„Man hat ein Gehirn und denkt nicht“ Bertha von Suttners Kampf für den Frieden

„Die Waffen nieder!“ mit diesem Aufruf hat sich Bertha von Suttner 1889 in den Kampf gegen den Krieg gestürzt. Mit all ihrer Kraft, ihrer Intelligenz, ihrem Ehrgeiz setzte sie sich für den Frieden ein. Schonungslos enthüllte sie die Heuchelei einer Gesellschaft, die den Krieg als Bewährungsprobe nahm und verherrlichte. Dafür erhielt sie 1905 als erster Frau den Friedensnobelpreis.

Bertha von Suttner hatte einen unbestechlich klaren Blick für die Hölle, die sich die Menschen mit ihren Kriegen bereiten. Sie sah voraus, dass ein Krieg mit moderner Waffentechnik von keiner Seite mehr zu gewinnen sei. Sie erklärte den Krieg für den Gipfel der Unmoral. Er wälze alles Gute nieder und bedeute das Ende jeder gewachsenen Kultur. Sie sprach offen aus, dass sich die Kirche mitschuldig macht, wenn sie Waffen segnet und den Glauben nährt, Gott würde im Krieg helfen.

Bertha von Suttner war über 45 Jahre alt, als sie begann, sich mit ihren Schriften und Reden für den Frieden einzusetzen. Und es war ihr wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen worden, dass gerade sie einmal als die erste Friedensnobelpreisträgerin in die Geschichte eingehen sollte. Als Tochter eines Generals schwärmte sie in jungen Jahren selbst für Fahnen und Uniformen und schnittige Offiziere.

Mehr noch: Kriege spielten als Ereignis für sie überhaupt keine Rolle. Sie habe, so berichtet sie rückblickend in ihren Memoiren, wie viele die „naive Auffassung geteilt, daß Kriege Dinge sind, die sich ebenso notwendig und regelmäßig und außer aller menschlicher Einflußsphäre abspielen, wie Vorgänge im Erdinnern und am Firmament; man hat sich also darüber nicht zu ereifern. Und spielen sie sich in der Ferne ab, so ist es schon gar wie der Zusammenstoß zweier Gestirne – das geht einen doch gar nichts an, dadurch wird man sich in seinen Beschäftigungen und Vergnügungen nicht stören lassen.“ Später kommentierte sie diese Zeit mit den Worten: „Man hat Ohren und hört nicht. Man hat Augen und sieht nicht.“ Und, so fügte sie hinzu, „man hat ein Gehirn und denkt nicht“.

Zwischen spielsüchtiger Mutter und reichem Traummann

Als junge Frau war Bertha vor allem auf eines aus: auf eine gute Partie. „Zufliegende Herzen und Heiratsanträge, eine Begegnung des Einen, Einzigen, dem auch mein Herz zufliegen würde, weil er der Vornehmste, Schönste, Gescheiteste, Reichste und Edelste von allen wäre. Was er mir bieten würde, und ich ihm auch reichlich zurückzahlen –, das wäre vollkommenes und lebenslängliches Glück“.

Dass dieser Traummann der Reichste sein sollte – dahinter stand auch der Wunsch, sie selbst und ihre Mutter, die früh verwitwet war, aus allen finanziellen Nöten zu reißen. Denn Berthas Mutter hatte eine kostspielige Leidenschaft: Sie zog mit ihrer jungen Tochter von einer Spielbank zur anderen und sorgte so dafür, dass immer Ebbe in der Kasse war.

Schließlich blieb Bertha, als sie dreißig Jahre alt war, nichts anderes übrig, als zu arbeiten. Dabei half ihr ihre ausgezeichnete Bildung. Sie fand eine Stellung als Erzieherin im Haushalt des Freiherrn von Suttner, befreundete sich mit den vier Töchtern, die sie zu erziehen hatte – und auch mit dem jüngeren Sohn, dem charmanten, sieben Jahre jüngeren Arthur von Suttner. Sie verliebte sich in Arthur, der gerade für sein Jura-Examen büffelte, und er sich in sie. Es kam heraus – und „mit eisiger Kälte, aber mit aller Zartheit“ gab die Baronin von Suttner der Erzieherin zu verstehen, dass sie jetzt ihre Koffer packen und sich eine neue Stelle suchen müsse. Der Grund war nicht nur der Altersunterschied, sondern auch die magere Mitgift, die von Bertha zu erwarten war.

Begegnung mit Alfred Nobel

Zum Abschied drückte die Baronin von Suttner Bertha eine Zeitungsannonce in die Hand: „Ein sehr reicher, hochgebildeter älterer Herr, der in Paris lebt, sucht eine sprachkundige Dame, gleichfalls gesetzten Alters, als Sekretärin und Oberaufsicht des Haushalts.“ Der „ältere Herr“ war niemand anderes als Alfred Nobel, der Mann, der das Dynamit erfunden hat und später den Nobelpreis stiftete. Zudem: der ältere Herr war zu diesem Zeitpunkt noch nicht 43 Jahre alt.

Ein Superidealist, der Philosophie besser verdaut als Essen

Nachdem er einige Briefe von Bertha erhalten hatte, war er davon überzeugt, dass ihre Qualifikationen seinen Erwartungen entsprachen. Sie war als österreichische Aristokratin ja gewohnt, sich in vornehmen Salons zu bewegen. Beide verstanden sich auf Anhieb. Nobel lebte sehr zurückgezogen und widmete sein Leben einzig seiner Studie, seinen Büchern und Experimenten. Er selbst beschreibt sich als „Misanthrop und doch äußerst wohlwollend“. Er „habe eine Menge Schrauben locker und [sei] ein Superidealist, der Philosophie besser verdaut als Essen.“ Er spürte einen Widerwillen dagegen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen: „Es kommt mir erbärmlich vor, in der bunten Sammlung von 1400 Millionen zweibeinigen, schwanzlosen Affen, die auf unserem kreisenden Erdprojektil herumlaufen, jemand oder etwas sein zu wollen.“

Eheschließung und erste publizistische Tätigkeit

Die Begegnung der beiden begann sehr hoffnungsvoll. In Bertha hatte Nobel eine inspirierende Gesprächspartnerin gefunden, dazu noch eine äußerst attraktive. Sicherlich hat auch er erst einmal ein Auge auf die attraktive, gebildete Frau geworfen. In einem Gespräch fragte er sie: „Sind Sie freien Herzens?“ – „Nein, antwortete ich aufrichtig.“

Schließlich erzählte sie ihm ihre ganze Liebesnot. Er gab ihr den Rat, auch den Briefwechsel mit dem geliebten Arthur abzubrechen. „Den Briefwechsel abbrechen? Das konnte ich nicht…“, gestand sie sich. Nach einer Woche verließ sie ihre Stellung wieder, fuhr zurück nach Wien und traf den Geliebten dort in einem Hotel, wo sie sich in die Arme fielen – happy end. Heimlich ließen sie sich trauen und fuhren in den Kaukasus. Dort verdienten sie ihren Lebensunterhalt in den folgenden Jahren mit Sprach- und Musikunterricht sowie mit ersten journalistischen Arbeiten.

Neun Jahre später kehrten sie nach Österreich zurück. Die Familie Suttner hatte dem Paar längst vergeben. In Schloss Harmannsdorf, dem Familiensitz der von Suttners, bekamen sie „die schönsten Wohnzimmer“ zugewiesen. Beide setzten dort ihre schriftstellerische Arbeit fort. Bertha veröffentlichte pseudonym eine sehr beachtete Schrift unter dem Titel Das Maschinenzeitalter, eine Art Generalabrechnung mit Politik, Schulwesen und Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Beginn des Engagements für die Friedensbewegung

1887 kam Bertha von Suttner in Kontakt mit der Internationalen Friedensbewegung in London. Im Bemühen, der Friedensliga einen Dienst zu leisten, schrieb sie die Erzählung Die Waffen nieder! Sie wollte bewusst keine abstrakte Abhandlung zu diesem Thema verfassen, um desto mehr Menschen zu erreichen und um dem „Schmerz Ausdruck zu geben“, den ihr die Vorstellung des Krieges verursachte.

Als das Buch fertiggestellt war, musste sie erleben, dass sie zunächst keinen Verlag fand, der es publizieren wollte. „Gnädige Frau! Mit Bedauern sehen wir uns veranlasst, Ihnen das Manuskript zurückzuschicken. Große Kreise unserer Leser würden sich durch den Inhalt verletzt fühlen.“ Es sei ganz ausgeschlossen, dieses Werk in einem Militärstaat zu veröffentlichen. Bis sich schließlich doch ein wagemutiger Verleger fand – der es nicht bereuen musste. Denn Die Waffen nieder! wurde ein Bestseller – in viele Sprachen übersetzt.

Bertha selbst hatte ja noch nie wirklich die Schrecknisse des Krieges miterlebt. Sie hatte, wenn auch mitunter arm, sehr komfortabel gelebt. Aber das war für sie kein Hindernis, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. „Nicht eigenes Leid lastete auf uns, sondern das Leid der Welt. Man glaubt immer, daß nur Menschen, die selber unglücklich sind, für das fremde Unglück Verständnis haben, und nennt das die harte Schule des Leidens. Bei uns war das anders; was immer wir von tiefem Mitleid, von heißen Wünschen, zu helfen und zu bessern empfunden haben, das hatte seine Wurzel in der Freude, die wir am Leben und seinen Schönheiten empfanden.“

Bertha von Suttner sprach gerne von ihrer „Berufung“, die sie für die Friedensbewegung plötzlich gefühlt habe. Sie war voller Hoffnung, dass „das zwanzigste Jahrhundert nicht zu Ende gehen werde, ohne dass die menschliche Gesellschaft die größte Geißel – den Krieg – als legale Institution abgeschüttelt haben werde. Der erste Schritt dahin: die Gründung von Friedensgesellschaften, zunächst einer österreichischen, die dann am Internationalen Friedenskongress in Rom 1891 teilnehmen sollte.

Gründung der österreichischen und deutschen Friedensgesellschaft

Bertha mobilisierte zu diesem Zweck zunächst ihre alte Verbindung zum Adel, zu Künstlern und Schriftstellern. Vor allem aber nutzte sie ihren Kontakt zu Alfred Nobel, der ihr mit Rat und vor allem mit Geldspenden zu Seite stand. Wesentlich skeptischer und pragmatischer als sie, beschrieb er den ihm möglich erscheinenden Weg zum Frieden so: „Ich glaube, es fehlt weniger an Geld als am Programm. Wünsche allein sichern nicht den Frieden. Es ist nötig, den Regierungen einen akzeptablen Plan vorlegen zu können … Man müsste sich mit bescheideneren Anfängen zufrieden geben, um zum Erfolg zu gelangen.“

Keine Politik! Keine Parteien! Die Politik trennt, wir wollen vereinen.

Am 30. Oktober 1891 war es soweit: Die österreichische Friedensgesellschaft wurde gegründet. Präsidentin war Bertha von Suttner, Mitgliederzahl: 2000. Allerdings stellte sich schon sehr bald heraus, welche Schwierigkeiten diese nationalen Friedensgesellschaften einander machen sollten. Das „selige Zusammensein in einer Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Menschenliebe“, wurde sofort überschattet von allen möglichen Zänkereien und widersprüchlichen politischen Forderungen. So wollten natürlich die französischen Friedensfreunde sich mit dem Status von Elsass-Lothringen nicht zufrieden geben. Umsonst mahnte Bertha: „Keine Politik! Keine Parteien! Die Politik trennt, wir wollen vereinen.“

Kein Prominenter war vor ihrer Idee sicher. Sogar Johann Strauß wollte sie für ein Engagement gewinnen. Sie bat ihn um einen Walzer mit dem Titel „Weiße Taube“ und räumte ein: Wenn er den Walzer „Friedenswalzer“ nennen würde, gäbe es wohl keine Chance, dass Militärkapellen diesen spielten und Offiziere dazu tanzten. Mehr Glück hatte sie bei Franz von Suppé: Er schrieb einen Männerchor „Die Waffen nieder!“.

Ihr nächstes Ziel war dann die Bildung einer deutschen Friedensgesellschaft in Berlin. Auch dabei blieb Elsass-Lothringen ein Hauptproblem: Wie sollten Deutsche und Franzosen zu gemeinsamer Arbeit bewegt werden? „Alle schönen Ideale von Übernationalität und kosmopolitischem Friedensdenken“ drohten ja immer wieder am Nationalismus zu scheitern. Ständiger Ärger, auch in den eigenen Reihen, verbitterte sie zunehmend, sodass sie nach ein paar Jahren daran dachte, ihre Energie nicht länger in das Engagement für diese Bewegung zu stecken. Überhaupt stand sie dem Vereinswesen immer kritischer gegenüber, von dem sie anfangs so begeistert gewesen war. Nach zehn Jahren meinte sie, solle die Friedensarbeit endlich aus dem Stadium der „Vereinsmeierei“ herauskommen, um eine Volksbewegung zu werden.“

Engagement gegen den Antisemitismus

Parallel zur Friedensbewegung engagierte sich das Ehepaar von Suttner auch noch für ein anderes Ziel: die Abwehr des Antisemitismus. In der festen Überzeugung: Bevor es einen Frieden nach außen geben kann, muss es einen nach innen geben. Gerade in den 1880er Jahren gab es Judenpogrome im Zarenreich, die viele Juden zur Auswanderung zwangen nach Berlin, Budapest, Wien – mit der Folge, dass auch hier Antisemitismus aufbrach. 1882 trat in Dresden der „Erste internationale antijüdische Kongress“ zusammen und rief in einem Manifest zum Kampf gegen die Juden auf. Bertha war derart entrüstet darüber, dass sie sofort eine Gegenschrift verfasste und sich gegen den gerade auch in Österreich zunehmenden Antisemitismus zur Wehr setzte in der festen Überzeugung: „Nicht nur die Betroffenen müssen reagieren; auch die Unbeteiligten, wo immer sie ein Unrecht sehen. Ihr Schweigen ist Mitschuld und beruht zumeist auf denselben Motiven wie das Schweigen der Betroffenen: nämlich auf Ängstlichkeit.“

Auch bei ihrem Engagement gegen den Antisemitismus wehte Bertha von Suttner ein rauer Wind entgegen. Immer wieder bekam sie Drohbriefe: „Ich erhalte jetzt immer öfters anonyme Schmähbriefe. Gewöhnlich von antisemitischem Geist durchweht. Und daneben immer den freundlichen Hinweis auf Kochlöffel und Strickstrumpf“ – dem eigentlichen und angemessen Betätigungsfeld der Frau. Ihren Kampf gegen den Antisemitismus schätzten allerdings Bertha und die Vereinsmitglieder viel zu optimistisch ein. Sie waren überzeugt, der Antisemitismus in Österreich liege in seinen letzten Zügen.

Unermüdlicher Kampf bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs

Bertha von Suttner wusste, dass man sie für eine „Närrin“ hielt, wenn sie gegen den Krieg, gegen religiösen Fanatismus, Menschenrechtsverletzungen und die Benachteiligung der Frau ins Feld zog. Die immer elegant gekleidete Gräfin war dabei zutiefst überzeugt davon, dass Männer und Frauen gleichwertig sind, im Guten und leider auch im Schlechten. „Begeisterung für Kriegstaten und Kriegshelden findet man bei Frauen so gut wie bei Männern.“ Vergeblich sei es, von Frauen als solchen zu erwarten, dass sie die Friedensbewegung zu ihrer Sache machten. Nur wenn Frauen und Männer hier zusammenarbeiteten, sei ein Fortschritt möglich.

Begeisterung für Kriegstaten und Kriegshelden findet man bei Frauen so gut wie bei Männern.

„Die Waffen nieder“ waren ihre letzten Worte, als sie 1914 für immer einschlief, „wie ein müder Mensch am Abend“. Wenige Wochen nach ihrem Tod begann der Erste Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und Verletzten.

Bertha von Suttner ahnte, dass ihr Einsatz für den Frieden in Friedenszeiten überflüssig, in Kriegszeiten hilflos erschien. Sie ahnte, dass sich der Instinkt im Zweifelsfall immer wieder stärker als der Verstand erweisen würde. Aber gerade darum sollten die Menschen endlich umlernen und begreifen, dass ein nachträgliches „Ich habe es nicht so gewollt“ niemanden wieder lebendig macht.

Bibliographische Angaben

Bertha von Suttner: Memoiren. Stuttgart, Leipzig 1909; Bertha von Suttner: Die Waffen nieder. Dresden 1889; Brigitte Hamann: Bertha von Suttner. Kämpferin für den Frieden. Wien, 2013.

Verwandte Beiträge

Schreiben Sie einen Kommentar

nineteen − eight =