Stichwort: Die vergehende Zeit

Die Zeit ist noch immer eine rätselhafte Dimension der Wirklichkeit, weil sie anders als die drei räumlichen Dimensionen „vergeht“, wie man sagt. Aber hat die Zeit überhaupt etwas mit den räumlichen Dimensionen zu tun?

Sie hat es, weil das Konzept einer „Geometrisierung“ der Zeit in der Physik überaus erfolgreich und erhellend war, wie die Relativitätstheorien Einsteins beweisen. Seitdem spricht man von einer vierdimensionalen Raumzeit und nennt sie auch „Welt“, in der Raum und Zeit eine gemeinsame geometrische Raumstruktur dadurch haben, dass in ihr eine „Metrik“ definiert werden kann, die den Abstand zweier Raumzeit-Punkte – „Weltpunkte“ – mit den vier Koordinaten x, y, z, ct bestimmt, wo c die Lichtgeschwindigkeit und t die Zeit ist, so dass ct die Länge ist, die das Licht in der Zeit t zurücklegt.

Trotzdem ist die Zeit so anders als die drei Raumdimensionen, weil man sie nicht wie diese umkehren kann. Sie ist irreversibel und läuft immer nur vorwärts, niemals zurück und das, obwohl alle Bewegungsgleichungen der Physik invariant bleiben, wenn man in ihnen die Zeit umkehrt. Man sagt auch, dass die Zeit einen Pfeil mit sich trage. Um einen Eindruck davon zu bekommen, stelle man sich vor, ein vom Tisch fallendes Ei werde gefilmt und der zeitliche Vorgang auf einem räumlichen Filmstreifen aufgezeichnet, den man tatsächlich rückwärts laufen lassen kann. Dann sieht man etwas, was in Wirklichkeit nie passiert: Eigelb und Eiweiß sammeln sich, Eierschalen fügen sich zusammen und hüpfen als ganzes Ei zurück auf den Tisch.

Die Irreversibilität der Zeit ist eine fundamentale, scheinbar selbstverständliche, quasi-ontologische Gegebenheit der Realität. Die Lösung des Rätsels brachte erst die Quanten-Ontologie der dualen Struktur der Wirklichkeit aus Potentialität und Realität. Auch die Zeit hat nämlich eine duale Struktur aus virtueller und realer Zeit. Die virtuelle Zeit ist die Zeit der Schrödinger-Gleichung, die auch unitär genannt wird, weil deren Lösung ψ – für Kenner sei‘s gesagt – im Funktionen- „Raum“, dem sog. Hilbert-Raum, unitär rotiert. Das ist ein nur mathematisch definierter ∞-dimensionaler „Raum“, der mit dem realen dreidimensionalen Raum nichts zu tun hat. Im Verlauf der unitären Rotation der Potentialität ψ passiert nichts Reales so lange, bis aus der Potentialität ψ durch Faktifizierung im sog. Messprozess bzw. bei Dekohärenz Realität hervorgeht.

Hier ist der Zeitpfeil: Er zeigt von der Potentialität zur Realität und damit von der Ursache zur Wirkung. Dabei kommt es zum abrupten Übergang der Potentialität ψ vor der Faktifizierung auf die Potentialität φnach der Faktifizierung, die eine durch das eingetretene Faktum bedingte und neu präparierte Wellenfunktion darstellt. Dieser Kollaps genannte Vorgang ist wirklich unumkehrbar, und das ist auch der Grund für die Irreversibilität der realen Zeit mit ihrer dreiteiligen Temporalität, also der unwiderruflichen Vergangenheit, der faktifizierenden Gegenwart und der offenen Zukunft. Da Dekohärenz immer und überall passiert, entsteht so die unumkehrbare reale Zeit, in der die Vorgänge der makroskopischen Realität geschehen, so dass das resultiert, was man eine Geschichte mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nennt.

Die Irreversibilität der Zeit bedeutet ja auch, dass im realen Zeitablauf die Ursache kausal vor der Folge liegen muss. Auch das ergibt sich erst aus der Quanten-Ontologie, denn in der klassischen Physik kann das Ende, die Folge eines Zeitablaufs, ebenso gut Anfangsbedingung, also die Ursache des umgekehrten Zeitablaufs sein. Wir alle leben in dieser unumkehrbaren realen Zeit mit ihrem zeitlich geordneten Kausalprinzip, die nur auf Grund der Quanten-Ontologie so ist, wie sie ist.

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