Den Freiraum entdecken! Bibel und Bild zur Losung des 1. Juni 2016

Ich gab ihnen meine Gebote und lehrte sie meine Gesetze, durch die der Mensch lebt, der sie hält. (Hesekiel 20,11)

Gebote und Gesetze – von Gott gegeben als lebensdienlicher Rahmen für uns Menschen. Wenn ich den Blick auf unsere gesellschaftliche Wirklichkeit richte, dann nehme ich eine spürbare Differenz zu diesem lebensdienlichen Ziel wahr. Ein immer mehr an Gesetzen und Verordnungen erwecken den Eindruck, nicht wirklich dem Leben zu dienen, sondern es vielmehr im Keim zu ersticken. Mit einer wahren Gesetzesflut wird versucht, die immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Prozesse zu regeln und zu ordnen.

Das Ergebnis ist vielfach nicht mehr Klarheit und Sicherheit, sondern eher Verunsicherung und Frustration. Die Angst, am Ende könnte ich für meine getroffene Entscheidung oder mein beherztes Handeln gerichtlich belangt werden, ist groß und wächst merklich an. Und diejenigen, die in Leitungsverantwortung stehen, haben das Gefühl, in der Umsetzung von neuen Datenschutzrichtlinien und Sicherheitsbestimmungen oder dem Abfassen von Stellungnahmen neuer Durchführungsverordnungen und Gesetzesänderungen nicht mehr wirklich zu dem zu kommen, was ihr Kerngeschäft ist.

Um es gleich zu sagen: Mir geht es in allem nicht darum, die Notwendigkeit eines Rechtsrahmens in Frage zu stellen. Gerade eine ausdifferenzierte und plurale Gesellschaft ist darauf angewiesen, sich einen Ordnungsrahmen zu geben, der das Miteinander verlässlich und für alle transparent regelt. So ist es im ethischen Bereich unerlässlich, genau hinzuschauen, wo die Grenze verläuft, um die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen zu garantieren. Im Kontext des demographischen Wandels hin zu einer Alternsgesellschaft des langen Lebens wird das sehr konkret. Es verbirgt sich unter dem inzwischen geflügelten Wort vieler Vorträge: „In Würde altern“ so, als ob dem Menschen mit und im Alter die Würde abhanden oder verloren gehen könnte. Eher umgekehrt ist es wichtig, sich um des Menschen willen dafür einzusetzen, dass die Würde auch für Menschen im hohen Alter – und seien diese noch so dement – unverlierbar und zu schützen ist.

Ich plädiere für ein Umdenken im Sinne des Bibelworts aus Hesekiel. Nicht die Summe der Gesetze steht für ihre Lebensdienlichkeit. Im Gegenteil: sie bringt uns in ihrer Fülle eher weiter weg vom Ziel. Sondern die innere Haltung ist es, die nicht beim bloßen Gesetz stehen bleibt, sondern die weiter und tiefer sieht ganz im Sinne des Jesusworts aus dem Markusevangelium: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“. Nicht ohne Grund heißt es deshalb bei Hesekiel: Meine Gebote und meine Gesetze. Das Possessivum gibt die Richtung an. In ihm wird diese lebensdienliche Haltung explizit zum Ausdruck gebracht und zugleich jeder Gesetzlichkeit widersprochen so, als ob der Mensch, wir selbst, durch das strikte und rechtschaffene Halten der Gebote und Gesetze leben würden. Und als ob es das ist, was Gott von uns im Letzten fordert um des Lebens willen.

Von Martin Luther stammt das geflügelte Wort: Pecca fortiter! – sündige tapfer!“ Im Kontext des Reformationsjubiläums 2017 ist es gut, sich daran erinnern zu lassen. Luther wollte – ganz im Sinne seiner Rechtfertigungslehre – deutlich machen, sich ganz auf Gott zu verlassen und aus seinem Erbarmen heraus zu leben. Um diese Haltung des Erbarmens geht es. Sie lebt gerade nicht daraus, den Gesetzen und Geboten das letzte Wort zu geben und auch zu lassen, sondern das vorletzte. So dienen sie letztlich dem Leben, weil sie uns einen freien Raum eröffnen – wohl gemerkt: keinen rechtsfreien, aber einen Raum innerer Freiheit im Umgang mit den Gesetzen und Vorschriften dieser Tage, die so erbarmungslos daher zu kommen scheinen. Und des Herrn Wort geschah zu mir: „Ich gab ihnen meine Gebote und lehrte sie meine Gesetze, durch die der Mensch lebt, der sie hält“.

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