Freier Wille – Unfreier Wille Editorial Ausgabe 2/2018

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“, sagt der Hirnforscher Wolf Singer. Verschaltungen legen uns fest. Sein Kollege Gerhard Roth setzt nach: „Nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden.“ Der freie Wille als Illusion.

Was die Hirnforschung seit mehr als 40 Jahren als Determinismusverdacht diskutiert, ist auch aus anderen Wissenschaften bekannt. Arbeiterkinder werden Arbeiter. Akademikerkinder werden Akademiker… Der Sozialphilosoph Pierre Bourdieu sprach von Determinierung durch Klassenzugehörigkeit. Ganz ähnlich Karl Marx mit dem gesellschaftlichen Sein, das das Bewusstsein bestimmt.

Meint aber der Sozialphilosoph mit sozialer Prägung dasselbe wie der Hirnforscher mit neuronaler Festlegung? Man findet sich sofort in einem wahren Dschungel von Begriffen und Definitionen vor, wenn man sich in die Debatte um die Willensfreiheit begibt. Ein Dschungel wahrhaft tropischer Dimensionen, der einem Schweißperlen auf die Stirne treibt. Nicht immer einfach ist es da zu unterscheiden, in Bezug worauf es jeweils um die Freiheit geht. Tja „die Wille, die Wille“: um einen Eindruck der riesenhaften Dimensionen zu bekommen, lesen Sie die Einführung von Hermann Preßler.

Mit unserem Schwerpunkt muten wir Ihnen also viel Denk- und Lesearbeit zu. Aber was nimmt der Mensch nicht alles auf sich, wenn es um Freiheit geht… Längst nicht immer gelingt es bei so viel Komplexität, leicht den Überblick zu behalten. Daher Machete in die Hand und munter Schneisen geschlagen! Schließlich begegnet das Thema auf Schritt und Tritt, nicht erst seit die Digitalwirtschaft versucht, mit Algorithmen und Datensätzen unser (Kauf-)Verhalten minutiös vorherzusagen.

Der Sozialethiker Michael Roth argumentiert, dass das Theorem der Willensfreiheit in die Irre führt, und stellt dabei die für einen evangelischen Theologen erstaunliche These auf: Frei ist ein Mensch, wenn er ohne äußeren Zwang seinen Wünschen und seiner Natur gemäß handeln kann.

Der katholische Theologe Christian Hoppe stellt den Ansatz eines monistischen Materialismus vor und Dina El Omari legt eine islamische Sicht auf das Thema als Koranexegese dar.

Freier Wille – Unfreier Wille. Bei dieser Omnipräsenz des Themas nimmt es nicht wunder, dass schon der Freiheitstheologe Luther sich der Frage angenommen hat. Und es erstaunt auch nicht, dass er seine Schrift „Vom unfreien Willensvermögen“ neben den Katechismen für die wichtigste hielt. Analog zu Sigmund Freuds späterer These, dass „das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist“, sieht auch Luther den Menschen in mancher Hinsicht zuerst als unfrei an – und zeigt Wege hin zu Freiheit auf.

Freiheit – Unfreiheit: In jeder Hinsicht ein wichtiges Thema, das zu durchdenken gegen menschliche Hybris hilft,

meint Ihr

Manfred Schütz

Zum Weiterlesen

1 Gedanke zu „<span class="entry-title-primary">Freier Wille – Unfreier Wille</span> <span class="entry-subtitle">Editorial Ausgabe 2/2018</span>“

  1. Ich lese immer wieder, ein unfreier Wille führt angeblich dazu, dass in Kenntnis darüber die Gesellschaft verrohen würde, man letztlich unfähig wäre für die Liebe. Das ist einfach falsch und beruht eher auf dem Prinzip „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“. Neben seinem Verstand besitzt der Mensch Gefühle, die in der Regel seine Entscheidungen maßgeblich mitbestimmen oder dominieren. Er ist keine Maschine wie von den Verfechtern der Willensfreiheit angeführt wird und kann auch ohne einen freien Willen Dinge schön oder hässlich, richtig oder falsch bewerten sowie die entsprechenden Empfindungen dazu aufbauen. Der Einzelne kann sich auch nicht mehr über Andere stellen. So wird das Gemeinschaftsbewusstsein gestärkt. Man ist einander eher zugetan. Deshalb fördert der unfreie Wille sogar die positiven Verhaltensmuster. Das Schlechte, das Böse ist nicht mehr die Person, sondern nur seine Handlung. Allerdings gibt es aber auch hier die Kehrseite. Wer auf Grund seines Charakters egoistisch und ohne Empathie veranlagt ist, wird sich wohl auf seine Weise ebenfalls darüber freuen. Auch dessen Verhalten wird durch den unfreien Willen toleriert werden müssen. Das kann natürlich dazu führen, dass diese Menschen noch rücksichtsloser handeln. Es wird aber insgesamt gesehen nicht zu eine Verschiebung zwischen Gut und Böse kommen. Die grundlegenden Charakterzüge verändern sich dadurch nicht. Es wird im Ergebnis darauf hinauslaufen, dass gute Menschen noch besser und schlechte Menschen u.U. schlechter werden. Aber wenn die meisten Schlechten von der Alternative überzeugt werden können, liegt darin die große Chance auf eine bessere und gerechtere Welt.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

three × three =