„Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ (Mt 16,13)
Ich komme aus einer Kleinstadt in Nordhessen. Das schöne Bebra ist besonders als Eisenbahnerstadt bekannt und trägt seinen Namen aufgrund von hohen Biberpopulationen in vergangener Zeit. Getauft wurde ich in der Auferstehungskirche zu Bebra, von einem Pfarrer, der gerade zur Zeit meiner Taufe neu in unsere Gemeinde kam. Er war ein bisschen anders als die bisherigen Pfarrer. Er tanzte eher aus der Reihe und versuchte die Kirche als einen freien Ort für alle neu zu beleben und zu öffnen. Seine Arbeit stand unter dem Motto: „Gemeindearbeit ist etwas Gemeinsames!“ Mal spielte er in der Kirche Fußball, mal tanzte er wortwörtlich durch das große Kirchenschiff.
Im Laufe seiner Zeit in unserer kleinen Gemeinde schaffte er eine Jesusskulptur an. Ein Jesus aus Holz, angefertigt von einem hessischen Tischler. Dieser Jesus ist nicht glattpoliert, er hat Ecken und Kanten. Das Holz der Skulptur hat einen großen Riss, der sich durch den Kopf Jesu zieht. Er trägt Jeans und T-Shirt und saß von nun an neben unserem Altar. Er ist ein lässiger Typ, ähnlich wie unser Pfarrer. Er sitzt gemütlich auf dem Boden und wenn ich nicht wüsste, wer er ist, könnte er doch wirklich jeder sein. Jesus ein junger Mann, in einer großen Menschenmenge vielleicht gar nicht zu erkennen. Er sieht aus wie der Durchschnittstyp schlechthin und könnte mir überall begegnen. Er ist einer von uns.
Und Jesus fragte: „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“
Beim Nachdenken über „meinen persönlichen“ Jesus, hatte ich direkt das Lied von Depeche Mode „Personal Jesus“ im Ohr. Vielleicht geht es gar nicht darum, wer die Leute sagen, dass der Menschensohn sei, vielleicht geht es mehr darum zu fragen, was der Menschensohn sei? Vielleicht geht es darum zu fragen, was Jesus für mein Leben und Handeln bedeutet.
Auf einer Hochzeit lerne ich nachts um halb vier Angie kennen, die Mutter des Bräutigams. Eine fränkische Frau mit einem großen Herz. Angie übt sich darin, jeden zu lieben und bei der Frage danach, wie sie das eigentlich macht, erzählt sie von dem Gottesfunken, der in jedem von uns steckt, der einen dazu befähigt, neu denken zu lernen, der einen dazu befähigt, immer wieder zu lieben und durch das erneute und neue Betrachten vom Leben und seinen Mitmenschen, Liebe zu schenken. Das geht und gilt ganz sicher nicht immer. Aber vielleicht ist es unter anderem das, was Jesus uns lehren will: Umdenken, üben, neu betrachten und lieben lernen.
