelt und sie deckte ihn mit einer Decke zu. Er aber sprach zu ihr: Gib mir doch ein wenig Wasser zu trinken, denn ich habe Durst. Da öffnete sie den Schlauch mit Milch und gab ihm zu trinken und deckte ihn wieder zu. Und er sprach zu ihr: Tritt in die Tür des Zeltes, und wenn einer kommt und fragt, ob jemand hier sei, so sprich: Niemand. Da nahm Jaël, die Frau Hebers, einen Pflock von dem Zelt und einen Hammer in ihre Hand und ging leise zu ihm hinein und schlug ihm den Pflock durch seine Schläfe, dass er in die Erde drang. Er aber war ermattet in einen tiefen Schlaf gesunken. So starb er. (Richter 4,16-21)

Auf den ersten Blick wirkt diese Geschichte nicht wie die allerbeste Illustration von Zivilcourage, und dennoch ist sie es bei näherem Hinsehen in geradezu exemplarischer Weise. Zum einen, weil Jaël eine Zivilistin ist, die im entscheidenden Moment couragiert handelt; zum anderen, weil das, was Zivilcourage ausmacht, auch durch die äußeren Verhältnisse und die Zeitläufte bestimmt wird. Einem jüdischen Kommunisten im Rollstuhl auf seine Bitte hin in den Bus zu helfen, mag in Tel Aviv ein beinahe selbstverständlicher Akt der Freundlichkeit sein, im Berlin des Jahres 1944 wäre es, wäre es denn möglich gewesen, eine ungeheuer mutige Tat.

Nicht ohne Grund wird in der Geschichte mehrfach erwähnt, dass Jaël die Frau des Keniters Heber ist. Die Keniter waren mit den Israeliten assoziiert, im Konflikt Israels mit den kanaanäischen Stadtkönigen aber neutral. Wenn nun Sisera als Heerführer des Kanaaniterkönigs Jabin auf der Flucht bei Jaël Schutz sucht, entsteht eine heikle Situation: Jaël steht in der Gefahr, in Abwesenheit ihres Mannes als Frau zwischen die Fronten zu geraten – mit allen vorstellbaren Konsequenzen. Wenn sie nicht Opfer des Krieges werden will, muss sie sich jetzt entscheiden und selbst handeln. Das tut sie außerordentlich geschickt und beherzt, indem sie der Bitte Siseras um Wasser – der Heerführer hatte zu Fuß fliehen und eine Frau um Hilfe bitten müssen, mehr Demütigung ist kaum denkbar – nur scheinbar nachkommt und daher das Gastrecht nicht verletzt. So kann sie guten Gewissens zum Hammer greifen. Interessant ist auch das Verhalten des gescheiterten und gedemütigten Heerführers: Kaum wähnt er sich halbwegs in Sicherheit, beginnt er, eben noch Bittsteller, schon wieder zu kommandieren. Vielleicht hatte Jesus auch diese Geschichte im Sinn, als er sprach: Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen (Mt 26,52).

2. Kluge Anklage: Der Prophet Nathan

In altorientalischen Monarchien gibt es keine Gewaltenteilung. Der König selbst ist der Garant der rechtmäßigen Ordnung. Carl Schmitt hätte gesagt: „Der Führer schützt das Recht.“ Was aber, wenn der Herrscher selbst zum Straftäter wird? Dann bedarf es, im glücklichen Falle, einer Instanz, die diese Lücke zu füllen vermag. In der folgenden Geschichte ist es der Hofprophet Nathan, der seinem König mutig entgegentritt, nachdem dieser einen Getreuen in den sicheren Tod geschickt hatte, um dessen Frau seinem Harem einzuverleiben.

Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt‘s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er‘s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! (2.Samuel 12,1-7)

Nathan geht ein hohes persönliches Risiko ein, trifft jedoch, gottlob, auf einen (vielleicht nur aus Kalkül) einsichtigen und bußfertigen König, weshalb diese Geschichte ein glückliches Ende nimmt. Kirche, die gern ein prophetisches Wächteramt für sich reklamiert, sollte dabei, gerade wenn sie das in Gestalt des deutschen Protestantismus tut, allerdings Bescheidenheit walten lassen – eingedenk ihrer eigenen Verstrickung in die unheilige Allianz von Thron und Altar. Zivilcourage ist kein Amt. Und eine wiedererrichtete Militärkirche ist kein Friedenszeichen.

3. Zwiespältiger Widerspruch: Der Apostel Petrus

Petrus ist ein schwieriger Fall. Der Fischer Simon wird gemeinsam mit seinem Bruder Andreas als erster von Jesus zum Jünger berufen (Mk 1,16-18) und erhält den Spitznamen Kephas/Petrus (Mk 3,16). Was Jesus mit dieser Namensgebung im Sinn gehabt hat, lässt sich nur vermuten. Gerade am Anfang darf man bei der Wahl der Anhänger nicht allzu wählerisch sein und muss nehmen, was (mit-)kommt. Die landläufige Auffassung, Petrus sei der „Fels“ auf dem Kirche gründet, ist eine bewusste Missinterpretation dieses Spitznamens durch die Kirche in Rom, um ihre Vorrangstellung zu begründen. Erst Augustinus schließt sich dieser Deutung an, um den Römern zu gefallen. Bis dahin sind alle Kirchenväter, Augustinus eingeschlossen, der einhelligen Meinung, das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus (das Petrus ausspricht) sei der Felsen, auf den die Kirche gegründet ist (Mt 16,16-18). Bei der Namensgebung muss auch mit Ironie gerechnet werden und „Petrus“ zielt vielleicht nur auf die etwas unbehauene Wesensart dieses Jüngers und wäre dann mit „Klopper“ ganz zutreffend übersetzt.

Bei einigen Gelegenheiten, Zivilcourage zu zeigen, liegt Petrus eher daneben. Als Jesus verhaftet wird, will er seinem Meister beispringen, zückt das Schwert und schlägt einem Knecht des Hohenpriesters namens Malchus ein Ohr ab (Joh 18,10) – ein Fehler, der von Jesus umgehend korrigiert wird (Lk 22,51: dort ist es freilich einer der Umstehenden, der zum Schwert greift, nicht Petrus selbst. Nur das Johannesevangelium hat ein besonderes Interesse daran, Petrus schlecht dastehen zu lassen). Als Petrus sich während des Verhörs Jesu durch seinen Dialekt als Galiläer verrät, lässt er die Gelegenheit, sich als Anhänger Jesu zu outen, verstreichen – eine in dieser Situation wahrscheinlich ganz vernünftige und nur zu verständliche Reaktion (Mk 14,66-72). Allerdings beklagt sich auch der Apostel Paulus über einen Mangel an Zivilcourage bei seinem Apostelkollegen Petrus und bezichtigt ihn der Heuchelei (Gal 2,11-14).

Schließlich bekommt Petrus doch noch die Gelegenheit, Zivilcourage zu zeigen. Es ist eine Geschichte voll herrlicher Ambivalenzen. Nachdem Petrus und die übrigen inhaftierten Apostel auf wunderbare Weise dem Gefängnis entronnen sind, werden sie anderntags dem Hohen Rat, also dem politisch-religiösen Establishment ihrer Zeit, vorgeführt:

Da ging der Hauptmann mit den Knechten hin und holte sie, doch nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten sich vor dem Volk, dass sie gesteinigt würden. Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apostelgeschichte 5,26-29)

Dass Petrus und die übrigen Apostel diesen Satz für die Ewigkeit: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (fettgedruckt in der Lutherbibel) der Obrigkeit ins Angesicht sagen können, übrigens in Anlehnung an einen berühmten Satz aus Platons Apologie des Sokrates, ist auch einigen günstigen Begleitumständen geschuldet. Nachdem sie dem Gefängnis entronnen sind, haben sie für kurze Zeit Oberwasser; die Büttel der Staatsmacht fassen sie mit Samthandschuhen an, denn sie haben selber Angst. Die Apostel werden als Gruppe vorgeführt. Da ist es, nein, nicht leicht, aber doch leichter, mutig zu sein, und manchmal schwerer, nicht mutig zu sein. Nur der Starke ist am mächtigsten allein; wir übrigen bedürfen der gegenseitigen Ermutigung. Und die Obrigkeit versucht es ausnahmsweise mit einer Mischung aus Gut-Zureden und Argumenten, statt mit plumper Gewalt.

Vor allem aber hat der Satz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ seine eigene Tücke. Denn er setzt voraus, dass der sich auf Gottes Willen Berufende diesen auch kennt und dass Gottes Wille den Intentionen des Gegenübers entgegen steht. Der Grat zur religiösen, fundamentalistisch grundierten Selbstermächtigung gegen jede staatliche Ordnung ist hier sehr schmal, die Kreuzzugsrhetorik eines „Gott will es!“ lugt schon um die Ecke. Es bedarf nur anderer historischer Rahmenbedingungen, sprich: Machtverhältnisse, und schon kann es nötig sein, Zivilcourage auch in der Kirche zu zeigen.

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