Editorial: Zivilcourage Ausgabe 4/2016

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn öffentliche Auftritte nur noch unter Polizeischutz möglich sind, dann gehört schon enorm viel Mut dazu, seine Sache weiter zu vertreten. Das ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo Alltag seit dem verheerenden Anschlag fanatischer Islamisten auf die Redaktion im letzten Jahr. Die Welle der Solidarität mit den Opfern war riesig. Zum Teil wurde aber auch die Frage gestellt, wie belastbar diese Solidarität wirklich wäre, wenn es Ernst würde.

Gerade junge Menschen beteiligen sich in großem Umfang an solchen Solidaritätsaktionen und entwickeln dabei auch neue Formen der politischen Partizipation. Wir freuen uns als Redaktion deshalb, dass wir das Schwerpunktthema in diesem Heft gemeinsam mit dem Verband der Evangelischer Studierendengemeinden in Deutschland ausloten können: Der Schwerpunktteil dieser Ausgabe entstand in Kooperation mit der ESG und erscheinen parallel auch in der ESG-Zeitschrift ansätze. Aus dem Kreis der jüngeren Generation fragt der EKD-Jugenddelegierte Ingo Dachwitz in seinem Beitrag kritisch nach, ob es sich bei den weit verbreiteten Solidaritätsaktionen im Internet tatsächlich um neue Formen von Zivilcourage oder eher um Mittel zur Beruhigung des eigenen Gewissens handele. Herrmann Preßler entfaltet als Hintergrund dazu, was und wer den Begriff „Zivilcourage“ geprägt hat und wo er heute im politischen Alltag zur Geltung kommt.

Anlässe, die Zivilcourage erfordern, sind in den vergangenen Jahren ja leider auch in Deutschland nicht weniger geworden. Schließlich bricht die Gewalt immer wieder in den Alltag ein, so z.B. wenn Menschen von Schlägertrupps angegriffen werden oder wenn sich Wut und Hass gegen Ausländer und Asylbewerber richten. Veronika Brandstätter zeigt in ihrem Beitrag, dass Zivilcourage im Kleinen beginnt. Zugleich erklärt sie, warum so viele Menschen in kritischen Situationen lieber wegsehen, und gibt Hinweise, wie jede/r sich auf entsprechende Herausforderungen persönlich vorbereiten kann.

Gerade in einer Welt, in der zunehmend Freiheiten beschnitten werden, wie nicht zuletzt die Entwicklung in Russland und der Türkei zeigt, ist eine Besinnung auf Zivilcourage wichtig. Dass dabei auch die Bibel und protestantische Traditionen wertvolle Orientierung bieten, belegen die Beiträge von Uwe Karsten Plisch und Eckhard Zemmrich. Und im Jahr des Reformationsjubiläums lohnt sich auch ein Blick zurück in die Kirchengeschichte: In Konstanz wird derzeit an das Konstanzer Konzil vor 600 Jahren erinnert (vgl. den Beitrag von Rainer Lang in evangelisch aktiv). Der böhmische Reformator Jan Hus hat seine Zivilcourage dort 1415 mit dem Leben bezahlt.

Dieses Heft versammelt eine Fülle von Denkanstößen zum Jahresausklang. Nun wünsche ich Ihnen im Namen der gesamten Redaktion eine friedliche und besinnliche Advents- und Weihnachtszeit.

Rainer Lang

 

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