Editorial: Ehe Ausgabe 1/2018

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Ehe ist im Aufwind. Was lange wie ein Auslaufmodell aussah, hat in den letzten Jahren neu an Attraktivität gewonnen. Seit 2007 wächst die Zahl der jährlichen Eheschließungen kontinuierlich an, über 400.000 Paare gaben sich 2017 das Ja-Wort. Parallel dazu nimmt die Anzahl der Scheidungen ab. Und auch bis es zu einer Scheidung kommt, dauert es länger: Scheidungspaare blicken heute durchschnittlich auf 15 gemeinsame Jahre zurück – noch 1990 waren es nur 11,5.

Ein Grund für den neuen Trend könnte in der größeren Reife der Ehepartner liegen. Denn auch das Heiratsalter hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich erhöht (Frauen: 31,2; Männer: 33,8 Jahre), und die Entscheidung zur Eheschließung wird damit vielleicht überlegter getroffen. Möglicherweise gewinnen Menschen der Ehe aber auch tatsächlich wieder mehr ab. Für über 90 Prozent ist schließlich „erfüllte Partnerschaft“ nach wie vor das wichtigste Lebensziel. Und nach den Ergebnissen der Shell-Jugendstudie können Jugendliche sogar mit dem Begriff „Treue“ wieder etwas anfangen.

Gegenläufig ist der Trend hingegen bei den kirchlichen Trauungen: Sowohl bei Katholiken wie bei Protestanten gingen die Zahlen in den letzten zehn Jahren um ca. zwölf Prozent zurück. Nicht einmal mehr jede vierte Ehe wird heute auch kirchlich geschlossen, obwohl noch ca. 55 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen Konfessionen angehören.

Durch die aufgeregten Diskussionen um die „Ehe für alle“ sind diese generellen Entwicklungen in den Hintergrund geraten. Deshalb kombinieren wir in diesem Heft aktuelle Aspekte mit allgemeineren Fragen: Barbara Kuchler, Ute Mager, Adelheid Ruck-Schröder und Stephan Mühlich beleuchten in ihren Beiträgen die „Ehe für alle“ aus soziologischer, verfassungsrechtlicher und theologischer Sicht. Gleichzeitig gehen wir im Interview mit dem Paartherapeuten Hans Jellouschek der Frage nach, was eine stabile Ehe ausmacht. Und Pfarrerin Petra Scheidhauer lässt Sie an ihren Auseinandersetzungen mit Hochzeitspaaren teilhaben, die ganz andere Erwartungen an eine kirchliche Trauung stellen als sie selbst.

Im Interesse des ökumenischen Austausches freuen wir uns besonders über zwei Beiträge aus katholischer Feder: Konrad Hilpert erläutert das Verständnis der Ehe als Sakrament und Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse resümiert das Reformationsjubiläum aus katholischer Sicht. Wie Sie es von den „evangelischen aspekten“ gewohnt sind, kommen gesellschaftspolitische Themen dank der Beiträge von Ernst Ulrich von Weizsäcker und Ulrich Duchrow ebenfalls nicht zu kurz. Beide Autoren sind nicht nur Mitgliedern der Evangelischen Akademikerschaft durch ihr langjähriges Engagement für ein gerechtes und nachhaltiges Wirtschaften bekannt und treten aktuell mit neuen Initiativen an die Öffentlichkeit, die wir Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen.

Es grüßt Sie aus der Redaktion

Bertram Salzmann

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