Lost Place Bibel und Bild

Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. (Mt 24,35)

Sonntagnachmittag. Ein kleiner Spaziergang tut immer gut. Ich laufe über das alte Gelände der Zeche Niederberg. Früher Arbeitsstelle für tausende Menschen. Heute bin ich hier allein. Viel ist nicht übriggeblieben: Einige Gebäude, rostiges Metall, teilweise eingestürzte Mauern, bunt gefärbt durch unzählige Graffiti. Die Fördertürme stehen noch. Ich blicke an ihnen empor: Vielleicht 80 Meter hoch, schätze ich. Dunkel zeichnet sich die Stahlkonstruktion vor dem grauen Himmel ab. Wirklich beeindruckend. Und doch nur ein Überbleibsel vergangener Zeiten. Ein „Lost Place“. Interessant anzuschauen. Ein tolles Fotomotiv. Aber kaum mehr. Irrelevant. Vergangenheit.

Eigenartig, wie schnell das geht: Dinge, die noch gestern selbstverständlich da waren, die das Leben bestimmt haben, sind plötzlich überholt. Taugen nur noch für nostalgische Erinnerungen.

Manchmal fühle ich mich, ehrlich gesagt, auch selber ein bisschen so: Wie ein aus der Zeit gefallenes Relikt. Wenn ich z.B. daran denke, wie selbstverständlich Glaube und Kirche in meinem Leben immer waren. Selbstverständlich ist da heutzutage nichts mehr. Für mich war auch immer klar: Was wirklich zählt, sind die inneren Werte eines Menschen. In Zeiten ungebremster Selbstdarstellung und brutaler Bewertungskultur bei Instagram und Co. heute gar nicht mehr vorstellbar. Und wenn ich mich daran erinnere, wie tief ich überzeugt war, dass „Frieden schaffen ohne Waffen“ mehr sein könnte als ein schicker Slogan. Dass ich wirklich dachte: Es könnte doch eine realistische Chance geben, auf ein friedliches und gerechteres Zusammenleben der Völker. Für solche Ideen wird man in der heutigen Weltlage müde belächelt. Vielleicht bin ich tatsächlich ein Relikt. Mein Herz ein „Lost Place“ mit Vorstellungen und Idealen, die heute nur für noch nostalgische Erinnerungen gut sind. Fühlt sich manchmal so an.

Ich frage mich: Was bleibt eigentlich? Wenn alles so schnell verloren geht, zusammenbricht, nur noch „von gestern“ ist – Gebäude, Lebensentwürfe, Ideale, Hoffnungen – gibt es überhaupt etwas, das bestehen bleibt? „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“, hat Jesus gesagt (Mt 24,35). Ich höre: Alles kann sich verändern. Orte können verfallen. Überzeugungen aus der Mode geraten. Was gestern noch allen einsichtig war, kann morgen schon wie eine Dummheit wirken. Aber seine Worte stehen: „Selig sind die Friedfertigen.“, zum Beispiel. „Selig sind die Sanftmütigen, die Barmherzigen.“ Diese Worte müssen sich nicht rechtfertigen vor dem, was gerade als modern gilt. Eher anders herum: Sie erinnern daran, dass manche Wahrheiten eben auch dann noch gelten, wenn sie unbequem und fremd geworden sind.

Langsam wird es dunkel. Zeit, nach Hause zu gehen. Ich drehe mich noch einmal um. Dinge vergehen. Alles verändert sich. Manches vermisst man. Manchmal wird man nostalgisch. Aber manches, manches bleibt eben doch. Gottseidank.

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