Gewissensfragen Warum Paulus das Thema in die Bibel holt und welche Brisanz es heute hat

Das Gewissen ist keineswegs eine Erfindung der Aufklärung, es findet sich schon in der Antike. Paulus Ausführungen zum Gewissen zeigen, dass es nicht nur auf den Einzelnen begrenzt ist.

„Gewissen“ ist ein Wort, das Paulus in der Bibel stark gemacht hat. Es stammt nicht aus dem hebräischen Alten Testament, sondern aus der griechischen Philosophie. Dort ist es nicht uralt, sondern vergleichsweise neu. Es beginnt seine Karriere dort, wo populäre Überzeugungen genauer reflektiert werden: dass Menschen einen moralischen Kompass haben und auch ohne große Bildung im Grunde ihres Herzens wissen können, was wahr und falsch, gut und böse, richtig und verkehrt ist. Das Wort kommt auf, weil um die Zeitenwende nicht mehr nur eine kleine Elite über das nachdenken kann, was das Leben ausmacht, sondern mehr Menschen angefangen haben, sich Gedanken über das zu machen, was sie antreibt und unruhig macht, aber auch Frieden finden lässt und Glück.

Auf Griechisch heißt das Wort syneidesis, auf Lateinisch conscientia. „Mit-Wissen“ ist in beiden Fällen die wortwörtliche Übersetzung. Während das Gewissen in der Gegenwart meist als die innerste Überzeugung des Subjektes verstanden wird, an die niemand herankommen darf, ist das Denken in Beziehungen für die Menschen des Altertums zentral. Hierin liegt heute seine Attraktivität: Personalität und Solidarität gehören zusammen, soziales Zusammenleben und innere Freiheit. Wer ein Gewissen hat, hat Selbst-Bewusstsein, einen moralischen Kompass, ein rationales Ethos, das Empathie begründet.

Der Appell an das Gewissen

Für die Antike ist, wie in allen traditionellen Kulturen, typisch, dass nicht das Ich das Maß aller Dinge ist, sondern das Wir: die Familie, der Staat, die Religionsgemeinschaft. An das Gewissen eines Menschen zu appellieren, schafft in diesen Beziehungen Freiheit – auch, um das Leben mit anderen gut zu gestalten: nicht erzwungen, sondern aus Überzeugung.

Heute scheint demgegenüber die individuelle Freiheit grenzenlos zu sein – was sie aber nicht ist, weil neue Zwänge die alten abgelöst haben: gesellschaftliche Erwartungen, kulturelle Trends, sozialer Druck, von den grassierenden Unrechtsregimen gar nicht zu sprechen. Das Gewissen gilt es deshalb neu als Sozialorgan des Menschen zu entdecken: als Fähigkeit, sich auf Andere und Anderes zu beziehen, als Austausch mit ihnen, der nicht nur dem Interessenausgleich dient, sondern der Persönlichkeitsbildung und Beziehungspflege gleichermaßen.

Kritisch ist die Berufung auf das Gewissen immer dann, wenn der Einzelne mit seiner Überzeugung gegen die Macht steht. Das war die archaische Situation Martin Luthers vor Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Worms 1521 n. Chr. – ob er nun wirklich: „Hier stehe ich und kann nicht anders“ gesagt hat oder nicht. Das war der Antrieb, der Thomas Morus zum Märtyrer machte, weil sein König, Heinrich VIII., wollte, dass er dem Papst abschwor. Das war der Antrieb, der Dietrich Bonhoeffer zum Widerstand brachte, und die Überzeugung, mit der Edith Stein in Auschwitz starb.

Kritisch wird in der Moderne die Frage, ob das „Mit“ auch Gott meinen könne. Zu sehr wurde er von kirchlichen Autoritäten als moralisches Über-Ich aufgebaut. So konnte sich die Idee verbreiten, der Glaube an Gott entfremde den Menschen seiner selbst, Frömmigkeit sei unbewusste Selbstzerstörung und Gottesliebe eine Illusion. Hier sind die Kirchen gefordert: die Verheißung der Freiheit wiederzuentdecken, die originär mit dem Glauben verbunden ist, und sie durch eine Praxis zu bewahrheiten, die Gottes- und Nächstenliebe vereint, also das „Mit“ des Gewissens ethisch und spirituell qualifiziert.

„Gewissen“ bei Paulus

Paulus kann ihr Orientierung geben. Er hat den Begriff des Gewissens an keiner Stelle theologisch definiert. Aber er hat ihn markant gebraucht: wenn es kritisch wurde – persönlich, kirchlich und politisch.

Den Menschen ins Herz gegeben

Welche persönliche Bedeutung das Gewissen hat, macht Paulus an den „Heiden“ klar (Röm 2,15). Sie leben zwar so, als ob es Gott nicht gäbe (so viele Götter sie auch verehren mögen); aber sie sind dennoch Gottes Kinder. Er hat ihnen das Leben geschenkt. Dank ihm haben sie auch ein Gewissen. Es erkennt, dass ihnen Gottes Gebot ins Herz geschrieben ist; es beurteilt ihr Denken; es erlaubt ihnen sittliches Handeln. Wenn sie – eine traurige Wahrheit – ihrem Gewissen nicht folgen, hat nicht etwa Gott Schuld; sie selbst tragen die Verantwortung dafür, auch wenn ihnen die Bibel als Zugang zu Gottes Wort fehlt. Umgekehrt: Wenn sie Gutes tun, dann, weil sie ihrem Gewissen folgen, das Gottes Geschenk in ihrer Herzkammer ist. Dieses Gewissen ist zwar schwach – alle sind der Erlösung durch Gottes Gnade bedürftig. Aber aus dieser Schwäche folgt nicht, dass das Gewissen schlecht sei. Durch die Offenbarung Gottes im Evangelium Jesu Christi wird es nicht verformt, sondern beseelt.

Diese sensible Seite, die alle Menschen mit Gewissen haben, überträgt Paulus auch auf die Kirche. Im Ersten Korintherbrief ist es ihm vor allem um diejenigen Christenmenschen zu tun, die als „schwach“ gelten – und es vermutlich auch waren, weil sie sich noch nicht ganz von der alten Kultur des Götterglaubens gelöst hatten (1 Kor 8-10). Zum Schwur kommt es bei der Frage, ob Gläubige das Fleisch von Tieren essen dürfen, die den Göttern geopfert worden waren. Kein Problem, sagen die „Starken“, schließlich gibt es ja gar keine Götter, sondern nur Gott. Paulus gibt ihnen theologisch Recht. Aber sie stürzen mit ihrer Freiheit die „Schwachen“ in Gewissensnöte. Das ist den „Starken“, so der Apostel, nicht erlaubt. Das Gewissen der Schwachen muss ihnen heilig sein, mag es auch bessere Gründe für die liberale Praxis geben. Das Gewissen bindet – und diese Bindung muss von Anderen respektiert werden.

Die personale Würde des Gewissens wird von Paulus auch politisch angesprochen. Im Römerbrief schreibt er an eine Gemeinde, die von den Imperatoren Böses erfahren hat, aber nicht in die Fundamentalopposition gehen, sondern politische Macht respektieren soll – die freilich ihrerseits nicht willkürlich agieren darf, sondern dem Recht dienen muss (Röm 13,1-7). Dass sie nicht aus Angst vor Strafe, sondern „aus Gewissensgründen“ die politische Ordnung anerkennen sollen, ist eine Zumutung an die Gemeindemitglieder, die aus der Theologie der Freiheit folgt. Die Wirkung ist groß. Nicht der „Untertan“, sondern der christliche homo politicus ist das Leitbild.

Geltung für die Gegenwart

Heute gewinnt die paulinische Grundorientierung des personalen Mit-Wissens neue Brisanz.

Im politischen Feld können Gewissensentscheidungen nicht dazu dienen, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Sie müssen einerseits von den politischen Autoritäten respektiert werden, sie müssen aber auch von denen, die sich auf die Gewissensfreiheit berufen, verantwortet werden: Sie müssen dem Gemeinwohl dienen – auch im Widerspruch zur Mehrheit. Vom paulinischen Ansatz her ist weniger das kantische Dilemma die Nagelprobe, die ultima ratio eines Gewissensvorbehalts, als vielmehr die geklärte und bewährte Tugend, aus Freiheit Verantwortung zu übernehmen und so das Gemeinwesen zu tragen.

„Sich dem Gewissen der Menschen empfehlen“

In der katholischen Kirche hat sich zwar die Theorie gehalten, selbst das irrende Gewissen binde – aber eher als Konzession denn als eine systembildende Überzeugung, Freiheit durch Glauben und Glauben durch Freiheit zu verwirklichen. Dass es ein wissendes Gewissen gibt, das womöglich dem Lehramt widerspricht, aber dem Glaubenssinn des Gottesvolkes einen Weg in die Zukunft weist, kommt kaum in den Sinn, obgleich die Kirchengeschichte von Franziskus bis Katharina von Siena viele Beispiele zeigt.

Die evangelische Kirche ist geübter in der Betonung der Gewissensfreiheit, steht aber in der Gefahr, zu schnell die sozialethische Klärung individualethisch aufzuweichen und das Ethos einer Organisation sofort unter den Vorbehalt zu stellen, am Ende müsse jeder selbst entscheiden.

„Wir empfehlen uns dem Gewissen aller Menschen“, schreibt Paulus nach Korinth. Er denkt nicht nur an die Gemeindeglieder, sondern an alle Menschen: weil das Gewissen das Organ der personalen Begegnung ist (2 Kor 4,1). Der Apostel fügt hinzu: „vor Gott“, weil Gott den Menschen ihr Gewissen schenkt.

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