Politik braucht Religion Winfried Kretschmann im Interview

Im Interview mit den „evangelischen aspekten“ reflektiert Winfried Kretschmann, Ministerpräsident a.D., die Bedeutung von Religion in der Politik, spricht über die Rolle des Gewissens, und resümiert seine Zeit als Kirchenbeauftragter und religionspolitischer Sprecher.

Manchmal braucht es Distanz, um klar zu sehen. Nach fünfzehn Jahren als Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg hat Winfried Kretschmann gewiss einen soliden Überblick über Land und Leute, auch über die Kirchenlandschaft gewonnen. Vieles ist der gebürtige Spaichinger in seinem Leben schon gewesen, Lehrer, Berufspolitiker – und Kirchenbeauftragter des Landes Baden-Württemberg.

In einem genauen Sinn lässt sich ja „Religion“ von Re-Ligare herleiten: Von der positiven Rück-Bindung an etwas Höheres, das vor dem Wegtaumeln ins Grenzenlose, vor Diffusion bewahrt. Vielleicht ist dies der Grund, warum in unruhigen Zeiten der politische Spürsinn den Staatsmann Kretschmann, besonders in den letzten Jahren, auf die verfassten Kirchen zugehen lässt?

In einem jedenfalls erlaubt der Überblick aus der Distanz den analytisch treffsicheren Blick, wenn Winfried Kretschmann etwa diagnostiziert, dass der katholische Traditionsbegriff und die reformatorische Formel ecclesia semper reformanda letztlich nahezu identisch sind.

1. Herr Kretschmann, wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie heute wieder das Amt des Kirchenbeauftragten annehmen?

Ja, das würde ich! Man muss allerdings wissen: Der Kirchenbeauftragte ist eigentlich ein Religionsbeauftragter. Weil wir keine Staatskirche haben, sondern im Rahmen der verfassungsmäßig geschützten Religions- und Bekenntnisfreiheit eine Vielfalt an Religionsgemeinschaften. Zudem vertritt der Kirchenbeauftragte die ganze Landesregierung. Diese Aufgabe kann natürlich auch von einem anderen Mitglied der Landesregierung als dem Ministerpräsidenten wahrgenommen werden. Vor diesem Hintergrund habe ich Verständnis, wenn andere Landesregierungen dies anders handhaben.

1.1. Konnten Sie für die Politik auch etwas mitnehmen aus dem Amt?

Als Kirchenbeauftragter habe ich spannende Einblicke, interessante Kontakte und viele Impulse für das eigene politische Geschäft bekommen. Der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte ja vollkommen recht mit seinem berühmten Diktum, dass unser freiheitlicher, säkularisierter Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Gerade deshalb ist es für einen Politiker wichtig, dass er im Austausch steht mit Gemeinschaften, die sich mit Fragen nach Sinn und Verantwortung, Leben und Gemeinschaft befassen.

1.2. Politik braucht Religion?

Wenn wir mit „Politik“ die „res publica“ meinen, also die öffentlichen Angelegenheiten, dann würde ich sagen: Ja, Politik braucht Religion. Zum einen, weil Religion uns den „Sinn für den Sinn“ (Jeanne Hersch) wachhält. Ihr Transzendenzbezug und ihr kulturelles Gedächtnis über die Zeiten hinweg schützen uns vor Selbstbezüglichkeit und Selbstzufriedenheit. Und zum anderen, weil Religion „eine Art vertikales Resonanzversprechen“ (Hartmut Rosa) ist. Resonanzerfahrung brauchen wir auch in unserer Gesellschaft. Da gibt Religion wichtige Impulse: dass wir uns dem anderen zuwenden, für ihn ansprechbar sind und uns in der Begegnung gemeinsam weiterentwickeln. Ohne Kalkül.

2. Sie haben sich verschiedentlich für Reformen in der katholischen Kirche ausgesprochen. Bleiben Sie dabei?

Ja. Die Formel „ecclesia semper reformanda“ ist eine zentrale theologische Wesensbeschreibung der Kirche. Und auch wenn diese Formel reformatorischen Ursprungs ist, formuliert sie eine theologische Wahrheit, die auch von der katholischen Kirche anerkannt wird. Das heißt doch nichts anderes, als dass eine irdische Kirche nie vollendet sein kann, sondern immer auf dem Weg sein muss, den Glauben in die jeweilige Zeit hinein zu bezeugen. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht deshalb auch vom pilgernden Volk Gottes. Die Kirche ist dann ganz bei sich, wenn sie immer wieder aufbricht, Neues wagt.

2.1. Worin besteht das Neue?

In der katholischen Kirche hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr viel getan. Da sind wirklich wichtige Reformen passiert, gerade im Gottesdienst, in der Seelsorge und in der Mitwirkung der Laien. Aber es ist eben auch vieles nicht oder zu wenig passiert, zum Beispiel bei der Stellung der Frauen, im Amtsverständnis, beim Zölibat. Auch ist die Frage, ob manches Auftreten, gerade zum Beispiel im Vatikan, nicht eher an höfisches Gebaren erinnert, als an eine weltoffene Kirche auf der Höhe der Zeit. Man darf Hierarchie nicht mit Monarchie verwechseln. In der Welt zu sein, aber nicht von der Welt, ist natürlich auch ein schwieriger Grat zwischen Anbiederung und Abgehobenheit. Da den rechten Ton zu treffen, das richtige Thema aufzunehmen, ist schon eine große Kunst.

Aber man darf sich von den Reformen trotzdem auch keine Wunder erwarten. Denn es hat sich in den letzten Jahren eine gesellschaftliche Disruption vollzogen, für die es in der Kirche noch keine Blaupause gibt: Religion ist heute nur noch eine Option (Helmut Zander). Die Menschen heute kommen nicht mehr selbstverständlich mit der Kirche in Berührung.

Deshalb können wir im Moment auch keine Prognose abgeben, wohin das Ganze führt. In einer solchen Umbruchssituation braucht es ganz neue Ideen und Ansätze. Und Räume. Die Kirchen müssen sozusagen wieder ganz neu missionieren lernen.

2.2. Im Saarland wurde ein Gottesbezug in die Verfassung gerade neu aufgenommen. Religion als institutionalisierter Bezugspunkt für Sinnstiftung, Denkfreiheit und Werte, als Impulsgeber für gesellschaftliches Engagement?

Nun, der Bezug ist ja eher allgemein gehalten: „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Aber ich finde so einen Gottesbezug aus den vorhin genannten Gründen sehr wichtig. Er erinnert eben daran, dass der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Ob und wie man den Gottesbezug persönlich lebt, bleibt ja trotzdem jedem selbst überlassen.

3. Theologie und Freiheit ist ein ergiebiges Thema, in welchen Foren könnte es zukünftig bearbeitet werden?

Das ist eine Frage, die die Kirchen für sich selbst beantworten müssen. Die Kirchen sollten ihre Bandbreite zwischen Synoden und Gemeinden, Instituten und Verbänden nutzen. Wichtige Player sind natürlich auch die Theologischen Fakultäten. Weil es da auch nochmals spannende Brücken zur Wissenschaftsfreiheit gibt.

3.1. Was meint Wissenschaftsfreiheit?

Wissenschaftsfreiheit ist ja nicht bloß der funktionale Rahmen für den Forschungsbetrieb. Und auch kein Sonderrecht einer akademischen Elite. Sondern ein zentrales demokratisches Prinzip. Die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre gilt unmittelbar. Unsere Verfassung schützt sie so stark, weil sie uns allen den Zugang zur Wahrheit offenhält und „Orte und Institutionen neugieriger, aber methodisch kontrollierter Offenheit“ (Peter Strohschneider) einräumt. Genau deshalb wird die Wissenschaftsfreiheit auch so vehement von Populisten und Autokraten angegriffen. Weil ihnen das Neue, das Überraschende, die Pluralität des Denkens zutiefst suspekt sind.

Aber auch innerhalb der akademischen Welt lauert eine Gefahr: die Hypermoralisierung. Die kritische Irritation wird dann nicht mehr als intellektuelle Herausforderung aufgegriffen, sondern als moralische Zumutung empfunden. Mit der vermeintlichen Gewissheit einer höheren Moral werden Differenzen negiert, Rückfragen ausgeschlossen, Diskurse unterbunden. Eine Gefahr, die immer auch im Verhältnis von kirchlichem Lehramt und theologischer Lehre lauert.

Die Kirchen sollten sich die Chancen erhalten, die im freien und offenen Diskurs der theologischen Fakultäten, kirchlichen Akademien und synodalen Gremien liegen. Das kommt auch unserer Gesellschaft insgesamt zugute. Denn in solchen öffentlichen Räumen – das ist ein zentraler Punkt in der politischen Theorie der Philosophin Hannah Arendt – kommen wir als Gesellschaft zusammen, um als Freie und Gleiche unsere gemeinsame Welt zu gestalten.

3.2. Unsere Heftausgabe widmet sich dem Thema „Gewissen“. Welche Rolle haben Verantwortung und Gewissen in der Politik?

Eine sehr, sehr wichtige! Immerhin ist die Gewissensfreiheit ein Grundrecht. Und die Abgeordneten sind nur ihrem Gewissen unterworfen. Ich hoffe, dass sich deshalb alle Politiker ihrer Verantwortung bewusst sind und bei ihren Entscheidungen stets auf ihr Gewissen hören.

Aber ich möchte zugleich vor einer Moralisierung der Politik warnen. In der Politik gilt nämlich einen Folgenethik, während im Glauben eine Gesinnungsethik herrscht. Das heißt: Gott schaut in unsere Herzen. Ihm kommt es auf den guten Willen des Menschen an, auch wenn es mit der Umsetzung manchmal hapert. Den Wählern brauche ich als Politiker aber nicht mit meinem guten Willen zu kommen. Da zählt allein die erfolgreiche Umsetzung. Als Politiker kann ich in den Augen der Wähler also scheitern, als Christ aber zugleich hoffen, dass das nicht für Gott und meine Lieben gilt.

3.3. Kürzlich haben Sie vom Wunsch erzählt, Theologie zu studieren. Aber Sie würden auch gern dem früheren Lehrerberuf treu bleiben. Warum kombinieren Sie nicht beides, und, das würde sich im katholischen Raum ja besonders anbieten, studieren Theologie auf Lehramt?

Ich hatte nur gemeint, von meinen Interessen her hätte ich auch Theologie studieren können. Mit einem Theologiestudium fange ich jetzt aber nicht mehr an. Ich werde auch nicht mehr in den Lehrerberuf zurückkehren. Aber ich habe auch so noch viele Gelegenheiten, wo ich mit Theologie in Berührung komme oder auch mit Schülerinnen und Schülern.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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