Abschied vom religiösen Apriori Kolumne

Nicht nur die Kirchenbindung geht zurück, sondern Religiosität überhaupt. Das ist ein zentrales Ergebnis der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Die Umfrage wurde im letzten Quartal 2022 durchgeführt. Mittlerweile liegen detaillierte Auswertungen vor, die in diesem Jahr veröffentlicht wurden. Erstmals beteiligte sich auch die römisch-katholische Kirche an der Untersuchung. Befragt wurden Menschen, die den beiden großen Kirchen angehören, sowie Mitglieder kleiner Kirchen, Konfessionslose und Menschen, die nicht-christlichen Religionen angehören. Die KMU ist deshalb für die gesamte Bevölkerung in Deutschland repräsentativ.

Der Rückgang der Religiosität zeigt sich darin, dass 56 Prozent sich selbst als nicht-religiös einstufen. In der Typologie der Untersuchung werden sie „Säkulare“ genannt. Besonders bemerkenswert ist, dass auch Menschen, die einer Kirche oder Religion angehören, sich selbst als religiös uninteressiert beschreiben. So sind 39 Prozent der Evangelischen säkular und 36 Prozent der Katholiken. Selbst in den Freikirchen verstehen sich elf Prozent als säkular. Eine genaue Auswertung zeigt, dass ein Wechsel in andere Konfessionen oder auch Religionen äußerst selten ist. Es ist nicht so, dass die Menschen, die einer der großen Kirchen den Rücken kehren, von der einen in die andere Kirche wechseln oder in Freikirchen. Sie orientieren sich auch nicht anders religiös. Die Ergebnisse der Umfrage machen auch deutlich: Es ist keineswegs so, dass viele Menschen auf einer religiösen Sinnsuche sind, die von Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht befriedigt wird.

Damit ist auch eine oft vertretene Grundannahme infrage gestellt – die Annahme nämlich, dass Religion zum Menschsein dazu gehört. Diese Annahme schließt ja in der Regel ein, dass ohne Religion wirkliches Leben verfehlt wird. Menschen, die sich selbst als nicht-religiös verstehen, erleben das hingegen nicht so. „Wir alle suchen doch nach einem tieferen Sinn im Leben“ ist nicht nur ein Satz, der für eine Predigt-Karikatur taugt, sondern ignoriert, wie viele Menschen sich und ihr Leben sehen. Der in Utrecht lehrende katholische Theologe Jan Loffeld hat das in seinem Buch Wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt sehr eindrücklich beschrieben. Er hat deutlich gemacht, dass damit ein vielfach angenommenes Paradigma der Theologie infrage gestellt ist. Religion wäre demnach kein anthropologisches Grunddatum, sondern ein kulturelles Phänomen.

Wenn die Kirchen das ernst nehmen, muss dies Konsequenzen haben – besonders für Grundhaltung und Sprache. Nach wie vor bleibt es Aufgabe der Kirchen, aus dem Evangelium heraus zu leben und das Evangelium zu bezeugen. Dabei sind die Kirchen auch herausgefordert, dies in erkennbarer ökumenischer Verbundenheit zu tun. Das wird nicht nur – auch das ist ein Ergebnis der KMU – von vielen Menschen in und außerhalb der Kirche erwartet. Menschen, die sich selbst als nicht religiös verstehen, darf man aber nicht mit einer Grundhaltung begegnen, die ihnen unterstellt, als würde ihnen etwas Entscheidendes zum Lebensglück fehlen. Es geht darum, das Evangelium als relevant für das eigene Leben zu bezeugen – in dem, was man sagt und was man tut. Und dann mit Menschen darüber zu reden, warum der Glaube eine Kraftquelle für dieses Leben ist. So kann sich dann auch ein neuer Blick auf die religiöse Dimension des Lebens öffnen – im eigenen Leben und im Leben anderer.

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